Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2024 - Film

Donald Sutherland. Er konnte sanft sein. Er konnte Angst machen. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren gestorben


Er "war ein seltsam schöner, hochgewachsener Mann, der die Räume mit seiner Aura füllte, sobald er sie betrat", schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. "Er konnte urkomisch sein, wie in der Rolle des verrückten Hawkeye Pierce in Robert Altmanns 'M*A*S*H' (1970), oder 'die traurigste Figur unter Gottes Sonne' spielen, wie er es für Frederico Fellini in 'Casanova' (1976) tat. ... Liebe, Kino, Politik - das gehörte bei Sutherland immer zusammen. Elegantes Konterkarieren war seine Kunst." Er "entwickelte sich im Kino und Fernsehen über die Jahrzehnte zu einer grauen Eminenz, deren Spezialgebiet aristokratische alte Löwen waren: Männer, die aus Geld und Verachtung gemacht schienen und die genau wussten, wie flüchtig Macht sein kann."

SZ-Kritiker David Steinitz erinnert sich an das "Erdbeben", das Sutherland einst mit Nicolas Roegs Kunst-Horrorfilm "Wenn die Gondeln Trauer tragen" in ihm ausgelöst hat: "Es ist die Geschichte einer nicht überwindbaren Trauer, die sich in kein Schauspielergesicht davor und danach so eingefräst hat wie in das von Donald Sutherland. Während er zu Beginn des Films das tote Kind in den Armen hält, weiß man bereits durch eine einzige Großaufnahme seines Gesichts, dass dieser Mann in seinem Leben kein Glück mehr spüren wird." Der einzige Schatten auf Sutherlands annähernd 60 Jahre währender Hollywood-Karriere ist nur der, er "nie für einen Oscar nominiert gewesen ist", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Aber eigentlich war Sutherland auch viel zu abgeklärt für die amerikanische Filmindustrie. ... Das Böse und das Kindliche lagen im Spiel von Sutherland stets dicht beieinander, weswegen er in den Siebzigern wohl auch für die großen Regisseure des europäischen Autorenfilms so interessant war."

Die Regisseurin Julia von Heinz ärgert sich in einem Gastbeitrag für Zeit Online, dass Filme über die Shoah bei Produzenten, Kritikern und dem Publikum angeblich auf immer mehr Skepsis stoßen. Fast noch mehr ärgert sie aber, dass Filme über den Mord der Deutschen an den Juden ganz besonders penibel beurteilt und bewertet werden und dabei ein intellektuell besonders hochstehendes Soll zu erreichen haben: "Es kommt mir zynisch vor, die Tatsache zu ignorieren, dass man mit Mitteln des Spielfilms Herz und Verstand der Menschen erreichen kann. ... Es geht bei Filmen zum Holocaust nicht um die Frage, ob etwas gut, schlecht, zu unterhaltsam, zu emotional ist. Es geht um Angemessenheit. Und diese kann sich erst zeigen, wenn man beurteilen kann, ob der Film auch eine angemessene Reaktion hervorruft. Hat er Menschen bewegt, sensibilisiert, einen wichtigen Diskurs eröffnet, das Thema für eine neue Generation zugänglich gemacht?"

Weitere Artikel: Auf Artechock empfiehlt Rüdiger Suchsland die Berliner Ausstellung und Kino-Retrospektive zu den Filmen von Thomas Arslan. Paul Jandl beobachtet in der NZZ mit Kummer den Niedergang der Vorabendserien.

