Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 31

Magazinrundschau vom 23.06.2020 - Eurozine

Muss auch die Ökologie entkolonialisiert werden? In einem aus Revue Projet übernommenen Interview beschreibt der französische Politikwissenschaftler Malcolm Ferdinand, wie mit der Kolonialisierung auch die Ausbeutung der Erde begann: "Wir haben verschiedene Beschleunigungen in der Umweltzerstörung gesehen, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, aber die ökologische Krise begann vorher. Sie rührt aus einer bestimmten Art, die Erde zu bewohnen, aus einem Denken, das sich berechtigt sieht, sich die Erde zum Wohle weniger anzueignen. Dieses koloniale Bewohnen geht auf das Ende des 15. Jahrhundert zurück, es begann in der Karibik, als Christoph Kolumbus in Amerika landete (auch wenn das Plantagenmodell noch weiter zurückreicht, etwa auf Madeira). Aber die Karibik spielt eine wichtige Rolle in der Moderne, denn das gewaltsame Zusammentreffen von Europäern und indianischen Amerikanern überschnitt sich mit der Erschließung der Erde. Nun konnten die Ressourcen beziffert werden, die auf dem Planeten zur Verfügung stehen. Für viele Forscher markiert dieser Moment den Beginn der Globalisierung."

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - Eurozine

Ein Land muss nicht groß sein, um eine überaus komplizierte Geschichte zu haben, in der es eine Menge politischer Fraktionen gibt, die einander in herzlichem Hass verbunden sind. In bewundernswerter Trockenheit, aber dennoch die ganze Zeit spannend erzählt Enda O'Doherty, ehemaliger Redakteur der Irish Times, im Grunde die ganze irische Geschichte der letzten hundert Jahre, um zu erklären, wie es in den letzten Wahlen in der Republik Irland zu einem so großen Erfolg von Sinn Féin kommen konnte. Sinn Féin ist jetzt im Dáil Éireann, dem Parlament in Dublin, die stärkste Partei, wird aber wohl kaum an die Regierung kommen. Erstmals könnten die beiden "Bürgerkriegsparteien" Fianna Fáil und Fine Gael mit ein paar weiteren Kräften koalieren. Diejenige Partei, die in der Außensicht eigentlich den Namen "Bürgerkriegspartei" verdient, also Sinn Féin, ist für die Republik so etwas wie ein Auffangbecken für die Frustrierten, so O'Doherty, spielt also die Rolle der Rechtspopulisten, ist dabei aber "links". Was den Norden angeht, bleibt sie aber unversöhnlich: "Die Politik von Sinn Féin gegenüber den Protestanten im Norden seit dem Abkommenm von Belfast war weniger eine Politik der 'ausgestreckten Hand' als eine Strategie der Spannung. In der Tat könnte man sagen, dass für Sinn Féin Politik in Nordirland auf die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln hinausläuft: Da mit den Protestanten kein sinnvoller Kompromiss erzielt werden kann, kann man auch alles tun, um sie zu besiegen. Darum drängt man im Moment auf ein baldiges Referendum zur irischen Wiedervereinigung, eine Strategie, die viele als potenziell gefährlich ansehen: Könnten Elemente innerhalb einer in die Enge getriebenen Community nicht zur Gewalt zurückkehren?"

