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Im Kino

Erinnerung, sprich

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
05.11.2008. Ein reales Ich - der israelische Regisseur Ari Folman - macht sich in "Waltz With Bashir" auf die Suche nach realen Verbrechen, an denen er beteiligt war. Und landet per V-Effekt in einem animierten Dokumentarfilm. Peter Ott porträtiert die Hamburger Punk- und Postpunk-Band "Die Goldenen Zitronen" mit viel, aber nie zu viel Respekt. Was passt.

Geschichte einer Anamnese: Ein Ich - es heißt im Film Ari Folman, ganz genau so wie in der Wirklichkeit der Regisseur und Autor des Films - erinnert sich nicht. Ein Ich macht sich darum auf die Suche: nach der Erinnerung an das, was vor mehr als zwanzig Jahren im Libanon-Krieg geschah, genauer gesagt: beim Massaker, das die christlichen Phalangisten an den Palästinensern in den Flüchtlingscamps von Sabra und Shatila im Jahr 1982 verübten. Ari Folman, das Ich im und hinter dem Film, war als Teil der israelischen Armee, die die Phalangisten gewähren ließ, dabei - und erinnert sich nicht. Beginnt aber, es ist dies auch der Anfang des Films, zu ahnen, lernt dann zu wissen, dass er einen Ausfall der Erinnerung, eine Amnesie erlitten hat. So macht der Film, der die Anamnese dieses Ich erzählt und/oder nachstellt, sich auf eine doppelte Suche: nach dem, was damals geschah und nach Bildern für die Wahrheit, aber auch nach Bildern für den Zweifel an der präzisen Rekonstruierbarkeit des Geschehenen.

"Waltz With Bashir" ist ein persönliches, ein dokumentarisches Projekt und verblüfft seinen Betrachter mit einem Verfremdungs- und Distanzierungseffekt, von dem es Brecht niemals träumte. Der Film sucht die Wahrheit des Erinnerns nicht - fast nicht - in schwarz-weißem Dokumentarmaterial. Er sucht sie nicht im sorgfältig inszenierten, nach Möglichkeit originalgetreuen Re-enactment verbürgter Situationen und Szenen. Er traut nicht den Bildern, die es schon gibt. Er traut dem Anschein des Wirklichen nicht, den das Medium Film als aufgezeichnetes Schauspiel an wirklichen Orten der Darstellung verleiht. Vielmehr zeichnet er, was nach Auskunft von Zeugen wirklich war, was Ari Folman nach und nach selbst erinnert und was ihm träumte, nach im Trick. "Waltz With Bashir" ist also ein seltsames Tier: ein Animationsfilm mit Dokumentarintention.

Bei V-Effekten ist es mit dem einen großen Schritt der Distanzierung nicht getan. Nicht nur das Verfremdete gerät schließlich in den Blick, sondern auch die Verfremdung selbst gewinnt als Verfahren mit medialer und sonstiger Eigendynamik schnell eine eigene Gestalt. Details sind darum sehr wichtig. Hier zum Beispiel die Frage nach der Technik und der Anmutung der Animation. Auf den ersten Blick ist man stark an Richard Linklaters Filme "Waking Life" und "A Scanner Darkly" erinnert, die in einem Verfahren, das Rotoskopie heißt, produziert sind. Rotoskopiert aber heißt: in Realfilmanimationsmischtechnik digital übermalt, denn mit Filmkameras aufgezeichnetes Realitätsmaterial wird dabei am Rechner in Animationsfilm überführt.


Auch "Waltz With Bashir" überführt konventionell gefilmtes Material in animierte - und vielleicht allzu schicke und schöne - Bilder. Ari Folman legt aber großen Wert auf die klare Entmischung der beiden Verfahren. Die Realität wird nicht rotoskopisch übermalt, sondern eigenständig in der Animation neu erschaffen. Nach realen Vor-Bildern - oder auch nicht. Der Film enthält nicht nur detailgetreu nachgeschaffene Interviewsituationen, sondern auch surreale Traumszenen - die Erinnerung von Hunden gehetzt; das Treiben des Helden im Wasser im Schoß einer überlebensgroßen nackten Frau. Beides, Reales wie Surreales, erscheint durch das von Folman gewählte Verfahren aber als in gleicher Weise losgelöst von der dokumentarischen Anmutung des Realfilms. Das ist entscheidend vor allem an den Stellen, an denen der Realitätsstatus unklar bleiben muss - etwa einer Bootsfahrt zur euphorischen Begleitung von OMDs Song "Enola Gay". Von diesen Stellen geht die Verunsicherung, den dokumentarischen Gehalt vieler anderer Szenen betreffend, aus.

"Waltz With Bashir" belässt es freilich nicht bei dieser Verunsicherung. Sehr gezielt gibt Ari Folman dem Film mit dem Ende eine klare Richtung. Die Anamnese, das Durcharbeiten vom Vergessen zur Erinnerung wird gelungen sein, denn an den Schluss seines Films stellt Folman, was er zuvor so hartnäckig verweigerte: Schwarz-weiße Dokumentaraufnahmen des Fernsehens, Schreckensbilder aus einer Wirklichkeit, die nun plötzlich mit einer Emphase des Realen, ja, Allzurealen auftreten, ganz so, als traute der Regisseur der zuvor so überzeugend entworfenen unsicheren Wahrheit seiner Dokumentaranimation nicht. Das hat seine Logik, die für die Anamnese des Individuums Ari Folman auch durchaus bezwingende Logik des Durchstoßens des von Träumen, Visionen, Verunsicherungen umstellten Erinnerns zur Wirklichkeit. Wie dieser Schluss im selben Schritt jedoch die wahren Schreckensbilder funktionalisiert und so die Suggestion eines Übersprungs von der subjektiven in eine objektive Perspektive produziert, das muss nach der zuvor so mühsam entworfenen Entmischungs- und Differenzierungsstrategie zuletzt hoch verdächtig erscheinen.

