Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

855 Presseschau-Absätze - Seite 68 von 86

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - New Yorker

Benjamin Wallace-Welles porträtiert die Terroristenexpertin und Direktorin des SITE Institute (The Search for International Terrorist Entities) Rita Katz und beschreibt, wie die 1963 im Irak geborene Tochter eines wohlhabenden jüdischen Geschäftsmanns ins Geheimdienstgeschäft und zu ihrem "privaten Kreuzzug" kam. 2003 legte Katz - zunächst unter Pseudonym - das Buch "Terroristenjägerin. Wie ich das Netzwerk des islamistischen Terrors aufdeckte" vor. "Katz hat eine sehr eigene Vorstellung vom Kampf gegen den Terrorismus, die sie mit den meisten anderen Auftragnehmern und Beratern teilt, die das gleiche tun wie sie. Sie glauben, dass die Regierung in der Einschätzung der extrem-islamistischen Bedrohung versagt habe und ihr Gespür für die Terrorismusbekämpfung völlig falsch sei. Nach ihrer Auffassung, geht man gegen Terroristen am besten nicht wie das FBI vor... sondern arbeitet wie die Terroristen selbst - mit Wut und der Überzeugung, dass sich die Geschichte durch die eigenen Entscheidungen wenden wird. Vor einer Überschätzung der Bedrohung fürchtet sie sich nicht, weil deren Unterschätzung viel schlimmer sei."

Mit einem ätzenden Verriss überzieht Anthony Lane die Verfilmung von Dan Browns "The Da Vinci Code": "Tatsächlich werden die alleinigen Nutznießer aus diesem kompletten Fiasko die Mitglieder von Opus Dei sein, von denen sich einige ja selbst geißeln. Ab sofort wird derartige Buße einfach - ganz ohne Peitschenhiebe und Dornenmanschette um den Oberschenkel. Sie kostet lediglich so viel wie eine Kinokarte und zweieinhalb Stunden Leiden." Zu lesen ist außerdem die Erzählung "God the Novelist" von Henry Roth.

Buchbesprechungen widmen sich dem neuen Roman "Theft: A Love Story" von Peter Carey, einer Biografie der Schriftstellerin Nelle Harper Lee, einer Studie über sportlichen Heldenmut und einer Biografie der Verfasserin eines viktorianischen Rezept- und Haushaltsführungsklassikers. Paul Goldberger würdigt schließlich Renzo Piano, der mit drei Projekten in New York "seine Brillanz, aber auch seine Grenzen" unter Beweis stellt; gerade fertiggestellt wurde sein Erweiterungsbau für das Morgan Library & Museum.

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - New Yorker

Unter der Überschrift "Der Da-Vinci-Köder" beschreibt Peter J. Boyer, wie Sony versucht, seine Verfilmung von Dan Browns Bestsellers "The Da Vinci Code" (deutsch: "Sakrileg") gegen - die einflussreichen christlichen Kritiker in Amerika abzusichern. "Als der Konzern begann, seine Marketingstrategie für 'Da Vinci' zu entwickeln, verpflichtete er die Medienagentur Sitrick & Company, die sich auf die Wiederherstellung eines ramponierten Ansehens spezialisiert hat. Sony wollte, dass Sitrick mit jeder möglichen Reaktion auf den Film fertig werden solle." Sitricks Vorschlag: Sony solle kompetente und christliche Kritiker des Buchs ins Boot holen und versuchen, "die Kontroverse um das Buch in einen Vorteil für den Film umzumünzen... Es sei besser, um Lyndon Johnson zu paraphrasieren, die Christen säßen im Kino und diskutierten über den Film, als demonstrierend davor zu stehen."

Weiteres: Mark Singer schildert ein Treffen mit Robert Altman. Zu lesen ist die Erzählung "Cinderella School" von Lara Vapnyar. John Updike rezensiert Michel Houellebecqs Roman "Die Möglichkeit einer Insel": "Die Sensationen, die Houellebecq uns schenkt, sind nicht nahrhaft." Besprochen wird außerdem die Studie "Desperate Networks" (Doubleday) über die Prime-Time-Kriege der Fernsehsender und der zweite Teil einer Strawinsky-Biografie. David Denby schließlich sah im Kino die französische Komödie "Russian Dolls" von Cedric Klapisch und "Poseidon" von Wolfgang Petersen: "Wolfgang Petersen mag Wasser im Hirn haben, aber er kann das Publikum fühlen lassen, was immer sein Unterbewusstsein Wellen schlagen lässt."

