Heute in den Feuilletons

Von der erdabgewandten Seite des Mondes

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.02.2013. "Semlerpedia: ein Schatz, ein Strom von Anekdoten, Analysen, zu jedem Thema mindestens ein Titel des dazugehörigen Standardwerks." Die taz trauert um Christian Semler, auch die anderen Zeitungen würdigen den 68er und großen Journalisten. Anderes Thema des Tages: Der Gerichtstermin in Sachen Suhrkamp, der zwar nur zu einer Verschiebung des Prozesses führte, aber trotzdem zu großen Kommentaren Anlass bietet. In der Zeit spricht Joschka Fischer über 1968.

TAZ, 14.02.2013



Der taz-Redakteur Christian Semler ist gestorben. Auch die Perlentaucher - alles ehemalige tazler - trauern. Und die taz-Redakteure und Freunde erinnern sich in einer Reihe wunderbarer Artikel, etwa diesem: "Wie unendlich viel er wusste. Wie genau er war. Warum sprachen die Lateinamerikaleute immer von der 'herrschenden Oligarchie'? 'Oligarchie ist 'ne Herrschaftsform', sagte er dann stirnrunzelnd. Semlerpedia: ein Schatz, ein Strom von Anekdoten, Analysen, zu jedem Thema mindestens ein Titel des dazugehörigen Standardwerks. Es sprudelte aus ihm heraus, sobald jemand den Blick vom Monitor nahm. Sein Zeitrhythmus war nicht der Rhythmus der Redaktion. Doch alles, was er sagte und schrieb, war unersetzlich, kaum dass es im Raum oder auf Papier stand. Nichts entging seiner warmherzigen Neugier. Mit jeder Kollegin, jedem Kollegen verband er etwas. ... Traf er die neue Kollegin mit Jugoslawien-Expertise, wollte er über die musikalische Szene des Landes reden. Doch er sagte nicht einfach: 'Die bosnische Sevdalinka ist interessant', sondern: 'Diese bastardisierten Akkorde muss man richtig studieren.'"

Außerdem schreiben Stefan Reinicke, der Semler als Studentenführer und Maoisten zum Elder Statesman der taz würdigt. „“Es erinneren sich außerdem Bascha Mika (hier), Michael Sontheimer (hier), Wolfgang Templin (hier) und Harun Farocki (hier), außerdem wurde eine Einschätzung von Rudi Dutschke ausgegraben: „War schon irgendwie verflucht zwielichtigDokumentiert wird außerdem ein Essay Semlers aus dem Jahr 2007 über das Missverhältnis in der Reflektion der Linken zu ihrem Verhältnis zur Gewalt und jener von Politik und Geheimdiensten gegenüber ihrer Rolle.

Weitere Artikel: Ambros Waibel wundert sich, dass kein Rezensent erwähnt hat, dass Paul Kennedy in seinem Buch "„Die Casablanca-Strategie"“ Albert Speer zu einem "„fähigen Manager“" ernannt hat. Auf den vorderen Seiten porträtiert Gabriela M. Keller die Bloggerin Anne Wizorek, die der jüngsten Sexismus-Debatte das Schlagwort lieferte: #aufschrei.

Besprochen werden die erste Einzelausstellung des US-Künstlers George Widener im Hamburger Bahnhof Berlin, eine Ausstellung im Deutschen Architektur Zentrum, die am Beispiel des Pariser Tour Bois le Petre zeigt, wie sich heruntergekommen Nachkriegsmoderne retten lässt, Oskar Roehlers Film „Quellen des Lebens“, ein Porträt der Bonner Republik, Robert Borgmanns Inszenierung von Shakespeares „Macbeth“ im Berliner Gorki Theater, das Studioalbum „Heartthrob“ der kanadischen Zwillingsschwestern Tegan & Sara und Berlinale-Filme.

Und Tom.

