Walden, Wurzeln, Bäume

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer
02.03.2011. Stark wald- und baumlastig ist die kommende Kinowoche: In "Man tänker sitt" hilft angesichts der schwedischen Mittelschicht-Suburbia-Gegenwart nur noch ein Gang nach Walden mit Henry David Thoreau. Und in Julie Bertucellis Australien-Ausflug "The Tree" wird ein Baum zur Metapher für einen verstorbenen Mann und Charlotte Gainsbourg richtet sich mit ihrer Tochter ein - in Metapher und Baum.


Ein schwedischer Vorort, Hecke an Hecke und Haus an Haus sitzt die Nachbarschaft in ihren Mittelschicht-Leben und spielt jene Normalität, die genau dann entsteht, wenn alle mitspielen und die immer vorhandenen Abweichungen durch Missachtung abstrafen oder gleich ganz ignorieren. "Man tänker sitt" nimmt diesen Ort, Hecke für Hecke und Haus für Haus, in den Blick, von draußen und drinnen, mit Perspektiven auf Terrassen und Gärten, Partys im Sommer und Joggen am Morgen, der graut. Allerdings in alles andere als normalisierender Absicht: es sind die Devianzen, die den Film interessieren. Und Devianz, so seine These, ist immer und überall, im eigenen Haus und in dem der freundlichen Nachbarn, ein Irrer, der das Hinterteil blank zieht, findet sich im Bach, der am eigenen Grundstück vorbeifließt und ganz bei Groschen ist auch der junge Vater nicht (ein Protagonist des Films), der seinem Sohn mitten auf dem Lidl-Parkplatz die Windeln wechselt.

Deviant ist auch Sebastian, die Zentralfigur von "Man tänker sitt", ein Elfjähriger, mit dessen Voiceover-Stimme der Film spricht. Allerdings sagt Sebastian seltsame Dinge, die stark abweichen von allem, was Elfjährige im richtigen Leben so sagen und denken. Um genauer zu sein: Sebastian nimmt das Motto des Films auf, das von Henry David Thoreau stammt. Es lautet: "Der größere Teil dessen, was meine Nachbarn gut nennen, halte ich in meiner Seele für schlecht; und wenn es etwas gibt, das ich bereue, dann ist es mit großer Wahrscheinlichkeit mein gutes Verhalten." Über die Mechanik der Gesellschaft spricht das Kind und über andere, einige Nasenlängen über seinem Kopf liegende Dinge. In seinem Tun allerdings versteht auch Sebastian was von Devianz, klaut die wertvolle Uhr aus der Schatulle der Mutter und lässt sie in den Abwasserkanal plumpsen. In Theorie und Praxis geht es also um das Porträt einer richtungslosen Gesellschaft, die in passiver Liberalität die Dinge treiben lässt, bis ein Unglück geschieht. Etwas merkwürdig bleiben die Gegenbilder, die "Man tänker sitt" entwirft: Mit Thoreau geht der Film waldenwärts in Richtung Wald und Gewässer.

Grün und Natur, dahin zieht es die Devianten, die es in den Zufahrtsstraßen, in den Gärten und auf den Terrassen des Kleinbürgeridylls nicht mehr aushalten. Erlösung oder Errettung jedoch verspricht auch dieser Ab- und Ausweg mitnichten. Der eine rudert im Kanu davon, der andere will sich auf der Suche nach irgendetwas im Boden vergraben. Nur führt das zu nichts, das Ende kann nur abrupt sein, ein gefrorenes Bild, das den Protagonisten ins Abseits stellt und in diesem Abseits stehen lässt, ohne dass irgendein Weg noch irgendwohin führt.



Manches kommt dazu, dass die Regie sehr ausdrücklich hinzutut, über den Thoreau-Kommentar deutlich hinaus. Dazu gehört die Musik, die das gelegentlich im Abendduster unscharf werdende Sommergeschehen choralisch in andere Sphären hebt. Einerseits werden außerdem einzelne Geräusche und Töne geradezu freigestellt, andererseits herrscht in manchen Situationen Schweigen und Stille. Auffällig und stark abweichend von der realistischen Beschreibungsnorm ist jedoch vor allem die Arbeit der Kamera. Was sie tut, ist in einem sehr buchstäblichen Sinn selbst deviant. Manchmal rückt sie den Figuren auf den Leib, an anderen Stellen aber schleicht sie eher tangential an ihren Gängen vorbei, ist ein Wesen für sich, dem zwischen der Handkameranähe und einer Überwachungskameradistanz von allen Seiten und auch von oben kaum etwas unmöglich scheint. Was so entsteht, ist ein eher videospielartiger Raum, in seiner Architektur bestimmt von willkürlich anmutenden Einstellungswechseln. Dazu passt eine Ranfahrt auf eine gezeichnete Skizze am Anfang, in der die Siedlung als Plan aufgemalt ist, mit einzelnen herausgehobenen Häusern und ihren Schicksalen darin.