Nur in der Printausgabe: ein Bericht über die komplizierte Technologie von Zuckerersatzstoffen, Porträts des "Hundeflüsterers" Cesar Millan (hier ein Interview mit dem Autor) und des Reiseschriftstellers Patrick Leigh Fermor sowie Lyrik von Adonis und Rae Armantrout.

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - New Yorker

Mitchell Zuckoff erzählt die Geschichte des John W. Worley, eines ordinierten Priester und Psychotherapeuten aus Massachusetts, der sich nach klassischer 419-Manier und in "williger Blindheit" (so der Vorwurf) von nigerianischen Finanzbetrügern um achtzigtausend Dollar erleichtern ließ und zahlreiche gefälschte Scheck für sie einlöste. Ein Captain Joshua Mbote hatte ihn per Email gebeten, beim Transfer von 55 Millionen Dollar zu helfen, die aus einem geplatzten Waffendeal für Kongos damaligen Präsidenten Kabila übrig geblieben sind. Über Jahre wurden Mails und Schecks ausgetauscht, dann wurde Worley skeptisch: "'Bis heute habe ich nahezu fünfzigtausend Dollar dabei verloren, den Schatz am Ende des Regenbogens zu finden. Ich kann nicht weitermachen. Ich werde zwei Jahre brauchen, um mich davon zu erholen. Bis dahin werde ich tot sein.' Mrs. Abachas besänftigte ihn und wrang weitere dreizehntausend Dollar aus ihm heraus."

Hendrik Herzberg begrüßt die Besonnenheit, mit der eine Jury den "Hätte-gern-konnte-aber-Nicht"-Attentäter vom 11. September Zacarias Moussaoui zu Lebenslänglich verurteilt hat. In der Rubrik "A Critic at large" nimmt Larry Doyle die Biomarkt-Kette Whole Food unter die Lupe.

Besprochen werden Alan Bennetts Stück "The History Boys", die Betty-Woodman-Retrospektive im Metropolitan Museum New York und die dritte Folge von "Mission Impossible".

Magazinrundschau vom 02.05.2006 - New Yorker

In einem ebenso komischen wie doppelbödigen Essay denkt David Sedaris über Geschenke nach - die, wie in seinem Fall, zum Memento Mori werden können und einen verfolgen. Bei Sedaris beginnt buchstäblich alles mit dem Wünschen: "Seit zehn Jahren oder so habe ich mir angewöhnt, ein kleines Notizbuch in meiner Brusttasche zu tragen. Das von mir bevorzugte Modell heißt Europa und ich ziehe es im Durchschnitt zehnmal am Tag heraus und notiere darin Einkaufslisten, Beobachtungen und kleine Einfälle, wie ich an Geld kommen oder Leute schikanieren kann. Die letzte Seite ist immer für Telefonnummern reserviert und die vorletzte benutze ich für Geschenkideen. Keine Dinge, die ich anderen Leuten schenken könnte, sondern Sachen, die man mir schenken könnte: einen Schuhlöffel, zum Beispiel - habe ich mir schon immer gewünscht. Dasselbe gilt für ein Federmäppchen, das vermutlich nicht mehr kostet als ein Doughnut. Ich habe aber auch Ideen im Bereich zwischen fünfhundert und zweitausend Dollar."

Zu lesen ist außerdem ein Porträt der Martha Graham Dance Company, ein Bericht über das New Yorker Barock-Revival, in dessen Zuge Händel zu neuen Ehren kommt, und die Erzählung "Once in a lifetime" von Jhumpa Lahiri.

Besprochen werden drei Bücher zur Geschichte der Sklaverei in den USA, darunter Simon Schamas "Rough Crossings: Britain, the Slaves, and the American Revolution", eine Inszenierung von Oscar Wildes Komödie "The Importance of Being Earnest" und Filme, nämlich das australische Drama "The Proposition" von John Hillcoat und Jean-Pierre Melvilles schon 1969 gedrehter Resistance-Film "Armee im Schatten", der in den USA bisher nie zu sehen war. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Kulturgeschichte des Gesprächs.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über den fortgesetzten Kampf um Reformen in Libyen, ein Porträt des Komponisten und Klangkünstlers Trimpin sowie Lyrik von Tom Sleigh und Clive James.

