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Im Kino

Vorzeige-Paranoiker

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
05.09.2012. Drew Goddards "Cabin in the Woods" blickt hinter die Kulissen des Horrorkinos und macht die Apocalypse popcorn-tauglich. Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy erwecken in "Die Fee" die Tradition des Slapstick-Kinos wieder zum Leben.


Fünf junge, aus dem handelsüblichen Klischeerepertoire zusammengestellte Menschen fahren mit dem Wohnwagen für ein Wochenende in ein Häuschen mitten im Wald. Auf dem Weg dorthin fahren sie durch den Beginn von Tobe Hoopers "Texas Chain Saw Massacre", während sich die Hütte in Sam Raimis "Tanz der Teufel" befindet. In dieser angekommen, entdecken sie im Keller denn auch ein Buch mit einigen Sätzen Latein, die, kaum ausgesprochen, einige Zombies im näheren Umfeld aus dem Boden kriechen lassen. Während Marty (Fran Kranz), dem obligatorisch spleenigen Vorzeige-Paranoiker, zu dämmern beginnt, dass seine kiffinduzierte Fantasie, an Strippen zu hängen, wahrer ist, als ihm lieb sein kann, begibt sich das obligatorische Pärchen auch schon ins nächste Gebüsch, um dort mit allen üblichen Slasherfilm-Konsequenzen seiner Lust nachzugehen.

Wie kaum ein zweites Genre arbeitet der Horrorfilm mit einem klar sortierten Repertoire an Regelwerken und Versatzstücken sowie einem quasi-folkloristischen Figurenensemble. Der Reiz vieler Filme ergibt sich auch im Spiel mit dem Kenntnisstand und den Erwartungen der Zuschauer, was Umsetzung und Variation (selten allerdings wirkliche Unterwanderung) dieser Statuten und Tropen betrifft: Um den Kern des Horrorfilms bildete sich mit der Zeit eine Kultur der Kennerschaft - insbesondere die (2011 nach langer Pause fortgesetzte) "Scream"-Reihe der 90er Jahre implementierte das Publikumswissen um die Regularien des Slasherfilms als zentralen Eigenbestandteil.

Auch "The Cabin in the Woods" zählt mit seiner anfangs fast schon lähmenden Überaffirmation trivialer Slasher-Motive zu der Sorte (in ihrer ausgestellten Cleverness zuweilen heftig nervender) postmoderner Meta-Horrorfilme, fokussiert dann aber einen etwas anderen Aspekt des Horrorkinos: den des Archivs des eigenen Bestiariums und der katalogischen Sachverwaltung der eigenen kulturhistorischen Vorläufer. In der von Joss Whedon verantworteten Serie "Buffy" tauchte zum Beispiel die Figur Rupert Giles (Anthony Stewart Head) auf, ein Archivar und Bibliothekar an der Seite von Vampirjägerin Sarah Michelle Gellar. Giles wusste stets zur rechten Zeit den passenden dämonologischen oder mythologischen Foliant aus dem Buchregal zu ziehen, um die Gegner aus der Hölle mit der Exaktheit obskurantisch-esoterischer Bestiarien samt ihrer Eigenschaften und Schwächen zu benennen. Der Gelehrte mit Zugriff auf Geheimwissen ist, wie schon Dr. Van Helsing in Bram Stokers "Dracula"-Roman zeigt, eine zentrale Figur des Genres, die zudem dessen eigene Wurzeln - darunter Mythologie, Folklore und Märchen - in der archivarischen Rückschau offen legt und kurzschließt. Zugleich sitzt der Gelehrte mit Zugriff auf Geheimwissen immer schon auch im Publikum: Die Bestiarien des Horrorfilms werden von den Fans säuberlich verwaltet und katalogisiert.