Spiegel Online, 14.02.2013

Michael Sontheimer, ehemals Chefredakteur der taz,und Stefan Kuzmany erinnern an Christian Semler: "Die Wandlung des maoistischen Hardliners zu einem linksalternativen Intellektuellen vollzog Semler mit einer in der Linken selten anzutreffenden Gelassenheit - ohne bekenntnishafte Generalabrechnung mit der eigenen Vergangenheit, aber doch mit beständiger Hinterfragung seiner Positionen in der täglichen Arbeit, in seinen Kommentaren zum Zeitgeschehen, die er selbst gerne 'Besinnungsaufsätze' nannte."
Stichwörter: Semler, Christian

Perlentaucher, 14.02.2013

In der Berlinale-Kolumne (hier) empfiehlt Thekla Dannenberg nach der Vorführung von Bille Augusts stargespicktem Melodram "Nachtzug nach Lissabon": "'Casablanca' läuft in der Retrospektive." Elena Meilicke hatte dagegen viel Spaß mit David Gordon Greens "Prince Avalanche" über zwei Straßenarbeiter in Texas: "Zwei gegensätzliche Männer also und auch zwei Liebeskonzeptionen: während Alvin die eine und einzige vergöttert, folgt Lance einem eher quantitativ-technischem Verständnis von der Liebe. Schön ist, dass 'Prince Avalanche' keineswegs das eine Modell gegen das andere ausspielt: echten Herzschmerz produzieren sie beide, den Herzschmerz eben, der im Buddy Movie nötig ist, damit Männer sich näherkommen können."
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NZZ, 14.02.2013

Susanne Ostwald feiert die osteuropäischen Filme der Berlinale, das Sozialdrama "An Episode in the Life of an Iron Picker" des bosnischen Regisseurs Danis Tanovic ist für sie sogar heißer Bärenanwärter. Dennoch überragt in ihren Augen Jafa Panahi mit seinem "Closed Curtain" den Wettbewerb: "Ein Desaster für das Regime, ein Triumph für den mutigsten Filmemacher Irans."

Weiteres: Jörg Becker resümiert das Forum der Berlinale.
Mit Erleichterung nimmt Joachim Güntner auf, dass das Gericht im Streit um den Suhrkamp Verlag die Verhandlung wieder aufgenommen hat.

Besprochen werden die Washingtoner Ausstellung über die Emanzipation der Schwarzen "Changing America" im National Museum of American History und Dirk Kurbjuweits Roman "Angst" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 14.02.2013

Thomas Schmid erinnert an Christian Semler und daran, wie er sich aus dem doktrinären Kommunismus der K-Gruppenzeit befreite: "Er begann, sich für den Holzweg des Kommunismus zu interessieren, und gehörte zu den nicht eben zahlreichen Linken, deren Herz für die Dissidenten in Ost- und Mitteleuropa schlug und die etwas dafür taten, dass denen ganz praktisch geholfen wird. Traf man ihn in diesen 80er- und noch 90er-Jahren, dann traf man auf einen irgendwie schon altersmilden, aber neugierigen Linken, der die Lektion der Freiheit verstanden hatte."

Weitere Artikel Uwe Schultz schreibt zum vierhundertsten Geburtstag des Versailles-Architekten und Gartengestalters André Le Nôtres, der in Frankreich groß begangen wird. Richard Kämmerlings berichtet vom Gerichtstermin in Sachen Suhrkamp, der zwar nur zu einer Verschiebung des Prozesses aber auch zu großem Hallo der Prozessbeobachter führte - die Hoffnung der Richter ist, dass sich Ulla Unseld-Berkewicz und Hans Barlach irgendwie außergerichtlich einigen. Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit dem Regisseur Oskar Roehler, dessen Film "Quellen des Lebens" von Tilman Krause besprochen wird.

