Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2024 - Film

Identität als formbare Ressource: "A Killer Romance" von Richard Linklater

Richard Linklaters Krimikomödie "A Killer Romance" über einen Akademiker, der in Trubel mit der Polizei gerät, für die er einen Auftragskiller geben soll, zählt zu jenen Filmen, "die so gut sind, dass man lange nicht merkt, wie gut sie wirklich sind", schwärmt Lukas Foerster im Filmdienst. Der Film hat rege Freude am Spielen mit seinen Elementen, zumal die "Regeln nicht von Anfang an feststehen, sondern erst im Zuge des Spiels, Spielzug für Spielzug, erfunden werden" und Hauptdarsteller Glen Powell beim Wechsel zwischen den Rollen ganz geschmeidig wird. "Spaß am Spiel heißt hier immer auch Spaß am Schauspiel. ... In gewisser Weise hat Linklater einen Film über eine gefährdete Gattung gedreht: Filmstars haben derzeit einen schweren Stand; tendenziell verschwinden sie hinter den Franchises und Multiversen, die das populäre Kino der Gegenwart, oder was von ihm übrig ist, dominieren. Was dabei verloren zu gehen droht, ist eben jene spielerische, elegante Leichtigkeit, die Wunderwesen wie Gary/Ron verkörpern. Identität ist für sie nicht klebriger Ballast, sondern formbare Ressource."

Ähnlich sieht es Karsten Munt im Perlentaucher: "'A Killer Romance' steht auf dem Fundament eines Film-Noir und ist albern wie eine Komödie. ... Das Spiel entfaltet sich nicht in der Genrekinodrastik, sondern in der absoluten Gelassenheit, mit der Adria Arjona und Glen Powell absolut jeden Ton treffen, den Linklater mit der filmgewordenen Entsprechung eines verschmitzten Grinsens vorgibt." Auch Standard-Kritiker Marian Wilhelm applaudiert: "In den Händen eines anderen Regisseurs würde dieses absurde Versteckspiel leicht bis zum Klamauk überstrapaziert. Linklater schafft es aber bravourös, das einstürzende Kartenhaus dieser Meta-Fiktion mit Leichtigkeit und Schmäh zu erzählen."

Emma Stone in "Kinds of Kindness" von Yorgos Lanthimos

Eigentlich schätzt FAZ-Kritiker Andreas Kilb die Filme des griechischen Autorenfilmers Yorgos Lanthimos, der nach Filmkunst-Anfängen im Low-Budget-Bereich seit ein paar Jahren im Dunstkreis von Hollywood arbeitet: Seine Spezialität ist es "Geschichten zu erzählen, die perfekt funktionieren und zugleich das Formelkino ad absurdum führen. ... Er nimmt eine filmische Form, pflanzt ihr ein neues Nervensystem ein und schaut dann, wohin der Austauschmotor das Vehikel treibt." Doch Lanthimos' neuer Film, "Kinds of Kindness", der aus drei separaten Geschichten besteht, funktioniert für Kilb nicht: "Statt sich dem Getriebe der Bilder zu überlassen, sucht man nach Spuren seiner Konstruktion", doch man kommt dabei "keinen Handbreit unter die Oberfläche, in die Tiefe dieses Films. Denn es gibt sie nicht. ... So bleibt ein Haufen virtuoser Bilder wie Stücke eines unfertigen Puzzles."

Inga Barthels vom Tagesspiegel erlebte bei diesem Triptychon "die volle Dröhnung Nihilismus, Zynismus und Brutalität. Die wenigen Charaktere, die zunächst nett und normal wirken, entpuppen sich als die größten Monster. Der alte Lanthimos ist also zurück, allerdings in schlechterer Form als bei seinen frühen Werken." Der Film kommt "zu dem Schluss, dass die Lust nie absolut sein kann, dass zum Begehren immer auch Begrenzung, Entsagung, Unterwerfung gehören, und er tut das so rasant, dass er nicht im Absurden landet, sondern im Albernen", lautet das Fazit von Fritz Göttler in der SZ.

