Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

238 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 24

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - The Atlantic

In einem bemerkenswerten Essay kommt Garri Kasparow auf Trumps und Musks Aktivitäten in den letzten Wochen zurück. Er setzt Elon Musks Schleifen der Institutionen mit Trumps totaler Lossage von Selenski und Europa in Zusammenhang. Eigentlich, schreibt Kasparow, "habe ich Verständnis für diejenigen, die die Macht von Regierung einschränken und begrenzen wollen. Aber sie durch eine Junta aus nicht rechenschaftspflichtigen Eliten zu ersetzen - das Putin-Modell - ist keine Verbesserung." Die Hauptfrage aber ist, so Kasparow: "Warum hat Trump Putins Agenda zu seiner obersten Priorität gemacht? Den genauen Grund, warum Trump auf so perverse Art loyal zu Putin ist, werden wir vielleicht nie erfahren... Aber die Dringlichkeit ihres Handelns verstehe ich, und sie ist eine ernste Warnung. Dies sind keine Handlungen von Menschen, die damit rechnen, in naher Zukunft oder überhaupt an Macht zu verlieren. Sie rasen auf einen Punkt zu, an dem sie es sich nicht mehr leisten können, die Kontrolle über die Mechanismen zu verlieren, die sie nach ihrem Bilde neu gestalten und umgestalten. Was solche Menschen tun werden, wenn sie glauben, dass ein Staatsstreich das geringste Risiko für ihr Vermögen und ihre Macht darstellt, lässt sich nicht vorhersagen."
Stichwörter: Kasparow, Garri

Magazinrundschau vom 27.01.2025 - The Atlantic

Anne Applebaum blickt auf die "Rasputins" des 21. Jahrhunderts, die nach und nach in der Weltpolitik Fuß fassen: Der rechtsextreme rumänische Politiker Călin Georgescu glaubt, dass "kohlensäurehaltige Getränke Nanochips enthalten", in den USA schlug Donald Trump Tulsi Gabbard als Direktorin des nationalen Geheimdienstes vor, eine ehemalige progressive Demokratin mit lebenslangen Verbindungen zur "Science of Identity Foundation", einer abgespaltenen Hare-Krishna-Sekte, und mit dem Anwalt Kash Patel wurde ein entschiedener Impfgegner zum neuen Direktor des FBI auserkoren: "Für die Amerikaner stellt die Verschmelzung von Pseudo-Spiritualität mit Politik eine Abkehr von einigen unserer tiefsten Prinzipien dar: dass Logik und Vernunft zu einer guten Regierung führen; dass faktenbasierte Debatten zu einer guten Politik führen; dass Regierungsführung im Sonnenlicht gedeiht; und dass die politische Ordnung auf Regeln, Gesetzen und Prozessen beruht, nicht auf mystischem Charisma. Die Anhänger des neuen Obskurantismus haben zudem mit den Idealen der Gründerväter Amerikas gebrochen, die sich alle als Männer der Aufklärung betrachteten. Benjamin Franklin war nicht nur ein politischer Denker, sondern auch Wissenschaftler und ein mutiger Befürworter der Pockenimpfung. George Washington lehnte die Monarchie strikt ab, beschränkte die Macht der Exekutive und etablierte die Rechtsstaatlichkeit. Spätere amerikanische Führer - Lincoln, Roosevelt, King - zitierten die Verfassung und ihre Autoren, um ihre eigenen Argumente zu untermauern. Im Gegensatz dazu schafft diese aufstrebende internationale Elite etwas ganz anderes: eine Gesellschaft, in der Aberglaube Vernunft und Logik besiegt, Transparenz verschwindet und die schändlichen Handlungen politischer Führer hinter einer Wolke aus Unsinn und Ablenkung verborgen werden. In einer Welt, in der nur Charisma zählt, gibt es keine Kontrollen und Ausgleiche, in einer Welt, in der Emotionen die Vernunft besiegen, gibt es keine Rechtsstaatlichkeit - nur eine Leere, die jeder mit einer schockierenden und fesselnden Geschichte füllen kann."

