Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.08.2005. In der NZZ erklärt Kazuo Ishiguro die Psychologie der Gebildeten. In der FR erklärt Harald Welzer die Psychologie von Massenmördern. In der SZ erklärt Ayaan Hirsi Ali, warum die Tabus im Umgang mit dem Islam gebrochen werden müssen. Die Welt feiert den Maler Michael Burges. Und dann das Kreuz mit Houellebecq: Man will ihn nicht lesen, man muss ihn lesen, findet die FAZ.

NZZ, 27.08.2005

Gerade ist Kazuo Ishiguros neuer Roman "Alles, was wir geben mussten" erschienen. Es geht um geklonte junge Menschen, die als lebende Organbanken gezüchtet werden, erzählt Angela Schader, die auch den Autor getroffen hat. "Das dem Roman eingeschriebene Paradox liegt in der Tatsache, dass die Protagonisten in einem privilegierten Milieu aufwachsen dürfen, wo sie nicht zu verwertbarem Menschenmaterial dressiert, sondern vielmehr zu Individuen ausgebildet und in ihrer Kreativität gefördert werden. Trotzdem denken sie in keinem Moment daran, aus ihrem vorbestimmten Lebenslauf - dem die dritte oder vierte Organspende unweigerlich ein Ende setzt - auszubrechen. Widerspricht das nicht der seelischen Autonomie, die wir mit einer entwickelten, schöpferischen Persönlichkeit verbinden? Da möge ein schwacher Punkt der Metapher liegen, räumt Ishiguro ein: 'Aber waren nicht die Deutschen die kultivierteste, belesenste Nation Europas, mit großartigen Komponisten, großartigen Philosophen, einer großartigen Literatur - und was passierte? Sie haben alle mitgemacht. Sie haben gehorcht und die barbarischsten Dinge getan. Genau das ist eine der Fragen, die mich bei diesem Buch interessiert haben: Für was ist Kunst gut? Wozu Kreativität? Ich weiß nicht, ob sie wirklich praktischen Nutzen haben.'"

Weitere Artikel in Literatur und Kunst: Felix Philipp Ingold beschreibt die seit anderthalb Jahrhunderten anhaltende Grundsatzdebatte in Russland über sein Verhältnis zu Europa. Gerd Koenen stellt zwei gewichtige Sammelbände über Personenkulte im Stalinismus vor. Barbara Villiger Heilig spürt den Globalisierungstendenzen - kooperierende Stadttheater und wandernde Inszenierungen - im Theater nach. Silvia Stammen erklärt, welche Position der Theaterautor auf deutschsprachigen Bühnen hat. Und Milo Rau untersucht die heutige Relevanz der "Bakchen" des Euripides.

Im Feuilleton schreibt Peter Hagmann über Helmut Lachenmann, den neuen "composer in residence" beim Lucerne Festival. Barbara Villiger Heilig erinnert an den Geburtstagsbrief von Schiller an Goethe, der den bis zwei Wochen vor Schillers Tod nie mehr abbrechenden Briefwechsel der beiden einleitete. Georges Waser berichtet, dass der dritte Earl of Halifax einen Tizian verkaufen möchte, der ihm gehört, und damit Proteste ausgelöst hat, weil die britischen Museen ihn sich nicht werden leisten können. Marc Zitzmann beschreibt Michel Houellebecqs "Status als Vertreter der 'People'-Klasse" in Frankreich.

Besprochen werden Ausstellungen zu Le Corbusiers Kirchen und Büchern und Bücher, darunter Michel Houellebecqs neuer Roman "Die Möglichkeit einer Insel": "Willkommen also in der selbstreferenziellen Single- Masturbationsgesellschaft. Gewiss: Über diese wird heute bereits geklagt; aber hier erscheint alles doch noch einen perversen Kick antisozialer und solipsistischer", schreibt Thomas Laux.

FR, 27.08.2005

Der Sozialpsychologe Harald Welzer spricht im Interview über sein neues Buch "Täter", das nach den Biografien von Massenmördern fragt. Er erklärt am Beispiel der Massenmörder von Babi Yar, wie sich unmenschliche Taten in ein "Lebenskonzept" einbauen lassen: "Das wirft natürlich Fragen auf und verweist darauf, dass sich das, was sie getan haben, in einen sozialen Referenzrahmen einbauen und sich als alles andere denn als Mord interpretieren ließ. In der Regel verstehen sie selbst ihr Tun als unangenehme Arbeit, die von ihnen auch Opfer verlangt habe. Dann kann man sich selbst als jemanden wahrnehmen, der zwar etwas getan hat, es aber selbst gar nicht tun wollte. Ganz im Gegenteil: Man hat selbst darunter gelitten."

