9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1634 Presseschau-Absätze - Seite 95 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2019 - Geschichte

Hubertus Knabe erinnert in seinem Blog an den Tod des DDR-Dissidenten Jürgen Fuchs vor zwanzig Jahren, der von der Stasi mit schändlichsten Methoden gequält und verfolgt worden war - und möglicherweise an den Folgen einer Vergiftung starb. Eindrucksvoll schildert Knabe, wie sich Fuchs als 25-Jähriger wochenlanger Vernehmung im Stasi-Gefängnis widersetzte, indem er innerlich den Spieß umdrehte und seinen Vernehmern "mit geradezu wissenschaftlichem Interesse bei der 'Arbeit'" zuschaute: "Auf unsichtbare Weise verkehrte er damit die Rollen -  und entzog sich damit partiell dem Druck, der auf ihm lastete. Weil Jürgen Fuchs im Gefängnis weder Stift noch Papier bekam, konnte er sich nur unsichtbare Notizen machen - mit dem Finger oder einem 'Stift' aus Schokoladenpapier auf der Tischplatte und manchmal nur in der Luft. Mit Hilfe dieser Methode, die die Vernehmer nicht zu deuten wussten, entstand in seinem Kopf ein Tagebuch, das ihm auch bei den regelmäßigen Zellenkontrollen niemand nehmen konnte. Sechs Wochen nach seiner Freilassung erschien es als Serie im Spiegel und bald darauf auch als Buch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2019 - Geschichte

Vor hundert Jahren startete ein gewisser Benito Mussolini mit seiner winzigen Kernzelle der "Fasci italiani di combattimento" ins kurze 20. Jahrhundert. Welt-Autor Thomas Schmid widmet ihm in seinem Blog ein lesenswertes historisches Porträt. Mussolini, erzählt er, begann als Sozialist in der Taverne seines Vaters: "Doch Theorie und Reformen interessierten den jungen Revolutionär nie. Der Einzelgänger mit unstillbarem Geltungsdrang war laut und streitsüchtig, legte sich häufig mit Feinden und Freunden an, gerne auch handgreiflich. Von Anfang an beschwört Mussolini die große Tat, den Umsturz, er liebt und verherrlicht die Gewalt, die für ihn ein Wert an sich ist. Der unbedingte Wille ist sein Weg. Er verachtet alles, was kompliziert ist und nicht radikal: Kompromisse, die Kirche, das Parlament, diese bloße Redeveranstaltung, und - so der Historiker Hans Woller - den 'ranzigen Liberalismus der besseren Leute'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2019 - Geschichte

In den Vierzigern wurde bei der Polemik eher noch weniger Rücksicht genommen, zeigt Nick Cohen in seiner Observer-Kolumne mit einem Zitat von George Orwell, das Cohen auch zur Beschreibung der Corbynisten geeignet erscheint: "Wie der Zufall will können Orwells gegen Stalin-Apologeten der Vierziger gerichteten Worte auch für die heutigen Apologeten Wladimir Putins, Nicolas Maduros, des Irans, der islamistischen extremen Rechten und der extremen Linken aus Labour eingesetzt werden: Er habe, sagt er, eine Botschaft an linke Journalisten und Intellektuelle im allgemeinen. Erinnere dich daran, dass man für Unehrlichkeit und Feigheit stets bezahlen muss. Bilde dir nicht ein, dass du jahrelang einen stiefelleckenden Propagandisten des Sowjetregimes oder irgendeines anderen Regiems aus dir machen und dann zu moralischder Anständigkeit zurückkehren kannst. Einmal Hure immer Hure."