Besprochen werden Eva Trobischs Palliativ-Liebesdrama "Ivo" (Artechock, Zeit, unsere Kritik), Jeff Nichols' "The Bikeriders" (Welt, Artechock, mehr dazu bereits hier), Hans Blocks und Moritz Riesewiecks "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit" über das digitale Weiterleben nach dem Tod (FAZ), Kiah Roache-Turners "Sting" (Artechock), die Netflix-Doku "Black Barbie" (Standard), die im Opernmilieu angesiedelte ARD-Miniserie "For the Drama" (FAZ), Giacomo Abbruzzeses in Österreich startender "Disco Boy" mit Franz Rogowski (Standard) und David Bellos' Buch über Jacques Tati (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2024 - Film

Blickt durch die Augen einer jungen Frau auf schöne Männer: "The Bikeriders"

Mit "The Bikeriders" erweckt der US-Regisseur Jeff Nichols Danny Lyons legendären, gleichnamigen Bildband aus den Sechzigern über die damals im Entstehen begriffene Bikerkultur zum Leben. "Nichols hat alte Maschinen für den Film genommen", schreibt Fritz Göttler in der SZ über die wichtigsten Darsteller des Films."Aber der Mythos wird schnell schäbig, der Traum ist kontaminiert", der Film handelt vom Niedergang einer Subkultur in die Gewalt. Und trotzdem: "Schöne Männer schöne Sachen machen lassen, das ist eine bewährte Kino-Formel." Buchstäblich einen Kostümfilm sah NZZ-Kritiker Andreas Scheiner: "Dieser Film trägt Jeans" und "natürlich Leder". Im Mittelpunkt stehen "zwei starke Kerle, starke Zweiräder und als Stützrad die Frau. Auf den ersten Blick wirkt das eher gestrig. Auf den zweiten auch. Aber gerade das macht die Sache spannend: Jeff Nichols gibt sich ganz unbeeindruckt von zeitgemäßen Erwägungen."

Maria Wiesner macht in der FAZ auf einen entscheidenden Perspektivwechsel aufmerksam: All das Bikergehabe, all die virilen Markierungen - "all das sehen wir mit den Augen der jungen Frau. So wie die Linse hier Bennys durchtrainierte Oberarme unter der geöffneten Lederweste abtastet, schauen Filme sonst auf weibliche Körper. 'The Bikeriders' aber erzählt von einer Männerwelt aus der Perspektive von Kathy." Tazlerin Arabella Wintermayer hat nach dem Film auch weiterhin nicht ganz verstanden, warum Biker tun was Biker tun - aber das ist gerade das Gute daran: Nichols macht "das besondere Flair einer Welt spürbar, die es so nicht mehr gibt, und eine Faszination erfahrbar, die doch bis heute überdauert - ohne sie in ein rationales Schema zu pressen. Denn wie das mit Faszinationen nun einmal ist: Man darf sie nicht bis zur Reizlosigkeit ergründen, möchte man sie sich erhalten."

Der Film "liefert nostalgische Pferdestärken", hält Marian Wilhelm im Standard fest, "doch wie immer bei der Sehnsucht nach früheren Zeiten ist Vorsicht geboten", zumal diese "popkulturelle Spritztour durch die Mythologie der amerikanischen Gegenkultur" Leute und deren Freiheitsdrang zeigt, die "heute vielleicht Trump-Wähler wären". Ein trotz vieler Raufereien "überraschend vielschichtiges Drama" sah Freitag-Kritikerin Dobrila Kontic. Und Daniel Kothenschulte hat für die FR mit dem Regisseur gesprochen.

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für den Freitag mit der Cutterin Thelma Schoonmaker über deren langjährige Zusammenarbeit mit Martin Scorsese, dessen gemeinsam mit David Hinton entstandener (und in FR und FD besprochener) Essayfilm "Made in England" über die Filme von Powell & Pressburger heute in die Kinos kommt. Kevin Gensheimer spricht für die Berliner Zeitung mit Dominik Graf über den Osten, den Westen und den erstarkenden Faschismus. Hanns-Georg Rodek (FD) und André Boße (Zeit Online) schreiben zum Tod von Anouk Aimée (weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden Eva Trobischs Palliativ-Drama "Ivo" (Perlentaucher, FD), die deutsche Erstaufführung von Kinji Fukasakus Yakuza-Klassiker "Battles Without Honor and Humanity" von 1973 (online nachgereicht von der FAS, FD), Sahra Manis auf Apple gezeigter Film "Bread & Roses" über ins Ausland geschmuggelte Aufnahmen von afghanischen Frauen im Hausarrest (SZ), Hans Blocks und Moritz Riesewiecks "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit" über das digitale Weiterleben nach dem Tod (SZ, FD), Jim Taihuttus "Hardcore Never Dies" (Perlentaucher), die DVD-Ausgabe von Andrew Legges experimentellem SF-Film "Lola" (taz, mehr dazu bereits hier), die Serie "Poker Face" (FAZ). Außerdem informiert das Filmteam der SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Hier zudem der Überblick beim Filmdienst über die aktuellen Kinostarts.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2024 - Film