Magazinrundschau vom 05.03.2024 - The Atlantic

Franklin Foer legt die bisher beste Analyse des neuen Antisemitismus vor, der sich in seiner Obszönität nach dem 7. Oktober offenbarte, aber eine längere Vorgeschichte hat. In seinem Artikel erzählt Foer zunächst vom "Goldenen Zeitalter" jüdischen Lebens in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Juden die Champions des klassischen amerikanischen "Liberalism" waren. Der Wind drehte sich nach dem 11. September - und stärkte in Amerika sowohl den rechten als auch den linken Antisemitismus. Während die extreme Rechte in Amerika George Soros als Vogelscheuche herrichteten, um damit ihr Märchen vom "Großen Austausch" zu illustrieren, brach die Linke zusehends mit den Ideen des "Liberalism", der eine Harmonie zwischen den Minderheiten anstrebte und sich etwa im jüdischen Engagement für Martin Luther Kings Bürgerrechtskampf manifestierte. Foers Essay ist ausgedruckt über dreißig Seiten lang und hat viele Aspekte. Unter anderem kommt er auch dem antisemitischen Kern des "intersektionalen" Denkens auf die Spur: "Nazideutschland schloss Juden endgültig aus einer Kategorie aus, die wir heute 'weiß' nennen. Heute werden Juden in Teilen der Linken als der Inbegriff des Weißseins behandelt. Aber jede Analyse, die sich so unerbittlich auf die Rolle eines Privilegs konzentriert, wie es die Linke tut, ist gefährlich blind für den Antisemitismus, weil Antisemitismus selbst eine angebliche Privilegiertheit anprangert. Eine solche Theorie sieht den Juden als eine allmächtige Figur in der Gesellschaft, eine Position, die er sich angeblich mit hinterhältigen Mitteln erworben hat. In den Annalen der jüdischen Geschichte ist der Vorwurf der Privilegiertheit die Grundlage für Hass, das Zündholz für Pogrome. Aber die Universitäten haben diese Lektion aus der Vergangenheit zu oft ignoriert."

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - The Atlantic

Leitfäden für gerechte Sprache sind derzeit schwer in Mode. Fast jede große Institution und Universität in den USA hat einen. Sie sollen Sprache weniger diskriminierend machen, aber dabei möglichst einfach und verständlich bleiben. Diese Mission ist schon mal spektakulär gescheitert, notiert kühl George Packer. Ganz abgesehen von der Hybris, die hinter diesen Leitfäden aufscheint. Was ihn jedoch am meisten schockiert, ist die Realitätsverleugnung, die der eigentliche Zweck dieser "Sprachreform" zu sein scheint: "Die ganze Tendenz der gerechten Sprache besteht darin, die Konturen harter, oft unangenehmer Tatsachen zu verwischen. Diese Abneigung gegen die Realität macht ihren größten Reiz aus. Wenn man sich das Vokabular einmal angeeignet hat, ist es tatsächlich einfacher, von 'Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln' zu sprechen als von Armen. Ersteres rollt ohne Unterbrechung von der Zunge, hinterlässt keinen Nachgeschmack, weckt keine Emotionen. Das zweite ist unhöflich und bitter und könnte jemanden wütend oder traurig machen. Eine ungenaue Sprache ist weniger geeignet, jemanden zu verletzen. Gute Texte - lebendige Bilder, starke Aussagen - werden wehtun, weil sie zwangsläufig schmerzhafte Wahrheiten vermitteln. ... Die gerechte Sprache täuscht niemanden, der mit echten Problemen lebt. Sie soll nur die Gefühle derer schonen, die sie benutzen."

