Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2023 - Film

Andreas Busche vom Tagesspiegel fällt aus allen Wolken, als sein Blick auf die Zusammensetzung der Findungskommission fällt, die in den nächsten Monaten einen neuen Intendanten für die Berlinale aus dem Hut ziehen soll: Die Zusammensetzung "zeugt von einem Höchstmaß an Einfallslosigkeit", kritisiert er. "Roth sagte vergangene Woche, dass die Berlinale ihrem Anspruch gerecht werden soll, 'das größte Publikumsfestival und ein politisches Filmfestival zu sein'. Letzteres gelingt jedoch nicht per Dekret, es braucht schon eine Vorstellung davon, wie sich das Kino künftig gegenüber anderen Erzählformen mit Bewegtbildern behaupten soll. Vielmehr besteht die Gefahr, dass künftig eher inhaltliche denn künstlerische Kriterien bei der Filmauswahl angelegt werden - von 'Fachleuten', die 'Im Westen nichts Neues' schon für politisches Kino halten."

Arm ist Berlin weiterhin, aber dafür auch nicht mehr so richtig sexy: Klaus Wowereit in "Capital B" (Arte)

Wie konnte die Aufbruchstimmung in Berlin unmittelbar nach der Wende derart versickern? Dieser Frage geht Florian Opitz in seiner von Arte online gestellten Doku-Serie "Capital B - Wem gehört Berlin?" nach, für die er nicht nur bemerkenswertes Archivmaterial zusammengestellt hat, sondern tatsächlich auch viele der Verantwortlichen für Interviews vor die Kamera bekommen hat. ZeitOnline-Kritiker Matthias Dell kann die Reihe nur empfehlen: "Die Serie führt vor Augen, wie aus der korrupten CDU-Finanzwirtschaft des Bankenskandals, in dem die steuerzahlende Allgemeinheit ein paar Investoren Gewinne garantierte, ein riesiges Haushaltsdefizit entstand. Das wurde ab 2001 unter Klaus Wowereit (SPD) und seinem Finanzsenator Thilo Sarrazin beseitigt durch harte Sparpolitik, etwa in der heute als dysfunktional bekannten Verwaltung, und durch den Ausverkauf von einst landeseigenem Wohnraum. Letzterer ist seit der Finanzkrise von 2009 zum bevorzugten Spekulationsobjekt von global 'entfesselten Anlagekapital' (Stadtsoziologe Andrej Holm) geworden, der die Wohnungsfrage zu einem der drängendsten Probleme der einst so bezahlbaren Hauptstadt gemacht hat. Es ist eindrucksvoll, wie es der Serie gelingt, bei aller Komplexität der Vorgänge elegant Verbindungen zwischen dem Oben und Unten zu schaffen. Von Sarrazins Sparpolitik geht es zu einem dadurch prekär gewordenen Mädchentreff in Neukölln." Für den Tagesspiegel bespricht Claudia Reinhard die Dokuserie.

Weitere Artikel: Daniel Imwinkelried blickt für die NZZ nach Österreich auf den Wirbel, den dort eine ganze Flut von Porträtfilmen über Sebastian Kurz ausgelöst hat - wobei ein offenbar besonders werbeträchtig gestalteter Film auch wegen seiner ungeklärten Finanzierung Spekulationen darüber nährt, aus wessen Geldbeutel die Mittel dafür geflossen sein könnten: "Die Macher von 'Kurz. Der Film' bestreiten jedoch, dass der Film vom ehemaligen Kanzler mitfinanziert worden sei." Diese Woche geht ein weiterer Film über Kurz online, meldet außerdem Valerie Dirk im Standard. Diese spricht im Standard außerdem mit Senta Berger, die aktuell in Rainer Kaufmanns Ehedrama "Weißt Du noch" im Kino zu sehen ist. In der NZZ stellt Urs Bühler Maja Hoffmann vor, die am Mittwoch zur neuen Präsidentin des Locarno Film Festivals gewählt wurde. In der SZ gratuliert David Steinitz dem Hollywood-Produzenten Jerry Bruckheimer zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Paul B. Preciados Essayfilm "Orlando" (Perlentaucher, Zeit), Michael Chaves' Horrorfilmsequel "The Nun" (Perlentaucher), der Dokumentarfilm "Vergiss Meyn Nicht" über den bei den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst ums Leben gekommenen Journalisten und Aktivisten Steffen Meyn (taz, FR), Harald Pulchs und Ralf Otts Dokumentarfilm "Oskar Fischinger" über den deutschen Animations- und Experimentalfilmpionier (FR), die DVD-Ausgabe von Christine Kuglers und Günter Kurths "Kalle Kosmonaut" (taz), die Wiederaufführung von Hou Hsiao-hsiens "Millennium Mambo" aus dem Jahr 2001 (SZ), der neue Teil der Actionreihe "Expendables" (Standard), Eric Besnards Komödie "Die einfachen Dinge" (SZ),  und die Netflix-Serie "Liebes Kind" (FR). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2023 - Film