Anouk Aimée, "die Geliebte", 1952 (Studio Harcourt, Public Domain)

Die Filmkritiker trauern um die große Anouk Aimée, die im Alter von 92 Jahren gestorben ist. "Ihre Karriere gehorchte einem faszinierenden Wechselspiel von Verweigerung und Hingabe", hält Gerhard Midding in der Welt fest. Aimée "brillierte im Rollenfach der modernen Frau, die das Glück zu suchen versteht, aber auch ihren Geliebten immer ein Rätsel bleibt. ... Die Liebeserklärung, die sie Marcello Mastroianni in 'Das süße Leben' machte, wirkte glaubhaft selbst noch in dem Moment, wo sie sich schon der Umarmung eines Anderen hingab. Diese Garbo aus dem Geist der Nouvelle Vague hielt in der Schwebe, ob ihre Figuren die selbstzerstörerische Kraft der Gefühle fürchteten oder ob sie deren Überschwang misstrauten. Ein Zauber der Unergründlichkeit lag über ihren besten Rollen; keine andere Schauspielerin trug in ihren Filmen so häufig Sonnenbrillen wie sie."



"Zu den Wundern des Kinos gehört, dass es seine Darsteller in immer neue Figuren schlüpfen und dabei doch immer sie selbst sein lässt", schwärmt Andreas Kilb in der FAZ. "Die Aura souveräner Verletzlichkeit, die sie umgab, hat die Regisseure ihrer Zeit davon abgehalten, an ihr herumzuexperimentieren. So wirken die Frauen, die sie für George Cukor ('Justine'), Sidney Lumet ('The Appointment'), Bernardo Bertolucci ('Tragödie eines lächerlichen Mannes') und immer wieder für Claude Lelouch ('Ein Hauch von Zärtlichkeit') verkörpert hat, wie Puzzlestücke eines Porträts, das erst jetzt, mit ihrem Tod, vollendet ist."

Es "waren die Außenseiter der Nouvelle Vague, die sie im französischen Kino verewigten: in Rollen, die nicht mit den Klischees der Kindfrau spielten", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. So gab sie etwa die Lola für Jacques Demy: Es "war die bis dato modernste Frauenfigur in diesem Umfeld, das sich auf seine Modernität viel einbildete." Valerie Dirk würdigt im Standard Aimées "geheimnisvolle Eleganz". Bei Fellini gelang ihr damit der Durchbruch: "Bei ihm war sie immer die eine Frau, die dem gern in den Fetisch gleitenden Blick des Regisseurs standhielt."

"Made in England": Michael Powell und Emeric Pressburger

Michael Meyns hat in der taz sehr viel Freude an David Hintons Dokumentarfilm "Made in England" über die Filme von Powell und Pressburger. Erzählt und inhaltlich getragen wird der Film von Martin Scorsese, der dabei auch immer wieder den Einfluss der beiden Briten auf seine eigenen Arbeiten aufdeckt, was "Made in England" in seinen "besten Momenten zu einer Lehrstunde im Filmemachen werden lässt. Vor allem die in strahlendem Technicolor gedrehten Melodramen 'Irrtum im Jenseits', 'Schwarze Narzisse' und 'Die roten Schuhe' beschreibt Scorsese mit fast kindlichem Enthusiasmus, der inzwischen aber vom Wissen um die eigene Sterblichkeit durchzogen ist."