Magazinrundschau vom 28.03.2023 - The Atlantic

Die USA durchleben eine Phase der politischen Gewalt, die Adrienne LaFrance nur mit dem amerikanischen Anarchismus zu Beginn des 20. Jahrhundert oder mit den Bleiernen Jahren in Italien vergleichbar findet. Die Umstände ähneln sich: extrem große Ungleichheit, rasanter demografischer Wandel, identitätspolitische Verwerfungen, Verschwörungstheorien, für die heutigen USA kämen noch die lockeren Waffengesetze, die Sozialen Medien und Komplizenschaft der Republikaner mit gewaltbereiten Gruppen dazu, meint LaFrance. Das alles sei gut analysiert, nur scheine das Land trotzdem nicht zu wissen, wie es da raus kommt: "Amerikaner unterschätzen die politische Gewalt, weil sie chaotisch ist, so wie es die Italiener zu Beginn der Bleiernen Jahren taten. Manche tun sie als sporadisch ab und kümmern sich nicht weiter drum. Andere sagen, 'Weckt mich, wenn der Bürgerkrieg ausbricht.' … Der Soziologe Norbert Elias, der Deutschland Richtung Frankreich und dann Großbritannien verließ, als das Nazi-Regime Fuß fasste, beschrieb den Zivilisationsprozess als 'eine lange Abfolge von Schüben und Gegenschüben' und warnte, dass man eine gewalttätige Gesellschaft nicht einfach dadurch in Ordnung bringt, dass man die Faktoren beseitigt, die sie überhaupt erst kaputt machten. Gewalt und die ihr zugrunde liegenden Kräfte können uns von einem bloßen demokratischen Rückschritt, den wir bereits kennen, in einen Zustand der Entzivilisierung schleudern. In Zeiten der Entzivilisierung gelingt es Menschen nicht mehr, Gemeinsamkeiten zu finden, sie verlieren das Vertrauen in Institutionen und gewählte Politiker. Das geteilte Wissen schwindet, und die Bindungen in der Gesellschaft lösen sich. Unweigerlich greifen manche zur Gewalt. Wenn die Gewalt zunimmt, wächst auch das Misstrauen in Institutionen und Führungspersönlichkeiten, und so weiter und so geht es weiter. Dieser Prozess ist nicht unvermeidlich - er kann unter Kontrolle gehalten werden - aber wenn eine Phase des Blutvergießens lange genug anhält, gibt es keine Abkürzung zurück zur Normalität. Die Zeichen der Entzivilisierung sind unverkennbar."

Magazinrundschau vom 13.12.2022 - The Atlantic

"Warum ist der April der grausamste Monat? Warum hat das Huhn die Straße überquert? Warum sehen sich Menschen Golf im Fernsehen an?" Die erste Frage kann James Parker in seinem sehr schönen Text über T.S. Eliots berühmtestes Gedicht "The Waste Land" beantworten: "Der April ist der grausamste Monat, weil wir feststecken. Wir sind stehen geblieben und verrotten. Wir leben im Reich des verkrüppelten Königs, des Fischerkönigs, wo alles krank ist und nichts zusammenpasst, wo die Vorstellungskraft in Fetzen liegt, wo dunkle Phantasien uns fesseln, wo Männer und Frauen sich entfremdet haben und wo der zyklische Juckreiz des Frühlings - der Krampf in der Erde, die zischende Knospe, selbst der sanfte, keimende Regen - uns nur daran erinnert, wie weit wir von einer Wiedergeburt entfernt sind. Wir werden nicht davon erlöst werden, zumindest nicht in nächster Zeit. Deshalb ist der April grausam. Deshalb ist der April ironisch. Deshalb bringt uns der alte, schlammige, sprießende April, der in seinen Hecken herumwuselt, zu Fall. Man stelle sich ein Gedicht vor, das den Tod von Königin Elisabeth II., die Sprengung der Kertsch-Brücke, Grindr, Ketamin, The Purge, Lana Del Rey, die nächsten drei COVID-Varianten und das Gefühl, das man bekommt, wenn man sich nicht mehr an sein Hulu-Passwort erinnern kann, in sich vereint. Stellen Sie sich vor, dass dieses Gedicht - das auf mysteriöse Weise auch die gesamte aufgezeichnete Literatur enthält - in einer Form geschrieben ist, die so zersplittert, so sprunghaft, aber so unheimlich ganzheitlich ist, dass es entweder einem neuen Zweig der Teilchenphysik oder einer neuen Religion ähnelt: auf jeden Fall einer neuen Darstellung der Beziehungen, die der Realität zugrunde liegen." Dass es so ist, daran hatte noch ein anderer Mann Anteil, der "flammenhaarige amerikanische Wahnsinnige Ezra Pound. Großartige Redakteure wissen ebenso wie großartige Plattenproduzenten, wo sie den Schnitt machen müssen. Es ist ein sekundärer schöpferischer Akt, der den primären verdoppelt: das formlose Wasser anhauchen, das Kháos, das sich ausbreitende Manuskript, mit dem Logos durchdringen. Teo Macero - New York City, 1969 - nachdem er Stunden über Stunden, Spulen über Spulen, von Miles Davis aufgenommen hat, wie er schwefelig und zauberhaft mit einer Gruppe besessener Sidemen jammt, zückt er sein Rasiermesser und macht 'Bitches Brew'. Ezra Pound - Paris, 1922 - leckt die Feder seines Bleistifts an und schneidet ganze Sequenzen, ganze Sätze aus Eliots neuem Gedicht heraus. Pound war ein Schöpfer und ein Zerstörer... Als er fertig war, war 'The Waste Land' um die Hälfte gekürzt."