Szene aus Maya Derens "At Land" von 1944


Patrick Holzapfel stellt in der NZZ die avantgardistische Regisseurin Maya Deren vor, der das Filmpodium Zürich einen Filmabend widmet: "Der Stellenwert Derens für den künstlerischen Film ist ungebrochen. Trotzdem entzieht sich die 1917, im Jahr der russischen Revolution, in Kiew als Eleanora Solomonowna Derenkowskaja in eine intellektuelle jüdische Familie geborene Künstlerin und Theoretikerin den üblichen Mechanismen der Kanonisierung. Das hängt auch damit zusammen, dass ihr Werk sich dem Ungreifbaren verschrieben hat. Ihre großteils in den 1940er Jahren realisierten Filme lassen sich kaum beschreiben, entziehen sich mit verspielter, formal präziser Bewegungskunst den üblichen Modi des Kinos. Es sind filmische Choreografien, Tanzfilme und Studien des Unterbewussten. Oft ist Deren selbst darin zu sehen. Bis heute wirken die Filme unverbraucht und aufregend. Das gilt genauso für Derens theoretische Schriften, die sich einer Idee des poetischen Films nähern."

Besprochen wird Nicolas Philiberts Berlinale-Gewinner "Auf der Adamant", der jetzt in die Kinos kommt (FR, SZ und hier noch die Berlinalekritik im Perlentaucher).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2023 - Film

Sterling K. Brown in Cord Jeffersons "American Fiction"

Bert Rebhandl berichtet in der FAZ vom Filmfest Toronto, wo Cord Jeffersons Verfilmung von Percival Everetts Roman "American Fiction" den Hauptpreis gewann. Der Roman ist schon gut zwanzig Jahre alt, so Rebhandl, aber er passt sehr gut in die heutige Zeit. Hauptfigur ist der schwarze Schriftsteller, Thelonious "Monk" Ellison, der "mehr oder weniger offen Joyce nacheifert oder einem anderen alten weißen Mann" und damit "- hier beginnt schon die satirische Zuspitzung - seine Identität" verrät. "Jeffrey Wright spielt dieses Dilemma mit der Zurückhaltung, auf die 'American Fiction' dann lustvoll seine Übertreibungen bauen kann. Denn Monk reagiert auf den Erfolg von vielerlei Rollenprosa mit einem pseudonymen Machwerk, das all das erfüllt, was (weißen) Verlegern über Afroamerikaner einleuchtet. Und bald ist der Streich nicht mehr zurückzunehmen, es hilft nur die Flucht nach vorn, das gilt auch für den Film insgesamt, der dann aber mit vielen Zwischentönen seine deutliche Botschaft anreichert. Mit dem Mythos vom "großen amerikanischen Roman" muss "American Fiction" es gar nicht aufnehmen, um eine sehr präzise Bestandsaufnahme der Reste der bürgerlichen Öffentlichkeit in Amerika vorzunehmen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2023 - Film

Reiner Wandler berichtet in der taz über einen Streit beim Filmfestival San Sebastian um einen Dokumentarfilm über die baskische Terrororganisation ETA, der zum größten Teil aus einem Interview des Journalisten Jordi Évole mit dem 72-jährigen Josu Urrutikoetxea besteht, "Kampfname Josu Ternera, der in Frankreich lebt und unter Auflagen auf ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung wartet", so Wandler: "'Weißwaschung des Terrorismus' sei der Streifen, beschweren sich 514 Unterzeichner eines Manifestes. Philosoph Fernando Savater, Schriftsteller wie Félix de Azúa oder Fernando Aramburu, Journalisten, Uniprofessoren und Angehörige von ETA-Opfern fordern die Absetzung des Dokumentarfilms. Die Festivalleitung will davon nichts wissen. ETA und Gewalt sei von jeher ein Thema auf dem Festival gewesen."