Weitere Artikel: Lena Karger spricht für die Welt mit der Festivalleiterin Lea Wohl von Haselberg über das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg, das gestern begonnen hat (mehr dazu bereits hier). Arne Koltermann erinnert in der Jungle World an den armenischen Filmemacher Sergej Paradschanow, der vor 100 Jahren geboren wurde. Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit Hans Block und Moritz Riesewieck über deren Dokumentarfilm "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit". In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Kathleen Turner zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Dror Morehs Dokumentarfilm "Kulissen der Macht" über die US-Politik der letzten zwanzig Jahre (online nachgereicht von der FAZ) und die Frankfurter Ausstellung "Neue Stimmen" über das deutsche Kino im 21. Jahrhundert (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2024 - Film

Szene aus "Matrix", 1999

Titus Blome blickt für Zeit Online auf den SF-Actionfilm "Matrix" der Wachowskis zurück, der vor 25 Jahren in die Kinos gekommmen ist, die Filmwelt ordentlich umgekrempelt und nebenei noch die Geschichte des Internets des letzten Vierteljahrhunderts vorhergesagt hat: Die techno-euphorischen Heilsversprechen, die in den späten Neunzigern mit dem Internet verknüpft waren, fühlen sich heute "naiv an. Unternehmen und Regierungen haben das Internet erschlossen und unter sich aufgeteilt, fast alle ursprünglich weißen Flecken auf der digitalen Karte sind eingefärbt, die Nischen rebellischer Freiheit geschrumpft. 'Matrix' sah diese Gefahr schon vor der Jahrtausendwende. In dem Film ist Technologie nicht nur Werkzeug der Revolution, sondern auch Mittel autoritärer Kontrolle. Mit der Matrix versetzen die Maschinen die gesamte Menschheit in einen passiven Zustand, überwachen sie und ernten ihre Energie. Wäre der Film nicht 25 Jahre alt, wäre er wohl eine arg platte Metapher für das datenhungrige Geschäftsmodell heutiger Plattformunternehmen."

Besprochen werden die zweite Staffel von "House of the Dragon" (online nachgereicht von der Welt, Presse) und Olmo Cerris in der Schweiz startender Dokumentarfilm über den Schweizer Terroristen Bruno Bréguet (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2024 - Film

Für die Welt spricht Lena Karger mit Maya Lasker-Wallfisch über ihre Begegnung mit Hans Jürgen Höss, dem Sohn des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, im Rahmen des Dokumentarfilms "Der Schatten des Kommandanten" (mehr zu dem Film bereits hier).

Besprochen werden Julio Torres' Komödie "Problemista" (SZ, unsere Kritik), Henning Beckhoffs Dokumentarfilm "Fossil" über den Tagebau und den Kohleausstieg (online nachgereicht von der FAZ), der auf Disney+ gezeigte Dokumentarfilm "Das Sekten-Massaker: Ein Tag in Jonestown" (FAZ), die zweite Staffel des "Game of Thrones"-Prequels "House of the Dragon" (taz, Tsp, Presse) und die Serie "Maxton Hall" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2024 - Film

Andreas Scheiner unterhält sich für die NZZ mit Lea Wohl von Haselberg und Bernd Buder, dem Leitungsduo des Jüdischen Filmfestivals Berlin, das sich zu seinem 30. Jahrgang und angesichts der aktuellen Weltlage erst recht selbstbewusst behauptet. Warnhinweise von der Polizei, weil das Festival in Kreuzberg, einem Hot-Spot des propalästinensischen Milieus stattfindet, gab es keine, sagt Buder. "Das wäre, wie wenn die Polizei raten würde, nicht mit einer Kippa durch Neukölln zu gehen: So einen Vorfall gab es ja vor einigen Jahren, aber das darf nicht sein. Dieses jüdische Filmfestival gehört in die Festivallandschaft, es beschäftigt sich mit jüdischen Themen und zeigt Perspektiven auf, die an anderen Festivals übersehen werden. ... Früher war es angesagt, israelische Filme im Programm zu haben, am besten immer auch einen queeren israelischen Film. Damit haben sich die Festivals und auch viele Weltvertriebe gerne geschmückt. Jetzt ist eine allgemeine Zurückhaltung zu spüren." Claus Löser führt in der Berliner Zeitung durchs Programm des Festivals.

