Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2023 - Film

Medusa Deluxe

Wunderbar witzig findet im Tagesspiegel Katrin Hillgruber den Whodunit "Medusa Deluxe" des britischen Regisseurs Thomas Hardiman, der in einem Friseursalon spielt. Das Ensemble seines Spielfilmdebüts "umschwebt ebenfalls den schmalen Grat zwischen Talent und Wahnsinn, es würde aber niemals die Arbeit verweigern oder die Kundschaft bewusst malträtieren. Dafür lieben die Friseurinnen Divine, Cleve und Kendra ihren Beruf zu sehr. An den Köpfen duldsamer Modelle laufen sie zu Höchstleistungen auf, erschaffen Haarskulpturen wie 'Inverted Pear' (umgedrehte Birne) oder einen ghanaischen Mehrfachdutt. Es gilt einen regionalen Friseurwettbewerb zu gewinnen", würde da nicht ein skalpierter Friseur entdeckt. Auch taz-Kritiker Tim Caspar Boehme erliegt den "optischen Exzessen" des Films: "Sämtliche Haarkreationen stammen von Eugene Souleiman, der unter anderem schon Frisuren für Lady Gaga entwarf."

"How to blow up a pipeline?"


Würde Gewalt mehr Tempo bei Maßnahmen gegen den Klimawandel machen? Interessante Fragen werden in Daniel Goldhabers "How to Blow Up a Pipeline" diskutiert, meint ein faszinierter Michael Meyns in der taz: Es geht um eine handvoll linker Aktivisten, die sich darauf vorbereitet, eine Pipeline in die Luft zu sprengen. "Ein naiver Plan? Vielleicht. Aber angesichts einer Extremsituation wie dem Klimawandel möglicherweise der einzige Weg, die Trägheit des Systems in den Grundfesten zu erschüttern. Oder würden solche Anschläge eher das Gegenteil bewirken und die hehren Ziele diskreditieren? Immer wieder lässt Goldhaber die Figuren diese Fragen diskutieren, werden Zweifel angedeutet, ohne dass es schließlich zu einem um Ausgleich bemühten, oberflächlich betrachtet 'vernünftigen' Ende kommt." Der Kritiker hat jedenfalls durchaus Sympathien für die Aktivisten, in deren Radikalisierung "tatsächlich die einzige Hoffnung liegen" könnte. Im Perlentaucher bleibt Karsten Munt distanzierter: "'How to Blow Up a Pipeline' weiß den Zorn dieser Generation geschickt in seine Genre-Mechanik zu bündeln. Gleichzeitig ist er als Film über die große Frage unserer Zeit nicht frei von den dazugehörigen Ärgernissen: Betont beiläufig finden die Klimakatastrophen der jüngsten Jahre in den Film. Der brennende Regenwald beim Doomscrolling auf dem Laptop-Bildschirm, die Flutkatastrophe in Pakistan auf dem Fernsehbildschirm: Die Gegenwart schreit sich leise in den Film hinein."

In der Türkei wird die Kritik Konservativer an der Dankesrede der Schauspielerin Merve Dizdar für die Goldene Palme in Cannes lauter, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel: Dizdar hatte sich dabei mit den Frauen in der Türkei solidarisiert, die unter der frauenfeindlichen Politik Erdogans leiden. Beispielhaft für die Kritik "steht Serdar Cam, ein hoher Angestellter im Kulturministerium, der Dizdar vorwarf, ihr Heimatland zu "verfluchen" und ihre Haltung mit der einer "Terroristin" verglich, die die Türkei zu zerstören versuche. Als die Frau des Kulturministers Mehmet Nuri Ersoy Dizdar zu gratulieren wagte, wurde prompt der Ehemann zur Ordnung gerufen. Die patriarchalen Strukturen in der Türkei erleben schon seit einigen Jahren eine Renaissance. Diese Politik ist inzwischen existenzgefährdend."