Außerdem: Christiane Peitz wirft im Tagesspiegel einen Blick auf die ersten Neuerungen bei der Berlinale unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle: Die von ihrem Vorgänger eingerichtete Sektion "Encounters" entfällt künftig, dafür gibt es mit "Perspectives" einen neuen Wettbewerb für Spielfilmdebüts. Die französischen Regisseure Jacques Doillon und Benoît Jacquot befinden sich nach MeToo-Vorwürfen nun in Gewahrsam, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ.

Besprochen werden Ti Wests "MaXXXine" (Perlentaucher Rajko Burchardt lobt "genrefilmhistorisch geschultes Stilbewusstsein sowie zügellose Gestaltungslust"), der auf Netflix gezeigte neue Teile der "Beverly Hills Cop"-Reihe mit Eddie Murphy (NZZ, FAZ), Hanna Slaks Psychodrama "Kein Wort" (Tsp), Christy Halls "Daddio" (Jungle World) und die spanische, im ZDF gezeigte Serie "Operation Marea Negra" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2024 - Film

Marius Nobach resümiert im Filmdienst die ersten Tage des Filmfests München: "Viele Filme der Blick auf (überwiegend) junge Figuren, die nach einem authentischen Leben und belastbaren Idealen suchen und sich vor der Austauschbarkeit und Beliebigkeit des Daseins fürchten." Philipp Bovermann porträtiert in der SZ die Schauspielerin Jessica Lange, die beim Filmfest München für ihr Lebenswerk geehrt wird. Dietrich Leder schreibt im Filmdiest über 20 Jahre Arte-Magazin "Karambolage".

Besprochen werden David Hintons und Martin Scorseses Essayfilm "Made in England" über die Filme von Powell & Pressburger (Standard), die Netflix-Miniserie "Ashley Madison. Sex, Lügen und ein Skandal" über die teils dramatischen Folgen einer gehackten Seitensprung-Onlineportals (NZZ) und die Netflix-Serie "Supacell" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2024 - Film

Jörg Seewald berichtet in der FAZ vom Filmfest München. Susanne Lenz berichtet in der Berliner Zeitung von einem Abend in der Volksbühne zu Ehren des vor kurzem verstorbenen Filmemachers Thomas Heise. Besprochen werden Michael Sarnoskis Horrorfilm "A Quiete Place. Tag Eins" (Welt, unsere Kritik), die beiden Animationsfilme "Despicable Me 4" und "Inside Out 2" (NZZ) und die Apple-Serie "Fancy Dance" (FAZ).
Stichwörter: Horrorfilm, Filmfest München

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2024 - Film

Bis man sich für nichts mehr schämt: "Kinds of Kindness" von Yorgos Lanthimos

David Steinitz porträtiert für die SZ die Schauspielerin Emma Stone, die dieses Jahr für "Poor Things" von Yorgos Lanthimos (unsere Kritik) einen Oscar erhielt und jetzt schon ihren nächsten Film mit dem griechischen Autorenfilmer in die Kinos bringt: "Kinds of Kindness" - die bereits dritte Zusammenarbeit der beiden, die vierte ist natürlich schon in Planung. "Er ist der Beste", schwärmt Stone. Seine Arbeitsweise sieht "mehrere Wochen skurriler Proben" vor, erfahren wir. "Das diene dazu, 'sich vor allen anderen möglichst lächerlich zu machen', wie Emma Stone es im Gespräch beschreibt. Man spielt also zum Beispiel eine menschliche Nudel. Oder macht den silly walk der Monty Pythons nach. Oder man spielt Reise nach Jerusalem mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad (im Dunkeln). Wichtig sei, sagt Stone, dass man so ziemlich alles machen dürfe, außer das Drehbuch zu lesen, das man bald verfilmen wird, oder, noch schlimmer, es zu interpretieren: 'Es geht darum, dass man so viel intime Zeit miteinander verbracht hat, dass man sich vor den anderen für wirklich gar nichts mehr schämt.'"