Weitere Artikel: Im Gespräch informiert der Archivar Herbert Bauch über das Phänomen des Schnelllaufs im 19. Jahrhundert. Sylvia Staude schreibt über Krimis und die Krimi-Bestenliste. Martina Meister war bei einer Schafsschau in der französischen Provinz. Daniel Bartetzko berichtet von der Wiederinstandsetzung der Frankfurter Gerbermühle, die einst Goethe beherbergte. Kirsten Liese ist gerade beim Lucerne Festival, das wunderbar war, bis das Hochwasser kam. Außerdem gibt es einen Nachruf auf die Musikerin Anne Bärenz.

Im Magazin - hier auf ePaper - geht es unter anderem um das Nazi-Erbe in Berchtesgaden und eine Kindheit in der DDR. Im Interview spricht Simple-Minds-Sänger Jim Kerr über den schwierigen Karriere-Neustart.

Besprochen werden die gegen neue Pop-Deutschtümelei gerichtete CD "I Can't Relax in Deutschland" und Bücher, darunter Kristof Magnussons Debüt "Zuhause" (hier eine Leseprobe) und Marc Buhls Roman "Rashida oder Der Lauf zu den Quellen des Nils" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 27.08.2005

Im Kulturteil schreibt Gerhard Charles Rump über neue Werke des Malers Michael Burges, der seine Bilder offensichtlich nur mehr erahnbar in abgeschotteten Kästen präsentiert: "Hier eröffnet sich eine neue Dimension der Malerei, indem die Malerei wirklich transzendiert wird, ihren durch die Wahrnehmung des Betrachters bestimmbaren physikalischen Ort aufgibt und dahin wandert, wo das Bild wirklich Bild wird: Im Kopf des Betrachters."

In der Literarischen Welt erinnert Claus Jacobi, der in diesen Tagen eine Biografie über Axel Cäsar Springer veröffentlicht, an die für den Verleger dunkle Zeit der Brandt-Regierung. Robert Spaemann bespricht Jürgen Habermas' Essayband " Zwischen Naturalismus und Religion". Und Tilman Krause spricht Klartext über den Papst.
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TAZ, 27.08.2005

Nachrufe auf Peter Glotz gibt es im Politikteil, einen von Christian Semler, einen von Thymian Bussemer.

In der Kultur: Detlef Kuhlbrodt bewegt sich mit offenen Augen durchs Wahlkampfland. Für die zweite taz hat Susanne Lang den wichtigsten Coiffeur der Republik besucht, Udo Walz also. Der ist jetzt CDU-Mitglied: ""Na ja, das ist ja eine ganz banale Geschichte, die CDU war schneller. Ich finde die FDP auch hervorragend.

Besprochen werden der Ulrich Seidls Dokumentarfilm "Jesus, du weißt", Alexandra Lecleres Spielfilmdebüt "Die ungleichen Schwestern", Rene Polleschs in Salzburg offenbar erstaunlich wenig deplatziertes Stück "Cappuccetto Rosso" und Bücher, darunter der Roman "Die Möglichkeit einer Insel" von Michel Houellebecq und Jonathan Safran Foers zweiter Roman "Extrem laut und unglaublich nah" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Das taz mag bringt einen großen Bericht von Ulrike Winkelmann über ihren Besuch bei der Gruppentherapeutin Alice Ricciardi in der Toskana, die vor beinahe sechzig Jahren ein Buch über "die Tötung Geisteskranker in Deutschland" geschrieben hat, das gerade wiederaufgelegt wurde: "Sie ist die letzte noch lebende Beobachterin des Nürnberger Ärzteprozesses, der im Oktober 1946 begann und im August 1947 mit sieben Todesurteilen, neun Haftstrafen, sieben Freisprüchen endete. Der Ärzteprozess war der erste der insgesamt zwölf so genannten Nachfolgeprozesse, die auf den Nürnberger Prozess gegen die 'Hauptkriegsverbrecher' des Dritten Reichs folgten."

Weitere Artikel: Als Nachdruck aus dem Merkur gibt es eine Analyse der israelischen Siedlerbewegung von Gadi Taub. Die sonst für Kunst zuständige taz-Redakteurin Brigitte Werneburg war Segeln, und zwar mit dem BMW Oracle Racing Team im Vorrennen zum America's Cup.

Und Tom.

