Im Kino
Zwei Fremde auf dem Weg ins Nichts
Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel
08.04.2026. Ihre Sprache ist die einer Verstummten: Die Hauptfigur in Barbara Lodens einzigem langem Spielfilm bewegt sich durch ein wasteland ohne Freiheitsversprechen. "Wanda" ist ein Klassiker des feministischen Kinos, der mit über 50 Jahren Verspätung die deutschen Kinos erreicht.
Barbara Lodens Wanda ist der Film einer Frau, die wusste, was das Kino anrichten kann. "Als Kind hasste ich das Kino", sagte sie einmal. "Die Menschen auf der Leinwand waren so perfekt und ich fühlte mich ihnen unterlegen." Loden ist oder spielt Wanda. Eine Frau ohne Bildung und Hoffnung, die nach einer Scheidung zwischen Schutthalden in Pennsylvania umher irrt. Sie ist alles andere als "perfekt". Die Kamera filmt sie aus großer Ferne in diesem Gelände, als wäre sie längst im Staub der Kohlebergwerke verdunstet. Die Schnitte sind abrupt und erzählen von Härte und Brüchen. Wiederholt blickt die Frau zu Boden oder wendet ihre Schultern von der Kamera ab. Sie schämt sich, am Leben zu sein. Sie schämt sich, ein Bild zu sein. Vielleicht ist Scham das falsche Wort. Sie kann es nicht ausstehen, weiß aber nicht, was es sonst geben könnte. Einmal steht sie in einem Einkaufszentrum vor einigen Mannequins. Wieder Bilder einer perfekten Welt. Das Kino, Mannequins, Fantasien. Wie so oft im Film ist ihr Blick nicht zu deuten. Stets scheint diese Frau nichts zu sehen oder alles bereits gesehen zu haben. Sie ist einfach da in dieser Welt der Erwartungen an sie als Frau. Eine Welt, in die sie nicht passt.
Zu ihren Kindern und zu ihrem Ex-Mann hat sie keinen Bezug. Sie weiß nicht wohin, sie weiß nur, dass sie dieser Welt entkommen muss. In ihren Haaren stecken Lockenstäbe, aber man sieht sie niemals mit Locken. Da ist nur die Idee von Locken. Etwas, das man tut. Etwas, das erwartet wird. Sie trifft zufällig auf einen äußerst nervösen Verbrecher und bleibt bei ihm. Er misshandelt sie. Einmal schickt er sie los, um Hamburger zu besorgen. Sie bringt ihm die Hamburger mit Zwiebeln. Er schreit sie an, er habe doch extra gesagt, dass er keine Zwiebeln wolle. Manchmal kann sie sich vorstellen, dass mit ihm ein anderes Leben möglich wäre. Zumindest handelt sie so. Ihre Sprache, das bemerkte bereits Marguerite Duras, die den Film verehrte wie kaum einen anderen, ist die einer Verstummten. "Wir hatten nie eine andere Wahl als das Schweigen. Selbst die sogenannten emanzipierten Frauen laut eigener Erklärung."
Wanda nickt und schluckt. Sie sagt nichts. Sie wehrt sich nicht, aber man merkt ihr an, dass sie sich wehren will. Nur einmal lächelt sie wirklich im Film, als Mister Dennis, der von Michael Higgings verkörperte Verbrecher, ihr sagt: "You did good." Ihren Wert kann sie nur in den Augen des Mannes fühlen. Sie rauben eine Bank aus. Ein wilder, seltsam hoffnungsloser Plan mit Dynamit und zwei Autos. Bonnie und Clyde ohne Romantik. Es geht schief. Mister Dennis lässt sein Leben. Wanda driftet weiter. Sie driftet, so wie viele Charaktere im New Hollywood Kino gedriftet sind, nur dass es in ihrer Bewegung durch das US-amerikanische wasteland kein Freiheitsversprechen gibt. Loden zeigt eine Welt, in der eine Frau ohne Mann keinen Ort hat. Das Leben ist ein Gefängnis für die Frau im Patriarchat. Wenn es eine Befreiung gibt, dann ist es die Existenz des Films selbst.

Es ist ein feministischer, ein humanistischer Aufschrei, der bei seinem ursprünglichen Release in den 1970er Jahren in den USA mitunter wütende Reaktionen hervorrief. Pauline Kael, sowieso nicht bekannt für ihre Feinfühligkeit oder die Haltbarkeit ihrer filmkritischen Perspektiven, bezeichnete die Hauptfigur als "ignorant slut" und spiegelte damit die Enttäuschung einer feministischen Generation, die andere Narrative für Frauen wollte. Tatsächlich ist diese Wanda ein Opfer. Sie ist eine ungebildete Frau, eine derjenigen, die schlecht ausgestattet ins Leben gestartet sind. Der Unterschied zu den Diskursfilmen, die heute mit feministischem Aufbegehren realisiert werden, besteht darin, dass Wanda ein Mensch ist und keine Figur. Sie soll nichts repräsentieren. Sie ist einfach nur. Sie präsentiert keine Lösungen. Da ist nur ein vages Bewusstsein für die Ungerechtigkeit ihrer Situation. Es drückt sich in einer Fluchtbewegung aus, in kleinen Gesten und Blicken. Aber es bleibt stumm. Die Schauspielerin Loden bleibt stumm, die Filmemacherin Loden zeigt die Stummheit.