Mit "Kinds of Kindness" geht Lanthimos nach seinen mit "The Favourite" und "Poor Things" bestrittenen Ausflügen ins Gefällige zurück zu seinen Wurzeln als galliger Kommentator, schreibt Jan Küveler in der WamS. Der Film "ist von einer derartigen Feindseligkeit, dass es schon fast lustig ist - eine klare Absage Lanthimos' an die Umarmung durch den Mainstream." Unter anderem "begegnen wir im Verlauf des Films einer totalitären Sex-Sekte, deren Mitglieder, wenn sie nicht gerade das Badewasser des Gurus saufen, auf der Suche nach einem neuen Lazarus sind. Zwischendurch haben wir befremdet einem Mann dabei zugesehen, wie er sich allmählich in einen Kannibalen verwandelte, nur um zu beweisen, dass seine Frau in Wahrheit eine Außerirdische ist."

Außerdem: Marius Nobach führt für den Filmdienst durchs Programm des Filmfests München. Baha Kirlidokme erinnert sich in der FR mit warmem, nostalgischem Blick an die im Fantum ansonsten oft verfemte Episode 1 des Star-Wars-Franchise. Besprochen werden Michael Sarnorskis Horrorfilm "A Quiet Place. Tag Eins" (Standard, unsere Kritik) die Reality-Doku "Kaulitz und Kaulitz" über die beiden Tokio-Hotel-Zwillinge (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2024 - Film

Der Regisseur Edward Berger wirbt im SZ-Gespräch mit David Steinitz dringend dafür, Claudia Roths Pläne für die Reform der Filmförderung umzusetzen. Der hiesige Standort könne dadurch nur gewinnen, denn große Produktionen drehen derzeit vor allem in Ungarn, allerdings allein aufgrund der dort guten Steueranreize. Doch "viele Filmschaffende und Studios möchten nicht in einem Land drehen, in dem queere Menschen diskriminiert werden und das sich aus nationalistischen Motiven abschottet. Auch Hollywood käme viel lieber nach Deutschland als nach Ungarn - aber eben nicht, wenn der Film hierzulande 15 Millionen Dollar mehr kostet. Das muss man leider knallhart betriebswirtschaftlich betrachten. Deutschland hat international einen exzellenten Ruf, es gibt sehr gute Crews, gute Hotels, gutes Essen, das sind entscheidende Faktoren. Aber im Bereich der steuerlichen Anreizmodelle sind wir momentan nicht konkurrenzfähig. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb, den wir derzeit deutlich verlieren."

Außerdem: Dunja Bialas spricht für Artechock mit Frédéric Jaeger, der von der Filmkritk und dem Filmkuratieren zum Filmemachen gewechselt ist und nun beim Filmfest München seinen Debüt-Langfilm "All We Ever Wanted" zeigt. Mehr zum Festival, das heute unter neuer Leitung beginnt, schreibt Bialas hier. Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland freut sich beim Filmfest München vor allem auch auf eine Veranstaltung, bei der die Kinder des 2011 verstorbenen Kritikers Michael Althen Expeditionen in dessen tausende Kassetten umfassende VHS-Sammlung unternehmen. Axel Timo Purr hat für Artechock das Mumbai Internatonal Film Festival besucht und dort neue Dokumentarfilme aus Indien gesehen. Michael Töteberg hat für den Filmdienst in den Archiven dazu recherchiert, wie sich der Filmemacher G.W. Pabst mit den Nazis arrangiert hat. Andreas Scheiner denkt in der NZZ über die Schauspielkunst von Jake Gyllenhaal nach. Für den Filmdienst porträtiert Jörg Taszman die Schweizer Schauspielerin Ella Rumpf.

