Im Kino
Ironische Dauerdistanz
Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
20.05.2026. Guy Ritchie arbeitet schon seit Jahrzehnten an einem in sich konsistenten Werk, das sich, Film für Film, um die Dialektik von Kontrolle und Kontrollverlust dreht. Sein neues Werk "In the Grey" gehört nicht zu seinen besten, und ist doch wieder ein typischer Ritchie.
Unter den in den 90ern an verschiedenen Orten der Welt auftauchenden Filmemachern, die stark von Quentin Tarantinos ersten Filmen beeinflusst wurden, ist der Engländer Guy Ritchie derjenige, der seitdem am erfolgreichsten und konstantesten arbeitet. Nichts wäre freilich falscher, als ihn für einen bloßen Epigonen zu halten. Vielmehr fungiert Tarantinos Erfolg als Initialzündung für ein Werk, das seit Ritchies Debüt, der grotesken Gaunerkomödie "Bube, Dame, König, Gras" (1998), strikt nach eigenen Regeln funktioniert. Und das, nach einigen hierzulande nur im Streaming ausgewählten Filmen nun wieder auf der großen Leinwand angekommen ist, mit dem starbesetzung Action-Thriller "In the Grey".
Ritchie hat in verschiedenen Genres gearbeitet; seine Figuren sind Gangster oder Diebe, Dealer oder Diamantenhändler, Spione oder Ritter der Tafelrunde. Was sie alle gemein haben: sie sind Zocker und Adrenalinjunkies. Gewalt dient ihnen nicht als Mittel zur Kontrolle, sondern ist probates Mittel im Kampf darum, sie nicht zu verlieren: die Dialektik aus Kontrolle und möglichem Kontrollverlust bestimmt das Handeln von Figuren, die hauptsächlich leben, um den nächsten Kick zu erleben, der letztlich darin besteht, gewitzter als das Gegenüber zu sein, das seinerseits versucht, sie auszutricksen. Wer dieses Spiel verliert, stirbt oder ist raus.
Gleichzeitig haben Ritchies Filme in der elaborierten Rückblendenstruktur ihrer Erzählung, in der Art, wie sie oft in einer einzigen Einstellung Bewegung verlangsamen und beschleunigen, etwas Mechanisches. Schließlich hat das Werk des Regisseurs eine sonderbar bürokratische Ader: Er liebt es, Inventur zu machen. Er liebt es - besonders auch in seinem neuen Film "In the Grey" -, die Kinoleinwand vollzuschreiben; mit den Namen der Haupt- und den Funktionen der Nebenfiguren; mit Uhrzeiten und Schauplätzen; mit Listen des Equipments für Operationen oder Beutezüge.

Alles, was Ritchie ausmacht, findet sich in "In the Grey" und dessen Protagonistin in Reinform. Zuerst begegnen wir Rachel (Elza González) zusammengekauert auf dem Hintersitz eines luxuriösen, bulligen Geländewagens. Um sie herum zischen die Kugeln. Als Bankerin geht es hiernach für sie hin und her; zwischen der Chefetage einer New Yorker Bank und der Privatinsel (gedreht wurde auf Teneriffa) des Gangsters Manny Salazar (Carlos Bardem), zwischen, darauf bezieht sich der Titel, Schwarz und Weiß; sie bewegt sich in der Grauzone aus Moral und Amoral, legal und illegal.
Es geht bei ihrem Auftrag um eine Milliarde Dollar, und im Kampf ihres Teams aus Ritchieschen Vollprofis um Sid (Henry Cavill) und Bronco (Jake Gyllenhaal) um Leben und Tod. Dabei müssen sie sich einerseits im rasenden Tempo durch eine Privatarmee ballern. Andererseits sind die Waffen der größten Bösewichter, die im Hintergrund die Strippen ziehen, nicht vollautomatische Knarren und Granaten, sondern Computer und Telefone. Ritchies Figuren waren immer Antihelden. Allerdings gibt es auch in "In the Grey" wieder Protagonisten und Antagonisten: die Figuren, mit denen wir mitfiebern und ihre Gegner. Damit sie diese auszutricksen können, müssen jene am Ende hinterlistiger und kaltblütiger agieren als sie. (Dazu eine Randbemerkung: Von jeher sind die Verbrecherbanden, die Ritchie-Country bevölkern, ethnisch organisiert. Es würde vielleicht in einem einzelnen Film nicht auffallen, ist aber als wiederkehrendes Muster verdächtig, dass die größten Antagonisten, die schließlich doch noch von den Protagonisten übertölpelt werden können, immer wieder Jüdinnen und Juden sind; hier heißt die große Geldgeber-Firma Goldstein.)
"In the Grey" ist kein Ritchie-Film der ersten Liga. Rachel dabei zuzusehen, wie sie sich mühsam die Kontrolle zurück erkämpft, die ihr zu Beginn, wenn der narrative Rahmen sich öffnet, so gründlich entglitten ist, ist leider kein Vergnügen. Das liegt vor allem daran, dass die ironische Dauerdistanz, auf die der Film setzt, ihren Charme seit den 90ern gründlich verloren hat. Abschreiben braucht man Guy Ritchie dennoch nicht, weil seine große Stärke ist, dass er bei unverkennbarer eigener Handschrift, oder, wirtschaftlich ausgedrückt: der Wahrung seines Markenkerns, sehr wandlungsfähig ist: Sein bislang bester Film ist nicht lange her: In "Cash Truck" (2021) macht er, was er immer gemacht hat - aber mit ungekanntem blutrünstigen Ernst.
Nicolai Bühnemann
In the Grey - USA 2026 - Regie: Guy Ritchie - Darsteller: Jake Gyllenhaal, Henry Cavill, Eiza González, Kristofer Hivju, Fisher Stevens - Laufzeit: 97 Minuten.
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