Berliner Zeitung, 27.08.2005

Norbert Lammert, in Angela Merkels Kompetenzteam für Kultur zuständig, zeigt sich im Interview äußerst skeptisch über die "Machbarkeitsstudie" zum Aufbau des Berliner Schlosses: "Die Debatte muss sich mit Varianten auseinander setzen. Das Thema ist nicht durch. Ich habe damals für den Wiederaufbau gestimmt, aber der setzt eine solide Finanzierung voraus. Diese Frage beantwortet auch die Machbarkeitsstudie nicht ... Was Berliner Projekte angeht, gibt es eine Serie von so eindrucksvollen Ankündigungen und so schäbigen Realisierungen, dass ich mich aus purer Freundlichkeit jedes Kommentars enthalte."

SZ, 27.08.2005

Ayaan Hirsi Ali, niederländische Politikerin und Mitarbeiterin des ermordeten Filmemachers Theo van Gogh, kämpft gegen Tabus im Umgang mit dem Islam: "Doch ein Problem totzuschweigen ist keine Lösung. Die Zurückhaltung des niederländischen Establishments etwa verhindert, dass Probleme wie die kaum vorhandene soziale Partizipation, die hohe Rate von Schulabbrechern, die häusliche Gewalt und der militante religiöse Fanatismus innerhalb des muslimischen Milieus klar benannt werden. Will man die sozialen Spannungen lindern, muss zunächst das Tabu gebrochen werden, das auf diesen Themen liegt."

Weitere Artikel: Heiner Geißler schreibt den Nachruf auf Peter Glotz. Dazu gibt es einen Auszug aus der im September erscheinenden Autobiografie des Politikers. Der Schriftsteller Joachim Lottmann ist nach Dortmund gefahren, um dort den früher beinahe berühmten Musiker Phillipp Boa für ein Interview zu treffen. Aus München berichtet der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer von Deutschland im Wahlkampf. Jörg Königsdorf informiert über die Pläne der zukünftigen Intendantin der Berliner Philharmoniker, Pamela Rosenberg. Die Schriftstellerin Eva Menasse erklärt, warum sie Günter Grass' Wahlaufruf für Rot-Grün unterzeichnet hat. Jürgen Schmieder beschreibt das Phänomen des BookCrossing (Website), also des im Internet angekündigten "Freilassens" von Büchern an öffentlichen Orten. Der Architekturkritiker Gerwin Zohlen denkt über Oskar Lafontaines Villa nach. Alena Wagnerova erklärt, "was die Anerkennung der sudetendeutschen NS-Gegner" bedeutet.

Besprochen werden Alexandra Lecleres Film "Zwei ungleiche Schwestern" und Bücher, darunter der neue Roman von Martin Mosebach, "Das Beben" (mehr in unserer Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende schreibt der Autor Wiglaf Droste eine Hymne auf den kommunistischen Dichter Peter Hacks, dessen unveröffentlichten Nachlass er gelesen hat: "Wer Hacks liest, ist für die Stupidität und Hässlichkeit des Lebens verloren. Und versteht, dass man einen brillant formulierten Gedanken nicht teilen muss, um sich an ihm erfreuen zu können."

Weitere Artikel: Vorabgedruckt wird eine Erzählung von Jonathan Lethem (mehr): "Das Spray". Tobias Timm überlegt, wie er reich werden kann, da es mit Artikeln für die Süddeutsche schon mal nicht klappt. Willi Winkler erinnert daran, wie die Beatles in einem indischen Ashram zur Musik zurückfanden. Jens Bisky berichtet über die Restaurierung des Berliner Schlosses Schönhausen (Foto). In der Reihe "Es war einmal" erzählt Kurt Kister von Elefanten im Kriegseinsatz. Im Interview preist die Schauspielerin Isabelle Huppert die Leere: "Die Leere ist für einen Film die beste Voraussetzung. Schließlich gibt es, wenn alles schon ausgefüllt ist, keinen Platz mehr für Phantasie."

FAZ, 27.08.2005

Houellebecq toujours. In der bisher besten Kritik schreibt Julia Encke über die "Möglichkeit einer Insel": "Reflexhaft wehrt man sich gegen die etwas zu aufdringliche Schonungslosigkeit, mit der hier Wahrheiten verkündet werden, weil dies ungefähr so wirkt, wie wenn jemand in besonders vornehmer Runde extra schlimme Dinge sagt - also ein bisschen albern und peinlich. Zugleich gibt es wohl keinen zeitgenössischen Autor, der die Obsession und Ängste westlicher Gesellschaften so scharf analysiert wie er. Nie würde man einen seiner Romane aus der Hand legen, ohne diesen bis zum bitteren Ende gelesen zu haben. Denn bitter ist das Ende immer bei Michel Houellebecq - und diesmal ist es so bitter wie noch nie".