Besprochen werden Mario Martones "Nostalgia" über einen Emigranten, der in seine Heimatstadt Neapel zurückkehrt ("ein echtes Stück Kino, mit atmosphärischen Bildern und einer sich prozesshaft entwickelnden Geschichte, die fast ohne Plot auskommt" und einem wunderbaren Hauptdarsteller, schwärmt Barbara Schweizerhof in der taz), Steven Caples neues Transformers-Prequel "Aufstieg der Bestien" (Perlentaucher, Tsp), Dustin Guy Defas melancholischer Slacker-Komödie "The Adults" (Tsp) und die Dokuserie "Familiy of Choice" auf RTL+ (Zeit online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2023 - Film

Für den Tagesspiegel unterhält sich Andreas Busche mit Olena Goncharouk und Maria Glazunova vom Oleksandr Dovzhenko Film Center in Kiew. Die beiden Archivarinnen sind als Gäste für das Jubiläumsprogramm zum 60-jährigen Bestehen des Kinos Arsenal in Berlin. Sie sprechen über die beschwerliche Archivarbeit, während Granaten einschlagen - und über einen neuen Hunger der Bevölkerung nach ukrainischer Kultur: "Den Ukrainern ist klarer geworden, dass die Frage des Filmerbes an unseren kulturellen Ursprüngen rührt", sagt Goncharouk. "Der Krieg hat den Wunsch, die eigene Geschichte besser zu verstehen - und sich diese auch wieder anzueignen - befördert. ... Es herrschte noch lange ein post-sowjetischer Geist vor, ganz anders als etwa in den Staaten des Baltikums. Es ging um die Bewahrung von Privilegien. Diesen Geist müssen wir hinter uns lassen, um unsere Identität zu finden. Wir sind also zerrissen zwischen dem Gestern und dem Morgen. Der Zugang zu den Filmen ist darum unerlässlich, es ist heutzutage die wichtigste Aufgabe eines jeden Archivs."

Weitere Artikel: In der FR gibt Daniel Kothenschulte Tipps aus dem Programm des Frankfurter Festivals Nippon Connection zum japanischen Film. Besprochen werden Daniel Goldhabers fiktionale Adaption von Andreas Malms gleichnamigem Klimabuch "How to Blow Up a Pipeline" ("Propaganda, clever gemachte sogar", findet Lukas Hermmeier auf ZeitOnline), die Netflix-Dokuserie "Arnold", in der Arnold Schwarzenegger Auskunft über sein Leben gibt ("eine Hagiografie, die Story eines Wildentschlossenen, der sich mit Charme und Arbeitswut den amerikanischen Traum verwirklicht", schreibt Nina Rehfeld in der FAZ), Thomas Hardimans durchchoreografierte Krimi-Frisuren-Groteske "Medusa Deluxe" ("es wirkt alles doch auch recht angestrengt", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR), der ukrainische Kinder-Animationsfilm "Mavka" (Standard, FAZ), Daniel Goldhabers "How to blow up a Pipeline" (Filmdienst), ein neuer Blockbuster der "Transformers"-Reihe (NZZ) und Thorsten Ernsts Dokumentarfilm "All inclusive" (Filmdienst). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2023 - Film

Dass die in Cannes ausgezeichnete, türkische Schauspielerin Merve Dizdar sich in ihrer Dankesrede feministisch äußerte, wird ihr nun in ihrem Land von wutschäumenden Männern krumm genommen, berichtet Raphael Geiger in der SZ: "Ein falsches Wort, und du bist der Feind, eine Verräterin. In Dizdars Fall ... ging es um einen sehr türkischen Vorwurf: Du hast im Ausland schlecht über uns geredet." Die Angriffe "erzählen davon, wie sich die politische Polarisierung inzwischen gegen die Realität richtet. Eine Schauspielerin, die kritische Gedanken ausspricht, kann keine gute Schauspielerin sein. Die Menschen im Erdoğan-Lager schauen ihre eigenen Serien und Filme, abgekoppelt von der türkischen Kultur, zu der Künstlerinnen wie Merve Dizdar gehören. Fern von Regisseuren wie Nuri Bilge Ceylan, von Autorinnen wie Elif Shafak oder dem Pianisten Fazıl Say. All sie sind keine Fans des wiedergewählten Präsidenten. Weswegen ihnen manche von dessen Fans sogar vorwerfen, sie seien keine echten Türken."

