Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

238 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 24

Magazinrundschau vom 27.09.2022 - The Atlantic

Was kann Amerika vom Krieg in der Ukraine lernen, fragt sich George Packer und bricht nach einigen Grübeleien auf, um sich selbst ein Bild zu machen von diesem Land, das so geschlossen gegen den Aggressor steht: "Das gemeinsame Ziel verbindet die Menschen miteinander, was den Krieg erträglicher macht. Das zeigt sich in dem Ausdruck, den ich inzwischen mit ukrainischen Gesichtern verbinde: offen, direkt, ohne zu schmeicheln, ein wenig hart, fast vergnüglich - lebendig. Die Menschen laufen schnell. Bewaffnete Männer und Frauen in Uniform sind selbstverständlicher Teil der Bevölkerung, kaum von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden. Es ist seltsam, ständig in ihrer Gegenwart zu sein, in Zügen, in Cafés, und keine Gefahr zu verspüren, außer der, die vom Himmel droht. In Amerika ist ein Soldat in Uniform unter Zivilisten eine Rarität, und ein junger Mann mit einer halbautomatischen Waffe ist kein willkommener Anblick. Ich brauchte ein paar Tage, um zu begreifen, warum sich eine ukrainische Stadt irgendwie weniger angespannt anfühlt als eine amerikanische: Es liegt daran, dass man weiß, dass kein Ukrainer auf einen schießen würde, und dass alle, die man trifft, auf der gleichen Seite stehen."

Anne Applebaum trifft in Warschau belarussische Exilanten, die sich als Freiwillige für das Kastus-Kalinouski-Regiment - belarussische Freiwillige, die für die Ukraine kämpfen -  gemeldet haben. Ihm sollen auch einige recht raue Burschen angehören, aber Applebaum ist nur dem Typus junger Akademiker begegnet: "Die Hoffnung wird durch Realismus gemildert - sie befinden sich an der vordersten Front eines der brutalsten Kriege des 21. Jahrhunderts -, aber durch Verzweiflung gestärkt, durch das Gefühl, dass andere, bessere Wege zum politischen Wandel nicht mehr offenstehen. K., ein Mann in den Zwanzigern - schlaffes blondes Haar, grünes T-Shirt, zerrissene Shorts - erzählt, er habe seine Karriere in einem Regierungsbüro in Minsk begonnen, aber schnell begriffen, was das bedeutet. 'Die ganze Arbeit, alles, was Sie tun, dient dazu, sicherzustellen, dass das Lukaschenko-Regime an der Macht bleibt', sagte er. Während der Massenproteste nach der gestohlenen Wahl 2020, die alle als 'Revolution' bezeichnen, verteilten K. und ein Freund Flugblätter mit regimekritischen Slogans. Der Freund sitzt jetzt im Gefängnis und verbüßt eine vierjährige Haftstrafe (K. nennt mir seinen Namen; ich finde ihn später auf einer Liste mit politischen Gefangenen). Nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert war, wurde K. von Schuldgefühlen geplagt, er konnte nicht schlafen und bebte vor Zorn, denn das Scheitern der belarussischen Revolution bedeutete, dass russische Raketen von Belarus aus auf die Ukraine abgefeuert werden konnten. 'Ich erkannte, dass wir die Pflicht haben, nach Kiew zu gehen', sagt er. 'Danach kommt Minsk.'"

