9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2019 - Geschichte

Das Jüdische Museum in London wagt sich mit "Jews, Money, Myth" an eine Ausstellung über das vorurteilsbeladene Thema Juden und Geld. Die heute noch geläufige antisemitische Karikatur des geldgierigen Juden entstand im 12. Jahrhundert, berichtet Cathrin Kahlweit in der SZ, und wurde laut Ausstellungsmachern von der Katholischen Kirche in Umlauf gebracht: "Das Christentum vom frühen Mittelalter an brauchte und nutzte das Bild vom geldgierigen Juden als 'negatives Role Model', von dem sich Christen distanzieren sollten. Im Zuge des Rufs zahlreicher Kirchenmodernisierer nach apostolischer Erneuerung, nach Armut und Reinigung, habe sich, schreibt etwa Sara Lipton von der Stony Brook University im Katalog, in der Kunst auch die Darstellung von Juden gewandelt ... aus altmodisch gekleideten, bärtigen, freundlichen alten Juden wurden wahre Monstren. 'Kleriker fürchteten, so Lipton, 'das Christentum entwickle sich zu weltlich und zu wenig spirituell'. In Predigten seien die Gläubigen aufgefordert worden, dem Materiellen abzuschwören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2019 - Geschichte

Die Malerin und Historikerin Sophie von Bechtolsheim, Enkelin des Hitler-Attentätters, veröffentlicht in der Zeit eine scharfe und ziemlich gut geschriebene Erwiderung auf Thomas Karlaufs Stauffenberg-Biografie: "Dass die gesellschaftspolitischen Ideen Stauffenbergs nicht mit denen eines heutigen Demokraten übereinstimmen, ist für Karlauf Grund genug, ihm die Fähigkeit zu moralischem Handeln abzusprechen. Das ist, als würde man behaupten, ein Kommunist könne angesichts der Unrechtsregime hinter dem Eisernen Vorhang prinzipiell über keine Moralität verfügen. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Stauffenbergs Entscheidungen moralischen, sittlichen und vor allem christlichen Grundsätzen entsprangen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2019 - Geschichte

Bei den Grünen im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain zirkuliert ein Antrag, Kreuzberger Straßen, die nach preußischen Generälen benannt sind - etwa die Gneisenau- oder Yorckstraße, möglichst nach verdienstvollen Frauen umzubenennen. Die Bild-Zeitung und die Berliner CDU sind empört, berichtet Antje Lang-Lendorff in der taz. Aber auch woanders gibt es Skepsis, etwa bei Historiker Hanno Hochmuth, den sie zitiert: Er "halte nicht viel davon, die Maßstäbe von heute retrospektiv auf die Vergangenheit zu legen, sagt er. 'Geschichte hat immer einen Schatten.' Die Befreiungskriege seien natürlich militant und aggressiv gewesen, auch der deutsche Nationalismus sei in dieser Zeit entstanden. 'Aber wenn wir anfangen die Geschichte zu säubern in Hinblick auf die heutigen Standards, wüssten wir gar nicht, wo wir aufhören sollten.'" Götz Aly hatte schon vor einer Woche in der Berliner Zeitung gegen die Grünen-idee protestiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2019 - Geschichte

Ganz inspiriert kehrt Christine Wahl im Tagesspiegel von einer Diskussion im Berliner HAU mit dem Titel "DDR neu erzählen!" in Gegenwart von Klaus Lederer zurück, bei der etwa Carola S. Rudnick, die 2011 zur DDR-Aufarbeitung promovierte und jetzt die "Euthanasie"-Gedenkstätte Lüneburg leitet, eine der "Schieflagen" benannte, "an denen die DDR-Erinnerungskultur aus akademischer Sicht kranke: Dadurch, dass die Historisierung der DDR direkt mit ihrem Ende eingesetzt habe, so Rudnick, sei die Aufarbeitung zuerst nicht von Historikern unternommen worden. Vielmehr hätten (interessensgesteuerte) Politiker die Deutungshoheit gewonnen beziehungsweise Zeitzeugen, die - Stichwort ehemaliges Stasigefängnis Hohenschönhausen - massiv unter dem DDR-Regime gelitten haben: Moralisch nachvollziehbar, aber für die historische Einordnung, so Rudnick, nicht immer und unbedingt förderlich. Auch Täterforschung sei wichtig: 'Nur aus der Opferperspektive können wir Geschichte nicht verstehen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2019 - Geschichte