Magazinrundschau vom 25.04.2006 - New Yorker

In einem wunderbaren Text erzählt Bill Buford, wie er in der Toskana auf der Suche nach dem Geheimnis der einfachen italienischen Küche von einem Metzger das Handwerk der Zerteilung einer ganzen Sau lernte und nach Rückkunft in die USA eine solche zu eben diesem Zweck kaufte. "Wir hatten viele Mahlzeiten davon - rund 450, das macht weniger als 50 Cents pro Teller -, denn wir haben vom Rüssel (der in die Saucen wanderte) bis zum Schwanz (den ich ins Ragout gab) alles gegessen. Aber die Lektion bestand nicht in der Wirtschaftlichkeit des Tiers. Dieses Schwein, das wussten wir ganz genau, war für unseren Tisch geschlachtet worden, und wir entwickelten ein Zuneigung zu ihm, die uns überraschte."

In einem Interview spricht Buford - dessen Buch "Heat: An Amateur's Adventures as Kitchen Slave, Line Cook, Pasta-Maker, and Apprentice to a Dante-Quoting Butcher in Tuscany" im Mai erscheint - außerdem über Schweine, Köche und sein nächstes kulinarisches Abenteuer: Backen lernen.

Weiteres: Hendrik Hertzberg fragt sich in einem Kommentar, ob die Regierung Donald Rumsfeld wirklich braucht. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "An Afternoon" von William Trevor.

Besprochen werden der neue Roman von Philip Roth "Everyman", ein Album der Dixie Chicks und die TV-Serie "The Unit". David Denby sah im Kino Paul Greengrass' Film "United 93" über die couragierten Passagiere, die am 11. September versuchten, die Entführer ihres Flugzeuges zu überwältigen, und der rumänische Film "The Death of Mr. Lazarescu" von Cristi Puiu.

Nur im Print: In einem Brief aus Polynesien berichtet Ian Parker, dass die zu unterschiedlichen Staaten gehörenden Inseln mit der Unabhängigkeit flirten und eine eigene Nation gründen wollen.

Magazinrundschau vom 18.04.2006 - New Yorker

Jill Lepore stellt einige Historiker vor, die sich mit der Geschichte der Pilgerväter befassen oder befasst haben, zum Beispiel den Konteradmiral Samuel Eliot Morison, dessen größte Gabe ihrer Meinung nach darin bestand, dass man ihm Recht geben musste, auch wenn man es partout nicht wollte. In seiner Arbeit hatte Morison alles daran gesetzt, die Puritaner von ihrem Image als freudlose Miesepeter zu befreien. "Morison gab für dieses Vorurteil den Victorianern die Schuld, die die Puritaner als prüde abstempelten, um sich selbst im Vergleich freigeistig zu fühlen. Wie Morison mit charakteristischer Klarheit darlegte, ist es ein schwerwiegender chronologischer Fehler, sich auf das 19. Jahrhundert zu verlassen, wenn man das 17. Jahrhundert verstehen will. 'Die richtige Herangehensweise an die puritanischen Gründer Neuenglands ist historische betrachtet das Mittelalter', erklärte er, 'sie waren sozusagen Engländer, die die Reformation, aber nicht die Renaissance akzeptiert hatten'."

Nick Paumgarten erkennt in den Navigationssystemen, in Google Earth und MapQuest, eine zivilisatorische Rolle rückwärts. Denn sie basieren auf Landschaftsbeschreibungen: "Sie verwenden Algorithmen, die den vorbereitenden freundlichen Cowboy personifizieren, der weiß, wohin er geht, oder den Passanten, der dir sagen kann, was du siehst, wenn du zu weit bist. Bevor es Karten gab, gab es solche Wegbeschreibungen, Abfolgen von Richtungshinweisen. Karten waren eine Sache des Fortschritts, ganz zu schweigen von der Fähigkeit, sie zu lesen. Sie setzen ein viel höheres Abstraktionsvermögen voraus. Die derzeitige geografische Revolution ist in vielerlei Hinsicht eine Rückkehr zu primitiven Techniken: Es ist die High-Tech-Glasur für eine Low-Tech-Methode."