Wanda ist die "dumme Blondine", in deren Rolle auch Loden lange Zeit steckte, wie sie selbst einmal in einem Interview mit der New York Times zu Protokoll gab. Nach einer Arbeit als Pin-up und später als Schauspielerin in unter anderem "Wild River" und "Splendor in the Grass" ihres Ehemanns Elia Kazan, der während seiner glorreichen Karriere nicht einen einzigen Film von solcher Wucht realisiert hat wie "Wanda", war es vor allem ihre Theaterrolle als Maggie in Arthur Millers After the Fall, die ihr großen kritischen Zuspruch zukommen ließ. Die Rolle, die mehr als subtil auf Marilyn Monroe basiert, war Loden auf den Leib geschneidert. Es war die Rolle einer einsamen Frau, die nicht herausfinden kann, wer sie eigentlich ist, weil sie längst eine andere geworden ist, eine Fantasie, ein Bild. Die Rolle einer "hill-billy's daughter who grew up in a broken home", wie Loden ihr eigenes Aufwachsen einmal umschrieb.
Maggie, Loden, Wanda, die Grenzen verschwimmen. Es ist unmöglich die Filmemacherin von ihrer Figur zu trennen in "Wanda". Nathalie Léger hat mit Supplément à la vie de Barbara Loden ein faszinierendes Buch genau darüber geschrieben. Der Film ist auch die Darstellung und die Darstellung ist der Film, was die filmische Sprache der Regisseurin nicht kleinreden soll. Kameramann Nicholas Proferes, der aus dem Umfeld der Direct-Cinema-Bewegung kommt und auch bei Lodens beiden späteren Kurzfilmen, "The Frontier Experience" und "The Boy Who Liked Deer", eine eigentümliche Mischung aus rauer Unverblümtheit und würdevoller Zärtlichkeit in den Bildern herstellte, arbeitet mit hohen Kontrasten, die in der digitalen Restaurierung nicht so deutlich zu Tage treten wie in der 35mm-Kopie. Es sind Bilder des Realismus, die das Schöne im Hässlichen finden.

Inspiriert zu "Wanda" wurde Loden von einem Zeitungsartikel über einen fehlgeschlagenen Bankraub von einem Mann und einer Frau. Die Frau wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt und als der Richter das Urteil verkündete, dankte ihm die Frau von ganzem Herzen. Im Film geschieht anderes und doch ist es das Gleiche. Die Frau ist dankbar. Es ist ihre beste Chance. Lieber ein Verbrechen als die Hölle des bisherigen Lebens. Sie kann nicht entkommen. "I can't do it!", schreit sie Mister Dennis im winzigen Motelzimmer an. Sie übergibt sich. Er sagt: "Come on!" Sie solle sich zusammenreißen. Der Mann entscheidet. Die Frau kotzt und schweigt.
Loden filmt dieses Gefängnis aus drei Perspektiven, die jede das Leben als Mysterium wahrnimmt. Die Kamera steht vor den Ereignissen, ohne sie zu begreifen. Einmal ist da der Blick von Wanda auf die Welt, beispielsweise auf den langen Autofahrten im metallblauen Buick Skylark. Mister Dennis schläft, er leidet an Migräne. Wanda fährt und betrachtet ihn. Sie kann ihn nicht verstehen. Sie sieht nur seinen schwitzenden Nacken, seine gerötete Haut. Die körperliche Anziehung zwischen beiden bleibt ein Rätsel. Vermutlich gibt es sie nicht. Sie ist einfach eine Voraussetzung für Wanda, um zu überleben. Außerdem gibt es den Blick des Mannes auf Wanda. Es ist ein sexualisierter Blick. Er sagt ihr, was sie anziehen soll, wie sie ihre Haare tragen soll. Dabei bleibt sie ihm völlig fremd. Zwei Fremde auf dem Weg ins Nichts. Der dritte Blick ist der von Loden auf Wanda. Auch sie versucht, ihre eigene Figur, sich selbst zu verstehen. Das ist die große Stärke des Films, der deutlich macht, dass die Umstände eines Lebens, die sozialen Systeme, lesbar sind, nicht aber die Menschen, die unter ihnen leiden.
Wenn man nichts hat, ist man nichts, heißt es einmal sinngemäß. Dieses Nichts-Sein zu filmen, ist die große Leistung Lodens. Wanda ist wer, der niemand ist. Man folgt ihr, weil man nie daran zweifelt, dass es sie wirklich gibt. Als der Film vor acht Jahren in den USA zur Wiederaufführung gebracht wurde, überschlugen sich die begeisterten Kritiken. Die Filmkultur rühmt sich gern ihres eigenen Fortschritts, tilgt die Verfehlungen der Vergangenheit. Wenn nun Grandfilm diese Arbeit zum ersten Mal in die deutschen Kinos bringt, darf nicht vergessen werden, dass es Wanda noch immer wirklich gibt. Es handelt sich bei ihr und diesem Film nicht um eine Stimme aus der Vergangenheit, die man zur Geltung bringen will. Vielmehr ist es ein Schweigen aus der Gegenwart.
Patrick Holzapfel
Wanda - USA 1970 - Regie: Barbara Loden - Darsteller: Barbara Loden, Michael Higgins, Frank Giordano, Valerie Manches - Laufzeit: 102 Minuten.
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