Magazinrundschau vom 10.01.2023 - The Atlantic

Sowohl der Antihumanismus der schon einschlägig benannten "letzten Generation" und von "Extinction Rebellion" als auch der Transhumanismus schillernder Silicon-Valley-Propheten haben eins gemeinsam: Sie finden ihre innerste Freude in der Idee eines Endes der Menschheit. Adam Kirsch geht die wichtigsten Bücher dieser Denkschulen durch. Die Transhumanisten malen sich die Zukunft ohne uns immerhin mit uns aus: "Wenn wir in der Lage sind, einen Gehirnscanner zu bauen, der den Zustand jeder Synapse zu einem bestimmten Zeitpunkt erfassen kann - ein Informationsmuster, das die Neurowissenschaftler als Konnektom bezeichnen - ein Begriff, der mit dem Genom vergleichbar ist -, dann können wir dieses Muster in einen Computer hochladen, der das Gehirn emuliert. Das Ergebnis wird in jeder Hinsicht ein menschlicher Geist sein. Ein hochgeladener Geist wird sich nicht in derselben Umgebung aufhalten wie wir, aber das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Im Gegenteil: Da eine virtuelle Umgebung viel formbarer ist als eine physische, könnte ein hochgeladener Geist Erfahrungen und Abenteuer erleben, von denen wir nur träumen können, wie in einem Film oder einem Videospiel."

Der finnische, nicht irgendwo, sondern in Oxford lehrende Historiker Pekka Hämäläinen versucht seit einigen Büchern so etwas wie eine kopernikanische Wende in der Geschichtsschreibung über die amerikanischen Natives, die auf einmal nicht mehr nur als Opfer von Seuchen und Vernichtung erscheinen, sondern als politische Mächte ganz eigener Art. David Waldstreicher liest seine Bücher mit Faszination, aber auch Unbehagen. Nebenbei stellt sich bei Hämäläinen heraus, dass nicht nur die weißen, sondern auch die Natives ganz aktiv beteiligt waren an der Zerstörung der amerikanischen Natur, der sie so verbunden waren, mal abgesehen davon, dass sie Sklaven hielten: "Hämäläinen zeigt, wie die Komantschen eine 'Politik des Grases' entwickelten, wie er es nennt. Ein einzigartiges Grasland-Ökosystem in den Ebenen ermöglichte es ihnen, riesige Pferdeherden zu züchten. Sie verschaffte ihnen Zugang zu Bisons, die sie in eine Marktdominanz gegenüber Völkern umwandelten, die andere von ihnen gewünschte Güter wie Waffen, Konserven und Sklaven sowohl für den Handel als auch für den Dienst als Cowboys liefern konnten."

Außerdem: Timothy McLaughlin erzählt, wie die chinesische Regierung versucht die Demokratiebewegung in Hongkong zu diskreditieren, indem sie sie als Handlanger des Medienunternehmers Jimmy Lai darstellt, der in Gerichtsprozessen als Volksverräter und Agent des Westens denunziert wird.

