Im Kino
Wo Nuancen drohen
Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
01.04.2026. Julia Ducournaus neuer Film will viel - aber was genau? Ziellos und auf die Dauer eher anstrengend manövriert "Alpha" zwischen Pandemie-Plot, Inseln der Empathie und Body-Horror-Geböller.
Wenn ein Film ganz viel will, trägt es ihn auch gerne mal aus der Kurve. Ambitioniertheit und Zerfransung hängen manchmal eng zusammen. Im Fall von Julia Ducournaus dritten Film "Alpha" kann man zumindest spekulieren, dass der Druck recht hoch gewesen sein muss. Ihr zweiter, "Titane", hat in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Der neue will es denn auch wissen. Was sich paradoxerweise daran zeigt, dass er nicht genau zu wissen scheint, was er will.
Vieles läuft nebeneinander her: eine Pandemie-Erzählung, ein Junkie-Drama, eine Familiengeschichte, ein Coming-of-Age-Szenario, eine Dystopie, nach den ersten beiden Filmen der Regisseurin obligatorische Body-Horror-Versatzstücke. Nichts findet wirklich zusammen, und dieses Auseinanderfallende, Sprunghafte ist im Kontext von Julia Ducournaus Werk schon auch interessant. Schließlich war das Überschießende, Sprunghafte und Unvorhersehbare stets Teil der singulären Seherfahrung, die ihre Filme bereiteten: Auch "Titane" wusste nicht genau, was er will, aber in dem Sinn, dass Kontrolle, so zumindest das Gefühl beim Sehen, abgegeben wird. Plotlogik, Figurenpsychologie und generell Stringenz diffundierten in einen filmästhetisch aufwändigen Fiebertraum.
"Alpha" verbleibt hingegen in den Konventionen des narrativen Kinos, fühlt sich dort aber sichtlich nicht wohl. Eigentlich eine geradlinig erzählbare Geschichte: Das dreizehnjährige Mädchen Alpha (Mélissa Boros) ist eventuell mit einem Virus infiziert, das in der Hafenstadt Le Havre massenhaft grassiert. Die Körper der Erkrankten werden zu Marmor und erstarren. Das Virus wird durch Sex und, vielleicht, Blut übertragen. Alpha wird als Infizierte an ihrer Schule gemobbt. Womöglich hat sich das Virus durch eine Spontantätowierung im Rausch auf einer Party übertragen. Um Nadeln geht es in diesem Film oft, eines der vielen Motive, für die Ducournau immer wieder kurze, eindrucksvolle Bilder findet, dann aber nicht mehr viel mit ihnen anzufangen weiß. Am Anfang verbindet die junge Alpha die Einstiche auf dem Arm ihres drogensüchtigen Onkels Amin (Tahar Rahim im Leiden-für-die-Schauspielkunst-Modus, mit zwanzig Kilo weniger als sonst) mit dem Edding.

Amin will sterben, wird aber von Alphas namenlos bleibender Mutter (Golshifteh Farahani) auch nach dem zwölften Zusammenbruch am Leben gehalten. Im Erzählstrang, in dem es um den suizidalen Junkie geht, scheint immer wieder so etwas wie Empathie auf. Also ein Verhältnis zu den oder auch ein Blick auf die Figuren, der in den Filmen Ducournaus bislang nicht allzu präsent war. Alpha versteht ihren Onkel, die Interaktionen zwischen den beiden sind die einzigen zärtlichen in diesem ansonsten wieder einmal betont harschen Film.
Sie halten aber nicht lange, auch weil gefühlt mehr als die Hälfte des Films mit überproportional laut abgemischter Musik zugedröhnt wird. Das kann orchestrales Geböller sein oder auch eine hektische Klaviermelodie, die sich über ein Familienessen legt. Wo Nuancen drohen, wird alles fix zugekleistert. Der Eindruck, dass das auditive und immer wieder auch visuelle Spektakel immer dann einsetzen, wenn die nicht unberechtigte Sorge aufkommt, dass Plot und Figuren den Film alleine nicht tragen, drängt sich auf.
Zumindest dieses Problem hatte "Titane" nicht, und Julia Ducournau ist an einzelnen Sequenzen, Körperinszenierungen (hier sind es nicht mehr die gewaltsamen Zerstörungsmomente von Geschlechterdichotomien, sondern Hautoberflächen) und drastischen Momenten spürbar mehr interessiert als an Kohärenz. Was ja erstmal kein Problem ist und im Fall von "Titane" die Voraussetzung dafür war, dass der Film in ein recht manisches Halluzinieren verfallen konnte. Alpha jedoch ist als Epidemie-Drama angelegt und ein Film, der schlicht nicht weiß, was er mit seiner Geschichte anfangen will. Ins Manische kippt er zu keiner Stelle, aber er lässt seiner Geschichte und seinen Figuren eben auch nicht den Raum, den beide bräuchten, um sich zu entfalten.
Stattdessen hangelt sich das Geschehen von Sequenz zu Sequenz, jede für sich schon immer wieder eindrucksvoll, aber in der Unverbundenheit eher ermüdend. Überwältigungskino, das nicht überwältigt. Sondern martialisch mit dem Hammer rumschwingt, um ihn dann einfach in die Ecke zu stellen - und dann ist irgendwann Abspann. Auf keinen Fall zu früh.
Benjamin Moldenhauer
Alpha - Frankreich 2025 - Regie: Julia Docournau - Darsteller: Mélissa Boros, Golshifteh Farahani, Tahar Rahim, Finnegan Oldfield - Laufzeit: 128 Minuten.
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