Besprochen werden Torsten Rüthers Boxerdrama "Leberhaken" (FR), Paul B. Preciados Filmessay "Orlando, meine politische Biografie" (taz) und Steffi Niederzolls Doku "Sieben Tage in Teheran" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2023 - Film

Im Filmdienst führt Jörg Gerle durchs Werk der Filmkomponistin Hildur Guđnadóttir, die mit ihrer düsteren Melancholie in den jüngsten Jahren viele Filme veredelt hat. Aktuell im Kino läuft Kenneth Branaghs "A Hauntin in Venice", den sie musikalisch untermalt hat. "Guđnadóttir lässt keine schmeichelnde Farbe in ihre Kompositionen - so düster, so brutalistisch klingt ihre Musik. Selbst wenn es darum geht, tiefe Emotionen zu ergründen, wie in Garth Davis' Bibelfilm 'Maria Magdalena'' (2018), hält sie sich mit dem Ausstatten einer bunten Orchesterpalette eigentümlich zurück. Eine Bratsche, eine Violine, ein Saxophon, ein Piano, eine Gitarre, ein von Guđnadóttir gespieltes Halldorophon und eine Variation kaum lärmenden Schlagwerks: mehr braucht es nicht, um ihre nach wie vor archaische, staubige, nichtsdestotrotz melodischste Musik bislang zu komponieren." Für ihre großartige Arbeit zu "Joker" erhielt sie einen Oscar:



Außerdem: Juliane Preiß besucht für die taz in Kassel die älteste Videothek Deutschlands und zumindest laut Guiness-Buch auch der Welt: Bis heute ist sie im Betrieb, allerdings hat des Geschäft mittlerweile der Verein Randfilm übernommen, der dort in einem Nachbarschaftskino Abseitiges und Raritäten zeigt. Heike-Melba Fendel porträtiert für ZeitOnline die Schauspielerin Bridget Fonda. Besprochen werden Aki Kaurismäkis "Fallende Blätter" (Artechock, unsere Kritik hier), Nicolas Philiberts Dokumentarfilm "Auf der Adamant" (SZ) und die ARD-Serie "Tod den Lebenden" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.09.2023 - Film

"Frauen in Landschaften"


Sabine Michel hat für ihre Filmdoku "Frauen in Landschaften" vier ostdeutsche Politikerinnen begleitet: Anke Domscheit-Berg (Linke), Manuela Schwesig (SPD), Yvonne Magwas (CDU) und Frauke Petry (ehemals AfD). Wer mehr über konkrete politische Themen erfahren will wie Nordstream 2 beispielsweise, wird wohl enttäuscht werden. Trotzdem findet Cornelius Pollmer (SZ) den Film sehenswert: "Michel erzählt gewohnt zurückhaltend und - verrückt, dass es das noch gibt - zeigt, statt dauernd zu urteilen, und sei es nur indirekt. Sie beginnt ihr Nachforschen mit ganz einfachen Fragen nach der jeweiligen Prägung: Hat Ihre Mutter gearbeitet? Waren Sie Pionierin? Was wollten Sie werden? Die teils ähnlichen Parameter der Herkunft machen die Unterschiedlichkeit der daraus hervorgehenden Biografien natürlich noch interessanter. Wobei die politischen Aussagen der vier Porträtierten dem weithin Bekannten wenig hinzufügen. Dennoch zeigen die vier Frauen sich Michel überwiegend so unverschlossen, dass man am Ende trotzdem glaubt, eine jede von ihnen etwas besser kennengelernt zu haben."

In der FAZ ist Ursula Scheer etwas kritischer: Es ist ein "ruhiger, zugewandter Film", schreibt sie. "Das wirkt wohltuend in Zeiten, die auf Reiz-Reaktions-Muster konditionieren. Unbequem wird die Filmemacherin nur einmal, als sie von der früheren Unternehmerin und AfD-Vorsitzende Frauke Petry mehr über deren Haltung zur Migration erfahren möchte ... Auch wenn sie über ihren Einstieg in die AfD und den Ausstieg aus der rechtspopulistischen Partei, die sich in die falsche Richtung entwickelt habe, spricht, wird eine Härte spürbar, die dem Film sonst fremd ist. Das Nordstream-Debakel, beurteilt im Wissen um Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, kann Manuela Schwesig weich wegmoderieren."