Magazinrundschau vom 06.09.2022 - The Atlantic

In einer auf Papier 50 Seiten langen Recherche geht Caitlin Dickerson dem Skandal um die Kinder illegaler Einwanderer nach, die amerikanische Behörden unter Trump eineinhalb Jahre lang von ihren Eltern getrennt hatten. Die Eltern wanderten ins Gefängnis, die Kinder wurden "wie ein Amazonas-Paket" bei Wohltätigkeitsorganisationen wie den Bethany Christian Services abgeliefert. In Januar 2021 waren nach Angaben der US-Regierung immer noch mindestens 5.569 Kinder von ihren Eltern getrennt. Bei einigen dauert dieser Zustand schon vier Jahre. "Viele Beamten beharren nun darauf, dass sie nicht vorhersehen konnten, was alles schief gehen würde. Doch das ist nicht wahr." Ohne jede vorbereitende Planung war das Systemversagen sozusagen einkalkuliert, so Dickerson. "Es ist leicht, die Schuld für die Familientrennungen den einwanderungsfeindlichen Beamten zuzuschieben, für die die Trump-Regierung bekannt ist. Aber diese Trennungen wurden auch von Dutzenden von Mitgliedern der mittleren und oberen Führungsebene der Regierung gebilligt und ermöglicht: Kabinettssekretäre, Kommissare, Chefs und Stellvertreter, die aus verschiedenen Gründen keine Bedenken äußerten, selbst wenn sie die Katastrophe hätten kommen sehen müssen; die darauf vertrauten, dass 'das System' das Schlimmste verhindern würde; die davon ausgingen, dass es nicht strategisch sei, sich in einer Verwaltung zu Wort zu melden, in der die Bezeichnung 'RINO' oder 'Squish' - Spitznamen für diejenigen, die als nicht ausreichend konservativ gelten - ihre Karriere beenden könnte; die davon ausgingen, dass jemand anderes, in einer anderen Abteilung, das Problem im Griff haben muss; die so viele Abstraktionsschichten von der Realität schreiender Kinder, die ihren Eltern aus den Armen gerissen werden, entfernt waren, dass sie sich vor den menschlichen Konsequenzen ihres Handelns verstecken konnten.... Was in den Monaten vor der Einführung von Zero Tolerance - der Initiative der Trump-Regierung, die Tausende von Familien trennte - geschah, sollte von künftigen Generationen von Organisationspsychologen und Moralphilosophen untersucht werden. Es wirft Fragen auf, die weit über diese eine Maßnahme hinausgehen: Was passiert, wenn persönlicher Ehrgeiz und moralische Bedenken in der grauen Anonymität der Bürokratie aufeinanderprallen? Wenn Rationalisierungen zu Verleugnung oder offener Täuschung werden? Wenn das eigene Verständnis der Grenze zwischen richtig und falsch durch das laute Beharren des Chefs außer Kraft gesetzt wird?"

Magazinrundschau vom 23.08.2022 - The Atlantic

Die junge Journalistin Bushra Seddique gehörte zu den wenigen, die vor einem Jahr Afghanistan verlassen konnten, als Regierung, Armee und westliche Truppen das Land Hals über Kopf den Taliban in die Hände fallen ließen. Von den dramatische Geschehnissen erzählt sie mit großer Eloquenz. So geht's los: "Die Nachricht kam kurz vor 17 Uhr. Es war der 26. August 2021. Elf Tage zuvor hatten die Taliban die afghanische Regierung gestürzt. Meine Freundin - eine deutsche Autorin - hatte versucht, meiner Familie dabei zu helfen, das Land zu verlassen. Jetzt sagte sie, sie habe mich und meine jüngeren Schwestern auf die Liste für einen Flug nach Frankfurt bekommen, eine Evakuierung in letzter Minute, ausgehandelt von der deutschen Regierung und einer NGO. 'Was ist mit meiner Mutter?', fragte ich. Einen Momemt lang antwortete sie nicht. 'Ich konnte sie nicht in den Flug bekommen, schrieb sie. Bitte, bedrängte ich sie: 'Meine Brüder sind schon weg und mein Vater lebt mit seiner zweiten Frau. Sie hat nur noch uns, niemanden sonst, um Himmels willen tu etwas.' Aber sie konnte nichts tun. 'Das sind die Namen, die sie mir angeboten haben, schrieb sie. 'Ich weiß, es ist eine schreckliche Entscheidung.' Wir hätten zwanzig Minuten, um zu entscheiden, ob wir gehen oder bleiben wollen."
Stichwörter: Afghanistan