Magazinrundschau vom 08.11.2022 - The Atlantic

"Ja, alle Kriege sind blutig", schreibt Adam Hochschild, aber der Krieg, den Wladimir Putin in der Ukraine führt, ist es besonders. Um das zu erklären, erzählt er vom Ersten Weltkrieg und einem Onkel, der als Jagdflieger der kaiserlich-russischen Armee damals im Westen der Ukraine stationiert war. Der erzählte ihm, "dass man einen deutschen Flieger, der über russischem Gebiet abgeschossen wurde, mit allen militärischen Ehren beerdigte und seine persönlichen Gegenstände und ein Foto von seinem Begräbnis mit dem Fallschirm auf dem deutschen Flugplatz abwarf." Damals sei es um ein Gebiet gegangen. Heute gehe es Russland in der Ukraine um die Demütigung und Entmenschlichung eines ganzen Volkes. Mit dem "russischen Geschichtsbuch" des britischen Historikers Orlando Figes schildert Hochschild, inwieweit Putins Invasion in der Tradition der Zaren steht und dass der Mord an den Völkern Sibiriens vor 500 Jahren und der Bürgerkrieg zwischen den Roten und den Weißen (zu denen sein Onkel gehörte), Putins politischen Traum erklärt: die "Macht des zaristischen Russlands und der Sowjetunion wiederherstellen." Hochschild erinnert angesichts des grausamen Vorgehens der russischen Armee in der Ukraine daran, dass Putin 2005 die sterblichen Überreste von General Anton Denikin aus den USA zurückholte. Der Befehlshaber der Weißen Armeen in Südrussland und der Ukraine war im Exil gestorben. "Russland - eins und unteilbar" sei dessen Parole gewesen, hält Hochschild fest. Am neuen Grab in Moskau habe Putin erklärt, der General sei der festen Überzeugung gewesen, "dass die Ukraine ein Teil Russlands ist. Dieser Traum steht nun im Widerspruch zu einer Ukraine, die, wenn auch schwankend und unvollkommen, drei Jahrzehnte Unabhängigkeit genossen hat. In diesem Aufeinanderprallen der Visionen werfen die ungelösten Spannungen in der Geschichte Russlands noch immer einen langen Schatten" - in der Ukraine mit toten Männern und Frauen, "die mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf den Straßen von Butscha liegen".

Außerdem: Yascha Mounk skizziert nach der Präsidentschaftswahl in Brasilien - und damit kurz vor den Midterms in den USA - populistische Parallelen in den beiden Ländern. Und Judith Shulevitz würdigt Orhan Pamuks "Literatur der Paranoia".

Magazinrundschau vom 11.10.2022 - The Atlantic

Helen Lewis beschreibt an mehreren Beispielen in der amerikanischen Kunstwelt (darunter Nancy Spector vom Guggenheim), wie schnell cancel culture dort Opfer forderte, die als Sündenböcke für ein System herhalten müssen, das sich so jeder Reform entziehen kann. Das hat gewissermaßen Methode: "Einer meiner Gesprächspartner merkte an, dass eine unverhältnismäßig große Zahl der leitenden Kuratoren, die unter schwierigen Umständen ausgeschieden sind, weiße Frauen oder Homosexuelle waren - Gruppen, die in Führungspositionen aufstiegen, als sie noch als marginalisierte Identitäten galten, bevor ihr Weißsein politisch stärker ins Gewicht fiel als ihr Geschlecht oder ihre Sexualität. Luke Nikas, ein Anwalt, der Olga Viso bei ihrem Vergleich mit dem Walker Art Center vertrat, sagte mir, dass sie eine von einem halben Dutzend Klienten mit ähnlichen Geschichten sei. Frauen in Spitzenpositionen in Museen, so Nikas, werden härter angegangen als Männer, wenn sie schwierige personelle oder kuratorische Entscheidungen treffen müssen. Er hat sich bereit erklärt, mehrere Kuratorinnen pro bono zu vertreten, weil er der Meinung ist, dass Museen nicht wie risikoscheue Unternehmen geführt werden sollten: Wenn eine Bank oder ein Eiscreme-Unternehmen sich dem Druck der sozialen Medien beugt, ist das ihre Sache, aber die Kunst sollte ein Ort sein, an dem provokante Fragen gestellt und Tabus in Frage gestellt werden. Marilyn Minter, eine Pädagogin und Künstlerin, sieht hinter der Flut von Entlassungen und erzwungenen Rücktritten einen Generationswechsel. In den 1980er Jahren, als ihre pornografischen Bilder von der christlichen Rechten und von radikalen Feministinnen angegriffen wurden, standen ihre Künstlerkollegen ihr bei. Aber Nancy Spector erhielt nicht die Unterstützung ihrer Kollegen, so Minter, weil die Welt der sozialen Medien 'versucht, Unvollkommenheit auszulöschen - und Unvollkommenheit ist das, was wir sind. Wenn wir diese aufgeräumte Welt sehen, wird sich jeder ständig wie ein Versager fühlen.'"