Mehr als eine Million Menschen starben bei der Blockade Leningrads im Winter 1941/42 durch die Wehrmacht. Nach dem Krieg wollte die sowjetische Führung von den Opfern und überhaupt der Blockade nichts hören, erzählt die Schriftstellerin Elena Chizhova in der NZZ. Selbst das Museum, dem die Leningrader Tagebücher und andere persönliche Dinge aus dieser Zeit übergeben hatten, wurde zerstört. Das ist kein Wunder, glaubt sie, denn Stalin hasste Leningrad und tat nichts, der Bevölkerung zu helfen: "Der Grund dafür war, so denke ich, das Selbstbewusstsein der Leningrader, ihre Kraft zum eigenständigen Denken - beides galt es zur Stärkung von Stalins gottgleicher Macht mit Stumpf und Stiel auszurotten. Ein für alle Mal zu zerstören. Anders lässt sich nicht erklären, dass zu Blockadezeiten ganze Züge von Rüstungsgütern aus Leningrader Fabriken aufs 'Festland' (wie das nicht okkupierte Gebiet der Sowjetunion bezeichnet wurde) rollten, während Stalin und seine Helfershelfer nicht einmal die minimale, geschweige denn die reguläre Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln organisierten."

Außerdem: In der FAZ schreibt der Historiker Gerd Krumeich zu hundert Jahren Versailler Vertrag.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2019 - Geschichte

Die Historiker Stéphane Michonneau und Thomas Serrier haben eine Menge Kollegen aus europäischen Ländern zusammengetrommelt, um in einem international publizierten Aufruf einen neuen Blick auf die Geschichte Europas zu fordern. Der Aufruf ist im Tagesspiegel (Deutschland), in The Guardian (Großbritannien), Le Monde (Frankreich) , El Pais (Spanien) und der Gazeta Wyborcza (Polen) publiziert. Ziel des leicht schwammig-französisch formulierten Aufrufs ist es wohl, einen offeneren Blick auf die Spaltungen in Europa zu werfen, um eine neue Geschichtsschreibung zu entwickeln: "Wenn wir unsere gespaltenen Erinnerungen reflektieren und uns an neuen Formen der Auseinandersetzung mit der 'gemeinsamen Erinnerung' beteiligen, glauben wir, dass es möglich ist, die Geschichte eines Europas zu erzählen, das gegen alle Widerstände kämpft, um eine neue Art von Beziehung zu sich selbst und zum Rest der Welt aufzubauen."

Und die SZ übersetzt den heute im Nouvel observateur erschienenen, sehr wehmütigen Brief "Chère Europe" des französischen Schriftstellers Olivier Guez, der einen ähnlichen Ton anschlägt.
Stichwörter: El Pais

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2019 - Geschichte

In einem epischen Zeit-Online-Interview mit Ron Ulrich erinnert sich Gabriel Bach, stellvertretender Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann an seine erste Begegnung mit Eichmann, Einzelheiten aus dem Prozess und Hannah Arendt, der er falsche Berichterstattung und Fehleinschätzung vorwirft - etwa, wenn sie in der "Banalität des Bösen" schrieb, Eichmann sei ein "Hanswurst": "Er wusste, wovon er sprach. Ihm war noch immer der Stolz anzusehen, wenn er von seinen früheren Plänen berichtete. So erzählte er beispielsweise von seinem Befehl, dass die aus Ungarn deportierten Juden Postkarten an ihre Freunde schicken sollten. Und zwar bevor sie in die Gaskammern kamen. Auf den Postkarten sollten sie schreiben, dass sie sich in einem wunderschönen Ferienort befänden: 'Schöne Ausflüge, wenig Platz, also kommt so schnell wie möglich.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2019 - Geschichte

Grüne, FDP und Linkspartei wollen "Asoziale" als vergessene Opfer der NS-Zeit anerkennen. Kevin Culina spricht mit dem Soziologen Frank Nonnenmacher in der taz über die Frage, warum diese Anerkennung so spät kommt: "Überlebende dieser Opfergruppen schwiegen in aller Regel nach 1945. Sie haben keine Interessengruppe gebildet, die sich öffentlich wirksam zu Wort gemeldet hätte. Sie haben keine Autobiografien verfasst, sind nicht öffentlich aufgetreten und wurden aus der deutschen Erinnerungskultur ausgeblendet. Auch die Wissenschaft hat sich jahrzehntelang nicht mit dieser Opfergruppe beschäftigt, bei Entschädigungen wurde sie nicht beachtet. Und zu einem großen Teil haben die anfangs erwähnten Narrative über 'Asoziale' und 'Gewohnheitsverbrecher' fortgewirkt - zum Teil bis heute."