Magazinrundschau vom 16.08.2022 - The Atlantic

Anne Applebaum ist nach Odessa gereist, eine der "russischsten" Städte der Ukraine, und erzählt, wie der Krieg noch mehr dazu beiträgt, eine ukrainische Identität zu schmieden. Sie feiert die meist jugendlichen Freiwilligen, die Tarndecken für Scharfschützen nähen, Geld sammeln, Erste-Hilfe-Ausbildung geben oder mit dem eigenen Auto an die Front fahren, um Menschen zu evakuieren. "Überall in der Stadt haben sich Studenten, Buchhalter, Friseure und alle anderen denkbaren Berufsgruppen einer sozialen Bewegung angeschlossen, die man nur als beispiellos bezeichnen kann. Sie nennen sich 'Volonteri', und ihre Organisationen, ihre Crowdfunding-Kampagnen und ihr Aktivismus erklären, warum die ukrainische Armee so hart und so gut gekämpft hat und warum das jahrzehntelange russische Bestreben, den ukrainischen Staat zu vereinnahmen, größtenteils gescheitert ist, selbst (oder vielleicht gerade) im russischsprachigen Odessa. In einer gelähmten Landschaft, in einer festgefahrenen Wirtschaft, in einer Stadt, in der niemand etwas planen kann, gestalten die Volonteri die Zukunft. Sie haben keine Angst vor Verlust, Belagerung oder Besetzung, denn sie sind überzeugt, dass sie gewinnen werden."

Was mit "Twin Peaks" begann, ist spätestens seit "Lost" Gymnastik für Serienjunkies: Der fieberhafte Austausch über mögliche kommende Plot-Twists, verrätselte Erzählstrukturen und die eigentliche Beschaffenheit eines Erzählszenarios - die Welt der Fan-Theorien, die heute in Foren im Netz und dort insbesondere auf Reddit schillernde Blüten an der Grenze zur Forensik treiben (was genau steht in dem Zauberbuch, das im Bildhintergrund von "Harry Potter" aufgeschlagen herumliegt?). Für die Kreativen hinter den Kulissen kann das Segen (Werbung) und Fluch sein (ein schon frühzeitig richtig enttarnter Plot-Twist), schreibt Shirley Li. "Die Folge: Geschichtenerzähler müssen mehr leisten, als befriedigendes Garn zu spinnen; sie müssen sich gegenüber Fans behaupten, die so involviert sind, dass sie mit ihnen quasi im Wettlauf sind, wer zuerst das Ziel erreicht. Insbesondere bei Fernsehserien sind die leidenschaftlichen Zuschauer Teil des Writers Room geworden - nicht in tatsächlicher Anwesenheit natürlich, aber als dräuende Präsenz im Bewusstsein zumindest alljener, die staffelwerten Plot schmieden. ... Einige Serien fordern ihre Fans aber auch zum detektivischen Blick heraus. So verriet mir Chris Miller, der kreative Kopf hinter dem AppleTV-Whodunnit 'The Afterparty', dass das Autorenteam in jeder Episode 'kleine Geschenkkörbe' platziert - Ostereier, die den Adlerblick der Zuschauer mit Hinweisen auf die Identität des Mörders belohnen. 'Es ist aufregend in unserer Welt von heute zu leben, wo die Leute schauen, nochmal schauen und ständig das Bild pausieren können', sagte er mit. In 'Only Murders in the Building', dem ähnlich komödiantischen Krimi von Hulu, liefert der Vorspann jeder Episode einen Hinweis auf die folgende Geschichte."