"Dies hätte anders laufen sollen", ist der zentrale Satz von "The Cabin in the Woods", dessen generische Übereindeutigkeit schließlich umschlägt in sehr ungenerische Originalität: Zwei Überlebende des Backwood-Horrorspektakels gelingt es, buchstäblich hinter die Kulissen des (wie man frühzeitig im Film sieht: bis hin zu Körperfunktionen totalüberwachten) Szenarios zu blicken, wo dieser Horrorfilm sich gewissermaßen von seiner Rückseite aus als eine Art Warenhaus seiner eigenen Kreaturen zu erkennen gibt und zugleich eine Art Meta-Mythologie des ganzen Genres anbietet, die direkt in die prähistorische Archaik verweist.

Von naseweisem "Oh my god, it's just like in the movies"-Gelaber wird man dabei glücklicherweise verschont, wie auch der Film selbst nicht darum bemüht ist, hinter jedem doppelten Boden noch einen dritten oder vierten hervorzuzaubern: Anders als "Scream"-Mastermind Wes Craven ist Joss Whedon, der auch hier als Drehbuchautor und Produzent verantwortlich zeichnet, kein dozierender Gelehrter, sondern in letzter Konsequenz smarter Entertainer, in dessen Händen selbst die Apokalypse noch popcorn-tauglich ist. Insbesondere in seinen genüsslich ausgelebten Exzessen gegen Ende entwickelt dieser nicht-triviale, modernisierende Genrefilm über die Trivialität eines nur mit einigen Mühen modernisierbaren Genres seinen besonderen Reiz: Da wird alles wieder recht basal und folgt einer an fröhlichen Eindeutigkeiten orientierten Schaulust. Dem Hype um diesen Film, der schon seit einigen Monaten aus den USA ins Ausland schwappt, wird "The Cabin in the Woods" aber dennoch kaum gerecht.

Thomas Groh

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Dom (Dominique Abel - groß, schlank, Trauer im Blick, aber da kann sich auch etwas anderes einnisten) ist Portier in einem Hotel, Fiona (Fiona Gordon - groß, schlank, große Augen, auf eine sehr gelenke Art ungelenk) ist eine Fee. Zumindest behauptet sie das, als sie im Hotel eincheckt, das Motorrad mit unendlich Benzin, das sich Dom von ihr wünscht, lässt auf sich warten - vorerst. Nach dem Einchecken ruft sie aus ihrem Zimmer mehrmals die Rezeption an, just immer dann, wenn Dom sich auf seinen Stuhl gesetzt hat, sich seinen Teller auf dem Schoß zurecht legt und dabei ist, in sein Sandwich zu beißen, während aus seinem Fernsehgerät die ersten Takte von "What a Difference a Day Makes" erklingen.

Diese erste längere Szene der Komödie zeigt gleich deren Konstruktionsprinzip an. Es geht nicht so sehr um überraschende Zuspitzung der (verbalen) Pointe, als um das zerdehnte Ausagieren von Bewegungs- und Bild-Ton-Konstellationen, die sich über Wiederholungen und Variationen fortpflanzen: Folgerichtigerweise stößt denn auch der fast blinde Kellner im Lokal "l'Amour Flou" nicht nur einmal, sondern gleich ein gefühltes Dutzend mal gegen die Wand hinter dem Tisch, an dem sich Dom und Fiona niedergelassen haben. Andere Gag-Serien drehen sich um einen Hund, der aufgrund des Haustierverbots im Hotel in einer Tasche versteckt wird oder werden während amüsanter Verfolgungsjagden ausagiert. Die schönste dieser Jagden findet vor dem Hintergrund altmodischer Rückprojektionen wie bei Alfred Hitchcock statt. Daneben stehen Szenen, die sich ganz von Handlungsimperativen lösen und eher dem Bewegungshandwerk der Pantomime entspringen, wie zum Beispiel ein Wasserballett im klarblauen Meer. Mit vorbeischwebenden Pastiktüten als Quallen.