Weiteres: Patrick Heidmann unterhält sich für die FR mit der Filmkomponistin Hildur Guðnadóttir über ihre Arbeit im Allgemeinen und ihre Musik für die Agatha Christie-Adaption "A Haunting in Venice" im Besonderen. Besprochen werden Aki Kaurismäkis Liebesfilm "Fallende Blätter" (Zeit online) und Steffi Niederzolls Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" (Zeit online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2023 - Film

Nach dem Singen kommt das Schweigen: Aki Kaurismäkis "Fallende Blätter"

Patrick Holzapfel widmet sich in einem Filmdienst-Essay dem Kino von Aki Kaurismäki, dessen neuer Film "Fallende Blätter" (unser erstes Resümee) heute anläuft. "Das gemeinsame Bestreben seiner Filme ist nichts Geringeres als die Errettung der an den Rand gedrängten Menschlichkeit in Systemen, die diese unterdrücken. Kaurismäkis Filme existieren an den Grenzen der Bilder, die eine Gesellschaft von sich produziert oder die sie eigentlich produzieren könnte. Er balanciert auf dieser Grenze, weil seine Bilder mit ihren einfachen Farbgebungen und der ausgestellten Ästhetisierung durchaus kompatibel sind mit Instagram; die Welten aber, die bei Kaurismäki aufscheinen, hingegen eben nicht. Dort, wo sich eine Gesellschaft in ethisch vertretbaren Normen verliert, feiert Kaurismäki die Schamlosigkeit. Dort, wo nur den geschniegelten Wohlsituierten zugetraut wird, eine Liebesgeschichte zu tragen, erzählt sie Kaurismäki zwischen Betrunkenen und Herumstreichern. Und wo es keine Bilder von Armut geben darf, zeigt Kaurismäki die verzweifelte Kargheit eines Lebens. Wo das Klischee keinen Humor verträgt, regiert bei Kaurismäki die Absurdität des Seins."

In "Fallende Blätter" lässt Kaurismäki nun endgültig mehr singen als reden, schreibt Michael Kienzl im Perlentaucher. "Traurige Schubert-Lieder werden beim Karaoke-Abend dargeboten, eine finnische Version des beschwingten 'Mambo Italiano' ertönt aus einem alten Wurlitzer und in einer Kneipe spielt eine hippe Electropop-Girl-Band in Arztkitteln. Was die wild zusammengewürfelten Songs vereint, ist, dass sie entweder von inbrünstigem Weltschmerz oder der Flucht in eine heile Fantasiewelt handeln." Überhaupt bestaunenswert ist, "wie Kaurismäki zwischen Realismus und Künstlichkeit sowie zwischen Misere und Utopie balanciert." Weitere Besprechungen in Standard, FR und taz.

Außerdem: Im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser erzählt der chilenische Regisseur Sebastián Silva davon, wie ihn "meine Misantrophie, mein Selbsthass und meine Todessehnsucht" zu seiner Komödie "Rotting in the Sun" inspiriert haben. Besprochen werden Nicolas Philiberts Berlinale-Gewinner "Auf der Adamant" (FR), Paul B. Preciados Filmessay "Orlando, meine politische Biografie" (Tsp), Danny Boons "Voll ins Leben" mit Charlotte Gainsbourg (Perlentaucher), Kenneth Branaghs Horrorkrimi "A Haunting in Venice" (Filmdienst, FAZ, Tagesspiegel), Veronica Ngos Martial-Arts-Sause "Furies" (FR) und Lena May Grafs "Trauzeugen" (Filmdienst). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.09.2023 - Film

Untergegangene Filmwelt - und der Hund heißt Chaplin: "Fallende Blätter" von Aki Kaurismäki