Freitag, 14.02.2013

Georg Seeßlen hat schon Frank Schirrmachers neues Buch "Ego" gelesen, das vom "ökonomischen Cyberwar" erzählt, den uns die Spieltheoretiker aufgezwungen haben. Auf seine Kosten ist Seeßlen trotz der großen Portion Antikapitalimus nicht gekommen: "Nun ist eine Verbindung von Foucault light, Finanzkapitalismuskritik, einer Spur Anti-Amerikanismus und Verschwörungstheorie zu einigem fähig, vor allem dazu, Leserinnen und Leser zu erreichen, denen andere Erzählungen aus dem selben Daten- und Zitatenmaterial wahlweise zu links, zu schwierig oder zu langweilig sind. ... Allerdings hat eine solche Erzählung auch so ihre Tücken. Spätestens ab Seite 140 möchte man etwa ausrufen, ja, wir haben's kapiert, und jetzt bitte einen überraschenden Perspektivwechsel, einen plot point, eine Metaebene."

SZ, 14.02.2013

Das Landgericht Frankfurt hat seine Entscheidung in der Causa Suhrkamp auf den 25. September vertagt, um den zerstrittenen Parteien mehr Zeit für eine endgültige Einigung zu lassen, meldet Volker Breidecker (hier die dpa-Meldung). Für Andreas Zielcke kann diese nur aus einer schnellstmöglichen Trennung vom umstrittenen Minderheitengesellschafter Hans Barlach bestehen, mit dem Zielcke in aller Ausführlichkeit abrechnet. "Indem er den Verlag öffentlich als wirtschaftlich ungesund hinstellt, kann er die tödliche Krankheit auslösen, die er zu kurieren vorgibt: schlicht verantwortungslos. ... Spürt er auch nur den Hauch jener Verantwortung, die er reklamiert, bleibt ihm nur ein Schluss. Wie gesagt, je früher er ihn zieht, desto besser."

Außerdem: Till Briegleb muss sich beim Treffen von Günter Grass mit seinen internationalen Übersetzern sehr über dessen dabei angestimmtes Loblied auf die Kritik an Schriftstellern wundern, schließlich erweckte dieser "bislang nicht den Eindruck, froh über anderer Leute gegensätzliche Meinung zu sein". Rudolf Neumaier unterhält sich mit Marco Politi, Autor des Buchs "Die Krise des Pontifikats", über die Abdankung von Josef Ratzinger, dem Politi einen "Mangel an Führungskraft" attestiert. Niklas Hofmann schaut sich die (allerdings noch in Kinderschuhen steckende) Software "Truth Teller" an, die in Zukunft simultan den Wahrheitsgehalt von Politikerreden aufdecken soll: Bei der Washington Post führt man bereits erste Tests durch. Franziska Augstein würdigt den von der Berlinale mit einem Ehrenbär ausgezeichneten Claude Lanzmann als "nicht eitel (...), vielmehr egoistisch, dickköpfig und zielstrebig" (wobei sie sein Werk schon auch "grandios" findet). Willi Winkler schreibt den Nachruf auf den taz-Autor Christian Semler, Claus Leggewie den auf den Philosoph Krzysztof Michalski.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Maria Lassnig in der Neuen Galerie Graz, der neue "Stirb Langsam"-Film mit Bruce Willis sowie neue Wettbewerbs- und Forumsfilme der Berlinale.

FAZ, 14.02.2013

Sandra Kegel berichtet vom gestrigen Gerichtstermin in Sachen Suhrkamp, der nur zu einer Verschiebung des Prozesses auf den 25. September führte - laut Kegel ein Wink der Richter an die Parteien, die sich möglichst außergerichtlich einigen sollen. Swantje Karich betrachtet die grottigen Internetseiten der der Staatlichen Museen zu Berlin und namentlich der Gemäldegalerie und fordert die Museen generell auf, mehr in die eigenen Internetseiten zu investieren, statt sich nur bei Facebook zu tummeln. Paul Ingendaay erzählt von den skandalösen Korruptionsaffären in Spanien, die die Politiker nicht mal veranlassen zurückzutreten - ein Fall für die nicht existierende europäische Öffentlichkeit. Der bosnisch-muslimische Autor Dževad Karahasan gibt im Gespräch mit Hannes Hintermeier seiner Bewunderung für Benedikt XVI. und seinen Rückttritt Ausdruck. Und Lorenz Jäger schreibt den Nachruf auf den großen Journalisten Christian Semler.