Szene aus Thomas Arslans "Mach die Musik leiser" von 1994


Lukas Foerster empfiehlt auf critic.de die Retrospektive Thomas Arslan, die heute im Berliner Kino Arsenal beginnt. Die Reihe ist mit "In Bewegung" überschrieben und das legt "nahe, den Titel nicht nur auf die zahlreichen Bewegungen in Arslans Filmen zu beziehen, sondern auch auf die Bewegung, die sein Werk als Ganzes darstellt. ... Ein paar Linien sind durchaus zu erkennen: hin zur Abstraktion, zur Reduktion, zu autonomen Wahrnehmungsbildern. Die ersten beiden Langfilme, 'Mach die Musik leiser' (1994) und 'Geschwister - Kardeşler' (1997) sind noch stark in der Konkretion verankert. Zwei Variationen übers Jungsein: einmal deutsche, Metal hörende Jugendliche in Essen, der Stadt, in der Arslan vorwiegend aufwuchs, einmal deutsch-türkische, Hip-Hop hörende Jugendliche in Berlin. ... Danach wird es filigraner, stilisierter.  ... Im ultraminimalistischen Vater-und-Sohn-in-Nordnorwegen-Stück 'Helle Nächte' (2017) gibt es dann kaum noch mehr etwas anderes als die Immanenz der Bewegung, die zugleich eine Entfremdung von der Welt ist."

Weitere Artikel: In "Bilder und Zeiten" der FAZ erinnert Dietmar Dath ausführlich an das weitgehend in Vergessenheit geratene filmische Schaffen des Schriftstellers Christian Geissler. Arne Koltermann befasst sich für den Filmdienst mit dem Einfluss des Kinos auf Kafka und dem Einfluss Kafkas aufs Kino. In der FAZ gratuliert Frauke Steffens dem Schauspieler James Belushi zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Jafar Panahis "No Bears" von 2022 (Standard, unser Resümee zur Premiere beim Filmfestival in Venedig), die ARD-Serie "Wo wir sind, ist oben" (Welt, FAZ), die ARD-Serie "Die Zweiflers" (Jungle World) und die neue Staffel der Netflix-Serie "Hacks" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2024 - Film

Die Schriftstellerin Pascale Kramer denkt in der NZZ über den langanhalten Widerstand in Frankreich gegenüber #MeToo nach und warum gerade dort die Einforderung eines respektvollen Miteinanders und die Ansprache von Übergriffigkeiten auch als Angriff auf die französische Lebensweise angesehen wird - wovon sie sich selbst im übrigen gar nicht mal ausnimmt. Im Zuge dessen holt sie auch Bertrand Bliers Erotiksatire "Les Valseuses" von 1974 mit Gérard Depardieu aus dem Regal. "Zweifellos hat der französische Widerstand gegen #MeToo auch etwas mit dem Widerwillen zu tun, sich der amerikanischen Moral anzupassen", wofür dieser Film das beste Beispiel ist. "Depardieu ist in dem Film genial, heiss, mächtig, furchteinflößend, grenzenlos, selbst in seinen Rissen. Ich habe ... mich ungläubig vor dem Bildschirm gefragt, wie ich gegenüber einer jungen Frau von heute das Vergnügen rechtfertigen kann, das ich beim Schauen erneut empfinde. Es gibt keine Rechtfertigung. Außer dass man das Glück, das man dabei erlebt hat, sich so sehr von Moral und Verboten befreit zu fühlen, nie ganz verleugnen kann. Ein bestimmtes Frankreich dieser Zeit hat sich in der derben Geschichte gerne wiedererkannt. Depardieu selbst ist nie wirklich aus seiner Figur herausgekommen und wurde nach und nach zu ihrer schrecklichen Karikatur."

