Im Kino

Mehr in sich hinein als in die Welt hinaus

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
08.07.2026. Ein Familienschlamassel in Thüringen: Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes" erzählt von kommunikativen Blockaden und einer Teenagerin, die den Versuch unternimmt, sich diese vom Leib zu singen.

Plötzlich steht die Pension zum Verkauf. Im Internet. Matze (Max Riemelt), der Sohn der beiden Betreiber, wusste nichts davon. Jetzt wischt er sich auf dem Handy durch die Bilder der Annonce. Vertraute, altmodische Räume voller Schatten und Holz, das eigene, stets ein wenig dämmrige Zuhause, plötzlich zu haben für jeden, der ein paar Hunderttausend Euro auftreiben kann.

Die Anzeige ist, so scheint es, eine weitere Eskalationsstufe in einem Familienstreit, der streng genommen gar kein Familienstreit ist, weil ein Streit ein halbwegs klar eingrenzbares Streitthema benötigt. Eher handelt es sich um ein Familienschlamassel, eine geteilte pauschale Genervtheit, einen Dauerkonflikt, der keinen Anlass braucht, sondern sich immer wieder neue Anlässe sucht. Jeder hat Gründe, auf jeden sauer zu sein, in jedem Satz schwingt Ungesagtes, Unverarbeitetes, Unvergebenes mit. Eingeschnapptsein ist Gesprächsgrundlage, tendenziell die einzige. Jeder versteht alles miss, grundsätzlich und systematisch. Je mehr Familienmitglieder beisammen sind, desto schwieriger wird's. Die Familienmitglieder, das sind neben Matze und seine Eltener Friedrich (Peter René Lüdicke) und Christel (Rahel Ohm) noch Leas Tochter Lea (Frida Hornemann), sowie Leas Mutter Rieke (Gina Henkel), die sich gerade von Matze getrennt hat und von einem anderen schwanger ist; sowie Leas Tante Kati (Eva Löbau) und deren pubertierender Sohn Edgar (Florian Geißelmann). Allesamt wohnen sie in Greiz, einer Kleinstadt in Thüringen, umgeben von wunderschönen, sattgrünen, nebelverhangenen Wäldern. Eine sehr analoge Welt ist das, evoziert in engen, sinnlichen, beweglichen Einstellungen, oft nah an den Körpern, durchweht von mal melancholischer, mal sonderbar abgeklärter Popmusik.

Vor allem die Teenagerin Lea hat immer weniger Lust auf das Familienschlamassel. Sie nimmt an einem Talentwettbewerb Teil - und plötzlich gibt es neben ihrer thüringischen Lebenswelt, in der das malerische Naturschöne nicht zu haben ist ohne kleingeistige Enge, noch eine andere, eine Fernsehwelt. Eine Welt, in der alles bunt ist und energetisch und uplifting, zumindest rhetorisch. In der jeder etwas Besonderes ist oder jedenfalls zu sein hat. Etwas ganz Besonderes sogar. Sie selbst weiß vorläufig noch nicht, was das ganz Besondere an ihr ist. Aber sie wird es sicher herausfinden. Das Lied, mit dem Lea in der Talentshow, die Eva Trobischs Film eng an realen Vorbildern entlang imaginiert, brilliert, ist in der Tat etwas ganz Besonderes. Der Schönheit dieses Liedes und überhaupt Leas Gesangstalent kommt man im Film erst nach und nach auf die Schliche. Eher in sich hinein als in die Welt hinaus singt Lea, melodisch und sanft, ohne Druck, ohne Powerpress. Wenn sie singt, schweigt die Welt und auch das Familienschlamassel ist ein paar Minuten lang suspendiert. Selbst Mutter und Tochter, die einander sonst gar nichts mehr zu sagen haben, schließen sich nach dem Fernsehauftritt kurz in die Arme.

Lange hält der Frieden nicht. Lakonisch schneidet der Film von der modernen Hochhauswelt von München, wo das Fernsehstudio steht, auf die sehr altdeutsch-ostdeutsche Kleinstadtfassaden von Reiz, wohin Lea nach ihrem Auftritt zurückkehrt. Trobischs Film lässt sich von der schönen bunten Fernsehwelt nicht infizieren, hält Abstand von deren Selbstoptimierungs- und Wettkampfrhetorik. Ob Lea es "ganz nach oben" schafft: Das ist eine Frage, die sich im Film niemand zu stellen scheint, auch sie selbst nicht. Eine Krise löst das Fernsehen in Leas Umfeld hingegen mit einer scheinbar harmlosen Forderung aus: Als fluffiger Wohlfühlcontent zwischen den kompetitiven Segmenten soll eine "Home Story" über die aufstrebende Sängerin produziert werden. Wer aber will das eigene Leben im Fernsehen breitgetreten sehen? Im thüringischen Greiz zumindest kaum jemand. Die Schule mit dem peinlich-tüddeligen Lehrer sollen sie nicht filmen, findet Lea, ihre Freundin, die was mit ihrem Cousin angefangen hat, lieber ebenfalls nicht, die Mutter schon gleich gar nicht… aber vielleicht Tante Kati, die an der Restaurierung eines alten Barockschlosses beteiligt ist, dafür sogar EU-Gelder nach Greiz gelockt hat - und zum Dank von der gesamten Familie bis auf Lea geschnitten wird.

Auch zwischen Kati und Lea ist bald nicht mehr alles eitel Sonnenschein. Die eine gibt zu viel, die andere zu wenig von sich Preis. Die Fernseh-"Home Story" bleibt Patchwork, wenn nicht gar Lüge, weil es die eine, alles erklärende und rettende Story nicht geben kann. "Home Stories", im Plural, lautet der internationale englische Titel dieses schönen Films, in dem sich (Familien-)Geschichten und (deutsch-deutsche) Geschichte überlagern. Es ist ein Film, der weniger daran interessiert ist, diese Geschichte(n) auszuformulieren, als daran, eine Ahnung davon zu geben, wie es ist, mit ihnen zu leben. Ob man will oder nicht. 

Lukas Foerster

"Etwas ganz Besonderes/Home Stories." Regie und Buch: Eva Trobisch. Mit u.a. Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau, Gina Henkel, Rahel Ohm, Peter René Lüdecke, Florian Geißelmann, Yvon Sable Moltzen. Laufzeit 116 Minuten.