Meinhard Miegel (mehr) bereitet uns auf den Niedergang vor. "Die unfrohe Botschaft für die Völker des Westens lautet: Ihr wart einmal etwas Besonderes. Ihr seid es nicht mehr. Was ihr könnt, das können Hunderte von Millionen auf der ganzen Welt. Diese Feststellung trifft uneingeschränkt auf alle zu, die in den westlichen Ländern unterdurchschnittlich oder allenfalls durchschnittlich qualifiziert sind." Der Text ist ein Vorabdruck aus Miegels neuem Buch "Epochenwende".

Hans Ulrich Gumbrecht (mehr) überlegt, warum Europa sich über Lance Armstrong ärgert, Amerika aber nicht. Und er fragt sich, was genau eigentlich die "Sünde" der "Doping-Sünder" ist: "Wie viele Manager und Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und Ingenieure würden für die Momente ihrer höchsten beruflichen Anforderung behaupten können, tatsächlich ganz ohne leistungsstimulierende Hilfsmittel auszukommen? Und warum fühlen wir Drogensünder des Alltags uns dann so kannibalisch wohl dabei, die Keule moralischer Entrüstung gegen die gleichgesinnten Sünder im Sport zu schwingen?"

Weitere Artikel: In der Serie "Entrümpelung" empfiehlt Oswald Metzger (mehr), bis 2002 haushaltspolitischer Sprecher der Grünen, das kamerale Rechnungswesen des Staates durch die aus der Privatwirtschaft bekannte doppelte kaufmännische Buchführung abzulösen. Heinrich Wefing berichtet vom Besuch der Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums Irina Antonowa in Dresden, wo sich die Dame als eine entschiedene Gegnerin weiterer Rückgaben von Beutekunst behaupten konnte. Gerd Roellecke wirft dem Bundesverfassungsgericht vor, es habe versucht, das politisch-moralische Problem des inszenierten Misstrauensvotums zu vernebeln, "indem es die 'unechte' jetzt eine 'auflösungsgerichtete Vertrauensfrage' nennt und zu einem ordentlichen politischen Instrument befördert". Gerhard R. Koch schreibt zum Tod der Pianistin und Sängerin Anne Bärenz.

Auf den Seiten der ehemaligen Tiefdruckbeilage betrachtet Eberhard Schockenhoff Evolutionslehre und "Intelligent Design" im Licht einer Theologie der Schöpfung. Und Robert P. Harrison versichert uns, dass die biologische Begünstigung der Jugendlichkeit ein kulturelles Gegengewicht von Alter und Weisheit braucht. Auf der Medienseite schreibt Dieter Bartetzko zum sechzigsten Geburtstag von Marianne Sägebrecht. Jürg Altwegg berichtet von einem Krieg der Meteorologen, die angesichts von Klimakatastrophen und Unwettern um Aufträge und Marktanteile konkurrieren.

Besprochen werden Alexandra Lecleres Film "Zwei ungleiche Schwestern" mit Catherine Frot und Isabelle Huppert, die szenische Installation "Nächte unter Tage" auf der Kokerei Zollverein in Essen, William Forsythes Tanzstück "You made me a monster" beim Berliner Festival Tanz im August und Bücher, darunter Colm Toibins Roman über Henry James "Porträt des Meisters in mittleren Jahren" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um Werke von Alberto Ginastera, zwei Aufnahmen von Rachmaninows "Ganznächtliche Vigil" für gemischten Chor a cappella - einmal mit dem SWR Vokalensemble, einmal mit dem Estnischen Kammerchor und die "Vesper", eine CD der irischen Band Hal, College-Rock von Karl Larsson, eine Einspielung von William Waltons Hörspiel "Christopher Columbus" in einer Konzertfassung und eine Werkschau der Edgar Broughton Band.

In der Frankfurter Anthologie stellt Claus-Ulrich Bielefeld ein Gedicht von Christian Hofmann von Hofmannswaldau vor: "Die Wollust"

"1.
Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit/
Was kan uns mehr / denn sie / den Lebenslauf versüssen?
Sie lässet trinckbar Gold in unsre Kehle fliessen /
Und öffnet uns den Schatz beperlter Liebligkeit;
In Tuberosen kan sie Schnee und Eiß verkehren /
Und durch das gantze Jahr / die FrühlingsZeit gewehren.
..."