Magazinrundschau vom 12.05.2020 - Eurozine

Zu Beginn des Jahres hielt Wladimir Putin einige einschlägige historische Reden, etwa am Holocaust-Gedenktag, in denen er Polen eine Mitschuld gab am Zweiten Weltkrieg und den Hitler-Stalin-Pakt zu einer Angelegenheit russischer Selbstverteidigung umdeutete. Im Interview mit New Eastern Europe sieht der polnische Politikwissenschaftler Ernest Wyciszkiewicz darin einen weiteren Versuch, einen Keil zwischen die EU und Polen zu treiben, jetzt wo die Warschauer Regierung im Rest Europas eh nicht besonders viel Ansehen genießt: "Aus Russlands Sicht ist Polen nicht dankbar genug für die Beendigung der deutschen Besatzung durch die Rote Armee. Wir sehen den Tag des Sieges, den 9. Mai, nicht im selben positiven Licht wie die Sowjets es in der Vergangenheit taten oder der russische Staat es heute tut. Für die Polen war das Ende des Zweiten Weltkriegs natürlich eine Befreiung von der Nazi-Besatzung. Aber das brachte uns keine Freiheit. Indem immer wieder die Bedeutung betont wird, die der sowjetische Beitrag zum Sieg über Nazi-Deutschland hatte, wird die Frage, welche Rolle die UdSSR zu Beginn des Krieges spielte, ausgeblendet. In Wahrheit erlebte Polen zwei Besatzungen: die deutsche im Westen und die sowjetische im Osten. Russland hat beschlossen, diese unangenehme Tatsache herunterzuspielen und den Fokus auf die frühen dreißiger Jahre zu legen: die Kooperation westlicher Mächte mit Hitler, das Münchner Abkommen von 1938 und Polens berüchtigte Annexion eines kleinen Teils der Tschechoslowakei. Das ist der Versuch, das Opfer des Krieges in einen Haupttäter zu verwandeln."

Magazinrundschau vom 28.04.2020 - Eurozine

Vor einem Jahr führten die Proteste der Algerier gegen eine vierte Amtszeit des greisen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika zu dessen Sturz. Hakim Hamzaoui berichtet, wie auch die Journalisten des algerischen Staatsradios während dieser Proteste lernten, gegen die Gängelung der Medien aufzubegehren: "Als das algerische Radio versäumte, über die ersten Hirak-Proteste zu berichten, organisierten Journalisten von Radio Algérienne und Radio Algérienne Internationale (RAI) eine Demo vor dem Hauptsitz des Senders. In einem Brief an den Generaldirektor erklärten sie: 'Wir, die Journalisten von Kanal I, II, III und RAI, bezeugen hiermit, dass in unseren Redaktionen keinerlei Neutralität in der Berichterstattung Rechnung getragen wurde. Die Entscheidung der Senderleitung, die großen landesweiten Demonstrationen vom 22. Februar 2019 nicht zu erwähnen, zeugt von der unheilvolle Art, auf die wir Tag für Tag unsere Pflichten erledigen müssen.' Weitere Proteste folgten. Der Chefredakteur von Kanal III, Meriem Abdou, trat aus Protest gegen das Schweigegebot zurück, das über die Demonstrationen gegen Bouteflika verhängt worden war."

Ein Großteil der Desinformation, die in osteuropäischen Klickfabriken produziert wird, rührt nicht unbedingt aus politischen Motiven, sondern finanziellen, glaubt Judit Szakàcz, die Land für Land und Kapitel für Kapitel den Report des Center for Media, Data and Society an der Central European University studiert hat. Eine Trupp Hasardeure beherrscht den Markt in Ungarn, Rumänien, Moldawien, Bosnien-Herzegowina und der Slowakei, lernt Szákacz, sie produzieren Infomüll, um über Google Anzeigengelder zu scheffeln. Wenn die Geldflüsse gestoppt werden, müssen sie eine neue Seite erfinden, damit Google wieder Dollar ausspuckt: "In Bosnien-Herzegowina und Ungarn hilft Facebook fluiden Webseiten, ihr Publikum zu behalten. Denn auch wenn die Desinformationsseiten flüchtig sind, bleiben die Facebookseiten stabil. Meist haben die Facebookseiten sogar ziemlich wenig Verbindung zu der Desinformation, die auf ihr gepostet wird. In Bosnien-Herzegowina starten Facebookseiten oft als Celebrity-Fanpage und werden dann für Desinformation umgewandelt. In Ungarn posten viele Seiten, deren Themen einst von Holzschnitzerei bis zu Achtzigerjahre-Nostalgie reichten, heute Desinformation. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Facebookseiten einen organischen Wandel durchgemacht haben; der ungarische Report fand vielmehr Hinweise auf einen regen Untergrund-Handel für Facebookseiten und -gruppen. Die Preise legen nahe, dass die Haupteinnahmequelle von Desinformationsseiten die Werbung ist. Und wie es scheint, sind die demografisch wertvollste Bevölkerungsgruppe auf Facebook 'Frauen über fünfzig', weil sie keine Adblocker benutzen."