Auf der Berlinale-Seite lässt Bert Rebhandl Forumsfilme aus Griechenland, Spanien und Serbien Revue passieren. Andreas Kilb ist enttäuscht von Bille Augusts Verfilmung des "Nachtzugs nach Lissabon"

Besprochen werden Franziska Schlotterers Debütfilm "Ende der Schonzeit", Krzysztof Pendereckis Oper "Die Teufel von Loudun" und Bücher, darunter Petra Hulovas Roman "Dreizimmerwohnung aus Plastik" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 14.02.2013

Aus dem Buch "Gegen den Strom", das aus einem Dialog zwischen Joschka Fischer und Fritz Stern besteht, ist ein Auszug abgedruckt, in dem der Außenminister a.D. und der Historiker über die Gewalt der 68er sprechen. Darin bekennt Fischer, dass der angebliche Terror, auf den militante 68er zu reagieren vorgaben, tatsächlich nicht existierte. Ihren "Beitrag zur Befreiung" möchte er der Bewegung jedoch nicht absprechen lassen - schon gar nicht von der Bundeskanzlerin: "Frau Merkel kann man das nicht vorwerfen. 1968, das ist für wie, wie wenn man von der erdabgewandten Seite des Mondes spricht."

Im Feuilleton stellt Oskar Piegsa die amerikanischen Zeitschriften The Point, n+1, Jacobin und The Baffler vor: "Während in den Vereinigten Staaten nach dem großen Zeitungssterben inzwischen auch die ersten Wochenmagazine eingestellt wurden, sehen viele dieser jungen Kulturmagazine so aus, als sei der Farb- und Fotodruck noch nicht erfunden - geschweige denn das iPad und sein Versprechen, den Printjournalismus obsolet zu machen."

Weitere Artikel: Caterina Lobenstein vergleicht das gemeinschaftliche Musizieren auf YouTube mit den Salons des 19. Jahrhunderts. Katja Nicodemus hält als Zwischenbilanz der Berlinale fest: "Egal wie die Party in diesem Jahr ausklingt, in Erinnerung bleiben werden die eindrücklichen, erschütternden, ja umwerfenden Auftritte ihrer osteuropäischen Gäste". Im Aufmacher unternimmt Peter Kümmel eine Typologie der beliebtesten deutschen Talkshowgäste.

Besprochen werden Oskar Roehlers Kino-Adaption seiner Autobiografie "Quelle des Lebens" (bei der laut Moritz von Uslar "vielleicht kein geglückter, und dennoch ein großartiger Film" herausgekommen ist), die deutsche Erstaufführung von Manfred Trojahns Oper "Orest" in Hannover, das neue Album von My Bloody Valentine (das Thomas Groß "in eine Art Wachkoma" versetzt) und Bücher, darunter Jochen Missfeldts Biografie über Theodor Storm und Frank Schirrmachers neue "Kampfschrift gegen den Kapitalismus" (so Thomas Assheuer, mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf den vorderen Seiten geht's um den Rücktritt des Papstes. Özlem Topcu unterhält sich in Kairo mit Shereen El Feki, die ein Buch über Sex und die arabische Welt geschrieben hat (hier unser Vorgeblättert) und begleitet sie auf den Tahrir-Platz, wo in jüngster Zeit immer häufiger Frauen vergewaltigt werden (mehr dazu von Karim El-Gawhary in der heutigen taz). Im Dossier untersucht Yassin Musharbash, wie dem Verfassungsschutz das kriminelle Treiben der NSU entgehen konnte.