Der "Barbenheimer"-Effekt des letzten Jahres ist verflogen, den Kinos geht es nach einem desaströsen Mai nicht gut, schreibt Barbara Schweizerhof im Freitag. "Der Mai hat für das Box Office in den USA besondere Bedeutung, denn wenn im Frühsommer viele Menschen ins Kino gehen, sehen viele die Trailer für all die Filme, die den Rest des Jahres ins Kino kommen. Und gerade weil der Kinobesuch, wie überall betont wird, sowohl ein kulturelles wie ein soziales Ereignis ist, könnten leere Kinos im Mai einen dämpfenden Effekt auf die Stimmung des ganzen Jahres haben. ... Mittlerweile kalkuliert das potenzielle Publikum schon selbst, dass nur bestimmte Filme wirklich im Kino erlebt werden müssen, während man bei anderen getrost die paar Wochen abwarten kann, bis sie sich streamen lassen. Aber ob sich dieser Prozess wieder rückgängig machen lässt durch mehr Exklusivität der Kinoauswertung?"

Die Academy hat nach der Kritik, dass in ihrem Academy Museum in Los Angeles die jüdischen Gründungsväter von Hollywood keine Rolle spielen, ihre Ausstellung ergänzt - und erntet damit erneut Kritik, berichtet Susan Vahabzadeh in der SZ: "Die Ausstellung erscheint einigen Besuchern als Aneinanderreihung antisemitischer Stereotype. Es sei, heißt es in einem Brief der United Jewish Writers, der einzige Teil des Museums, der die Menschen, von denen er erzählt, nicht feiert. Stattdessen, so lautet der Vorwurf der Kritiker der Ausstellung, ginge es nur um ihre dunklen Seiten - Machtmissbrauch, autoritärer Führungsstil, Rassismus gegen Schwarze, Frauenfeindlichkeit. So seien sie nun einmal gewesen, verteidigen die einen die Ausstellung. Andere wundern sich aber, dass die Gründung Hollywoods nur unter diesen negativen Aspekten betrachtet werde, die Verfehlungen der jüdischen Studiochefs vorkämen, die aller anderen aber nicht." Das Los Angeles Magazine bringt mehr.

Außerdem: Die deutschen Filmproduzenten schlagen in Sachen Reform der Filmförderung mal wieder Alarm, berichtet Christian Meier in der Welt. Für die Welt plaudert Bari Weiss mit Jerry Seinfeld. Rüdiger Suchsland verabschiedet sich auf Artechock von Françoise Hardy als Schauspielerin (Nachrufe auf sie als Musikerin haben wir hier gesammelt).

Besprochen werden Daniela Völkers Dokumentarfilm "Der Schatten des Kommandanten" (Artechock, FAZ, mehr dazu bereits hier), Julio Torres' "Problemista" (Artechock, unsere Kritik), der neue Pixar-Animationsfilm "Alles steht Kopf 2" (FAZ, Artechock), Xavier Gens' Horrorfilm "Im Wasser der Seine" über einen Haifischangriff auf Paris (critic.de), die neuen Folgen der Netflix-Serie "Bridgerton" (NZZ), die neue "Star Wars"-Serie "The Acolyte" (Tsp), die zweite Staffel des "Game of Thrones"-Prequels "House of the Dragon" (TA) und die Serien-Neuverfilmung von "Aus Mangel an Beweisen" (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2024 - Film