Besprochen werden Michael Sarnoskis Horror-SF-Film "A Quiet Place. Tag Eins" (Perlentaucher, Zeit Online, FAZ, Tsp), Christy Halls "Daddio - Eine Nacht in New York" (Welt, Tsp), Anna Novions "Die Gleichung ihres Lebens" (Artechock), die Sky-Doku "Kill Bitcoin!" über Betrug mit Kryptowährungen (FAZ), die Amazon-Serie "My Lady Jane" (taz) und die Serie "Land of Women" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2024 - Film

Morgen beginnt das Filmfest München, das zweitgrößte deutsche Filmfestival nach der Berlinale, und David Steinitz staunt in der SZ, welchen Staraufwand die Interimsleitung Christoph Gröner und Julia Weigl anders als ihre Vorgängerin betreiben. Für Steinitz Anlass genug, nochmal daran zu erinnern, dass Markus Söder vor ein paar Jahren mit Blick auf das Festival sehr großspurig tat: "Aber die von ihm gewohnt laut in Aussicht gestellte Budgeterhöhung blieb leider aus. Auch von einem eigenen Youtuber-Festival für München, über das er mal laut in der SZ nachgedacht hat, war nie wieder etwas zu hören. Das Geld wurde wohl an anderer Stelle gebraucht. Für die Verantwortlichen beim Filmfest jedenfalls, die mit dem zusätzlichen Geld vermutlich schon fest gerechnet hatten (Pläne für ein neues Festivalzentrum hatte es in verschiedenen Formen und Stadien gegeben), ein schwerer Schlag. ... Auch eine erneute Diskussion über eine potenzielle Budgeterhöhung sollte sich die Kulturpolitik in Stadt und Land dann dringend noch mal auf die Agenda setzen. Nicht zuletzt, weil das Münchner Filmfest sich neben den internationalen Ambitionen längst als eine der wichtigsten Plattformen fürs deutsche (Nachwuchs-)Kino etabliert hat." Philipp Bovermann bespricht daneben den Eröffnungsfilm, Natja Brunckhorsts "Zwei zu eins" mit Sandra Hüller.

Außerdem: Im Perlentaucher empfiehlt Robert Wagner im Berliner Kino Arsenal gezeigte Essayfilme von Toshio Matsumoto und Deborah Stratman. Wieland Freund verneigt sich in der Welt vor Daniel Brühl: "Ich habe nicht gewusst, wie wahnsinnig sagenhaft fantastisch gut Daniel Brühl ist, bevor ich ihn als Karl Lagerfeld gesehen habe."

Besprochen werden Faouzi Bensaïdis marokkanisches Roadmovie "Déserts" (FR, taz), Michael Samoskis Horrorfilm "A Quiet Place. Tag eins" (FR), eine Netflix-Dokusoap über die Kaulitz-Brüder von Tokio Hotel (NZZ) und eine auf Amazon Prime gezeigte Doku über den Tennisstar Roger Federer (Zeit Online), Außerdem verschaffen SZ, FR, Tagesspiegel und Filmdienst einen Überblick über die Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2024 - Film

Besprochen werden die Berliner Ausstellung samt Kino-Retrospektive zu den Filmen von Thomas Arslan (taz), Christy Halls "Daddio - Eine Nacht in New York" mit Dakota Johnson (taz), Anna Novions Coming-of-Age-Drama "Die Gleichung ihres Lebens" (Tsp) und Eva Trobischs Palliativdrama "Ivo" (Presse, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2024 - Film

Bert Rebhandl resümiert in der FAZ das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg. Der 7. Oktober liegt noch zu sehr in der akuten Gegenwart, um das Programm maßgeblich zu bestimmen, schreibt er. Aber ein dazu passender Fokus im Festivalprogramm zum "Antizionismus und Antisemitismus in der Zeit des real existierenden Sozialismus" liefert "wertvolles Material über die verschlungene Geschichte dieser beiden Begriffe". Und wartet mit "filmhistorischen Entdeckungen" auf, wie etwa Radosław Piwowarskis polnischem Film "Märzmandeln", der aus dem Jahr 1989 auf das Jahr 1968 in der Tschechoslowakei zurückblickt: Der Film verdeutlicht, "wie einfach es sich der Antisemitismus oft macht, wenn er Juden zu Nationalisten und Partikularisten (oder Kolonialisten) erklärt. Der Film ist nicht mehr als ein Splitter in einer höchst komplexen, langen Geschichte (vorgeblich) progressiver Konzeptionen der Überwindung von geschichtlichen Bedingtheiten. In diesem Splitter aber zeigt sich das Ganze."