Mit "Fallende Blätter" startet diese Woche Aki Kaurismäkis zweiter letzter Film in den Kinos. Eigentlich wollte der finnische Autorenfilmer sich schon vor einigen Jahren zur Ruhe setzen. Nun legt er, wie er selber sagt, einen "Nachzügler" zu seiner proletarischen Trilogie vor, mit der er in den Achtzigern und Neunzigern den Arthousekinos volle Säle bescherte. Erneut geht es um im Leben Gestrandete aus dem Proletariat, die um ihre Würde kämpfen und einander distanziert umkreisen: Eine entlassene Supermarktkassiererin und ein Metallarbeiter sind es hier, die sich buchstäblich im Kino verlieben: "Das Kino heißt Ritz, im Aushang hängen Plakate von Melvilles 'Vier im roten Kreis', Godards 'Pierrot le Fou' und David Leans 'Brief Encounter', auch das ein Liebesdrama voller Vergeblichkeiten", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Kaurismäki beschwört eine untergegangene Filmwelt und bewahrt sie vor dem Vergessen, indem er sie den Verlierern der Gegenwart zu Füßen legt. Den Arbeitern und Arbeitslosen, denen, die aus der Zeit gefallen sind und keine Chance haben."

Andreas Kilb in der FAZ ergänzt: "Eine Welt der Armut und Entbehrung kann keine Welt der Schönheit sein", doch "bei Aki Kaurismäki ist sie schön. Sie ist so schön wie das Blau von Ansas Mantel, wie das Rot der Bluse, die sie in der Karaoke-Bar trägt, in der sie den Fabrikarbeiter Holappa kennenlernt, und wie das Gelb der Blumen, die ihr Holappa zu ihrem ersten gemeinsamen Abendessen mitbringt. ... Dennoch fehlt in diesem Rückblick jeder Schimmer von Nostalgie. Die Erzählung ist von falschen Sehnsuchtsfarben frei. Sie geht ihren Gang, ohne auf die Filmgeschichte zu schielen. Die Blätter fallen, doch sie welken nicht." Im Filmdienst bespricht Thomas Klein den Film.

Besprochen werden außerdem Nicolas Philiberts Berlinale-Gewinner "Auf der Adamant" (Tsp), Dany Boons "Voll ins Leben" mit Charlotte Gainsbourg (Filmdienst) und die RTL-Serie "Dark Winds" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2023 - Film

Wer ist Opfer, wer Täter? Und wer ist als Opfer Täter? (Cine Global/ Made in Copenhagen, Corso Film)

Lukasz Konopas und Emil Langballes Dokumentarfilm "Theatre of Violence" befasst sich mit dem Fall des ehemaligen Kindersoldaten Dominic Ongwen aus Uganda, der 2021 in Den Haag zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. Diesem Fall "liegt ein Widerstreit zugrunde, dessen Unwägbarkeiten sich 'Theatre of Violence' mit kluger Zurückhaltung nähert", schreibt Silvia Bahl im Filmdienst. "Wie urteilt man über Täterschaft, die selbst aus einer Situation schwerer Menschenrechtsverletzung entstanden ist? Führt die Tatsache, dass Ongwen mit neun Jahren von der LRA entführt und unter Androhung des eigenen Todes zum Töten gezwungen wurde, dazu, ihn auch als Opfer zu sehen, das mildernde Umstände geltend machen kann? ... Ohne Off-Kommentar, erläuternde Einblendungen oder 'Talking Heads' gelingt allein durch eine kluge Montage und Dramaturgie eine genaue Durcharbeitung der ugandischen Konfliktlinien."

Weitere Artikel: Eine Findungskommission bestehend aus Edward Berger, Florian Graf, Anne Leppin, Sara Fazilat, Roman Paul und Claudia Roth selbst will "schon bis zur kommenden Berlinale" einen neuen Intendanten für das kulturpolitisch zuletzt arg gebeutelte Festival präsentieren, berichtet David Steinitz in der SZ und knüpft daran die Hoffnung, in Berlin künftig von weniger Filmkunst behelligt zu werden, aber dafür mehr Filmstars zu sehen.