***


Im kleinen Kosmos der Pop-Linken waren die "Goldenen Zitronen" immer die Guten und sie sind bis heute die Guten geblieben. Als in den frühen Achtzigern im Punk noch der Fun steckte, den das Verschrecken von Hippies und Heulsusen brachte, waren sie vor Ort (im Hamburger Pudel-Club) und zur Stelle (im linken Diskurs). Sehr schön sang Schorsch Kamerun vom Tag, an dem Thomas Anders starb - wenngleich man aus heutiger Sicht konstatieren muss, dass die andere Hälfte der Fun-Punks von "Modern Talking" das lohnendere Ziel gewesen wäre. Dank von Bild künstlich geschürter Empörung wurden die "Zitronen" reich und berühmt und machten, sich fröhlich verweigernd, das beste daraus. Sie bekamen ein verlockendes Angebot von der Plattenindustrie - in der Gestalt eines geschäftstüchtigen und drum eher punkuntüchtigen Briefs von Tim Renner -, das sie natürlich nicht anders als ablehnen konnten.

So kam der Ruhm und kam das Geld und beide gingen sie wieder. Die "Zitronen" machten und machen sehr unverdrossen immer weiter, wenngleich Gaier und Kamerun seit einer Weile Solodinger und Theatersachen nebenbei oder inzwischen auch hauptberuflich treiben. Anders als die "Hosen" aber und neunundneunzig von hundert anderen Bands häutete und wandelte die Band sich so radikal, dass die treuesten Fans und sogar die um Worte niemals verlegenen Hardcore-Unterstützer Clara Drechsler und Diedrich Diederichsen nicht immer genau zu sagen wussten, wie ihnen, den Fans, der Band und den Gedanken, die man sich bisher gemacht hatte zum Projekt, da geschah.

Schorsch Kamerun und Ted Gaier sind, was das Kino angeht, gebrannte Kinder. Ein Film, den sie aus nächster Nähe über eine US-Tour zu drehen erlaubten, geriet geradezu bösartig. Als gebrannte Kinder haben sie wohl auch Peter Ott nicht getraut, der die Band und ihre Geschichte unter dem angemessen komplizierten Titel "Übriggebliebene ausgereifte Haltungen" freilich locker und freundlich, mit Sympathie und ohne Anbiederung porträtiert. Dass Schorsch Kamerun und Ted Gaier das Feuer nun scheuen, den Auftritt als Dokumentarfilm-Sprechköpfe verweigern und durch zwei Originaltexte ablesende freundliche ältere Herren - Kennern der Szene gewiss bekannt, ich habe keine Ahnung, wer die sind - ohne Krampf nachgespielt werden, schadet nun gar nicht, tut dem Film sogar gut. Ohnehin sind die beiden in Originalmaterial von früher und Szenen im Plattenstudio von heute dennoch im Bild.


Zu den sprechenden Köpfen, die Regisseur Peter Ott in Galerien, Cafes und anderen Stätten ihres Wirkens aufsucht, gehört neben Drechsler und Diederichsen auch der unversehens zum Maler-Superstar gereifte Daniel Richter, einst Manager der Band, und zwar, wie er meint, weil er von allen am wenigsten Ahnung hatte davon, wie man mit Geld umgeht. Koketterien dieser Art finden sich öfter, aber man glaubt's eigentlich gerne. Schließlich sieht man die jungen "Zitronen" auf Bühnen toben wie die echten Punks, die sie waren. Und sie sind, was man daran merkt, dass sie keine mehr sind, echte Punks auch geblieben. Haben immer weiter die Freunde, die sich als die falschen erwiesen, aus den Konzerten geschmissen. Haben im Grunde dabei nie über Zielgruppen nachgedacht, sondern einzig über das, was die Sache und nur die Sache notwendig macht.

Jene hier einmal zustande kommenden schönen Momente der Linken, zu denen es kommt, wenn richtiges Leben und Massenappeal mal in einer Band oder Figur oder Idee zusammengehen, wenn aus individuell diffusem Fühlen und Denken also eine kollektive Bewegung wird, werden im nachhinein von Diederichsen/Drechsler am Beispiel "Zitronen" eher mit Staunen betrachtet als verklärt. Das alles ging ja vorüber. Die Missionierung der Linken im Osten in den Wohlfahrtsausschüssen der frühen Neunziger war ein Schuss in den Ofen, das sieht die Mehrzahl der Beteiligten heute ebenfalls so. Die "Zitronen" wurden im Osten von Neonazis beinahe gelyncht und verloren mit Fleiß große Teile ihres Publikums auch im Westen. Seit den Neunzigern spätestens machten sie auf ziemlich unberechenbare Weise ziemlich komplizierte menschenfreundliche Untergrundmusik. Peter Otts Film referiert das mit leiser Ironie und auch Selbstironie, durchweg aber auch mit Respekt. Dieser Ton passt ziemlich gut zur Musik.

Waltz With Bashir. Israel / Deutschland / Frankreich 2008 - Regie: Ari Folman - Fassung: O.m.d.U.

Übriggebliebene, ausgereifte Haltungen
. Deutschland 2007 - Regie: Peter Ott - Darsteller: (Mitwirkende) Julius Block, Enno Palluca, Ted Gaier, Schorsch Kamerun, Mense Reents, Stephan Rath, Thomas Wenzel, Rebecca Walsh, Ale Sexfeind, Hans Platzgumer

Archiv: Im Kino

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