Heute in den Feuilletons

I love my new boobs

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.12.2009. In der Kulturpolitik werden die Messer gewetzt, fürchtet Christina Weiss in der Welt anlässlich der geplanten Abschaffung des Deutschen Symphonieorchesters. Auch die SZ ist empört. Carta meldet: Wer einen Computer, aber keinen Fernseher hat, wird künftig die volle GEZ-Gebühr bezahlen müssen. Die FR porträtiert das größte Medienunternehmen der USA: Comcast. Im Christian Science Monitor kommentiert Ayaan Hirsi Ali das Schweizer Minarettverbot.

NZZ, 07.12.2009

Joachim Güntner beklagt den Ansehensverlust des Buches, woran zwar auch der Hedonismus und das Fernsehen schuld seien, aber natürlich vor allem das Internet: "Zeilen werden nicht zu Ende gelesen, man sucht Schlüsselbegriffe, Kernaussagen, Merksätze und atomisiert gleichsam den Gesamtzusammenhang. Vertiefung, Einfühlung, Interpretation? Dafür, so meint auch die Bildungsforscherin Maryanne Wolf, die die Verflechtungen von Sprache, Lesen und Gehirnentwicklung untersucht, reiche die digitale Lektüre nicht. Gemäß Maryanne Wolfs Urteil befinden wir uns in einem historischen Moment des Übergangs. Digitale Texte würden zu einem antiliterarischen, 'informationellen' Lesen führen und auch das Gehirn umbilden."

Die iranischen Menschenrechtlerin Shirin Ebadi erklärt im Interview mit Carsten Hueck die große Unzufriedenheit im Land: "Die Lage der Arbeiter ist sehr schlecht, die Arbeitslosenquote hoch. Zahlreiche Betriebe in Iran sind geschlossen. Viele Arbeiter streiken und demonstrieren, weil sie keinen Lohn erhalten - obwohl Iran ein reiches Land ist. Die Menschen stellen sich die Frage, wohin dieser Reichtum fliesst. Die Klassenunterschiede in Iran sind groß: 10 Prozent der Menschen sind sehr reich, 90 Prozent verarmen immer mehr. Und es gibt sehr wenig Freiheit."

Samuel Herzog schreibt den Nachruf auf Bildhauer Alfred Hrdlicka. Besprochen werden Rene Polleschs Stück "Calvinismus Klein" in Zürich ("nicht schlecht, aber schlicht", meint Barbara Villiger Heilig) und ein Festkonzert zum hundertjährigen Bestehen der Tonhalle St. Gallen.

Aus den Blogs, 07.12.2009

Die italienische Vogue ist mal wieder bei weitem die hippeste. Fotograf Steve Meisel hat Schweinegrippe vorgeschützt und einige Models gebeten, sich selbst zu fotografieren und per Twitter die Fotos zu veröffentlichen. In der Dezembernummer sind sie nun alle versammelt: "Lara Stone took the below picture of herself and 'Twittered' underneath: 'I love my new boobs. Werk!!' A pregnant Gisele snaps herself in lingerie, covering up her bump, and 'Tweets': 'Privacy is beautiful!' And Freja Beha Erichsen, who's not known to be a Meisel favorite, makes a surprise appearance, as well", meldet das Modeblog Fashionology.

(Via Literaturcafe) Pranav Mistry zeigt uns: Papier ist die Zukunft.

Die Ministerpräsidenten haben entschieden: Auch für einen Computer muss man künftig die vollen Fernsehgebühren zahlen, meldet Carta: "Für Menschen, die einen Laptop oder ein Smartphone besitzen, in deren Haushalt es aber keinen Fernseher gibt (was vorkommt und zukünftig häufiger vorkommen wird), soll die GEZ-Gebühr bald um über 200 Prozent steigen. Dies sehen Pläne für eine Neuregelung der Gebühr vor, welche die Ministerpräsidenten derzeit beraten."

