Außer Atem

Weltkino

Kurz vorgestellt: Der Wettbewerb der Berlinale. Von Ekkehard Knörer
05.02.2009. Heute abend eröffnet Tom Tykwers Film "The International" die Berlinale. Dieter Kosslick hat in diesem Jahr eine völlig überdimensionierte Film-Völlerei entfessselt: Für jeden ist etwas dabei, aussuchen muss man allerdings selbst. Hier schon mal ein Blick auf die Filme im Wettbewerb.
Berlinale-Leiter Dieter Kosslick hält, wie noch jeder Sozialdemokrat, selbstgeschaffene Widersprüche spielend aus. Als Slow-Food-Propagandist empfiehlt er mit der Linken bewusstes Genießen, dabei entfesselt er mit der Rechten eine völlig überdimensionierte Film-Völlerei.


Die Regisseure Rachid Bouchareb, George Tillman Jr., Tom Tykwer und Francois Ozon

Allen soll dabei alles geboten werden, wie stets, seit Kosslick die Berlinale regiert: Darum gibt es Stars und Namen und die wichtigen, superpolitischen Themen und tolle Partys und total großartige Sponsoren und immer neue Spielstätten und Reihen und Sonderreihen und Bären und Nebenbären und Haupt-Hommagen und Extra-Hommagen und Unter-Hommagen. Trends werden entdeckt, Events inszeniert, in der Gerichte- und der Gerüchteküche geht es heiß her, und wer zu bedenken gibt, dass ein Filmfestival doch vielleicht die Kunst des Filmemachens und die Reflexion darüber und die Macher der Filme ins Zentrum stellen - und nicht irgendwo am Rande des Roten Teppichs auch mitlaufen lassen - sollte, der wird als Spielverderber und Spaßbremse beschimpft oder, schlimmer noch, als Cineast belächelt. (Inzwischen scheint sogar die einst als Gegenentwurf zum Großfestival gestartete "Forums"-Sektion angesteckt, deren Leiter Christoph Terhechte bei der Vorstellungs-Pressekonferenz verkündete: "Das Forum ist keine Nische für Unverkaufbares, im Gegenteil.")


Tom Tykwers "The International" mit Clive Owen und George Tillman jrs. "Notorious" mit Jamal Woolard als Notorious B.I.G.

Nehmen wir die Berlinale unter Absehung von all ihren Absurditäten mal beim Wort. Fragen wir also, den Anspruch der Veranstaltung für einen Moment ernsthaft bedenkend: Wie sähe das Weltkino aus, hätte es die Gestalt des diesjährigen Wettbewerbs? Immerhin lässt sich sagen: Der Auftakt passt, wenn er auch mal wieder unterm absurden Signum "außer Konkurrenz" läuft. Als Eröffnungsfilm figuriert nämlich der Thriller "The International" des Autorenfilmers Tom Tykwer. Von einem in Babelsberg gedrehten Shootout im nachgebauten New Yorker Guggenheim-Museum ist zu lesen, mit Clive Owen und Naomi Watts sind auch Stars von einigem Kaliber dabei. Nicht nur im Rahmen der Entwicklung des zunehmend versatilen Filmemachers Tykwer ist das von einigem Interesse. Der Film steht auch exemplarisch für die Tendenz des nur vage noch mit dem Namen Hollywood assoziierten Filmkapitals, sich Europa kommerziell anzueignen, indem man sich wiederum von Europas Regisseuren und Drehorten aneignen lässt.


Lukas Moodyssons "Mammoth" und Chen Kaiges "Forever Enthralled"

"The International" könnte als Titel über nicht wenigen Filmen des Wettbewerbs stehen, denn die thematische wie finanzielle Globalisierung nationaler Kinematografien ist ein allgemein zu beobachtender Trend - weniger als als Gegenzug zu Hollywood, sondern als Schritt darauf zu. Dass die Mitte, in der man sich dann trifft, ein sonderlich interessanter Ort sein muss, ist dabei (das gilt auch für Tykwer) nicht unbedingt ausgemacht. Der Schwede Lukas Moodysson, zuletzt noch mit dem extrem obskuren "Container" in einer Nebenreihe zu sehen, ist diesmal etwa mit einem Mainstream-Werk namens "Mammoth" vertreten, das die Stars in den Hauptrollen - Gabriel Garcia Bernal und Michelle Williams - von New York nach Thailand scheucht und auch die Philippinen dabei nicht vergisst. Der Film ist, liest man, ein Pamphlet gegen Ausbeutung, Menschenhandel, westliche Ignoranz - immerhin darf man bei Moodysson, der als großer Menschenfreund bisher nicht aufgefallen ist, auf eine gewisse Durchsäuerung dieser hoch verdächtigen Mischung hoffen.