Weiteres: Vor 90 Jahren wurde in den USA das erste Autokino eröffnet, erinnert Arno Widmann in der FR. Besprochen werden Laura Citarellas "Trenque Lauquen" (taz, mehr dazu bereits hier), Ti Wests Horrorfilm "Pearl" (SZ, hier unsere Kritik), der ukrainische Animationsfilm "Mavka - Hüterin des Waldes" (Filmdienst, mehr dazu hier), Bettina Blümners und Ronald Vietz' Kuba-Filme "Vamos a la Playa" und "Ernesto's Island" (ZeitOnline) und Saara Saarelas "Memory of Water" (Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2023 - Film

"Mavka" ist der bislang erfolgreichste ukrainische Animationsfilm

Mitten im Krieg haben Oleg Malamuzh und Oleksandra Ruban mit "Mavka - Hüterin des Waldes" allen Widrigkeiten zum Trotz einen ukrainischen Animationsfilm fertiggestellt, berichtet Moritz Baumstieger in der SZ. Obendrein handelt der Film noch von einer Märchengeschichte, in der Waldbewohner sich gegen Eindringlinge wehren müssen. Der Film ist eine Adaption des Dramas "Das Waldlied" von der 1913 verstorbenen und heute als ukrainische Nationaldichterin angesehenen  Schriftstellerin Lesya Ukrainka. "Animierte Indoktrination zur Hebung des Nationalgefühls ist 'Mavka' dennoch nicht - sondern in erster Linie ein gut gemachtes Märchen", so Baumstieger. Es zeigt sich: "Die Filmszene regt sich wieder, der Staat, der eigentlich jeden Hrywnja für die Verteidigung braucht, hat die Filmförderung wieder aufgenommen. Dienst an der Kamera, auch weil die Bevölkerung Ablenkung und Zerstreuung braucht. ... Wie stark, das zeigte sich, als 'Mavka' im Februar zuerst in die Kinos der Ukraine kam: Obwohl viele von ihnen in den östlichen Landesteilen außer Funktion sind, spielte der Film gleich am ersten Wochenende mit 190 000 Zuschauern 24,9 Millionen Hrywnja ein (mehr als 600 000 Euro), ist mittlerweile der erfolgreichste in der Ukraine produzierte Animationsfilm."

Außerdem: Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod von Margit Carstensen (weitere Nachrufe bereits hier). Besprochen werden Laura Citarellas "Trenque Lauquen" (Jungle World, mehr dazu bereits hier) und Rob Savages Stephen-King-Verfilmung "The Boogeyman" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2023 - Film



Margit Carstensen ist tot. In den Siebzigern zählte sie zu den wichtigsten und präsentesten Schauspielerinnen aus der Fassbinder-Family. Unvergessen sind ihre Performances in "Martha" und "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", später arbeitete sie auch für Christoph Schlingensief in prägnanten Rollen. Unter den Fassbinder-Schauspielerinnen war sie "die mit der aristokratischsten, ladyhaftesten Ausstrahlung und mit dem sibyllinischsten Lächeln", schreibt Christine Dössel in der SZ. Carstensen hatte "eine zittrige Nervosität" und "die Ausstrahlung einer wehen Salonschönheit. Für Rainer Werner Fassbinders Melodramen und extrakünstliche Ästhetik brachte sie eine kongeniale Aura mit. Die von ihm verlangte Künstlichkeit konnte sie bis ins Puppenhafte treiben, wobei sie stets geheimnisvoll wirkte, unergründlich noch in der devotesten Rolle." In der Welt blickt Hanns-Georg Rodek auf die mitunter von starken Konflikten geprägte Zusammenarbeit zwischen Fassbinder und Carstensen.

In einem Filmdienst-Essay befasst sich Patrick Holzapfel anlässlich des Kinostars von Laura Citarellas "Trenque Lauquen" (unser Resümee) mit dem zeitgenössischen Kino Argentiniens, das "reich, wundersam und eigenwillig daherkommt." Man könne "getrost sagen, dass die Kinematografie dieser von Geschichte und ökonomischen Wirklichkeiten geschundenen Nation den eingeschlafenen Möglichkeiten fiktionalen Erzählens mannigfach Wege aufzeigt, die es lohnt, weiter zu verfolgen." Insbesondere die Produktionsfirma El Pampero Cine tritt hier hervor: Unter anderem "Mariano Llinás, Alejo Moguillansky oder Laura Citarella erproben dort seit 2002 ein gleichermaßen auf Innovation und Tradition schielendes Kino, das sich nicht nur inhaltlich und formal, sondern auch in Bezug auf Produktionsmechanismen von industriellen Vorgehensweisen abhebt. Unabhängigkeit wird zur Essenz filmischer Arbeit erklärt, Freiheit bleibt als sich formal übertragendes Gefühl dieser Unabhängigkeit."