Was für Musik gilt, gilt auch für Handtaschen, meldet Cory Doctorow in BoingBoing: "Untersuchungen des MIT-Wirtschaftsprofessor Renee Richardson Gosline legen nahe, dass Leute, die gefälschte Handtaschen kaufen, mit großer Wahrscheinlichkeit später auch die echten Versionen ihrer Schätze kaufen werden (selbst wenn ein zufälliger Beobachter kaum einen Unterschied wahrnehmen würde)"

Das Blog Lizas Welt beschreibt das "Dilemma, ja, das Elend" der Islamkritik: "Eine im besten Sinne des Wortes liberale, fortschrittliche Islamkritik fristet noch immer ein Schattendasein, und ihre Vertreterinnen und Vertreter sitzen zudem zwischen allen Stühlen. Denn von den Linken wird schlicht jeder Einwand gegen den Islam unter Rassismusverdacht gestellt und abgelehnt; die Rechten wiederum benutzen die Islamkritik als Ticket für ihre fremdenfeindliche Agenda."

Welt, 07.12.2009

Die Zusammenlegung des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) sieht die frühere Kulturstaatsministerin Christina Weiss von langer Hand geplant: "Umso schlimmer finde ich dieses Signal, zumal es von den potentesten deutschen Kulturförderern ausgeht - dem Bund und dem Deutschlandradio. Wenn die hier in Berlin ein solches Exempel statuieren, kann ich mir vorstellen, wie in der Provinz künftig die Messer gewetzt werden."

Weiteres: Ulrich Baron blickt auf die mehr oder weniger vergeblichen Versuche des Menschen zurück, Klima und Wetter mit Bauernregeln, Regentänzen oder Donnergöttern beizukommen. Ulrich Weinzierl schreibt zum Tod des österreichischen Bildhauer Alfred Hrdlicka, dessen tschechischer Name, wie Weinzierl weiß, ausgerechnet "Turteltaube" bedeutete. Weinzierl hat sich auch Rene Polleschs Stück "Calvinismus Klein" in der Schweiz des Minarettverbots angesehen. Unterhaltsam, aber auch recht konservativ fand Manuel Brug Harald Schmidts "Lustige Witwe" in Düsseldorf.
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Spiegel Online, 07.12.2009

Im neuen Spiegel wird enthüllt, dass der Dutschke-Attentäter keineswegs, wie bisher vermutet, ein Einzeltäter, sondern dass er in der rechtsextremen Szene bestens verankert war. Reinhard Mohr kommentiert: "Die aktuelle Spiegel-Enthüllung veranschaulicht noch einmal, dass die Bundesrepublik von 1966/67 eine ganz andere war als das Deutschland von 2009 - dass es also jenseits aller ideologischen und verschwörungstheoretischen Ableitungen gute, ja beste Gründe für eine antiautoritäre Protestbewegung gab, die von der großen Weltpolitik bis ins Private und Biografische reichte."
Stichwörter: 1966, Deutschland

FR, 07.12.2009

Auf der Medienseite berichtet Thomas Schuler über die Übernahme des amerikanischen Fernsehsenders NBC durch das Kabelunternehmen Comcast, das damit zum größten Medienunternehmen der USA wurde. "Branchenfremde können mit Comcast wenig anfangen. Die Firma wurde vom Vater des heutigen Vorstandsvorsitzenden Brian L. Roberts, 50, vor 46 Jahren in dem Ort Tupelo im Bundesstaat Mississippi gegründet. Die Familie kontrolliert das Unternehmen, das mittlerweile an der Börse notiert ist und seinen Sitz in Philadelphia hat, bis heute. Der Name steht für communication broadcast; gewachsen ist Comcast durch viele Zukäufe, etwa durch die Kabelsparte des Telefonriesen AT&T. Heute hat die Firma mehr als 100.000 Mitarbeiter und mehr als 24 Millionen Kunden allein in den USA. ... Doch das Programm macht nur einen kleinen Anteil des Geschäfts aus. Comcast verdient vor allem an den Abogebühren für Kabelfernsehen, Telefon- und Internetdienste: 60 bis 100 Dollar monatlich für mehr als 100 Kanäle."