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - The Atlantic

Nachdem Roe vs. Vade in den USA gekippt wurde, fordern einige Abtreibungsgegner eine stärkere Unterstützung der Schwangeren auf staatlicher Ebene. Elaine Godfrey traf einige von ihnen: eine junge Frau, die sich dank der finanziellen Unterstützung einer Non Profit Organisation entschied, ihre Schwangerschaft doch auszutragen, ist überzeugt, dass es sinnlos gewesen wäre, das Urteil zu kippen, wenn nun nicht die nötigen staatlichen Unterstützungen und Programme für Schwangere folgen. Charlie Camosy, ein Pro-Life Kolumnist für den Religion News Service setzt sich konkret für verlängerte Elternzeit, höheren Mindestlohn und erweiterte medizinische Versorgung ein: "Die Anhänger von Camosy hoffen, dass das Ende von Roe den amerikanischen Abtreibungsgegnern hilft, sich aus ihrer parteipolitischen Schublade zu befreien und für eine familienfreundliche Gesetzgebung einzusetzen. Dies nicht zu tun, wäre heuchlerisch, argumentieren sie. Einige Republikaner der Anti-Abtreibungsbewegung könnten bereit sein, der Forderung nach Staatsausgaben nachzugeben, vor allem, seit Donald Trump die Republikaner in eine viel populistischere Richtung gedrängt hat; die Aufhebung von Roe könnte diese Diskussion aufheizen. 'Pro Life Republikaner haben nun die Möglichkeit, offener die Sozialprogramme zu unterstützen', sagt Camosy. Wenn das alles ein wenig zu rosig klingt, dann, weil es das wahrscheinlich auch ist. 'Die Regierung, die am besten regiert, regiert am wenigsten', lautet das GOP-Sprichwort. Die Orte in Amerika mit den strengsten Abtreibungsgesetzen sind auch die, an denen das Misstrauen gegenüber staatlichen Eingriffen groß ist. Weitere Millionen in staatliche Dienstleistungen zu investieren, wäre dort ein politischer Reinfall."

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - The Atlantic

Nellie Bowles schildert die Stadt San Francisco als die Hölle der guten Vorsätze. Da wäre zum Beispiel der Staatsanwalt Chesa Boudin, der so liberal war, dass ihn sogar die liberalen Einwohner der Stadt absetzten - zu sehr war die Kriminalität in der Stadt gestiegen. Hinzukommen das Fentanyl, das die Zahl der Drogentoten in die Höhe schießen lässt, die Wohnungskrise, die auch von alternativen Gärtnern angetrieben wird, weil sie gegen jedes Bauprojekt Einspruch erheben, die Elternsprecher an den wegen Corona geschlossenen Schulen, denen es nicht reicht, wenn ihr Vorsitzender queer ist, er muss queer und of Color sein und das They/Them-Pronomen benutzen. Zuletzt gibt es Widerstand, der sich etwa in der Abwahl Boudins manifestierte. Und dennoch bleiben Szenen wie diese in Erinnerung: "Vor zwei Jahren sah eine Freundin von mir einen Mann, der blutend die Straße entlang taumelte. Sie erkannte ihn als jemanden, der regelmäßig in der Nachbarschaft draußen schlief, und wählte die Notrufnummer. Sanitäter und Polizisten trafen ein und begannen mit der Behandlung des Mannes, doch Mitglieder einer Obdachlosenorganisation wurden aufmerksam und schritten ein. Sie sagten dem Mann, dass er nicht in den Krankenwagen steigen müsse, dass er das Recht habe, die Behandlung zu verweigern. Das tat er dann auch. Die Sanitäter gingen, die Aktivisten gingen. Der Mann saß allein auf dem Bürgersteig und blutete immer noch. Ein paar Monate später starb er einen Block weiter. "