Besprochen werden Axel Ranischs "Orphea in Love" (ZeitOnline, unsere Kritik hier), die BluRay-Ausgabe von Sogo Ishiis "Crazy Thunder Road" aus dem Jahr 1980 ("eine lustvoll gestaltete Fratze eines seriösen Films", schwärmt Robert Wagner auf critic.de) und der neue "Spider-Man"-Animationsfilm (Standard, mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2023 - Film

Dem Wesen des Geheimnisses auf der Spur: "Trenque Lauquen" von Laura Citarella

Rund um die argentinische Kleinstadt Trenque Lauquen häufen sich die rätselhaften Ereignisse: Unter anderem taucht ein Gestaltwandler aus einem See auf. Regisseurin Laura Citarella lässt diese Geheimnisse in ihrem gleichnamigen Film lange stehen, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Offenheit ist das wichtigste Prinzip in diesem außergewöhnlichen zweiteiligen vierstündigen Erzählkunstwerk, in dem es vor allem darum zu gehen scheint, Spuren auszulegen, die sich dann in der Landschaft verlaufen." Es ist ein Film, der zwar "deutlich in die offene Wildnis der unbezähmbaren Fantasie" führt, doch "von einer surrealistischen Beliebigkeit findet sich hier nichts. Stattdessen gibt es an der Naht zwischen den beiden Teilen auch einen politischen Gegenwartsbezug, als nämlich rund um die 'Lagune' auch Spekulationen über unrechtmäßige Privatisierung auftauchen."

Es gibt kaum "Vergleichbares im Kino von heute", findet Rüdiger Suchsland auf Artechock: "Wir haben es mit einem großen, sehr ungewöhnlichen Werk zu tun, das keine Zusammenfassungen oder Vereinfachungen zulässt, das ein Rätsel ohne mögliche Lösung präsentiert, und eher das Wesen des Geheimnisses erforscht - des Geheimnisses der Liebe, des Kinos, der Identität selbst." Auch Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche staunt über "ein seltenes Exemplar aus dem Reich der Kinomythen".

Weitere Artikel: Die Welt hat Daniel Kothenschultes Ende der Zehnerjahre geführtes Gespräch mit dem kürzlich verstorbenen Kenneth Anger online nachgereicht. Besprochen werden Axel Ranischs Opernfilm "Orphea in Love" (Tsp, critic.de, mehr dazu hier), Ti Wests Horror-Hommage "Pearl" (critic.de, unsere Kritik hier), der Animationsfilm "Spider-Man: Across the Multiverse" (Tsp, Filmdienst, Welt, mehr dazu bereits hier), Astar Elkayams "Two" über den Kinderwunsch eines lesbischen Paars (taz) und David Wagners "Eismayer" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2023 - Film

Selbstironisch und bodenständig: "Orphea in Love" von Axel Ranisch

Axel Ranisch hat mit "Orphea in Love" ein Opern-Kino-Mashup gedreht und den Orpheus-Mythos dabei gut durchgequirlt. Perlentaucherin Olga Baruk hatte ihre helle Freude daran: Der Berliner Regisseur Ranisch hat "eine großartige Komödie geschrieben (in Ko-Autorschaft mit Sönke Andresen und Dennis Pauls) und inszeniert. Sie ist komisch, lustvoll, rasend und ein bisschen Herzkino-like. bodenständig und warm. Sie macht sich über die aufgeblasene Leere mancher moderner Theaterinszenierungen lustig und handelt vor allem davon, dass die wahre Kunst nicht zwangsläufig große Bühnen oder besondere Zugangsvoraussetzungen braucht, und dass das Schöne für alle da ist." SZ-Kritiker Fritz Göttler lässt sich von Mirjam Mesak als Orphea gerne mitreißen: Diese spielt "ohne jede Spur von Divenhaftigkeit, dynamisch wie die Kinofrauen der Fünfziger, Debbie Reynolds, Moira Shearer, Jean Seberg. Unerschrocken rennt sie, wie vom Höllenfürsten verlangt, gegen die sieben Türen an, die in ihre Jugend führen."