Dominique Abel ist Belgier, Fiona Gordon Kanadierin, beide begeistern sich für den Zirkus, alte Slapstickfilme und klassische Pantomime. Im Leben sind sie seit über 30 Jahren ein Paar, den ersten gemeinsamen Spielfilm "L'iceberg" haben sie, gemeinsam mit Bruno Romy, dem dritten im Bunde, der auch vor der Kamera - als der oben erwähnte fast blinde Kellner - agiert, 2005 gedreht. "Die Fee" ist das erstes etwas großformatigerere Projekt der drei und bleibt doch ein Nischenfilm, ohne das crossover-Potential des unendlich glatteren "The Artist" zum Beispiel. Pate für diesen hoffnungslos unzeitgemäßen und auch nicht so ohne weiteres auf irgendeiner Retro-Welle mitschwimmenden Film stehen die Klassiker des Slapstickkinos, von Chaplin und Keaton bis insbesondere Jacques Tati, von dem "Die Fee" das Konzept übernimmt, die Gags nicht an eine einzelne Person zu binden, sondern demokratisch über das gesamte Personal, die gesamte filmische Welt zu verteilen. Wie bei Tati und seinen Vorgängern geht es auch bei Abel, Gordon und Romy immer um die filmische Form selbst, die nicht einfach Behälter für komisches Material sein soll, sondern selbst Humor birgt.

Auch Aki Kaurismäki scheint eine Referenz zu sein, darauf verweisen schon die etwas verhärmt anmutenden Physiognomien der Hauptfiguren und die Lakonie in der Bildgestaltung. Eine beliebig wirkende, aber deshalb möglicherweise umso sinnfälligere Parallele gibt es zu "Le Havre", der bislang letzten Regiearbeit des Finnen. "Die Fee" spielt ebenfalls in der nordfranzösischen Hafenstadt (nicht ganz in denselben Straßen allerdings, bei Kaurismäki geht es auch um die Enge der Gassen in der historischen Altstadt, die einen einerseits erdrücken kann, in der man aber andererseits auch temporäre Zuflucht vor dem Zugriff der Autorität findet, im französischen Film beanspruchen die aufwändigen Slapstick-Nummern mehr Platz, den weiten Raum) und es gibt noch weitere motivische Überschneidungen, nicht zuletzt tauchen in beiden Filmen afrikanische Flüchtlinge auf, die sich vor der Polizei verstecken müssen. Beide Filme sind im Kern rettungslos naive und ergreifend hilflose Märchen gegen die Kälte der Realität, Erzählungen über die Solidarität der Schwachen mit den Abgehängten, der Abgehängten mit den Ausgestoßenen. Da beide Filme letztes Jahr mehr oder weniger gleichzeitig in Cannes Premiere feierten, wird es sich dabei kaum um eine einseitige Aneignung, sondern vielmehr um das Aufscheinen einer Geistesverwandschaft handeln.



Die schlichte und in ihrer Reduktion doch wieder analytische Schönheit des Kaurismäki-Films erreicht "Die Fee" zwar nicht, dazu fällt zuviel auseinander in dieser trotz ihrer lediglich 90 Minuten Laufzeit manchmal über Gebühr aufgeblasen wirkenden romantischen Farce. Doch das kleine Stück genuinen Kinos, auf dem sich Abel, Gordon und Romy, irgendwo zwischen enthusiastischer Kleinkunst, low-tech-Kinonostalgie und humanistischer Empathie, eingerichtet haben, hat seinen ganz eigenen Reiz; und hoffentlich eine Zukunft.

Lukas Foerster

The Cabin in the Woods - USA 2010 - Regie: Drew Goddard - Darsteller: Chris Hemsworth, Kristen Connolly, Anna Hutchison, Fran Kranz, Jesse Williams, Richard Jenkins, Bradley Whitford, Brian White, Amy Acker, Tim De Zarn, Tom Lenk - Länge: 95 min.

Die Fee - Frankreich / Belgien 2011 - Originaltitel: La fée - Regie: Dominique Abel, Fiona Gordon, Bruno Romy - Darsteller: Dominique Abel, Fiona Gordon, Philippe Martz, Bruno Romy, Vladimir Zongo, Destiné M'Bikula Mayemba - Länge: 94 min.
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