Besprochen werden Paul B. Preciados "Orlando, meine politische Biographie" (FAS), Stephan Lambys ARD-Doku "Ernstfall - Regieren am Limit" über die Ampel ("auf interessante Weise nicht gut", findet Dirk Peitz auf ZeitOnline), Nimrod Antals Actionthriller "Retribution" mit Liam Neeson (Filmdienst) und die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2023 - Film

Begeisterte die Kritik: Emma Stone in "Poor Things"

Mit einem Goldenen Löwen für Yorgos Lanthimos' "Poor Things" (unser Resümee) sind die Filmfestspiele Venedig zu Ende gegangen. Die Kritiker können damit bestens leben: "Das ganze Ding ist ein Orkan aus Frischluft", frohlockt Dietmar Dath in der FAZ. Bei "dieser weiblichen Frankensteiniade" konnte sich "niemand dem rauschhaften Gefühl entziehen, die Wunder des Kinos gleichsam in einer Überdosis serviert zu bekommen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Standard-Kritikerin Valerie Dirk bezeugt "ein kreatives Füllhorn an Frankenstein- und Emanzipationsmotiven, angesiedelt in einem futuristischen Europa um 1900, getragen von der wunderbaren Schauspielerin Emma Stone". Letzter widmet Marian Wilhlem ein Porträt im Standard. Lanthimos versucht sich in seinem Film an der "Quadratur des Kreises", schreibt Andrey Arnold in der Presse: " Eine Aussöhnung 'harter', tendenziell älterer Kunstfilmer-Attitüden mit eher 'weicheren', jüngeren, sprich: die Verquickung eines schonungslosen Blicks auf die Schlechtigkeit der Welt mit einer optimistischen, emanzipatorischen Grundhaltung. Dass 'Poor Things' obendrein Humor beweist, prädestinierte ihn zum Konsensfilm von Venedig - und Oscar-Anwärter." Mit diesem Film kann man "einmal die Welt sehen, als sähe man sie zum ersten Mal", schwärmt auch Felicitas Kleiner im Filmdienst: Hier "finden die schiere Lust am Spektakel und am Spekulativen, an der sinnlichen Wirkmächtigkeit des Mediums Film und ein origineller Blick auf die 'conditio humana' auf schönste Weise zusammen."

Das Kino zeigt sich in diesem Jahrgang tief mit der Gegenwart verstrickt, diagnostiziert Andreas Busche im Tagesspiegel. Und die Jury bezog Stellung: Die beiden Flüchtlingsdramen "Green Border" von Agnieszka Holland und "Io Capitano" von Matteo Garrone (unser Resümee) erhielten Auszeichnungen. "Niemand möchte gerade die Halbwertzeit der skandalumwitterten Meloni-Regierung prognostizieren, doch die Sorgen in Italien sind groß. Nicht mal unter Berlusconi hat die Politik so massiv in das Kulturleben eingegriffen. Auch die Biennale, die Dachorganisation des Filmfestivals, dürfte von den kulturpolitischen Personalrochaden nicht verschont bleiben. Darum sollte man den Regiepreis für Matteo Garrone ... auch als Signal verstehen. Der Film begleitet einen jungen Senegalesen, gespielt von Seydou Sarr, auf seiner Odyssee durch die Sahara und über das Mittelmeer. Garrone spart dabei keine Brutalität aus, er will das Mitgefühl des Publikums mit drastischen Mitteln."

Die Jury unter dem Vorsitz von Damien Chazelle erfasste mit ihren Entscheidungen das Kino in seinem ganzen Spektrum, schreibt Katja Nicodemus: Es "kann mit seinen Bildern durch die Decke fliegen und dennoch auf dem Boden unserer Welt bleiben. Es kann abheben, zur surrealen Versuchsanordnung werden und gleichzeitig Stellung beziehen, sich sogar mit aller Wucht in die Wirklichkeit hineinschrauben." Die Entscheidungen stehen "für eine gewagte Bilderpolitik, für abgefahrene Filme, die dennoch sehr genau wissen, was sie tun - und wollen". Auch SZ-Kritikern Susan Vahabzadeh reist satt und zufrieden vom Lido ab: "Wenn eine solche Reihung großartiger Filme in einem einzigen Sommer möglich ist, kann es dem Kino nicht ganz schlecht gehen." Tim Caspar Boehme von der taz kann mit den Preisen gut leben, ist aber insgsamt nur milde begeistert: "Im Großen und Ganzen bleibt der Eindruck eines Jahrgangs, der unter den vertretenen Regisseuren reichlich Prominenz auffuhr, ohne dass diese Höchstleistungen erkennen ließen." Welt-Kritiker Jan Küveler hingegen tritt seinen Heimflug eher schlecht gelaunt an: Insgesamt war zu viel Untergangsstimmung für ihn, aber mit den Preisen ist er einverstanden.