Weitere Artikel: Steve Martin unternimmt einen Wiederbelebungsversuch der in Misskredit gebrachten Society-Kolumne "Page Six". Tad Friend berichtet, dass bei NBC gleich zwei Serien eingegangen sind, die hinter den Kulissen von "Saturday Night Life" spielen; nur eine wird durchkommen. Jonathan Stern gibt uns eine "Lonely-Planet"-Tour durch sein Apartment.

Besprochen werden die Veronese-Ausstellung in der Frick Collection, Kaija Saariahos in Paris uraufgeführte Oper "Adriana Mater", sowie die beiden neuen Filme "American Dreamz" von Paul Weitz und "I Am a Sex Addict" von Caveh Zahedi.

Nur im Print: Patrick Radden Keefe schreibt eine Reportage über "Sister Ping?s people-smuggling empire", und Michael Specter porträtiert Kirsan Nikolajewitsch Iljumschinow, Präsident des Weltschachverbandes FIDE und der Republik Kalmückien.

Magazinrundschau vom 11.04.2006 - New Yorker

Nachdem Seymour M. Hersh 2004 im New Yorker schon die Zustände im irakischen Abu Ghraib enthüllt hatte, machen seine jüngsten Recherchen jetzt auch die amerikanischen Konfrontationspläne gegen den Iran bekannt. In seinem erneut akribisch zusammengetragenen Artikel zitiert er zum Beispiel einen Diplomat in Wien: "Es geht um mehr als das Atomthema... In Wirklichkeit geht es darum, wer in den nächsten zehn Jahren den Mittleren Osten und sein Öl kontrolliert." Und ein im Pentagon als Berater für den Krieg gegen den Terror zuständiger Beamter sagte ihm: "'Das Weiße Haus glaubt, dass der einzige Weg, das Problem zu lösen, in einem Machtwechsel im Iran liegt. Und das bedeutet Krieg.' Es bestehe die Gefahr, sagte er, dass "damit auch die Auffassung innerhalb des Irans verstärkt wird, Nuklearwaffen seien die einzigen Möglichkeit, ihr Land zu schützen.' Ein militärischer Konflikt, der die Region destabilisiere, berge außerdem das Risiko weiterer Terroranschläge: 'Die Hisbollah kommt ins Spiel. Und Al Qaeda.'"

Weiteres: John Lahr porträtiert den vor hundert Jahren geborenen amerikanischen Dramatiker Clifford Odets. Nick Paumgarden informiert über neue Regeln in der New York Public Library. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Trojan Sofa" von Bernard MacLaverty.

Adam Gopnik befasst sich mit der Publikation des vor dreißig Jahren in Ägypten gefundenen Judas-Evangeliums, Besprochen wird neue Roman "Black Swan Green" des britischen Schriftstellers David Mitchell (Random House). Die Kurzbesprechungen widmen sich ausschließlich Gedichtbänden. John Lahr stellt die Theaterproduktionen "Everything Bad & Beautiful" und "Tryst" vor. Und David Denby sah im Kino die Verfilmung der Lebengeschicht eines berühmten Pin-up-Girls der 50er Jahre "The Notorious Bettie Page" von Mary Harron und die Independent-Komödie "Friends with Money" von Nicole Holofcener.

Nur in der Printausgabe: ein Porträt des amerikanischen Bilderbuchautors und- illustrators Maurice Sendak ("Wo die wilden Kerle wohnen"), Berichte über das neue Publikum von Pete Seeger und eine bevorstehende Revolte gegen einen Brauch der Episkopalkirche sowie Lyrik von Mary Stewart, Hammond Paul und Muldoon Richard Wilbur.