Außerdem hat Egbert Tholl für die SZ mit Ranisch über seinen Film gesprochen. Der wurde vor allem für seine Impro-Filme für wenig Geld bekannt. "Rückwirkend, nachdem ich meine ersten Opern inszenierte, musste ich feststellen, dass ich meine Filme schon immer wie Opern gedreht habe. Ich bin immer von der Musik ausgegangen." Für ihn zählt die "Sinnlichkeit in der Oper, dieser Moment, wenn die Zeit stehen bleibt und ich mich im Schutz der Dunkelheit komplett gehen lassen darf, das ist für mich der Zauber der Oper. Ich kann nicht leiden, wenn diese Offenheit von der Regie missbraucht wird, um mir einen Spiegel vorzuhalten. Deswegen sind meine Operninszenierungen auch kitschig, und meine Filme sinds auch. Aber da ist schon genug Nonsens drin - ohne Selbstironie würde Kitsch keinen Spaß machen."

Bedrucktes, magisches Papier: "Spider-Man: Across the Spider-Verse" ist ein Meilenstein des Zeichentrickfilms

Mit Marvel-Superheldenfilmen kann man FR-Kritiker Daniel Kothenschulte eigentlich jagen. Eine Ausnahme macht der Zeichentrickfilm-Experte allerdings für die Animationsfilm-Interpretation von Spider-Man, die mit "Across the Spider-Verse" nun in die zweite Runde geht: Dieser Film "ist nicht weniger als ein Meilenstein in der Geschichte des Animationsfilms. ... Es ist wie 1920, als die Macher des expressionistischen Stummfilms 'Das Kabinett des Dr. Caligari' verkündeten: 'Das Filmbild muss Graphik werden.'" Im Zuge werden fortlaufend "immer weitere künstlerische Stile eingeführt, manche zweidimensional, andere plastisch aber immer wieder wird daraus auch bedrucktes, magisches Papier - jener unendliche Imaginationsraum, der einst für wenige Cents verkauft wurde.  ... Die Idee eines multiperspektivischen Universums ist durch sich unendlich öffnende Bildräume repräsentiert, eine Art digitaler Piranesi."

Außerdem: Cosima Lutz schreibt im Filmdienst zum Tod des Schauspielers Peter Simonischeck (weitere Nachrufe hier). Die Welt bringt ein bislang unveröffentlichtes Gespräch mit Kenneth Anger, das Daniel Kothenschulte Ende der Zehnerjahre mit dem kürzlich verstorbenen Experimentalfilmer geführt hat (Nachrufe auf Anger hier). Stefan Cantz, Drehbuchautor des ersten "Manta, Manta"-Films vor über 30 Jahren, verklagt die Produzenten von Til Schweigers "Manta, Manta 2", berichtet David Steinitz in der SZ: Diese hätten seine Grundlagenarbeit für das Sequel nicht entlohnt.

Besprochen werden Ti Wests Kunst-Horrorfilm "Pearl" (Perlentaucher, Tsp, ZeitOnline), die Horrorkomödie "Renfield" mit Nicolas Cage als Dracula (Presse), die Wiederaufführung von Luc Bessons "Im Rausch der Tiefe" (FR), der argentinische Kollektiv-Film "Trenque Lauquen" (SZ) und Rob Savages Stephen-King-Verfilmung "The Boogeyman" (SZ). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich wirklich lohnen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2023 - Film

Ungehobelte Kraft: "Touki Bouki"

Djibril Diop-Mambétys senegalesischer Film "Touki Bouki" aus dem Jahr 1973 kommt wieder in die deutschen Kinos. Der Film handelt von einem jungen Paar, das in Dakar von einem Leben in Paris träumt, bei der Realisierung dieser Träume allerdings auf Hindernisse stößt. "In langen, stummfilmartigen Passagen entwickelt der Film eine originäre, brachiale Bildsprache", schreibt Stefan Volk im Filmdienst. "Das expressionistische, pantomimisch-komödiantische Spiel der Protagonisten irritiert nur solange, bis man sich in die eigenwillige, oft groteske Erzählwelt Mambétys eingefunden hat. ... Bilder der Wirklichkeit und Traumvorstellungen verbinden sich zu einer lyrisch oszillierenden Tragikomödie. Die gedehnten, träumerischen Wahn- und Wunschepisoden, in welche die Realität unversehens hineingleitet, erinnern an das poetisch schwebende Kino Andrej Tarkowskys. Das rauschende Meer durchdringt ähnlich wie bei 'Solaris' den Film als zentrales Leitmotiv. Lange, weite Einstellungen, extreme Auf- und Untersichten fordern eingespielte Sehgewohnheiten heraus und verleihen 'Touki Bouki' einen spröden Zauber, eine ursprüngliche, ungehobelte Kraft."