Weiteres: Rachael Jolley hofft, dass sich die nach zehn Jahren Tory-Regierung ordentlich gerupfte BBC in der Corona-Krise ein neues Standing erobert hat. Will McCallum sucht den Königsweg im Kampf gegen Klimawandel.

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - Eurozine

Adam Lelonek, Mitbegründer des polnischen "Zentrums zur Analyse von Propaganda und Desinformation", macht sich Gedanken über die Rolle des Journalisten im Zeitalter der Desinformation: "Die Nachfrage nach unmittelbarer Information, verhindert den Prozess der Verifikation. Das erklärt, warum einige Journalisten und Medienkanäle falsche oder irreführende Informationen veröffentlichen. Resultierend aus dem wachsenden Einfluss sozialer Medien hat sich der Charakter der Medien in der jüngsten Vergangenheit verändert. Journalisten haben nur wenig Zeit für inhaltsbezogene Arbeit oder investigativen Journalismus, die Nachrichtenproduktion wurde durch die Wiedergabe von Presseerklärungen ersetzt. Kein Wunder, dass der Begriff des Medienarbeiters immer populärer wird und den 'Journalist' ersetzt. Die Notwendigkeit, Werbung anzuziehen steckt hinter vielen Entscheidungen heutiger Medienmacher. Profitstreben beeinflusst Themen und Inhalte vieler Plattformen. Noch beunruhigender ist die Situation der Lokalmedien. Zusätzlich zur Konkurrenz mit den landesweiten Medien sind sie oft Opfer regionaler politischer und wirtschaftlicher Interessen. Für investigativen Journalismus bleibt kein Raum, weder was Politik und Wirtschaft angeht noch was Desinformation, ihre Quellen, Mechanismen und Akteure angeht. Stattdessen herrscht das Gebot 'kurz und einfach'. Die Medien scheinen auf solche Herausforderungen schlecht vorbereitet."

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Eurozine

Katarina Luketić stellt zwei kroatische Schriftstellerinnen vor, Olja Savičević und Robert Perišić, in deren Romanen sie Beispiele für ein freies, komplexes und psychologisch nuanciertes Erzählen sieht. Schade nur, dass Autoren vom Balkan selten als Individuen wahrgenommen, klagt sie, sondern als Stellvertreter eines politischen Exotismus, wie es schon Danilo Kiš in seinem berühmten Aufsatz "Homo poeticus" kritisierte: "Wie Kiš schrieb, sind 'wir Jugoslawen' in der Literatur für die Rolle des Homo politicus bestimmt, während 'sie den Rest bekommen, das heißt jede andere Facette dieses wunderbaren, vielseitigen Kristalls, als den wir den homo poeticus kennen, das poetische Tier, das unter der Liebe genauso leidet wie unter der Sterblichkeit, unter der Politik genauso wie unter der Metaphysik'. Kiš beließ es jedoch nicht dabei, andere zu kritisieren, er lehnte die Rolle des Opfers ab. 'Haben wir unser Schicksal verdient?', fragte er und antwortete sogleich mit einem 'Ja'. Denn 'wir haben nicht der Versuchung widerstanden, unsere kleinen (oder größeren) Probleme des Nationalismus und Chauvinismus zu exportieren'. Wir haben unserer Unterschiede so sehr dramatisiert, dass es kein Zurück mehr gibt, wir haben uns einen nationalistischen Unterschlupf geschaffen, in dem wir fröhlich eingesperrt sind, betäubt und im Abseits, während wir unsere dunklen identitären Träume träumen. Mit anderen Worten, wir haben uns auf ein gefährliches Spiel eingelassen, in dem bestimmte Themen und bestimmte Diskurse für bestimmte Menschen aus bestimmten Regionen reserviert sind. 'Wir Männer vom Balkan' (Männlichkeit versteht sich in diesem patriarchalen Stereotyp von selbst) dürfen über unsere 'politisch-exotischen Kommunistski-Probleme' schreiben, aber Geschichten von Tod, Romantik, Alltag, Verlangen, Trost, Entscheidungen und Unterschiede - ganz zu schweigen von poetischen Experimenten oder modernistischen Formen - sind reserviert für andere Dichter, für europäische und westliche Schriftsteller, die große Literatur in Wichtigen Sprachen schaffen. Wir spüren, dass ihnen alle Themen und Debatten gehören, sie allein dürfen über Komplexität. Wandel, Mehrdeutigkeit und Heterogenität schreiben, kurz: ihnen allein steht individuelle Wahl und literarische Freiheit zu."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - Eurozine