Außerdem: In La Règle du Jeu begrüßt Ara Toranian, der seit Jahren in Frankreich für die Anerkennung des Genozids an den Armeniern kämpft, dass Emmanuel Macron eine Kommission ins Leben gerufen hat, um die französische Mitverantwortung am Völkermord in Ruanda zu untersuchen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2019 - Geschichte

Erhard Grundl , Bundestagsabgeordneter der Grünen, setzt sich in der taz dafür ein, dass die von den Nazis als "asozial" in KZs Gesperrten, endlich als Opfergruppe anerkannt werden: "Es ging nicht um Straftaten, sondern um Lebensentwürfe. Die Internierung im KZ traf ab Mitte der 1930er Jahre sozial unangepasst lebende Menschen. Mit dem Instrument der 'rassischen Generalprävention' wurden sie als 'gemeinschaftsfremd' aus dem Kreis der Freien ausgeschlossen. Denn zu schützen war nicht das Kind oder der Jugendliche, nicht der Mensch mit seinen Sehnsüchten und seinen Krisen, sondern allein die nationalsozialistische 'Volksgemeinschaft'."
Stichwörter: 1930er, Volksgemeinschaft

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2019 - Geschichte

Emmanuel Macron reist nicht zu den Gedenkfeiern, die in Ruanda des Völkermords an den Tutsi vor 25 Jahren gedenken, obwohl er eingeladen wurde, schreibt François Misser, in der taz. Die französische Komplizenschaft tritt durch neue Bücher ehemaliger französischer Offiziere immer mehr zutage: "Besonders umstritten: die französische Militärintervention 'Opération Turquoise' ab dem 22. Juni 1994, nach Monaten der internationalen Untätigkeit angesichts der Massaker in Ruanda. Da besetzte Frankreichs Armee den Südwesten Ruandas, während im Rest des Landes die Tutsi-Rebellenarmee RPF (Ruandische Patriotische Front) gegen das Völkermordregime auf dem Vormarsch war. Offiziell war dies eine 'humanitäre Intervention', um dem Morden ein Ende zu setzen. Tatsächlich schützte der französische Einsatz Hutu-Völkermordtäter vor vorrückenden Tutsi-Kämpfern und ermöglichte ihnen den geordneten Rückzug in das benachbarte Zaire."

Laut einer Meldung des Infosenders France24 hat Macron gestern angekündigt, die französischen Archive der Jahre 1990 bis 94 für Historiker des Völkermords zu öffnen.

"Nie wieder Ruanda", rief man, nachdem man dem Völkermord tatenlos zugesehen hatte. Aber danach kam Srebrenica. Und seitdem gibt es kaum Besserung, schreibt Fabian Urech in der NZZ: "Vieles spricht gar für eine weitere Zuspitzung: Seit 2010 hat sich die Zahl der weltweiten Kriegsopfer verdreifacht, die Zahl der Flüchtlinge verdoppelt, und jüngst kam eine Studie zum Schluss, dass in den letzten zwanzig Jahren allein in Afrika etwa fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren an den Folgen bewaffneter Konflikte gestorben sind."