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - The Atlantic

Die britische Journalistin Helen Lewis staunt über die amerikanische Bürgerrechtsorganisation ACLU, die 1973 am Prozess Roe v. Wade beteiligt war und sich jetzt auch zur neuen Abtreibungsdebatte geäußert hat: Laut ACLU schadet ein Abtreibungsverbot "unverhältnismäßig stark Schwarzen, Indigenen und People of Colour, der LGBTQ Community, Immigranten, jungen Menschen, armen Menschen und Menschen mit Behinderungen". Eine Gruppe, die nicht vorkommt, obwohl man annehmen könnte, dass sie vor allem "unverhältnismäßig stark" betroffen wäre, sind Frauen. Warum fragt sich Lewis, will ACLU das "biologische Geschlecht aus einem Gespräch herauszustreichen, in dem das biologische Geschlecht unvermeidlich ist? Die Rechte hat den Frauen den Krieg erklärt. Die Linke hat darauf geantwortet, indem sie dem Wort 'Frauen' den Krieg erklärt hat. ... Sprachkämpfe sollten uns nicht von der wahren Ungerechtigkeit ablenken, die durch die mögliche Aufhebung von Roe v. Wade aufgeworfen wird: die Abschaffung des Rechts auf Privatsphäre und körperliche Autonomie für 51 Prozent der Amerikaner. Etwas geht verloren, wenn Abtreibungsrechtler sich scheuen, von Frauen zu sprechen. Wir verlieren die Fähigkeit, über Frauen als mehr als eine zufällige Ansammlung von Organen zu sprechen, Körper, die zufällig menstruieren oder bluten oder gebären. Wir verlieren die Fähigkeit, die gemeinsamen Erfahrungen von Frauen und die Diskriminierung, der sie im Laufe ihres reproduktiven Lebens ausgesetzt sind, miteinander zu verbinden. Indem wir Frauen durch Menschen ersetzen, verlieren wir die Fähigkeit, von Frauen als einer Klasse zu sprechen. Wir zerlegen sie in Teile, in Funktionen, in Waren. Dies geschieht auf vielerlei Weise. Diese Woche habe ich auch gesehen, wie ein Axios-Redakteur einen Reporter der New York Times zurechtwies, weil er von 'Leihmüttern' statt von 'Schwangerschaftsausträgerinnen' geschrieben hat - als ob letztere Formulierung nicht entmenschlichend wäre, nur ein Flüstern entfernt von 'Gefäßen'."

Bei Abtreibungen geht es immer um die Frage, ab wann ein Embryo ein Mensch ist. Für die Abtreibungsgegner ist er ab dem Moment der Empfängnis "beseelt", weshalb Abtreibungen verboten sein sollten. Aber das verstößt gegen die Verfassung, die ausdrücklich keine Staatsreligion kennt, erinnert die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood: "Ein solches Urteil hängt von einem religiösen Glauben ab, nämlich dem Glauben an Seelen. Nicht jeder teilt einen solchen Glauben. Aber alle, so scheint es, laufen nun Gefahr, Gesetzen unterworfen zu werden, die von denjenigen formuliert wurden, die dies tun. Was innerhalb einer bestimmten religiösen Überzeugung eine Sünde ist, soll für alle zum Verbrechen werden. ... Es sollte ganz einfach sein: Wenn Sie an die 'Beseelung' bei der Empfängnis glauben, sollten Sie nicht abtreiben, denn das ist in Ihrer Religion eine Sünde. Wenn Sie nicht daran glauben, sollten Sie - gemäß der Verfassung - nicht an die religiösen Überzeugungen anderer gebunden sein. Sollte die Stellungnahme von [Richter Samuel] Alito jedoch zum neuen Gesetz werden, sind die Vereinigten Staaten auf dem besten Weg, eine Staatsreligion einzuführen. Massachusetts hatte im 17. Jahrhundert eine offizielle Religion. Jahrhundert eine offizielle Religion. Um sie zu schützen, hängten die Puritaner Quäker auf."