Weitere Artikel: Die im amerikanischen Exil lebende Bushra Seddique hofft gegen besseres Wissen, dass die afghanischen Frauen sich einen Rest Freiheit bewahren können: "Es wäre schön zu glauben, dass Frauen in der Privatsphäre ihres eigenen Heims frei geblieben sind; dass sie einer unterdrückenden Regierung, die sie nicht als vollwertige Menschen ansieht, den Rücken kehren und zumindest in ihren persönlichen Beziehungen weiterhin die sein können, die sie schon immer waren. Aber das ist nicht der Fall. Indem die Regierung die Frauen aus dem öffentlichen Raum entfernt hat, hat sie auch das Patriarchat im Haus wiederhergestellt, wo Männer wieder Richter und Geschworene sind." Und der Historiker Christopher R. Browning erinnert die Amerikaner mit dem Beispiel von Hitlers Aufstieg daran, wie man auch mit einer "legalen Revolution" die Demokratie unterminieren kann.

Magazinrundschau vom 20.09.2022 - The Atlantic

In einem großen Rundumschlag erzählt David Frum die Geschichte der Benin-Statuen, dabei immer um die Frage kreisend: Wem gehören die Statuen? Den Erben des Königreichs Benin, die 1914 mit Billigung der britischen Kolonialherren wieder ihren Königsthron besteigen durften? Dem Staat Nigeria, der über die Bronzen bestimmen möchte und einige bereits an den König zurückgegeben hat? Oder sollen sie in einem privaten Museum untergebracht werden, dass von einer mit nationalen und internationalen Fachleuten besetzten Stiftung verwaltet wird, wie es der Gouverneur des nigerianischen Bundesstaates Edo, Godwin Obaseki, plant. Frums Sympathien liegen eher bei Obaseki als beim Staat, der für seine Korruption berüchtigt ist, oder dem König (Oba) von Benin, den er in seinem Palast besucht: "Der Oba von Benin pflegt nicht die falsche Informalität der modernen globalen Oberschicht. Meine Audienz begann mit einer stattlichen Parade von Höflingen und Dienern. Ich musste mich hinknien, die Hände falten und in verstümmeltem Edo eine Beschwörungsformel für Ehrerbietung und Respekt singen. ... Der Oba beschuldigte das Lager des Gouverneurs, ein Komplott zu schmieden, um ihn ins Abseits zu stellen. Er verweilte bei einer besonderen Demütigung: der Vision einer Zukunft, in der Besucher nach Benin kommen würden, um die Schätze seiner königlichen Vorfahren in einem Museum zu besichtigen, das einem privaten Unternehmen gehört, das von einem Architekten entworfen wurde, den der Oba nicht ausgewählt hatte, und das sich auf staatlichem statt auf königlichem Grund befindet. Höflinge zeigten mir die Pläne für das von ihnen gewünschte Museum - ein Gebäude mit mehr oder weniger klassischen Elementen, das dem Stil der Residenz des Oba ähnelt. Der Anstand hinderte mich daran, es laut zu sagen, aber der Entwurf von David Adjaye [für das von Obaseki geplante Museum, d.Red.] gefiel mir viel besser. Doch war nicht genau das das Problem? Der Kontrast zwischen der globalen Kühle der Adjaye-Skizze und dem viel extravaganteren Entwurf, der im Thronsaal vor mir ausgerollt wurde, veranschaulichte fast zu deutlich die zentrale Frage der Benin-Rückgabe-Debatte: Für wen genau ist dieses Projekt gedacht?"