Magazinrundschau vom 04.04.2006 - New Yorker

David Owen berichtet über Muzak - die so genannte "Aufzugsmusik", also eigens zur Dauerberieselung von Geschäften und des öffentlichen Raums rearrangierte Versionen bekannter Songs und Musikstücke - und darüber, wie die Branche heute arbeitet. Am Anfang hätten sich viele Menschen darüber beschwert, öffentliche Hintergrundmusik stelle einen Eingriff in die Privatsphäre dar. "Das ärgert auch heute noch einige, obwohl viele von uns, wenn wir plötzlich alleine mit unseren Gedanken sind, sofort nach den bequemsten Mitteln greifen, um sie zu übertönen: etwa indem wir Kopfhörer aufsetzen oder eine CD in den Player schieben. Audio-Architektur ist eine spannende Aufgabe, weil die menschliche Reaktion auf Musikbegleitung stark und unfreiwillig ist. 'Unser größter Konkurrent', so ein Marketingmitarbeiter von Muzak, 'ist die Stille.'"

Weiteres: In einer Glosse schwelgt George Saunders in TV-Nostalgie und beschließt ein Anti-Prüderie-Programm, um auch weiterhin fernsehen zu können. Zu lesen ist die außerdem die Erzählung "In the Reign of Harad IV" von Steven Millhauser.

John Updike rezensiert ein Porträt der Zigeunergemeinde von Perpignan "Little Money Street: In Search of Gypsies and Their Music in the South of France" von Fernanda Eberstadt, und Malcolm Gladwell stellt eine Studie des Soziologen Charles Tilly über die Anatomie der alltäglichen Erklärungen und Begründungen vor ("Why?"). Nancy Franklin führt in die neuen TV-Serien "The New Adventures of Old Christine" und "Sons & Daughters" ein. Anthony Lane sah im Rahmen einer Kieslowski-Retrospektive noch einmal "Die zwei Leben der Veronika" und den verworrenen Thriller "Lucky Number Slevin" von Paul McGuigan mit dem Staraufgebot von Morgan Freeman, Ben Kingsley und Bruce Willis.

Nur in der Printausgabe: eine große Reportage darüber, was amerikanische Generäle im Irak über die Aufruhrbekämpfung gelernt haben und ob diese Lektionen nicht zu spät gekommen sind (hier ein Interview mit dem Autor George Packer zum Thema sowie einige Fotos von Samantha Appleton), Berichte über die Qualität von Austern und die kurze Regentschaft eines terroristischen Babysitters, außerdem Lyrik von John Ashbery und Meghan O?Rourke.

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - New Yorker

In einem faktenreichen Essay geht John Cassidy der Frage nach, wie Armut in Amerika berechnet wird. Dabei werde noch immer auf eine Formel zurückgegriffen, die 1958 von der Statistikerin Mollie Orhansky entwickelt wurde, die sich gegen Kinderarmut engagierte. Sie unterschied zwischen "preiswerter" und "sparsamer" Lebensführung und rechnete aus, dass Familien damals für ersteres ein Jahreseinkommen von 3955 Dollar und für letzteres von 3165 Dollar erwirtschaften müssten. Das Büro für Bevölkerungsstatistik passte in den vergangenen zehn Jahren lediglich alle zwölf Monate die Obergrenze der Einkommen an die Inflation an. Diese Methode habe, so Cassidy, einige "offenkundige Defizite". So hätten sich etwa die finanziellen Belastungen in Form von Einkommenssteuer und Krankenversicherung für Familien doch erheblich verändert. "Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Armutsgrenze für das gesamte Land gleich hoch angesetzt wird. Im vergangenen Jahr betrug die Obergrenze des Bruttoeinkommens für eine Familie mit zwei Kindern 19806 Dollar. Das mag ausreichen, um eine Familie im ländlichen Arkansas oder in Tennessee zu ernähren, nicht jedoch in San Francisco, Boston oder New York, wo die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt erschwinglichen Wohnraum verknappt hat."

Es erscheint unglaublich, dass jemand ohne eine Spur von Häme über Mariah Carey schreiben kann. Sasha Frere-Jones schafft es und zaubert ein paar Fakten aus dem Hut, "Sie war die bestverkaufende weibliche Künstlerin in den Neunzigern und die erste Frau, die drei Studioalben herausbrachte, von denen sich jedes mehr als acht Millionen mal in den USA verkaufte. Sie hat sechzehn ihrer siebzehn Nr. 1 Hits selbst geschrieben oder daran mitgeschrieben, mehr als jede andere weibliche Komponistin, und sie hat zwölf ihrer Nr. 1 Songs selbst produziert, mehr als jede andere Frau."