Seltsam, aber der Begriff des "Totalitarismus", der auch von westlichen Linken bis heute mit inniger Entschlossenheit bekämpft wird, findet doch immer auch wieder Verfechter, etwa Masha Gessen. Die taz bringt Gerd Koenens Laudatio auf die Autorin für den Leipziger Buchpreis, und er zeigt, wie sie den Begriff modernisiert: "Es geht bei dem 'Homo sovieticus' .. nicht um irgendeinen speziellen russischen Volkscharakter oder eine sonstige pauschale Zuschreibung. Sondern es geht im Kern um die mentalen Folgen dessen, was Russland im 20. Jahrhundert, nicht erst in der Stalin-Ära, sondern seit der Machteroberung der Bolschewiki 1917 und dem anschließenden mörderischen Bürgerkrieg, sich selbst angetan hat, sowohl physisch wie psychisch, soziologisch wie kulturell. Diese Geschichte, die fast jede russische Familie auf die eine oder andere Weise betrifft, ist intellektuell wie moralisch auch tatsächlich kaum zu 'bewältigen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2019 - Geschichte

Heute ist "ist Roma Day", an dem auch des Vökermords an den Sinti und Roma gedacht wird. Die Historikerin Jana Mechelhoff-Herezi erzählt im taz-Gespräch mit Susanne Memarnia von der Schwierigkeit, heute noch die Naziverbrechen gegen Sinti und Roma aufzuklären - die Historiker haben viel zu spät damit begonnen, so scheint es. Enorme Resonanz hat aber laut Mechelhoff-Herezi  der Gedenkort für die Morde in Berlin: "Das liegt sicher auch an der Lage im Tiergarten. Dort kommt jeder vorbei - und für viele Touristen ist es offenbar die erste Konfrontation überhaupt mit dem Thema. Aber: Zwar funktioniert es als Erinnerungsort hervorragend, aber als Informationsort überhaupt nicht. Es hat nur wenige informative Elemente, das meiste ist symbolisch: die Wasserfläche mit dem dreieckigen Stein, die Blume in der Mitte des Wassers, die jeden Tag neu eingesetzt wird, die gesplitterten Steinplatten mit 69 Ortsnamen, das umlaufende Gedicht 'Auschwitz', der Geigenton. Das hat einen überraschenden emotionalen Effekt - aber es fehlen Erklärungen."

Im FR-Interview mit Joachim Frank spricht der Historiker Norbert Frei über den Rechtsruck im Osten, die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren durch die AfD und den "Vereinigungsrassismus" zwischen Ost und West: "Es lässt sich zeigen, dass Neonazis in der alten Bundesrepublik und in der DDR schon in den 1980er Jahren aufeinander reagiert und miteinander agiert haben. Der Vereinigungsrassismus im Deutschland der frühen 1990er Jahre mit seinen erschreckenden Ausbrüchen an Gewalt und Fremdenfeindlichkeit ist ein Indiz für ein Zusammenwachsen von Rechts. Und heute - fast 30 Jahre später - ist die AfD zum gesamtdeutschen Auffangbecken für rechte Strömungen in West und Ost geworden. Es fällt ja auf, dass führende AfD-Politiker wie Alexander Gauland oder Björn Höcke aus dem Westen in den Osten gegangen sind, um dort gezielt die autoritären Potenziale im vermeintlich 'heileren', von den 'Verfallserscheinungen' des Westens noch nicht so sehr erfassten Teil der Republik aufzunehmen und sie gleichsam in den Westen zu reimportieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2019 - Geschichte

Die iranische Revolution war nicht gleich eine islamische Revolution, schreibt die in Deutschland aufgewachene Schriftstellerin Nava Ebrahimi in der FAS. Und vierzig Jahre Revolution sind vierzig Jahre Exil, schreibt sie mit Blick auf die Generation ihrer Eltern: "Niemand hätte 1979 gewettet, dass die Mullahs mehr sein würden als ein Treppenwitz der Geschichte. Doch jetzt sind sie seit vierzig Jahren an der Macht. Mich überfällt Wehmut, wenn ich sie sehe, die einstigen Männer der Revolution. Sie fahren hier Taxi, betreiben Restaurants oder Teppichgeschäfte und fallen kaum auf. Aber ich sehe sie, und ich sehe auch diese Wolke über ihnen. So hätte es nicht enden sollen. Sie verdunkelt sich, denn diese Generation wird alt."