Wie wollen wir leben? "The Bikeriders" von Jeff Nichols

Daniel Moersener hat sich für die Jungle World mit Jeff Nichols getroffen, dessen 60s-Drama "The Bikeriders" die Filmkritik sehr fasziniert hat (unser Resümee). Seine "Filme kann man auch als Absage an ein Kino verstehen, das sich von der Lebensrealität der Menschen entkoppelt zu haben scheint", schreibt Moersener und Nichols bestätigt: "'Das heutige Kino hat sich vom Leben entfernt. Ich habe einen 13jährigen Sohn und in den Superheldenfilmen, die wir gemeinsam schauen und natürlich auch gerne schauen, ist glasklar, dass Thor und die anderen Protagonisten niemals sterben werden', sagt er. 'Wenn man aber das Problem der Zeit, die Dauer und das Problem der Sterblichkeit, den Tod aus dem Kino verbannt, dann verabschiedet sich man von allem, worauf das Drama fußt. Darum geht es in all meinen Filmen um Zeit und Tod. Plötzlich merkst du, wie sich deine Lungen wieder mit Sauerstoff füllen, und plötzlich gilt es wieder, etwas zu gewinnen. Es geht wieder darum, wie wir leben, oder vielmehr, wie wir leben wollen.'"

Besprochen werden Eva Trobischs Palliativdrama "Ivo" (taz, unsere Kritik), die zweite Staffel des "Game of Thrones"-Prequels "House of the Dragon" (NZZ, Freitag) und die im ZDF gezeigte, niederländische Serie "Bestseller Boy" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2024 - Film

Beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg wurde am Freitagabend Duki Drors Dokumentarfilm "Supernova - Das Musikfestivalmassaker" gezeigt. Der Film verbindet Eindrücke vom Festivalgelände wenige Tage nach dem Massenmord der Hamas, einschlägiges Videomaterial von Social-Media und Gespräche mit Überlebenden. "Insbesondere der Sound, die erdrückende Geräuschkulisse aus Schreien der Festivalbesucher, Schritten, Maschinengewehrsalven, Explosionen und Schüssen, ist eindringlich", schreibt Anastasia Tikhomirova auf Zeit Online. "Der letzte Teil des Films wird dann ruhiger, erzählt vom Trauma der Überlebenden und gibt ihnen Raum, darüber zu reden, wie sich das Erlebte bis heute auf ihre Psyche auswirkt, wie sie unter Angstzuständen und Flashbacks leiden, wenn sie sich zum Beispiel in Schutzbunkern vor Raketen der Hamas verstecken müssen." Die Berliner Vorführung bliebt ruhig, doch "in New York kam es im Zuge der Vorführung zu antisemitischen Protesten, in London wurden Hassparolen auf die Wände Phoenix Kinos gesprüht, das den Film zeigte. Die zwei Schirmherren des Kinos, die britischen Regisseure Ken Loach und Mike Lee, traten aus Protest zurück - nicht etwa gegen die Schmierereien, sondern den Film selbst, beziehungsweise das Festival, in dessen Rahmen er gezeigt wurde." Dlf Kultur hat mit dem Macher gesprochen.