Im Feuilleton schreibt Peter Iden den Nachruf auf den Bildhauer Alfred Hrdlicka. In Times Mager wundert sich Hans-Jürgen Linke nicht, dass die Untersuchung von fünf Stradivari-Geigen in einem Pariser Synchroton-Teilchenbeschleuniger dem besonderen Klang der Stradivaris auch nicht auf die Spur führte.

Besprochen werden zwei Theaterstücke übers Sterben: Rene Polleschs "Calvinismus Klein" und Christoph Schlingensiefs "Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten.", beide in Zürich aufgeführt, Harald Schmidts Inszenierung von Franz Lehars Operette "Die lustige Witwe" am Düsseldorfer Opernhaus, eine Ausstellung über die Geschichte der Benimmregeln im Bremer Focke-Museum und die Inszenierung zweier Erzählungen von Isaac B. Singer durch Alvis Hermanis in München.

TAZ, 07.12.2009

Ralf Leonhard schreibt den Nachruf auf den Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka. Rene Hamann berichtet von der Verleihung des Satirepreises "Göttinger Elch" an Helge Schneider. Besprochen werden CDs von Yoko Ono und der japanischen Band OOIOO.

Und Tom.

Weitere Medien, 07.12.2009

(Via Achse des Guten) Im Christian Science Monitor kommentiert Ayaan Hirsi Ali das Minarettverbot: "Der Islam vermittelt ene Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft organisiert sein sollte: die Beziehung des Individuums zum Staat; die Beziehung zwischen Männern und Frauen; Regeln für die Interaktion von Religiösen mit Nichtreligiösen; wie man solche Regeln durchsetzt; und warum eine Regierung unter dem Islam besser ist als eine Regierung, die auf anderen Vorstellungen beruht. Diese politischen Ideen des Islam haben ihre Symbole: das Minarett, der Halbmond, das Kopftuch und das Schwert. Das Minarett ist ein Symbol der islamischen Überlegenheit, ein Zeichen der Herrschaft, das die islamischen Eroberungen symbolisierte. Es wurde Jahrzehnte nach der Begründung des Islam eingeführt."

SZ, 07.12.2009

Als "fatale, kaum zu Ende gedachte Idee" kommentiert Wolfgang Schreiber die geplante Abschaffung der Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin, dessen verbleibende Musiker zur Dispositionsmasse für das Rundfunksinfonieorchester unter Marek Janowski werden sollen: "Wenn man sieht, welche Unsummen in die seichteste Unterhaltungskultur gepumpt werden, muss das Fehlen von Mitteln für die Existenz zweier Orchester geradezu absurd erscheinen. Politiker und Funktionäre müssen ihre Verantwortung wahrnehmen, sie wissen, dass eine Stadt durch Kulturabbau ihre Lebensqualität beschädigt."

Weitere Artikel: Andrian Kreye untersucht die Rolle der Sozialwissenschaftler in der Diskussion um den Klimawandel - sie versuchen vor allem herauszufinden, warum die Menschen sich wider besseres Wissen nicht umweltgerecht verhalten. Kreye nennt unter anderem Arbeiten von Richard Thaler und Cass Sunstein ("Nudge - wie man kluge Entscheidungen anstößt") und des New Yorker Forschers Ben Ho. In den "Nachrichten aus dem Netz" kommentiert Johannes Boie den neuesten Zugriff Googles auf das Netz - Google stellt jetzt DNS-Server zur Verfügung, die das Surfen angeblich beschleunigen und dem Konzern außerdem wertvolle Daten liefern. Gottfried Knapp schreibt zum Tod von Alfred Hrdlicka. Gemeldet wird mit Bezug auf einen Artikel in der Internet-Zeitschrift The Indie Reader, dass die Zahl von Lesereisen in den USA stark gesunken sei. Ira Mazzoni zeigt am Beispiel des Wasserkraftwerks in Rheinfelden, eines der ältesten seiner Art, das jetzt abgerissen werden soll, wie Denkmal- und Naturschutz in Konflikt geraten können. Kai Wiegandt besuchte eine Diskussion mit Jonathan Franzen, Adam Haslett und Daniel Kehlmann in Tübingen.