Thomas Karlauf, Autor einer bekannten George-Biografie, legt jetzt eine Biografie über den George-Jünger Claus Graf Schenk von Stauffenberg vor, die ein für Zeit-Autor Jens Jessen schmerzhaft negatives Bild des Hitler-Attentäter zeichnet: "Der versuchte Tyrannenmord als reine Geste. Mit anderen Worten: Karlauf traut dem Helden seines Buches nicht, er hält ihn nach heutigen moralischen Maßstäben nicht einmal für einen Helden, bestenfalls für einen kühnen Wirrkopf. Wenn man alles argumentative Hin und Her beiseiteschiebt, ergibt sich ein Bild, das der rasanten Abwertung des konservativen deutschen Widerstands in den letzten Jahrzehnten entspricht."

Außerdem: Der Historiker Julien Reitzenstein antwortet in einer Kontroverse über eine Nazisammlung mit jüdischen Schädeln in Straßburg und die für sie verantwortlichen Täter auf einen Artikel seines Kollegen Hans-Joachim Lang in der FAZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert Hoo Nam Seelmann an den gewaltlosen koreanischen Volksaufstand vor hundert Jahren gegen die japanische Kolonialmacht: die Japaner waren geschockt und knüppelten den Widerstand nieder. "Eine neue Kolonialpolitik sollte die Koreaner besänftigen. Eine subtilere Art der Unterdrückung wurde versucht, indem man die eigene Politik 'Kulturpolitik' nannte, die Methoden verfeinerte, um mehr Kollaborateure heranzuziehen, zwei Zeitungen Lizenzen erteilte, um Ventile zu schaffen, und die Unterhaltungsindustrie förderte, um den Menschen Zerstreuung zu bieten. Eine zentrale Rolle spielte die Errichtung der Gedankenpolizei, die unter den Koreanern Angst und Schrecken verbreitete. Darin zeigt sich das Grunddilemma jeder Kolonialpolitik, nämlich das abgrundtiefe gegenseitige Misstrauen zwischen Kolonisierten und Kolonialherren. Dass Rassismus und Ungleichheit die Grundlage kolonialer Okkupation sind, spürt jeder, dessen Land eine Kolonie ist."

Außerdem: Thomas Jordan berichtet in der SZ über die Tagung zu "Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft" am Historischen Kolleg in München. Die FAZ druckt einen Auszug aus den geheimen Tagebüchern der deutschen Feministin Anna Haag während des Nationalsozialismus, die sie neben die Tagebücher Viktor Klemperers stellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2019 - Geschichte

In der SZ berichtet Florian Hassel, wie die polnische Regierung versucht, ihren Geschichtskurs in den Institutionen durchzusetzen. So musste jetzt Dariusz Stola, seit 2014 Direktor des Warschauer Museums für die Geschichte der polnischen Juden (Polin) seinen Hut nehmen, weil er zwar ausführlich über die Ermordung der Juden in deutschen Konzentrationslagern informiert, so Hassel, sich jedoch nicht auf diese Vergangenheit beschränkt: "Anfang März 2018 eröffnete die Ausstellung 'Fremd im eigenen Haus' über eine antisemitische Kampagne des kommunistischen Regimes 1968, nach der 15.000 noch in Polen lebende Juden ins Ausland flohen. Die Ausstellung wies auch auf die antisemitische Tradition im Polen des 20. Jahrhunderts hin und auf Parallelen zur Gegenwart. ... Der Regierungschef Mateusz Morawiecki sagte, er wisse nicht, warum Polen sich für 1968 entschuldigen solle. Die antisemitischen Kundgebungen seien 'von der kommunistischen Macht vorbereitet' worden: 'Das war eine fremde Macht, die Vertreterin einer fremden Großmacht war.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2019 - Geschichte

