Die
Schriftstellerin Pascale Kramer denkt in der
NZZ über den langanhalten Widerstand in
Frankreich gegenüber #
MeToo nach und warum gerade dort die Einforderung eines respektvollen Miteinanders und die Ansprache von Übergriffigkeiten auch als Angriff auf die französische Lebensweise angesehen wird - wovon sie sich selbst im übrigen gar nicht mal ausnimmt. Im Zuge dessen holt sie auch
Bertrand Bliers Erotiksatire "Les Valseuses" von 1974 mit
Gérard Depardieu aus dem Regal. "Zweifellos hat der französische Widerstand gegen #MeToo auch etwas mit dem Widerwillen zu tun, sich der
amerikanischen Moral anzupassen", wofür dieser Film das beste Beispiel ist. "Depardieu ist in dem Film genial, heiss,
mächtig,
furchteinflößend,
grenzenlos, selbst in seinen Rissen. Ich habe ... mich ungläubig vor dem Bildschirm gefragt, wie ich gegenüber einer jungen Frau von heute das Vergnügen rechtfertigen kann, das ich beim Schauen erneut empfinde. Es gibt keine Rechtfertigung. Außer dass man das Glück, das man dabei erlebt hat, sich so sehr
von Moral und Verboten befreit zu fühlen, nie ganz verleugnen kann. Ein bestimmtes Frankreich dieser Zeit hat sich in der derben Geschichte gerne wiedererkannt. Depardieu selbst ist nie wirklich aus seiner Figur herausgekommen und wurde nach und nach zu ihrer
schrecklichen Karikatur."
Der "Barbenheimer"-Effekt des letzten Jahres ist verflogen, den
Kinos geht es nach einem
desaströsen Mai nicht gut,
schreibt Barbara Schweizerhof im
Freitag. "Der Mai hat für das Box Office in den USA besondere Bedeutung, denn wenn im Frühsommer viele Menschen ins Kino gehen, sehen viele die Trailer für all die Filme, die den Rest des Jahres ins Kino kommen. Und gerade weil der Kinobesuch, wie überall betont wird, sowohl ein kulturelles wie ein soziales Ereignis ist, könnten leere Kinos im Mai einen
dämpfenden Effekt auf die Stimmung des ganzen Jahres haben. ... Mittlerweile kalkuliert das potenzielle Publikum schon selbst, dass nur bestimmte Filme wirklich im Kino erlebt werden müssen, während man bei anderen getrost die paar Wochen abwarten kann, bis sie sich streamen lassen. Aber ob sich dieser Prozess wieder rückgängig machen lässt durch mehr Exklusivität der Kinoauswertung?"
Die Academy hat nach der Kritik, dass in ihrem
Academy Museum in Los Angeles die
jüdischen Gründungsväter von Hollywood keine Rolle spielen, ihre Ausstellung ergänzt - und erntet damit erneut Kritik, berichtet Susan Vahabzadeh in der
SZ: "Die Ausstellung erscheint einigen Besuchern als
Aneinanderreihung antisemitischer Stereotype. Es sei, heißt es in einem Brief der United Jewish Writers, der einzige Teil des Museums, der die Menschen, von denen er erzählt,
nicht feiert. Stattdessen, so lautet der Vorwurf der Kritiker der Ausstellung, ginge es nur um ihre
dunklen Seiten - Machtmissbrauch, autoritärer Führungsstil, Rassismus gegen Schwarze, Frauenfeindlichkeit. So seien sie nun einmal gewesen, verteidigen die einen die Ausstellung. Andere wundern sich aber, dass die Gründung Hollywoods nur unter diesen negativen Aspekten betrachtet werde, die Verfehlungen der jüdischen Studiochefs vorkämen, die aller anderen aber nicht." Das
Los Angeles Magazine bringt mehr.
Außerdem: Die
deutschen Filmproduzenten schlagen in Sachen Reform der
Filmförderung mal wieder Alarm,
berichtet Christian Meier in der
Welt. Für die Welt plaudert Bari Weiss mit
Jerry Seinfeld. Rüdiger Suchsland
verabschiedet sich auf
Artechock von
Françoise Hardy als Schauspielerin (Nachrufe auf sie als Musikerin haben wir
hier gesammelt).
Besprochen werden
Daniela Völkers Dokumentarfilm "Der Schatten des Kommandanten" (
Artechock,
FAZ, mehr dazu bereits
hier),
Julio Torres' "Problemista" (
Artechock, unsere
Kritik), der neue
Pixar-Animationsfilm "Alles steht Kopf 2" (
FAZ,
Artechock),
Xavier Gens' Horrorfilm "Im Wasser der Seine" über einen
Haifischangriff auf Paris (
critic.de), die neuen Folgen der
Netflix-Serie "Bridgerton" (
NZZ), die neue "Star Wars"-Serie "The Acolyte" (
Tsp), die zweite Staffel des "Game of Thrones"-Prequels "House of the Dragon" (
TA) und die Serien-Neuverfilmung von "Aus Mangel an Beweisen" (
Freitag).