Besprochen werden Rene Polleschs Zürcher Spektakel "Calvinismus Klein", in dem der Regisseur mithilfe des Begriffs der "Interpassivität" und Martin Wuttkes den Kapitalismus abschaffen will., neue DVDs, Franz Lehars "Lustige Witwe" in Düsseldorf und Bücher, darunter Jürgen Leonhardts Studie "Latein - Geschichte einer Weltsprache".

Auf der Medienseite interviewt Marc Felix Serrao die amerikanische Reporterin Lindsey Hoshaw, die nach einer Spendensammlung im Internet für die New York Times über Müllinseln Meer recherchierte. Michael Moorstedt schreibt außerdem einen Artikel zur Idee eines durch Spenden und Stifftungen geförderten investigativen Journalisms.

FAZ, 07.12.2009

Von den überaus heftigen Reaktionen in Spanien auf ein geplantes Gesetz, mit dem Webseiten gesperrt werden können, wenn sie angeblich gegen das Urheberrecht verstoßen, weiß Paul Ingendaay zu berichten: "Die Ankündigung, die spanische Regierung werde einen 'Ausschuss für geistiges Eigentum' einsetzen ... löste in der vergangenen Woche einen Wirbelsturm von Debatten aus, der den Regierenden heftig um die Ohren pfiff. Die wesentlichen Einwände lauten, der Gesetzentwurf bedrohe Meinungsfreiheit und Datenschutz und behindere den freien Informationszugang. Außerdem sei nirgendwo von richterlichem Beschluss die Rede. Dürfe künftig irgendein Regierungsmensch beschließen, Privatpersonen den Internetzugang abzudrehen? Und wie sei es um den Datenschutz bei der Ausforschung jener bestellt, die im Verdacht illegaler Datentransfers stünden?" (Das Manifest der Gegner von Internetsperren findet man Auf Englisch bei BoingBoing.)

Weitere Artikel: Christian Geyer erklärt, warum Kreuze wie Minarette in "unserer Kultur" (und unseren Schulen) sehr wohl ihren Ort und ihre Berechtigung haben. Von einem Auftritt der Schriftsteller Jonathan Franzen (mehr) und Adam Haslett (mehr) in Tübingen berichtet Sandra Kegel. In der Glosse rät Jörg Thomann zur Renovierung der deutschen Buchstabiertafel. Für eine in jeder Hinsicht "riskante" Angelegenheit hält Jan Brachmann die geplante Fusionierung des Deutsche Symphonie-Orchesters (DSO) mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB). Verena Lueken schildert die Auktion, bei der Cormac McCarthys Schreibmaschine für schlappe 240.000 Dollar versteigert wurde. Niklas Maak schreibt zum Tod des Bildhauers Alfred Hrdlicka.

Besprochen werden eine Aufführung von Haydns Oper "Il Mondo della Luna" unter Regie von Tobias Moretti, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt in Wien, die Kölner Aufführung des Musicals "Hairspray" nach dem Film von John Waters (Eric Pfeil staunt: "alles richtig gemacht"), die Uraufführung von Rene Polleschs "Calvinismus Klein" in Zürich, Franz Lehars Düsseldorfer "Lustige Witwe" unter der Regie von Harald Schmidt und Christian Brey ("ein dummer, dummer Regisseur" schimpft Gerhard Rohde) und Bücher, darunter zwei Gedichtbände von Jannis Ritsos in neuer Übersetzung (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).