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Im Kino

Goethe? Vergiss es!

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Jochen Werner
13.06.2012. Yorgos Lanthimos erzählt in "Alpen" von einer absurden Organisation, die nach Todesfällen die Verstorbenen für die Hinterbliebenen ersetzt. Arnon Goldfingers Dokumentarfilm "Die Wohnung" rekonstruiert die Biografie seiner deutsch-jüdischen Großeltern und führt dabei Gespräche, in denen hinter jedem Wort Abgründe lauern.

Die Alpen sind so großartig, dass sie jeden Berg auf der Welt ersetzen könnten. Sie selbst können aber von niemandem ersetzt werden. So begründet der Anführer "Mont Blanc" die Namenswahl, die er für die bizarre Organisation trifft, der er selbst vorsteht und deren Geschäfte er organisiert. Die Mitglieder, die allesamt die Namen der alpinen Berge als Pseudonyme annehmen, lassen sich von trauernden Angehörigen dafür bezahlen, die Rollen Verstorbener anzunehmen, um diesen den Abschied zu erleichtern. Schon nach wenigen Tagen sei der Schmerz um den Verlust gelindert, so verspricht Mont Blanc, bis er alsbald vollständig verschwinde.

Es geht freilich nicht darum, eine natürliche Fortexistenz im Leben der Hinterbliebenen vorzutäuschen, sondern vielmehr um grotesk redundante Reenactments vermeintlich prägender Episoden aus dem Vorleben der Verstorbenen: der Streit mit der kanadischen Verlobten im Lampenladen, der in der kalten Wirklichkeit zur Trennung führte, hier aber zum selbsterfundenen Happy End geführt wird; der emotionslos repetierte Satz beim mechanisch praktizierten Oralsex: "Hör nicht auf. Das ist wie im Himmel"; oder auch einfach nur: die Eltern, die das Double ihrer verstorbenen Tochter immer wieder aufs Neue auffordern, die Musik leiser zu stellen.

Man könnte hierbei an den wunderbaren Film "After Life" des Japaners Hirokazu Kore-eda denken, der ähnlich makelbehaftete Reenactments ins Zentrum einer Jenseitsvorstellung irgendwo zwischen einem kafkaesk-monströsen Behördenapparat und einer träumerischen Paradiesphantasie stellte - mit dem Grundgedanken, die Verstorbenen eine Ewigkeit lang in ihrer schönsten Erinnerung weiterleben zu lassen. Geradezu antithetisch scheinen sich die Erinnerungsbilder in Yorgos Lanthimos' Film dazu zu verhalten: von schmerzhafter Banalität oder erschreckender Egozentrik geprägt, verweisen sie vor allem unerbittlich immer wieder auf eine Leerstelle im Wesen der Protagonisten, die sich - darin liegt wohl die eigentliche Abgründigkeit im Zentrum von "Alpen" - nur allzu leicht überbrücken lässt.

Vielleicht ist es ebendiese Leere, die das verbindende Element zwischen vielen der oft enigmatischen, mal komischen, oft verstörenden Filmen des neuen griechischen Kinos ausmacht, das nach Athina Rachel Tsangaris "Attenberg", in dem Regisseur Yorgos Lanthimos als Schauspieler zu sehen war, nun mit "Alpen" erneut die deutschen Kinos erreicht. Wenn auch der oberflächliche Blick zunächst versucht sein mag, in den artifiziellen, scheinbar luftdicht vor der Außenwelt versiegelten Mikrokosmen in den Filmen von Lanthimos, Tsangari oder auch dem zuletzt mit "L" hochinteressant debütierten Babis Makridis nur die Zelebration der Absurdität um ihrer selbst willen und die eskapistische Abwendung von den scheinbar ausweglosen politischen Katastrophen der griechischen Gegenwart zu erkennen, so offenbart sich beim genaueren Heinsehen doch ein signifikant anderes Bild.

Wie Lanthimos bereits in "Dogtooth" vom Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit erzählte, das er in einem idiosynkratischen familiären Gefängnisszenario auf die Spitze trieb und letztlich zum Kippen brachte, zeichnet er auch in "Alpen" mit distanzierter Kühle und gerade dadurch umso subtiler verstörend das Porträt einer Gesellschaft, die sich in panischer Angst vor Verlust und Veränderung auf Gedeih und Verderb an einen Status quo klammert, der längst nur noch als Karikatur seiner selbst aufrecht zu erhalten ist. Die "Alpen" selbst hingegen, die als Kitt in den brüchigen, zerfallenden Leben der Klientel zu reüssieren versuchen, bestehen durchweg aus labilen, von unbestimmter Sehnsucht und teils durchaus dunklen Trieben gesteuerten Individuen, die es wohl mehr aus der Unfähigkeit heraus, es in sich und mit sich selbst auszuhalten, in immer neue Rollenspiele drängt. Am deutlichsten manifestiert sich diese grundlegende Instabilität in Gestalt der von Aggeliki Papoulia verkörperten "Monte Rosa", die in dem versuchten Einbruch bei einem Paar vermeintlicher Ersatzeltern oder auch bei einem inzestuösen sexuellen Übergriff ein geradezu autistisches Unvermögen belegt, zwischen auf verschiedene Weise (dys)funktionalen sozialen Bindungen zu differenzieren.