Weiteres: Paul Rudnik glossiert den Umgang mit hochbegabten Kindern. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "A Better Angel" von Chris Adrian. Joan Acocella bespricht den zweiten Roman der in Brooklyn lebenden Schriftstellerin Emily Barton "Brookland" (Farrar, Straus & Giroux), und H. Allen Orr stellt eine Studie zur Entwicklung von Religionen vor: "Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon" (Viking) von Daniel Dennett. Peter Schjeldahl führt durch die Ausstellung "Hatshepsut: From Queen to Pharao" im Metropolitan Musem, in der fast 300 Objekte zu sehen sind. Und David Denby sah im Kino "Thank You for Smoking" von Jason Reitman und die Low-budget-Produktion "Brick" von Rian Johnson.

Nur in der Printausgabe: ein Bericht über den Umgang mit radikalen Muslimen in den Niederlanden von Jane Kramer, ein Porträt des Schauspielers Sean Penn, ein Artikel zur Frage, ob Angehörige etwas in der Notaufnahme zu suchen haben, und Lyrik von Elizabeth Macklin und C.K. Williams.

Magazinrundschau vom 21.03.2006 - New Yorker

Louis Menand hält das neue Buch des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama ("America at the Crossroads: Democracy, Power, and the Neoconservative Legacy", Yale) eher für eine "milde gestimmte Polemik" gegen die Bush-Regierung als für eine theoretische Abhandlung über Staatskunst. Fukuyama, der sich immer selbst als Neokonservativen verstanden hatte, vertritt die These, dass der "Krieg gegen den Terror und besonders der Einmarsch in den Irak keine Anwendung neokonservativer Prinzipien darstellt, wie er sie verstand. George W. Bush, Dick Cheney und Donald Rumsfeld seien keine neokonservativen Intellektuellen, sondern rechtsgerichtete Eiferer und Missionierer, deren Kriegsbestrebungen für die amerikanischen Interessen ein Desaster darstelle. Sie globalisierten einen Konflikt, den sie besser eingedämmt hätten." Fukuyama selbst, so Menand, ist kein politischer Intellektueller, sondern ein "origineller und unabhängiger Denker, dessen Schriften nie auf einer doktrinären Basis beruhten".

Nicholas Lemann porträtiert den bekanntesten Fernsehmoderator Amerikas, Bill O'Reilly, Frontmann des Fernsehsenders Fox, Moderator der TV-Talkshow "The O'Reilly Factor" und der Radiosendung "The Radio Factor": "Wie jeder politische Moderator mit einer großen Fan-Gemeinde ist er ein Populist, der in seiner völlig unironischen Art einen reichen, mittelalten weißen Typ verkörpert, der mit der regierenden Partei verbunden ist. Zugleich hat er den Mumm, gegen die elitäre Klasse aufzubegehren, die dieses Land regiert (aber auch hasst). Wer jetzt sagt, dass ergebe keinen Sinn, bringt sich um das Vergnügen, das eine nähere Studie O'Reillys gewährt."

Weitere Artikel: Alex Ross stellt den britischen Tenor Ian Bostridge vor, der in New York kürzlich mit einem Britten-Programm glänzte. Nancy Franklin schreibt über die TV-Serie "Big Love", in der es um eine polygame Ehe in Utah geht. Hilton Als bespricht "The Emperor Jones", eine Produktion der Wooster Group. Anthony Lane sah im Kino "Inside Man" von Spike Lee und den letztjährigen Cannes-Gewinner "L?Enfant" von Jean-Pierre and Luc Dardenne. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Untersuchung über die Entwicklung psychologischer Verhörmethoden durch die CIA von Vietnam bis Abu Ghraib ("A Question of Torture", Metropolitan).

Nur in der Printausgabe: eine Betrachtung über Goldrahmen und Impressionismus, die nicht zusammenpassen, ein Porträt der Präsidentin von Liberia, Ellen Johnson Sirleaf, ein nicht näher zu spezifizierender Artikel über das Eheleben einer Frau namens Alice, die Erzählung "A Love Letter" von Gary Shteyngart und Lyrik von Michael Ryan und Yehuda Amichai.