Außerdem: Joachim Huber bedankt sich im Tagesspiegel bei Amazon für fünf Staffeln "Wonderful Mrs. Maisel". Standard-Kritiker Bert Rebhandl empfiehlt dem Wiener Publikum das Festival "Screenwise", das sich mit Fragen des Queerfeminismus in Film und Medienwissenschaften befasst. Stephan Ahrens schreibt im Filmdienst zum Tod von Kenneth Anger (weitere Nachrufe hier).

Besprochen werden Axel Ranischs Oper-Kino-Mix "Orphea in Love" ("Der um sich greifenden Beliebigkeit ist irgendwann nicht einmal mehr die phänomenale Hauptdarstellerin gewachsen", seufzt Lukas Foerster im Filmdienst, taz), Laura Citarellas "Trenque Lauquen" (Filmdienst), David Wagners "Eismayer" (Filmdienst) und Rob Marshalls Realverfilmung des Disneyklassikers "Arielle" (NZZ, unsere Kritik hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2023 - Film

Trägt gleich beide Siegerfilme in Cannes: Sandra Hüller, hier in "Anatomy of a Fall"

Mit einer Goldenen Palme für Justine Triets Gerichtsdrama "Anatomie eines Falls" (unser Resümee) und dem Großen Jurypreis für Jonathan Glazers Holocaustdrama "The Zone of Interest" (unser Resümee) ist das Filmfestival in Cannes zu Ende gegangen. In beiden spielte Sandra Hüller, die damit - trotz Favoritenstatus - keine Palme gewinnen konnte: Pro Film nur eine Palme, lautet eine Regel an der Croisette. Triet ist überhaupt erst die dritte Frau in der Geschichte des Festivals, die mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet wird: Vielleicht ja "ein Zeichen, dass in Cannes tatsächlich eine neue Ära angebrochen ist und sich der Wandel, gegen alle Widerstände, möchte man fast sagen, verstetigt", mutmaßt Andreas Busche im Tagesspiegel, nachdem auch vor zwei Jahren der Preis an eine Frau ging. In anderer Hinsicht bleibt Busche skeptisch: "Ein 'Festival der Entdeckungen' hatte Frémaux angekündigt, dieses Versprechen konnte Cannes 2023 nicht erfüllen. Es war ein großartiger, stellenweise aber noch zu restaurativer Jahrgang - was sich perspektivisch, im Anbetracht eines schwindenden Arthouse-Publikums, als gewagte Strategie erweisen könnte." Dem kann Maria Wiesner in der FAZ nur beipflichten: Diese "Ausgabe des Filmfestivals fühlt sich wie ein kleiner Abschied von alten Legenden an", es "braucht Nachwuchs".

Die Entscheidung für Triets Film hält Hanns-Georg Rodek in der Welt zumindest "auf den ersten Blick" für eine "erstaunliche Wahl, denn 'Anatomie' hat nichts von dem Zeitgeist, der seit Jahren aus den Siegern großer Festivals spricht: Im Cannes der Vorjahre gewannen etwa 'Triangle of Sadness' (Reich versus Arm), 'Titane' (Gender), 'Parasite' (Klassenkampf), 'Shoplifters' (neue Familienformen), 'The Square' (soziale Medien), 'Ich, Daniel Blake' (das unmenschliche Sozialsystem)." Rüdiger Suchsland von Artechock will sich über die Auszeichnung von Triets Film nicht ärgern, er fand ihn einfach nur belanglos: "Vorläufig bleibt hier einfach mal Achselzucken". Anke Leweke ärgert sich auf ZeitOnline nicht nur darüber, dass Jonathan Glazers Film lediglich der Zweitplatzierte ist, sondern auch, dass Sandra Hüller nun auch, wie damals bei "Toni Erdmann", an der Croisette nicht ausgezeichnet wurde: Sie "Hüller spielt Frauen, an denen wir uns abarbeiten - und die wir deshalb nicht mehr loswerden". Und trotzdem, dies war Hüllers Festival, schreibt Tobias Kniebe in der SZ: Die internationale Presse feierte die deutsche Schauspielerin. Und sie "trägt beide Filme - glorreicher kann man als Schauspielerin kaum gewürdigt werden. Entsprechend königlich war ihr Strahlen auf der Bühne: Kein Hauch von Bedauern darüber, dass sie nicht zusätzlich auch noch zur 'Besten Darstellerin' ausgerufen wurde."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erlebte einen "außergewöhnlichen Festivaljahrgang, der alle Spielarten des Kinos mit einer Leidenschaft umarmte, die Direktor Thierry Frémaux geradezu archetypisch verkörpert". Es war ein hoffnungsvoller Jahrgang für die Filmkunst, findet Tim Caspar Boehme in der taz: "Eine Krise des Erzählens, von der in Zusammenhang mit der Berlinale im Frühjahr viel die Rede war, ließ sich in Cannes allenfalls als Randerscheinung wahrnehmen."