Auch wenn Lanthimos schließlich, in einer den Film beschließenden Klammer, jedenfalls einer seiner Protagonistinnen ein kleines, popkulturelles Happy End schenkt - wie schon in "Dogtooth", wo der revolutionäre Impuls durch VHS-Kassetten von amerikanischen Filmen wie "Flashdance" entzündet wurde, ist es auch hier eine verschüttete, uncool gewordene Trivialkultur, die vielleicht eine individuelle Rettung bergen könnte -, überführt er den absurden Humor von "Alpen" doch nie in eine Sphäre des Harmlosen oder Versöhnlichen. Anders auch als zuletzt Athina Rachel Tsangari, die durch die Zuspitzung der Verfremdung in den silly walks von "Attenberg" eine zweite Ebene der Artifizialität in die Inszenierung hineingibt, die die erste reflektiert und einordnet, bricht Lanthimos die hermetische Kunstwelt seiner Erzählung niemals auf.

Die Ironie von "Alpen" findet kein Außen und keine Erlösung, die in letzter Konsequenz doch eher erschreckende als erheiternde Empathielosigkeit der Menschen in dieser klinisch-sterilen Glaskastenwelt entlädt sich nicht in den Pointen der Episoden, die sich an ihnen ereignen. Vielmehr lädt sie sich im Verlauf des Filmes nur immer weiter auf, ohne jenen Außenstandpunkt, der zur Perspektivierung und somit zur humoristischen Relativierung vonnöten wäre, zuzulassen. Dadurch wird "Alpen" zum gleichermaßen absurden wie seltsam grauenhaften Zerrspiegel einer Gesellschaft, die sich von eigentlich allem längst abgekapselt hat.

Jochen Werner

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Mit 98 Jahren stirbt Gerda Tuchler in Tel Aviv. Die Wohnung, in der sie mit ihrem Ehemann Kurt 70 Jahre lang lebte, soll geräumt werden. Zuerst werden die zu weiten Teilen deutschsprachigen Bücher begutachtet und größtenteils entsorgt ("Goethe? Vergiss es!"; Balzac hat auch keinen Wiederverkaufswert). Als müsste man zunächst eine Art von Erinnerung entfernen, um auf eine andere zugreifen zu können. In einer tieferen Schicht dieses biografischen Archivs stoßen die Hinterbliebenen auf einen Artikel aus dem Angriff, der Berliner Gauzeitung der NSDAP, einem der schlimmsten Propagandablätter: "Ein Nazi fährt nach Palästina". Ausgehend von diesem Fund rekonstruiert der Enkel Arnon Goldfinger eine Familienchronik.

Im Zentrum der ziemlich unglaublichen Geschichte, die "Die Wohnung", vor allem über eine Serie von Interviews, ausbreitet (und die man teilweise auch über diesen Zeitungsartikel Goldfingers erschließen kann), stehen zwei befreundete Familien: Die deutsch-jüdischen, assimilierten Tuchlers und die deutschen Nationalsozialisten von Mildenstein. Leopold von Mildenstein, ein führender Ideologe der NS-Bewegung, der unter anderem als Wegbereiter Eichmanns galt (und nach dem Krieg mithilfe eines "bereinigten" Lebenslaufs Karriere als Pressesprecher von Coca-Cola Germany machte), war jener Nazi, der 1934 nach Palästina fuhr und eine zwar von antisemitischen Klischees gesättigte, aber in einigen Aspekten wohlwollende Artikelserie über die zionistischen Bestrebungen der Zeit verfasste. Von Mildensteins Freund Kurt Tuchler und auch dessen Frau Gerda waren Teil der Reisegruppe.

Einige (rechte wie linke) Verschwörungstheoretiker haben die Artikelserie zum Anlass genommen für widerwärtige Versuche, Nationalsozialismus und Zionismus als Bundesgenossen zu beschreiben (auf Links verzichte ich hier, zur Not hilft google). Goldfinger dagegen interessiert sich für die Menschen, die zur Geschichte, vor allem aber zu seinem eigenen Affekt quer zu stehen scheinen: Der eigentliche Skandal besteht für ihn darin, dass die Freundschaft zwischen den rechtzeitig emigrierten Tuchlers - eine Urgroßmutter allerdings starb im KZ - und den von Mildensteins sich auch nach dem zweiten Weltkrieg und der Shoah fortsetzte; in der Wohnung der Großmutter finden sich nur einige spärliche Hinweise, aber ein Besuch bei Edda von Mildenstein, der Tochter Leopolds, die nach jahrzehntelangem Aufenthalt in England das väterliche Anwesen in Wuppertal übernommen hat, lässt keinen Zweifel: eine umfangreiche Korrespondenz, gemeinsame Urlaubsfotos aus Österreich, eine Halskette als Geschenk für die Tochter.