"Der Schatten des Kommandanten" von Daniela Völker

Daniela Völkers Dokumentarfilm "Der Schatten des Kommandanten" lässt die Tochter der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch und die Nachfahren des KZ-Kommandanten Rudolf Höß in den Auschwitz-Gedenkstätten aufeinander treffen. Dessen Sohn Hans Jürgen Höss (Schreibweise des Nachnamens geändert) verbrachte seine Kindheit in einem Haus neben Konzentrationslager und konfrontiert sich in diesem Film offenbar zum ersten Mal überhaupt mit den Taten seines Vaters, nachdem er sie sich sein Leben lang vom Leib gehalten hat. Der Regisseurin geht es dabei "um die verstörende und aufwühlende Frage: Wie hat es der Sohn des Massenmörders geschafft, sich ein Leben lang an die Illusion von der eigenen Unbefangenheit zu klammern", schreibt Stefan Willeke in der Zeit. "Die frappierende Unmündigkeit, die sich in der Haltung des Sohnes zeigt, würde man einem Außerirdischen zugestehen, der nie von Auschwitz gehört hat. Aber einem Kind des Schlächters?"

"Diese Art der grotesken Verdrängung war und ist in Deutschland keine Seltenheit, und obwohl mit Sicherheit ein extremer Fall, gibt es in vielen Familien ähnlich widersprüchliche Erzählungen", schreibt Nicolas Freund in der SZ. "Die Dokumentation ist in dieser Hinsicht auch exemplarisch. 'The Zone of Interest' zeigte die Täter in ihrer Lügenidylle, 'Der Schatten des Kommandanten' zeigt nun die Lügen, mit denen sich die folgende Generation zum eigenen Schutz immunisierte. 'Es belastet einen doch gewaltig', sagt Hans Jürgen Höss dann schließlich einmal." Diesen Momenten im Film hätte FR-Kritiker Daniel Kothenschulte "mehr Leinwandzeit und eine tiefere psychologische Betrachtung" gewünscht. "Was macht es mit Kindern, die ihren Vater durch eine Hinrichtung verlieren? Man staunt über die leuchtenden Augen, wenn der greise Höß-Sohn seine Erinnerungen teilt. Wer würde tatsächlich mit einer vorsichtigen, immer noch etwas kindlichen Stimme sagen: 'Ich hatte eine wirklich schöne Kindheit in Auschwitz'?"

Außerdem: Patrick Heidmann spricht für den Tagesspiegel mit Julio Torres' (bei uns besprochenen) Debütfilm "Problemista". Annett Scheffel erzählt in der SZ von ihrem Besuch bei den Pixar Studios in Kalifornien, deren neuen Animationsfilm "Alles steht Kopf 2" Tim Caspar Boehme (taz), Katrin Nussmayr (Presse) und Daniel Kothenschulte (FR) besprechen.

Besprochen werden Nele Wohlatz' "Sleep With Your Eyes Open" (Perlentaucher), Otto Teischels essayistisches Filmbuch "Im Kino des Lebens" (FD), Henning Beckhoffs Dokumentarfilm "Fossil" über Tagebaukumpels (Zeit), Nikolaj Arcels Historiendrama "King's Land" mit Mads Mikkelsen (Freitag) und das Apple-Gerichtsdrama "Aus Mangel an Beweisen" mit Jake Gyllenhaal (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2024 - Film

Zwischen Nähe und Enge: "Ein Schweigen" von Joachim Lafosse

Joachim Lafosse tastet sich in "Ein Schweigen" an die Aufarbeitung eines Missbrauchs an (basierend auf dem Fall des Dutroux-Anwalts, der seinerseits des Besitzes von Kinderpornografie überführt wurde) und ebenso tastet sich Ekkehard Knörer (taz) an diesen Film heran, der seine Zusammenhänge erst allmählich zu erkennen gibt. Lafosse ist ein Regisseur, der "auf engem Raum viel Platz für subtile Darstellungen" gibt. "Emmanuelle Devos und Daniel Auteuil geben ihren Figuren eine enorme Intensität, Devos aus oft großer Nähe, .... Auteil dagegen von Anfang bis Ende auf Abstand, als wäre etwas Entscheidendes noch bei voller Präsenz seltsam verdeckt. ... Dazu die vielen Autofahrten, die geradezu ein Leitmotiv sind. Nicht als Bewegung ins Freie, sondern als Abkapselung gegen das Außen, als Verdichtung von Nähe und Enge, aber so, dass der Blick nie ganz an die Körper herankommt." Andreas Kilb von der FAZ dagegen war enttäuscht: "Das Problem des Films liegt darin, dass er in der Perspektive der Frau keinen Halt findet." Es "ist trotz allem die Geschichte des Anwalts, auch wenn Lafosse sie nicht erzählen will. Um die Leere im Zentrum des Familienporträts zu füllen, hat er den Schauspieler vor die Kamera geholt, der diese Leere besser als jeder andere im Kino verkörpern kann: Daniel Auteuil. Sein Auftritt rettet Lafosses Film davor, in Betroffenheit zu ersticken. Statt eines Unholds spielt er einen Bürokraten, der seine Perversion zu den Akten genommen hat, um sie nachts wieder herauszuholen."