Besprochen werden Laura Poitras' Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" über die Künstlerin Nan Goldin (Jungle World, unsere Kritik hier), die Westernserie "1923" mit Helen Mirren und Harrison Ford (FAZ), die Robert-de-Niro-Komödie "Und dann kam Dad" (Standard), der neue Pixar-Film "Elemental" (Welt) und die Netflix-Serie "Fubar" mit Arnold Schwarzenegger (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2023 - Film

Was Kino auch sein kann: kunstlose Kunst in "The Old Oak"

Mag ja sein, dass Cannes in diesem Jahr mehr denn je alte Männer und Platzhirsche der Filmkunst präsentiert hat, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Aber dafür lag eben auch ein "goldener Glanz über dem Festival". Und dann kam zum Ende auch noch Ken Loach mit "The Old Oak" über Spannungen in einer ehemaligen Bergarbeiterstadt im Norden Englands, als dort Flüchtlinge aus Syrien ankommen. "Es wurde in den vergangenen Tagen viel über den Zustand der Filmkunst gesprochen, die in diesem Jahr seit Langem wieder mal dem eigenen Anspruch des Cannes Festivals entspricht. Wie kann die Filmkritik hier also einem Film gerecht werden, der weder ästhetisch ambitioniert ist noch erzählerisch Neuland betritt. Sondern der mit einfachsten Mitteln so vehement und empathisch etwas über den Zustand der Welt erzählt, dass es im Kinosaal anschließend für einen Moment ganz still wird? ... Zwischen all der Filmkunst in diesem Jahr wird einem plötzlich wieder bewusst, was Kino eben auch sein kann."

Außerdem vom Festival: Für den Filmdienst unternimmt Josef Lederle Streifzüge durch die Nebensektionen des Festivals, um zu überprüfen, ob es "neben seinen vielen Rollen auch Stoffe und Denkweisen präsentiert, die sich gängigen Mustern entziehen". Tobias Kniebe plauscht in der SZ mit der neuen Präsidentin des Festivals, Iris Knobloch. Besprochen wird Wim Wenders' "Perfect Days" (taz, ZeitOnline, Filmdienst, mehr dazu bereits hier). Außerdem liefert Artechock fleißig Notizen und Podcasts vom Festival.

Abseits vom Filmfestival in Cannes: Alexander Menden geht in der SZ auf die Knie vor den Dialogen der sich eben ihrem Ende nähernden HBO-Serie "Succession", der es tatsächlich nochmal gelungen ist, ein weltumspannendes Popkultur-Phänomen zu werden: "Das ist es, was Succession zu einem so komplexen, befriedigenden Erlebnis macht: Armstrong und seinem Team ist es gelungen, über vier Staffeln hinweg Menschen zu zeigen, deren Leben so grotesk und abgehoben ist, dass sie sich durch ihre schiere Existenz selbst parodieren. Und die dennoch, trotz mangelnder Fallhöhe, in ihrer Versehrtheit die exemplarische Tragik und Eloquenz eines dynastischen Renaissance-Dramas erreichen. 'Ich bin ein Mann, an dem man mehr gesündigt, als er sündigte', klagt König Lear. Das würde Logan Roy - zu Unrecht - sicher auch für sich in Anspruch nehmen. Aber er würde immer hinzufügen: 'Fuck off'."

Besprochen werden der auf Paramount gezeigte Neo-Western "1923" mit Helen Mirren und Harrison Ford (Tsp), die Amazon-Fantasyserie "Der Greif" nach dem gleichnamigen Roman der Hohlbeins (FAZ, ZeitOnline), Peter Thorwarths auf Netflix gezeigte Nazi-Groteske "Blood & Gold" (Tsp, SZ),