Am interessantesten an dieser Skizze ist ihr Rand. Die akkurat verlaufenden Straßen und die an ihren Rändern liegenden Grundstücke scheinen ohne Anschluss an eine äußere Welt: naturhaft, organisch (oder gerade im Gegenteil mathematisch mandelbrotartig?) franst das aus in ein umgebendes Schwarzes. "Man tänker sitt" begreift, was er zeigt, strikt modellhaft. Dies ist gültige Beschreibung eines Gesellschaftausschnitts. Die laboratorienhafte Künstlichkeit der Anordnung wird an keiner Stelle geleugnet. Andererseits sorgt der fast schon luftdichte Abschluss des Psychodevianzszenarios dafür, dass vieles daran sich weniger im Wald am Rand eingräbt und/oder zu sich kommt, als dass es in der Beliebigkeit der Ausschnittwahl eher Luftwurzeln in recht abstrakt und leer (und gelegentlich ganz schön klischeehaft) bleibenden Gesellschaftsdiagnosebehauptungen schlägt.

Ekkehard Knörer

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Auf Terence Mallicks neuen Film "The Tree of Life", der sich jetzt, ein Jahr später, dem endgültigen Release anzunähern scheint, wartete man in Cannes 2010 noch vergeblich. Abfinden musste man sich statt dessen mit Julie Bertucellis handelsüblichem Arthaus-Gewächs "The Tree" als Abschlussfilm des Festivals.

Die französische Regisseurin zog es für ihren zweiten langen Spielfilm nach Australien. Gleich ein ganzes Haus wird am Filmanfang über pittoreske Landstraßen gekarrt, an deren Seiten die cinemascopebreite Leinwand endlose Hügel und Wiesen ausbreitet. Die Häuser stehen in den spärlich besiedelten australischen Weiten auf Stelzen, sie wirken auf den ersten Blick wie Provisorien, eher wie Besucher denn wie Festungen, die der Mensch in und gegen die Natur setzt.

Es geht dann aber doch erst einmal um Verwurzelungen. Charlotte Gainsbourg - die vermutlich ganz froh ist, dass sie zwischen zwei Lars-von-Trier-Assignments hier eine ruhigere Kugel schieben und ein entspannteres Verhältnis zu Mitmenschen, Flora und Fauna pflegen kann - wohnt in einem dieser Stelzenhäuser und muss die O'Neill-Sippe zusammenhalten, nachdem das Herz ihres Mannes aus heiterem Himmel mitten auf der Straße zu schlagen aufgehört hat. Sobald Gainsbourgs Dawn O?Neill den ersten Schock und die ersten Nervenzusammenbrüche in der Küche überwunden hat, scheint es mit ihr und ihren vier Kindern wieder aufwärts zu gehen. Doch die Rekonvaleszenz geht einher mit einer zunehmend pathologischen Fixierung auf einen gigantischen, äußerst fotogenen Feigenbaum, der neben dem Haus wächst.



Bis direkt an den Stamm dieses weit ausladenden Baums war das Auto des Ehemanns nach dessen Herzversagen noch gerollt. Im Laufe des Films beginnen sowohl Dawn als auch ihre bilderbuchblonde und bilderbuchsture Tochter Simone die Pflanze mit dem verstorbenen Gemahl / Vater zu identifizieren. Immer öfter ziehen sich beide zurück in die rauschende Soundscape des Baums und führen intime Zwiegespräche mit dem imaginären Gegenüber.

Man kann dem Film zugute halten, dass er auf esoterischen, seelenwandlerischen Unfug und aufdringlichen Familienkitsch zugunsten eines weitgehend realistisch anmutenden Familiendramas verzichtet. Freilich zugunsten eines Familiendramas, das von einer aufdringlichen Metapher überwuchert wird. Der Baum nämlich ist zwar nicht der Vater, aber er steht für die Erinnerung an den Vater und als solche beginnt er die Familie zu dominieren, er drängt sich ganz buchstäblich in ihr Leben. Äste brechen in das Haus ein, die riesigen Wurzeln bedrohen Wasserleitungen, auch eine vorsichtig begonnene neue Beziehung Dawns scheitert an dem grünen Giganten. Theoretisch ist das eine nette Konstruktion. Ob die Welt allerdings einen Film braucht, dessen Ambitionen sich darauf beschränken, eine solche nette - und gleichzeitig reichlich beliebige - Konstruktion über gute eineinhalb Stunden geschmackvoll, den Regeln und Klischees des besseren Arthauskinos gemäß aufzubereiten, steht auf einem anderen Blatt.

Lukas Foerster

Man tänker sitt. Schweden 2009 - Regie: Fredrik Wenzel, Henrik Hellström - Darsteller: Sebastian Eklund, Jörgen Svensson, Hannes Sandahl, Marek Kostrzewski, Bodil Wessberg, Silas Franceen, Christina Hellström, Ola Stenbrink

The Tree. Frankreich / Australien / Deutschland / Italien 2010 - Originaltitel: L'Arbre - Regie: Julie Bertucelli - Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Marton Csokas, Morgana Davies, Christian Byers, Tom Russell, Gabriel Gotting