Im Kino
Schräg in der Welt
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
11.06.2024. Als Urlaubskomödie mit einer umwerfend komischen Hauptdarstellerin beginnt Nele Wohlatz' "Sleep With Your Eyes Open" - ein Postkartenfund setzt den Film jedoch auf eine andere Spur. Durchweg berückenden Bildern zum Trotz tut diese Neuorientierung dem Film nicht unbedingt gut.
Der Anfang ist super. Gleich in einer der ersten Einstellungen fällt ein Handy ins Klo. Die es rausfischt, ohne viel Aufhebens, ist eine junge Taiwanesin namens Kai (Liao Kai Ro). Vielleicht ist es ganz gut, dass das Handy nach dem Klounfall hinüber ist: Es würde sie nur an die unglücklich ausgegangene Liebesgeschichte erinnern, vor der sie nach Recife geflüchtet ist. In der brasilianischen Küstenstadt sitzt Kai an recht menschenleeren Sandstränden herum - beim Sonnencremeauftragen wird sie von einem Weinkrampf geschüttelt - und kämpft im Hotelzimmer mit der Tücke des Objekts in Form einer auf Terrormodus programmierten Klimaanlage. Außerdem radebrecht sie sich in einer großartigen Szene in mehreren Sprachen durch ein Gespräch mit einer Zufallsbekanntschaft, einem Übersetzer, in einer Strandbar. Eine Small-Talk-Miniatur, die kurz in Richtung Urlaubsflirt zu kippen scheint, aber dann ziemlich gründlich im Fremdschämtreibsand versinkt. "Soll ich etwas an meinem Aussehen ändern?", fragt Kai den Übersetzer mit ihrer im Englischen gepresst und forciert anmutenden Stimme. Sie möchte "einheimischer" wirken…
Man möchte ihr nicht gleich den Mut nehmen - aber wie soll das klappen? Kai erscheint als ein Mensch, der ein bisschen schräg in der Welt steht, ganz gleich, wo sie sich befindet. Und fernab der Heimat, unter Leuten, die, wie es später im Film heißt, eine komisch verschleppte Sprache sprechen, undefinierbare Mischmaschgerichte essen und andauernd etwas namens Karneval feiern, das von ihrem Alltag nur schwer zu unterscheiden ist: unter solchen Bedingungen wirkt Kai eben noch ein bisschen schräger als ohnehin schon. Ein klein wenig weniger schräg kommt sie einem vor, wenn sie Fu Ang (Wang Shin-Hong) kennenlernt, der in einer Marktbude Regenschirme verkauft. Für die Regenzeit, die aber auf sich warten lässt. Diese Bekanntschaft verwandelt "Sleep With Your Eyes Open" alsbald in einen anderen Film.
Aus einem ziemlich lustigen Urlaubsfilm wird ein weit weniger, oder zumindest anders lustiger Postkartenfilm. Was erst einmal motivisch nahezuliegen scheint, aber es ist eben nicht die Urlauberin Kai, die die Karten schreibt. Vielmehr gerät sie an eine Kiste voller Ansichtskarten, die sie mit der Lebenswelt einer Gruppe chinesischer Gastarbeiter bekannt macht, die ebenfalls in Recife leben. Der Film löst sich von Kai und gleitet, ziemlich ansatzlos, in diese Lebenswelt hinüber. In ein Hochhaus, genauer gesagt, in dem die Arbeiter wohnen und, zumeist ohne Papiere und Bezahlung, für eine Chefin schuften, von der nicht viel zu sehen ist.

Von der Arbeit, die die Migranten verrichten, ist genau genommen auch nicht viel zu sehen. Der Film widmet sich vor allem der toten Zeit des Nichtstuns, des Wartens, des einander auf die Nerven gehens, des Pläne Schmiedens für eine bessere Zukunft, die für die meisten nicht eintreffen wird. Ein Herumlümmelfilm, gelegentlich auch immer noch ein Sonnencremefilm. Neues Zentrum des Ganzen ist Xiao Xin (Chen Xiao Xin), die Nichte der Chefin. Eine weitere junge Frau, die neu ist in Brasilien und amüsierte Distanz wahrt zu der - ansonsten weitgehend männlichen - Welt, in die sie hineingeraten ist. Eine Welt, in der auch schon einmal aus heiterem Himmel eine Wassermelone vom Himmel fällt, oder marodierende Matrosen an die Tür klopfen. Sicherheit gibt es nirgends in dieser Welt, im Meer schwimmen Haie, was nicht verkauft wird, wird verbrannt. Dennoch haben es die Leute sich in dieser Welt eingerichtet, irgendwie, und sorgen sich höchstens um ihren möglicherweise unangenehmen Körpergeruch.
Anders als Kai steht Xiao Xin nicht schräg in der Welt. Eher droht die schmale, leise Frau in ihr zu verschwinden. Für den Film ist sie jedenfalls kein Anker, es findet sich keine durchgängige Erzählung, die sich an ihr festhalten könnte. Stattdessen treiben die Bilder dahin, zwischen Fragmenten von Biografien - jeder ist nur auf der Durchreise in diesem Film, so scheint es - und kleinen Gesten der Zärtlichkeit. Nicht die Regeln des Dramas strukturieren diese Bilder, sondern Spiegel- und Dopplungen, unsichtbare, geisterhafte Bänder, die Schicksale miteinander verknüpfen und ihren letzten Grund vielleicht in den gleichfalls oft unsichtbaren Geld- und Warenströmen haben, die um uns alle herumschwirren.
Einen Film über globalisierte Wirklichkeiten und die zugehörigen entwurzelten Biografien hat Nele Wohlatz - eine deutsche Regisseurin, die selbst hauptsächlich in Südamerika lebt und arbeitet - gedreht. Bei aller berückenden Schönheit seiner sorgfältig gestalteten, eigensinnigen Bilder bleibt "Sleep With Your Eyes Open" am Ende vielleicht doch ein bisschen zu sehr "ein Film über". Ein Film, mit anderen Worten, der sehr viel mehr von gleichermaßen formalen und inhaltlichen Konzepten her gedacht ist als von einzelnen Szenen oder auch von einzelnen Schauspieler:innenkörpern.
Selbstverständlich darf und soll es auch Konzeptfilme geben. Nur: Ist ein Konzept, das zur Folge hat, dass eine komplett großartige Darstellerin wie Liao Rai Ko - eine Laiendarstellerin, noch dazu, also Wohlatz' eigene Entdeckung - nach einem glänzenden Beginn, in dem sie unsere Herzen im Sturm erobert, eine knappe Stunde lang fast komplett aus dem Film verschwindet, wirklich das richtige? Man spürt regelrecht, wie die Spannung aus den Bildern entweicht, sobald Kai nicht mehr mit von der Partie ist. Zu guter Letzt taucht sie wieder auf und checkt unter anderem, eine weitere Spitzenszene, in ein Stundenhotel ein. Toll, aber leider auch: too little, too late. Am Ende habe ich einen schönen Film gesehen und fühle mich doch vor allem um einen noch schöneren betrogen.
Lukas Foerster
Sleep With Your Eyes Open - Brasilien 2024 - OT: Dormir De Olhos Abertos - Regie: Nele Wohlatz - Darsteller: Liao Kai Ro, Wang Shin-Hong, Chen Xiao Xin, Nahuel Pérez Biscayart, Lu Yang Zong, Eduardo Alves - Laufzeit: 97 Minuten.
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