Das von Christelle Taraud mit herausgegebene Buch "Sexe, race & colonies - La domination des corps du XVe siècle à nos jours" hat in Frankreich riesiges Aufsehen erregt - Libération hat sogar eine Titelgeschichte zu dieser Aufarbeitung der Prostitution in den ehemaligen Kolonien gebracht. Das Buch ist auch umstritten, weil es Hunderte von historischen Fotos dokumentiert, die Frauen aus den Kolonien in erotischen Posen zeigen. Aber das Bildmaterial ist wichtig für die historische Lektüre, sagt Taraud im Gespräch mit dem Green European Journal, das von Eurozine übernommen wird. Prostitution, insistiert Taraud im übrigen, ist kein Randphänomen, sondern führt ins Zentrum von Machtstrukturen in einer Gesellschaft: "In kolonialer Prostitution wird dies noch verstärkt, da Prostituierte extremer Herrschaft ausgesetzt sind. Wir können nicht so tun, als ginge es hier nur um Sex: Es ist eine Staatsangelegenheit. Algerien etwa war seit dem Zeitalter der Phönizier fast immer besetzt. Seit 1830 aber war das Hauptcharakteristikum der Kolonisierung eine nie dagewesene Monopolisierung der Frauen. Dies ist umso wichtiger angesichts einer massiv patriarchalischen Gesellschaft, die männliche Ehre nach der Kontrolle über Frauen bemisst. Frauen wurden von beiden Seiten genutzt, um Machtverhältnisse auszutarieren."

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Eurozine

Eurozine bringt die Rede, die Karl Schlögel Anfang November, dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hielt und in der er sich dagegen ausspricht, den historischen Moment mit Interpretationen, Theorien oder Konzepten zu überlagern. Ebensowenig glaubt er an einen einen großen Plan hiner der Transformation, weder von Milton Friedman oder Jeffrey Sachs noch von Leszek Balcerowicz oder Anatoly Chubais: "Der Prozess, der nach 1989/1991 stattfand, sprengte den herkömmlichen analytischen Rahmen des westlichen Wissenschaftsbetriebs. Die postsowjetische Ära war eine Zeit des Wilden Denkens - fazinierend, inspirierend und furchteinflößend zugleich. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, von der Ernst Bloch sprach, das Überlappen und Ineinandergreifen verschiedener historischer Prozesse schufen einen Grad an Verwirrung, die etablierte Diziplinen weder begrüßen noch integrieren konnten. Die Vorstellung, ein Konzept oder eine Gruppe von Menschen hätte die Reformen von oben oder überhaupt die Transformation leiten können, ist naiv. Es gab niemanden, der 'den Tiger hätte reiten' können. Um Marx zu zitieren: Geschichte geschah natürwüchsig, die war elementar, außer Kontrolle."