Morgen beginnt in Frankfurt am Main die Reihe "Kino & Lyrik", für die zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker Filme in Bezug zu ihrer literarischen Arbeit setzen. Die Schriftstellerin Ronya Othmann hat die vom Filmkollektiv Frankfurt organisierte Reihe kuratiert, wir dokumentieren ihren Einführungstext: Lyrik scheint "auf den ersten Blick die literarische Gattung zu sein, die vom Kino am weitesten entfernt liegt." Wie findet beides zusammen? In ihrer eigenen Arbeit "hat das Kino, der Film immer eine Rolle gespielt, in mehrerlei Hinsicht. Das was ich gesehen hatte, schrieb sich ein. Das konnte ein Bild sein, ein Mann trägt seine Frau auf dem Rücken durch den Schnee, ein Hubschrauber durchkreuzt das Blau des Himmels, eine Frau steht, hat die Gardine ein wenig beiseite geschoben, sieht aus dem Fenster und wartet. Das konnte eine gewisse Ästhetik sein, eine Langsamkeit im Erzählen, eine Schnittfolge. Das konnten auch Sätze sein, die eine Protagonistin sagt. Meist blieb das Gesehene und Gehörte eine Weile, bis nur noch die Erinnerung daran übrig war, bis es also von der Erinnerung überschrieben war und bis es durch sie zur Sprache kam. Und das Gesehene und Gehörte brachte weitere Bilder hervor, sie schreiben sich fort."

Besprochen werden Daniela Völkers Dokumentarfilm "Der Schatten des Kommandanten" über die Begegnung zwischen der Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch mit den Nachkommen des KZ-Leiters Rudolf Höß (BLZ), David E. Kelleys auf Apple gezeigtes Serien-Remake seines Gerichtsfilmklassikers "Aus Mangel an Beweisen" ("echte Wertarbeit", lobt Matthias Hannemann in der FAZ), der Animationsfilm "Alles steht Kopf 2" (Presse, Standard, Welt). die Disney-Serie "Becoming Karl Lagerfeld" mit Daniel Brühl in der Titelrolle (TA), Xavier Gens' Netflix-Horrorfilm "Im Wasser Serie" über Haifische, die Paris angreifen (Zeit Online) und die Netflix-SF-Serie "3 Body Problem" (Jungle World).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2024 - Film

Für den Filmdienst spricht Josef Lederle mit dem Regisseur Marcus Vetter über dessen in Jenin entstandenen Dokumentarfilmzyklus, der jetzt mit "War and Justice" fortgesetzt wird. Die Zahl der Menschen, die sich an Themis, die Vertrauensstelle für Film- und Musikschaffende zu Fragen von sexueller Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz, wenden, nimmt aktuell rasant zu, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. In der Presse empfiehlt Lukas Foerster die Julien-Duvivier-Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum.

Besprochen werden die Buddy-Actionkomödie "Bad Boys 4: Ride or Die" mit Martin Lawrence und Will Smith (FAZ-Kritiker Daniel Haas fragt sich, "ob die letzten fünfzig Jahre Feminismus überhaupt stattgefunden haben") und die zweite Staffel der Netflix-Serie "Tour de France" (SZ).
Stichwörter: Feminismus, Netflix