Holger Kreitling ist für die Welt nach Los Angeles gereist, um sich die nach einer Petition eilig umgestaltete "Hollywoodland"-Ausstellung im Oscar-Museum der Academy anzusehen: Kritiker hatten der Ausstellung Antisemitismus vorgeworfen, da die Ausstellungsmacher ausgerechnet bei den jüdischen Hollywoodgründern auf unsympathische Charaktereigenschaften und schlechtes Verhalten fokussieren, während der Rest der Ausstellung aus nichts als Schönfarberei besteht: "Die dunklen Seiten Hollywoods etwa mit rassistischen Stereotypen und #MeToo werden nicht offen thematisiert. Vielmehr sind Diversität und Wiedergutmachung zu beobachten. ... Der Produzent Lawrence Bender ('Pulp Fiction') gehört zu den Unterzeichnern der Petition. Er beklagt sich über die - recht bekannte - Aussage in der Schau, Harry Cohn habe sein riesiges Büro nach dem von Mussolini gestaltet, um Besucher zu beeindrucken und einzuschüchtern. ... Bei so wenig Text auf einer Tafel musste ausgerechnet die negativen Seiten seines Lebens beschrieben werden. Bender kritisiert zudem die dunkle Atmosphäre der Schau, 'wie ein jüdisches Ghetto'. Die Leute in der Filmbranche wüssten eigentlich, wie man kreativ ist. 'Das hier ist so furchtbar gemacht. Das ist nicht unbewusst.'"

Außerdem: In der taz porträtiert Martin Seng den genossenschaftlich geführten Filmverleih Drop Out Cinema, der sich auf randständige und politische Filme spezialisiert hat. Karsten Essen schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Donald Sutherland (unser Resümee zu dessen Tod hier). Dirk Peitz erinnert auf Zeit Online an Roman Polanskis "Chinatown", der vor 50 Jahren in die Kinos kam. Leo Geisler wirft derweil für den Filmdienst einen frischen Blick auf John Flynns auf einem Roman von Donald E. Westlake basierenden Kriminalfilm "Revolte in der Unterwelt" von 1973. Besprochen wird Eva Trobischs Palliativdrama "Ivo" (Standard, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2024 - Film

Sebastian Seidler ist der Podiums- und Panelkultur, die so gut wie jedes Filmfestival flankiert, ziemlich überdrüssig: Dröge Diskussionen unter Eingeweihten, kunstreligiöser Gestus und filmpädagogische Arbeit haben das Kino nicht gerettet und werden es auch künftig nicht tun, schreibt er im Filmdienst-Essay. Wo bleibt im Elfenbeinturm die Sorge ums Publikum? Man müsste wieder mehr Menschen mit der "Liebe zum Film infizieren. Das heißt: Die Menschen müssen nichts ins Kino; das Kino muss vielmehr zu ihnen, auf die Straße, hinein ins Leben. ... Man könnte so viel ausprobieren und spielerischer sein. Reißt die Stühle aus dem Kinosaal und legt Turnmatten für Kinder aus, damit sie Film auf ihre Weise schauen können, statt sie zur Ruhe zu ermahnen.  ... Man könnte sich viel offensiver mit der Clubkultur oder den Konzertveranstaltern zusammentun und mit Beamern betanzbare Filmräume erschaffen. ... Statt Stummfilmen mit Klavierbegleitung braucht es ein Tanzen in Tanzszenen, ein Knutschen in Filmküssen oder eine Stadtführung durch die Filmbilder einer Stadt. Am Horizont droht dabei natürlich das Urheberrecht. ... Um einen derartig freien und revoltierenden Umgang mit dem unerschöpflichen Archiv an Bildern zu verwirklichen, eine DJ-Kultur als filmischer Eroberung der Lebensräume, müssen Reformen her."

Weitere Artikel: Patrick Holzapfel verneigt sich in der NZZ vor Meryl Streep. Daniel Moersener (Zeit Online), Katrin Nussmayr (Presse), Daniel Kothenschulte (FR), Andreas Kilb (FAZ), Hanns-Georg Rodek (Welt) und Jenni Zylka (taz) schreiben weitere Nachrufe auf Donald Sutherland (mehr zu dessen Tod bereits hier). In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Filmemacher Volker Koepp zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Eva Trobischs "Ivo" (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik) und Brigitte Weichs Dokumentarfilm "Ned, tassot, yossot" über Frauenfußball in Nordkorea (Standard).