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - Eurozine

In einem Beitrag des Magazins (auf Deutsch im Wespennest) macht sich John Palattella, Redakteur bei The Nation, Sorgen um die schöne Indifferenz des Essays. In unserer durchpolitisierten Zeit könnte der elegante Skeptizismus des Essays dem Zwang zur expliziten Positionierung weichen, fürchtet er: "Das Wort Essay ist bisher in den USA zwar noch keine Beleidigung, aber der Essay selber, wie Montaigne und Virginia Woolf ihn verstanden, ist in Verruf geraten. In der goldenen Zeit der Ich-Bekenntnisse und der sozialen Medien mag das seltsam klingen, aber die ubiquitäre subjektive Meinungsäußerung hat weniger mit dem Essay zu tun als mit dem Überleben in der Aufmerksamkeitsökonomie … Ein Essay offenbart, wo die Auseinandersetzung des Verfassers mit sich selbst oder einer brennenden Frage zu einem zeitweisen Stillstand kommt. 'Was weiß ich?', fragt Montaigne und richtet das Mikroskop auf sich selbst oder einen Teil seiner Welt. Weil Wissen immer ein Versuch ist, sind gute Essayisten nie lange glücklich mit ihrer eigenen Weisheit. Eine gesunde Dosis Skepsis, vor allem gegenüber politischen Fragen, wird heute allerdings von einigen als Pflicht betrachtet und als Grund, dem Essay gegenüber misstrauisch zu sein. Wie Jon Baskin und Anastasia Berg von The Point in einem aktuellen Artikel erklären, heben amerikanische Autoren der Linken seit der Wahl Trumps 2016 verstärkt die Bedeutung der Positionierung und der Ausrichtung des Denkens und Schreibens nach einem politischen Ziel hervor. Ein Autor sollte keine Widersprüchlichkeiten von sich geben oder öffentlich Ideen ausprobieren. Stattdessen soll der Autor die eigene öffentliche Äußerung im Sinn einer ideologischen Agenda gestalten und die Öffentlichkeit vor Ideen in Schutz nehmen, die nicht durch eine legitime politische Stoßrichtung definiert sind."

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - Eurozine

Andrei Rubljow, Die Dreifaltigkeitsikone, 1411/25. Tretyakov Gallery, Moskau. Bild: Wikipedia


In Eurozine erzählt Clemena Antonova, wie sich die russische Avantgarde um 1913 eine neue Genealogie erfand. Alles begann mit der Wiederentdeckung der Ikone, die "so bedeutsam war, so tief empfunden und lebensverändernd, dass sie mit der Wirkung verglichen werden kann, den die Entdeckung des französischen Postimpressionismus auf britische Intellektuelle einige Jahre zuvor gehabt hatte, als Virginia Woolf erklärte, dass sich 'am oder um den Dezember 1910 der menschliche Charakter verändert habe'. Für die Russen änderte sich alles. Die Romanze mit der westlichen Moderne war entschieden vorbei und es gab kein Zurück mehr. In ihrer leidenschaftlichen Umarmung der Ikone erfand sich die Avantgarde neu und erwarb zum ersten Mal ein enormes Selbstbewusstsein. Die Identität, die sie für sich selbst konstruierte, drückte sich immer wieder in der vertrauten slawophilen Sprache aus und spielte mit der Idee der Einzigartigkeit Russlands, dem besonderen Platz des russischen Volkes in der Weltgeschichte und der Besonderheit seiner Kunst und Kultur." Mit dieser Abwendung vom Westen hin zu einem neuen Nationalismus standen die Russen in Europa nicht allein. "Die Botschaft war unverkennbar - die russische Avantgarde, die bis zu diesem Zeitpunkt als Zweig der westlichen Moderne angesehen wurde, verkündete laut und deutlich ihre Zugehörigkeit zu ihrer ursprünglichen künstlerischen Tradition der Ikone."