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - The Atlantic

In den USA sind Schwangerschaftsabbrüche bisher grundsätzlich legal, das regelt das Urteil Roe vs. Wade, das 1973 zu Gunsten des Selbstbestimmungsrechts von Frauen entschied. Viele fürchten jetzt um den Bestand dieser Freiheit, die schon jetzt von etlichen Bundesstaaten beschränkt wird. Sie erschweren Frauen den Zugang zu Informationen, treiben die Kosten in die Höhe oder schließen Kliniken, die Abtreibungen durchführen. Jessica Bruder besucht für ihre umfangreiche Reportage Frauen, die sich im Untergrund organisieren, um sich auf risikoarme Abtreibungen unabhängig von öffentlich Institutionen vorzubereiten. Neben Medikamenten, die einen Schwangerschaftsabbruch einleiten, stellt die Reporterin auch den Del-Em vor, ein Gerät das den Fötus durch Unterdruck absaugt und aus handelsüblichen Materialien einfach selbst hergestellt werden kann. Es wurde bereits 1971 von Lorraine Rothman entwickelt und als "Absauger von Menstruationsblut" getarnt: "Spät im Januar besuchte ich drei Frauen einer Gruppe von der Westküste, die sich mit den 'Absaugern' beschäftigten. Sie wurde 2017 von einer Sexualerzieherin, ich nenne sie Noah, auf einer 'Anti-Roe'-Plattform gegründet, die damit auf die Präsidentschaftswahl Donald Trumps reagierte. Wir vier saßen in einem Bungalow, aßen Käse und Cracker, während auf einem Bildschirm an der Wand ein Lagerfeuer knisterte. Die Gruppenmitglieder sprachen über den Zugang zu Abtreibungen - von dem sie hofften, dass er sich verbesserte, indem sie Aktivist*innen in stark regulierten Bundesstaaten das 'Absaugen' beibrachten. Sie hatten bereits Besucher*innen aus Kentucky und Texas geschult und planten, einige aus Ohio aufzunehmen. Nachdem wir fast zwei Stunden lang sprachen, reihten wir uns in einem Schlafzimmer für eine praktische Demonstration ein. Eine Frau, ich nenne sie Kira, schloss einen Del-Em an eine rosa Spectra-S2-Brustpumpe an. Nachdem sie angestellt wurde, begann die Maschine in regelmäßigen Intervallen zu surren und zu klicken, es klang wie ein schnarchender Roboter. Norah, die zwar nicht schwanger war, aber gerade menstruierte, zog sich von der Hüfte abwärts aus und legte sich aufs Bett. Gekonnt führte sie das Spekulum in ihren Vaginalkanal ein, um direkten Zugang zu ihrem Muttermund herzustellen. Kira begann, die Kanüle einzuführen. 'Ich bin an deinem Eingang' sagte sie und meinte die Öffnung des Muttermunds. 'Ist es in Ordnung einzudringen?' 'Leg los', antwortete Norah. Um die Zeit rumzubringen, begann die Gruppe zu plaudern - warum gibt es noch Fax? - bis Blut in dem Aquariumsschlauch erschien. Nach fünfzehn Minuten des Absaugens, verstopfte ein kleiner Klumpen, nichts Ungewöhnliches, die Kanüle. Weil das hier nur eine Übung war und Norah begann, Krämpfe zu bekommen, beschlossen sie aufzuhören. Kira entfernte die Kanüle und ließ sie in das Einwegglas abtropfen, in dem sich der Inhalt sammelte: 2,5 cm Blut. Und dann war es vorbei."

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - The Atlantic

Peter Pomerantsev hat neulich schon einen der klügsten Essays zum Ukraine-Krieg vorgelegt - da fragte er sich, welchen Namen Putins Verbrechen eigentlich tragen sollte (unser Resümee). Nun legt er einen ebenso faszinierenden Text vor, der letztlich von einer kommenden demokratischen Reeducation der Russen handelt. Wie genau sollen die Russen dereinst verstehen, dass sie in der größten je gemessenen Blase gelebt haben? Pomerantsev erzählt von einer ukrainischen Familie, die unfreiwillig über Wochen fünf russische Soldaten beherbergte - und vom Lernprozess dieser Soldaten. Es handelte sich um eine Art Ausnüchterung. Eine gute Sache gibt es dabei, so Pomerantsev: "Bei Putins berühmtem Propagandasystem ging es schon immer weniger darum, Begeisterung, sondern eher Zweifel und Unsicherheit zu schüren, und so viele Versionen der 'Wahrheit' zu verbreiten, dass die Menschen sich verloren fühlen und unter die Fittiche eines autoritären Führers kriechen." Pomerantsev schlägt für eine künftige pädagogische Arbeit mit den Russen das Gegenteil dieser Art von Propaganda vor: "So etwas wie Online-Rathaus-Versammlungen, an denen gewöhnliche Russen teilnehmen und in denen westliche Prominente mit großer russischer Fangemeinde wie Arnold Schwarzenegger (dessen jüngster Video-Appell an seine russischen Fans millionenfach angesehen wurde) ein anderes Russland ausmalen. Stellen Sie sich interaktive Medien vor, in denen die Russen nach Einzelheiten über die Geschehnisse an der Front fragen können und faktengestützte Antworten erhalten."