Gerda und Kurt Tuchler verheimlichten ihren Kindern und Enkeln nicht die jährlichen Deutschlandreisen, wohl aber die Identität ihrer Gastgeber. Die Dynamik des Films wird bestimmt von einer Serie von Begegnungen, in denen sich die Widerstände gegen den Blick auf die Vergangenheit langsam zu lösen beginnen: Arnon Goldfinger spricht mit Edda von Mildenstein über deren Vater und stößt auf eine komplexe Gemengelage aus Nichtwissen und Verdrängung; er spricht mit seiner eigenen Mutter über deren Verhältnis zur Großmutter und den Unwillen beider Frauen, sich allzu genau mit der Familiengeschichte zu befassen. Und schließlich überredet er seine Mutter zu einem weiteren, gemeinsamen Besuch bei Edda von Mildenstein.

Dieser zweite Besuch ist zweifellos der interessanteste Abschnitt des Films: Die beiden Nachkommen der Tuchlers stehen gemeinsam mit der sehr zuvorkommenden, aber immer nervöser werdenden Tochter Leopold von Mildensteins in demselben Garten, in dem vermutlich auch die damaligen von Mildensteins einst ihre Gäste aus Israel empfangen hatten, und sie führen Gespräche, in denen hinter jedem Wort Abgründe lauern und die selbst aus der sicheren Distanz des Kinosaals nur schwer zu ertragen sind. Ein befreundeter Amateurhistoriker ist auch mit dabei, der hat (anders als Goldfinger) keine Beweise für die fortgesetzte Tätigkeit Leopold von Mildensteins im Staatsdienst nach 1937 gefunden: "Ich würde sagen: unbescholten. In dieser Richtung alles in Ordnung". Dann folgt ein Schnitt auf ein typisches, idyllisches Kleinstadtpanorama am Rande Wuppertals; im Hintergrund weht eine Deutschlandfahne.

Lukas Foerster

Alpen - Griechenland 2011 - Originaltitel: Alpeis -Regie: Giorgos Lanthimos - Darsteller:Aggeliki Papoulia, Aris Servetalis, Johnny Vekris, Ariane Labed, Stavros Psyllakis, Efthymis Filippou, Eftihia Stefanidou - Länge: 93 min.

Die Wohnung - Deutschland / Israel 2011 - Originaltitel: Ha'dira - Regie: Arnon Goldfinger - Länge: 97 min.

Archiv: Im Kino

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20.04.2016. "Gods of Egypt" erzählt in bunter Fabulierlust - inklusive einer Art antiken Multitasking-Wikipedia - vom Kampf einer bunten Götterwelt gegen den Monotheismus. in "Chevalier" überwachen nicht der Staat oder Kameras die konkurrierenden Männer - sie tun es von selbst. Mehr lesen

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14.04.2016. Etwas Unerhörtes artikuliert sich in Nicolette Krebitz' fragil widerspenstigem "Wild", der vom Leben in der Stadt, von Begehren und einem Wolf erzählt. Nabil Ayouchs "Much Loved" beschreibt den Alltag dreier Sexarbeiterinnen in Marrakesch. Mehr lesen

Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky: Die Ehre der ausländischen Teufel

06.04.2016. Ein mönchischer Kampfsportheld nimmt in Wilson Yips "Ip Man 3" zum wiederholten Mal den Kampf gegen diverse harte Jungs auf. Ein "Book of Climaxes" öffnen Guy Maddin und Evan Johnson in "The Forbidden Room" (und schichten Udo Kier auf Charlotte Rampling auf Ariane Labed auf Mathieu Amalric etc.) Mehr lesen

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Lukas Foerster, Patrick Holzapfel: Hypnose statt Kohärenz

24.03.2016. Einen Superheldenvergleich stellt Zack Snyder in "Batman v Superman - Dawn of Justice" an. Apichatpong Weerasethakuls soeben auf DVD erschienener erste Langfilm "Mysterious Object at Noon" zeigt durch einen somnambulen Filter die Enstehung von Träumen. Mehr lesen

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17.03.2016. Der Verzicht ist Programm in Kevin Reynolds authentizitätsfixierten Bibelfilm "Auferstanden". Phil Collins gelingt in "Tomorrow Is Always Too Long" einigen kitschigen Scherenschnitten zum Trotz ein angenehm zwischen Affirmation und Dekonstruktion pendelndes Stadtporträt Glasgows. Mehr lesen

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09.03.2016. László Nemes' Holocaustfilm "Son of Saul" strebt trotz der behaupteten radikalen Subjektivität in die Richtung einer hochästhetisch verdichteten "grand récit" von Auschwitz. Jay Roach beschreibt in "Trumbo" das antikommunistische "blacklisting" als Privatvergnügen einer Society-Reporterin.
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