Bertrand Taverniers "In the Electric Mist" mit Tommy Lee Jones und Andrzej Wajdas "Der Kalmus"

Exterritorial gedreht hat auch der französische Veteran Bertrand Tavernier, der in den USA mit "In the Electric Mist" einen Roman des sehr beachtlichen Krimiautors James Lee Burke verfilmt hat. Was man bisher über das Werk zu hören bekam, klang allerdings alles andere als ermutigend: Tavernier hat sich mit seinem Hauptdarsteller Tommy Lee Jones hoffnungslos zerkracht, nichts lief rund beim Dreh. In den USA kommt der Film nun sogar nicht einmal in die Kinos, sondern wird als Direct-to-DVD-Veröffentlichung in den Regalen von Blockbuster Video, Walmart & Co. billig verklappt.


Rachid Boucharebs "London River" und Hans-Christian Schmids "Sturm"

Ebenfalls in englischer Sprache hat erstmals in seiner Karriere der Deutsche Hans-Christian Schmid gearbeitet. Er erzählt in "Sturm" die Geschichte einer Kroatin, die vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag einen Kriegsverbrecher zur Verantwortung ziehen will. Schmid ist übrigens sogar zweimal auf dem Festival vertreten, denn im Forumsprogramm läuft seine Dokumentation "Die wundersame Welt der Waschkraft" über den deutsch-polnischen Wäscherei-Geschäfts-Grenzverkehr. Nach London dagegen bewegt sich der französische Filmemacher Rachid Bouchareb, in dessen viel gelobtem Weltkriegsfilm "Indigenes" es um die nord-afrikanischen Soldaten in der französischen Armee ging. In "London River" führt Bouchareb zwei Fremde zusammen, die nach den Londoner Bombenanschlägen 2005 auf der Suche nach ihren vermissten Kindern sind.


Peter Stricklands "Katalin Varga" und Oren Movermans "The Messenger" mit Woody Harrelson

Ein ganz unbeschriebenes Blatt ist der Brite Peter Strickland, den es mit seinem Debüt "Katalin Varga" ausgerechnet nach Rumänien verschlägt - auf der für die Titelheldin bereits eingerichteten MySpace-Seite kann man sich einen ersten Eindruck von diesem Film machen. Und noch ein ganz Unbekannter: Der Argentinier Adrian Biniez erzählt in seinem ersten, in Uruguay entstandenen Spielfilm "Gigante" von einem Mann, der eine Obsession für eine Frau und daraus eine ganze Reihe bizarrer Rituale entwickelt. (Die deutsche Pandora-Film hat koproduziert, aber das ist hoffentlich nicht der Hauptgrund für die Aufnahme des Films in den Wettbewerb.) Der in Israel geborene Oren Moverman ist zwar auch ein Regie-Debütant, hat sich aber als Drehbuchautor (unter anderem von Todd Haynes' "I'm Not There") schon einen Namen gemacht. Sein Film über den Irak-Krieg und seine Folgen, "The Messenger", lief soeben auf dem Sundance-Festival und erntete dort teils enthusiastische Kritiken.


Mitchell Lichtensteins "Happy Tears" mit Parker Posey und Demi Moore, Asghar Farhadis "About Elly" mit Golshifteh Farahani

Mit Zweit- und Drittfilmen nach viel versprechenden ersten Werken treten einige Vertreter der jüngeren Generation an. So der iranische Filmemacher Asghar Farhadi, der vom Theater kommt, eine in seiner Heimat sehr erfolgreiche Fernsehserie gedreht hat und die iranische Autorenfilmtradition mit einer Zuwendung ans größere, wenn nicht große Publikum zu verbinden sucht. In seinem Berlinale-Film "About Elly" spielt der derzeit wohl größte weibliche Star des iranischen Kinos, Golshifteh Farahani, die Hauptrolle - auch den westlichen Kinogängern als der sich etwas zierende Gegenstand von Leonardo DiCaprios Begehren in Ridley Scotts "Der Mann, der niemals lebte" bereits bekannt.