Magazinrundschau vom 22.03.2022 - The Atlantic

Seht ihr denn nicht, dass die Ukrainer gerade dabei sind, den Krieg zu gewinnen, fragt ein fassungsloser Eliot A. Cohen (Politologe und Autor des Buchs "The Big Stick - The Limits of Soft Power and the Necessity of Military Force"). Beweise für ein klägliches Versagen der russischen Invasion gebe es inzwischen genug. Der Westen soll aufhören, sich selbst als "schwach" zu betrachten, insistiert Cohen: "Die Ukrainer leisten ihren Beitrag. Jetzt ist es an der Zeit, sie in dem Umfang und mit der Dringlichkeit zu bewaffnen, wie wir es in einigen Fällen bereits tun. Wir müssen die russische Wirtschaft drosseln und den Druck auf eine russische Elite erhöhen, die im Großen und Ganzen nicht auf Wladimir Putins bizarre Ideologie des 'Überlebenswillens' und des paranoiden großrussischen Nationalismus hereinfällt. Wir müssen offizielle und inoffizielle Stellen mobilisieren, um den Informationskokon zu durchbrechen, in dem Putins Regierung das russische Volk vor der Nachricht bewahren will, dass Tausende seiner jungen Männer verstümmelt, in Särgen oder gar nicht aus einem dummen und schlecht geführten Angriffskrieg gegen eine Nation heimkehren werden, die sie nun für immer hassen wird."

Wer wissen will, wie es um das moderne Irland bestellt ist, dem empfiehlt Cullen Murphy wärmstens Fintan O'Tooles Buch "We Don't Know Ourselves", eine Mischung aus Geschichtsbuch und Memoir. Es beginnt in den 60ern: Irland war noch ein streng katholisches Land, Milch wurde noch im Pferdewagen geliefert, "die offizielle Version der irischen Geschichte war ein düsterer, grauer, pietistischer Nationalismus. Als die sterblichen Überreste von Roger Casement, der wegen seiner Beteiligung an der Vorbereitung des Osteraufstands hingerichtet worden war, von Britannien in einer Geste des guten Willens an Irland zurückgegeben wurden, war der Anlass von düsterer Feierlichkeit geprägt. Als Pfadfinder marschierte ich an einem Tag, an dem es regnete und schneite, in einem Zug hinter Casements fahnengeschmücktem Sarg her. Doch im selben Irland entstanden zur selben Zeit rund um den Flughafen Shannon und seine berühmten Duty-Free-Läden in Windeseile Gewerbegebiete. ... Tatsächlich, so schreibt O'Toole, existierten zwei sehr unterschiedliche Irlands unbehaglich nebeneinander, wobei keines das andere verdrängte: 'Irland' als Begriff war fast erdrückend kohärent und fest: Katholisch, nationalistisch, ländlich. Dies war die platonische Form des Landes. Aber Irland als gelebte Erfahrung war inkohärent und unbestimmt. Das erste Irland war abgegrenzt, geschützt, abgeschirmt von den unappetitlichen Einflüssen der Außenwelt. Das zweite war grenzenlos, beweglich, physisch auf dem Weg zu dieser Außenwelt. In dem Raum zwischen diesen beiden Irlands herrschte eine gespenstische Leere, ein Gefühl von etwas, das so unwirklich war, dass es ganz verschwinden könnte. Leere ist eigentlich nicht das richtige Wort. Wie O'Toole weiter ausführt, war dieser Raum reichlich gefüllt, und zwar durch die Heuchelei der irischen Führer und durch eine Art 'Doppelzüngigkeit' aller anderen - eine Art, zu sehen und nicht zu sehen, ein Lippenbekenntnis zu einer Reihe von Werten abzulegen, während man sein Verhalten an einer anderen festmacht."