Eine zivilgesellschaftliche Initiative, darunter Wolfgang Thierse, fordert die Errichtung eines Denkmals in Berlin für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung. Längst überfällig, schreibt der polnische Germanist Waldemar Czachur in der Welt, denn viele Deutsche wüssten heute kaum noch etwas über die deutschen Besatzung, während sie für die polnische Identität bis heute zentral sei: "Die Erzählung über den Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Westeuropa entstand zu Zeiten des Kalten Krieges, somit in Abwesenheit und unter Auslassung Polens. Die Polen, gezwungen, dem sowjetischen Narrativ zu folgen, durften ihre eigenen Erfahrungen und ihre Sicht der Geschichte nicht darstellen."

Nicht so lange die PiS-Partei regiert und mit antideutschen Ressentiments Stimmung macht und Unwahrheiten verbreitet, meint indes der Historiker Sven Felix Kellerhoff und ergänzt: Außerdem "wäre es problematisch, jeder der vielen Opfergruppen des von Hitlerdeutschland begonnenen Krieges ein eigenes Denkmal zu errichten, möglichst noch alle im Umfeld des Regierungsviertels. Wollte man nach Nationen getrennte Memoriale für die Opfer aller heutigen Staaten errichten, die 1939 bis 1945 von der Wehrmacht besetzt waren, kämen rund 25 Gedenkstätten zusammen. Besser kann man Ressentiments gegen eine seriöse Aufarbeitung der Vergangenheit gar nicht züchten. Würde man aber solche Mahnmale nur etwa für die besonders arg getroffenen Polen und Russen bauen, würden das Balten, Ukrainer, Serben oder Griechen zwangsläufig als Zurücksetzung empfinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2019 - Geschichte

Die Weimarer Republik sollte weder als "Vorläufer des Dritten Reichs" noch unter dem "verklärenden" Blick der Goldenen Zwanziger betrachtet werden, schreibt Bernhard Schulz im Tagesspiegel und plädiert für eine differenzierte Sicht, die auch die Errungenschaften der Republik, etwa die Einführung der Demokratie oder des Frauenwahlrechts, berücksichtigt: "Die Arbeitswelt veränderte sich grundlegend mit der Einführung des gesetzlichen Achtstundentages und der Anerkennung der Gewerkschaften als Tarifpartner, beides noch am Ende des Kaiserreichs. Allerdings blieb die Klassenteilung der Gesellschaft ebenso bestehen wie die Differenz von industrialisierten und agrarischen Regionen. Der am Ende der Republik so verhängnisvolle Einfluss der ostelbischen Großgrundbesitzer wurde nie in Frage gestellt, die Frontstellung von Großbourgeoisie und Arbeiterschaft kennzeichnete die Industrieregionen von Oberschlesien bis zum Ruhrgebiet. Die Zusammensetzung der politischen Akteure von (adligem) Militär, Großagrariern und Industriellen bis zu Kirchen und Gewerkschaften blieb die gesamte Republik über bestimmend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2019 - Geschichte

Die Aktivistin und Ex-Muslimin Mina Ahadi erinnert sich im Gespräch mit Florian Chefai von hpd.de an die iranische Revolution vor vierzig Jahren: "Die Lebenssituation von Frauen hat sich kurz nach der islamistischen Machtergreifung drastisch verschlechtert. Ein Tag vor dem Weltfrauentag, am 7. März 1979, ordnete Chomeini den Kopftuchzwang an. In der Folge gab es zahlreiche Übergriffe auf Frauen, die sich dem Befehl verweigerten. Die Islamisten betrachteten Frauen nämlich als Ware, über die Männer je nach Belieben verfügen dürfen. Chomeinis Anhänger skandierten 'Ja Rusari, ja tusari', was so viel bedeutet wie 'Entweder Kopftuch oder ein Schlag auf den Kopf'."