Die Regisseurinnen Maren Ade, Claudia Llosa, Sally Potter und Annette K. Olesen

Die Peruanerin Claudia Llosa, mit "The Milk of Sorrow" im Wettbewerb, hat für ihren bacchanalischen und mockumentarischen und ethno-politisch nicht korrekten Debütfilm "Madeinusa" viel Lob und einige Preise geerntet. "The Milk of Sorrow" spielt nun nicht in der Provinz, sondern in Lima und hat eine offenbar ziemlich furchterregende Heldin, die ihre Mutter verliert, in Krisensituationen aus der Nase blutet und der ein pathologischer Schreck als Erbkrankheit in den Genen sitzen. Und noch eine junge Regisseurin im geschlechterverhältnismäßig zwar nicht paritätisch, aber vergleichsweise diesmal fortschrittlich besetzten Feld: Maren Ade. Die deutsche Filmemacherin ist mit der sogenannten Berliner Schule genauso wie mit den österreichischen Coop-99-FilemmacherInnen vernetzt und verbunden und hat mit ihrem Debüt "Der Wald vor lauter Bäumen" vor auch schon wieder sechs Jahren eine Figur und ein soziales Milieu so genau getroffen, dass es schwer auszuhalten, aber alles in allem nur zu bewundern war. Ihr neues Werk "Alle Anderen" ist nun angekündigt als Thirtysomething-Paar-Film, die beiden schon viel gefeierten Nachwuchskräfte Birgit Minichmayr und Lars Eidinger spielen die Hauptrollen.


Michel Piccoli, Bruno Ganz und Irene Jacob in Theo Angelopoulos' "The Dust of Time"

Der Rest des Wettbewerbsprogramms setzt sich zusammen aus neuen Werken alter und mittelalter Herren, die zuletzt nicht mehr auf der Höhe ihrer Kunst waren (Chen Kaige, Costa-Gavras, Andrzej Wajda, Theos Angelopoulos), dem Middlebrow-Meister Stephen Frears, der Michelle Pfeiffer als Lea in der Verfilmung von Colettes Roman "Cheri" nach Berlin bringt, oder dem neuesten Werk des zuletzt so experimentierfreudigen wie reichlich desorientierten Francois Ozon ("Ricky"). Freuen dürfen sich auch die Fans der britischen Filmemacherin Sally Potter, deren jüngstes Werk "Rage" eine Krimigeschichte im New Yorker Mode-Milieu erzählt und mit Judi Dench, Jude Law und Dianne Wiest nicht übel besetzt ist.


Judi Dench, Lily Cole und Riz Ahmed in Sally Potters "Rage"

Nur sehr gemischt ausfallen kann schon seiner Anlage nach das deutsche Omnibus-Filmprojekt "Deutschland 09". Initiator Tom Tykwer hat so unterschiedliche, ja gegensätzliche Kräfte wie Angela Schanelec und Hans Weingartner, Christoph Hochhäusler und Fatih Akin, Romuald Karmakar und Hans Steinbichler, Dani Levy und Dominik Graf zu einem gegenwartsdiagnostischen 13-Kurzfilme-a-10-Minuten-Film zusammengespannt. Im Vorfeld war zu hören, dass es dabei nicht gerade sehr harmonisch zuging - alles andere wäre bei der Kombination aber auch eine echte Überraschung.


Szenen aus "Deutschland 09"

Besonders beachten sollte man neben den in der Regel sowieso interessanteren Panorama- und Forumsprogrammen diesmal die (etwas aufgeblähte) Sondervorstellungen-Reihe, die unter der Überschrift "Berlinale Special" firmiert. Drei hier versammelte nicht mehr ganz junge Herren versprechen allemal mehr als ihre Pendants im Wettbewerb. So sind in diesem Jahr nicht nur "Bellamy", ein ganz neuer Film von Claude Chabrol, sondern auch "Die Eigenheiten einer jungen Blondine", das jüngste Werk des seit letztem Dezember hundertjährigen portugiesischen Klassikers zu Lebzeiten Manoel de Oliveira und Rudolf Thomes "Pink" zu sehen. Thome übrigens hatte sich - in seinem Blog ist es nachzulesen - nichts sehnlicher gewünscht, als zum Siebzigsten mal im Wettbewerb zu laufen. Kosslick hatte kein Einsehen. Wir werden sehen, ob Thomes von Hannah Herzsprung gespielte Punk-Poetin "Pink" wirklich schlechte Figur gemacht hätte im diesjährigen Hauptprogramm.


Hier noch ein paar Links:

zum gesamten Berlinaleprogramm
zum Internationalen Forum des jungen Films
zu den einzelnen Festivalsektionen
zur Retrospektive "70 mm"
zur Jury des Wettbewerbs, die in diesem Jahr von Tilda Swinton präsidiert wird
und zu den Spielstätten