Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

855 Presseschau-Absätze - Seite 69 von 86

Magazinrundschau vom 14.03.2006 - New Yorker

Nick Paumgarten macht sich ein Bild von Hedi Slimane (Homepage), dem gefeierten Chefdesigner von Dior Homme, der aber auch nach mehreren Besuchen ein buntes, fremdartiges Tier zu bleiben scheint. "Hedi Slimane kann nicht fahren. Er würde es gerne lernen, findet aber einfach nicht die Zeit dafür. In Paris ist rund um die Uhr ein Fahrer mit einem Wagen in Bereitschaft, falls er in den frühen Morgenstunden auf Modelsuche geht. Der Wagen ist ein Jaguar. Der Fahrer trägt Dior. 'Es wäre ein bisschen seltsam, wenn er in einem komischen Anzug daherkommen würde', sagt Slimane. Er unterscheidet sich von den meisten anderen Designern dadurch, dass er Unbekannte oder Laien für seine Shows castet. Wie alle in dem Gewerbe nennt er sie Boys. Er findet sie auf der Straße oder in Clubs - was Slimane 'Boy Safari' nennt. Er will nicht damit herausrücken, was seine Kriterien sind, und sie unterscheiden sich von Show zu Show, aber grundsätzlich bevorzugt er große, schlanke, leicht androgyne und englische Jungs. Normalerweise überlässt er einem Assistenten die Kontaktaufnahme, aber wenn er allein ist, macht er es auch selbst." Hier die sehenswerte Seite der Dior-Männerkollektion.

Weitere Artikel in dieser körperbetonten Ausgabe: Bei den 613 Centerfolds der vergangenen 60 Jahre, die im "Playmate Book" des Taschen Verlags abgebildet sind, erkennt Joan Acocella ein Urmodell: der Kopf von Shirley Temple, der Unterbau von Jayne Mansfield. Hilton. Als bewundert die Physis von Cate Blanchett in Andrew Uptons "stromlinienförmiger" Adaption von Henrik Ibsens "Hedda Gabler" in New York. Paul Goldberger bewundert die Bauten von Herzog und de Meuron, vor allem die Allianz-Arena in München. Und David Denby wendet sich angewidert von dem Film "V for Vendetta" ab, der die "reinigende Kraft von Gewaltakten" propagiere.

Magazinrundschau vom 21.02.2006 - New Yorker

Das islamische Bilderverbot wurde - ebenso wie das christliche - schon immer und eben auch innerhalb des Islam unterlaufen, erklärt Jane Kramer in einem Kommentar zum Karikaturenstreit. Und auch sie glaubt, dass es bei den tumultartigen Protesten in der arabischen Welt weniger um die Karikaturen, sondern vor allem um die 25 Millionen Muslime ging, die in Westeuropa leben. Im Zentrum des "Machtkampfs in der Golfregion" stehen nicht nur das Öl, sondern auch "die Kontrolle über die islamische Diaspora. Jedem, der sich damit beschäftigte, war klar, wenn diese Diaspora in Europa einen modernen, kritischen und demokratischen Islam entwickelt, dann würden die islamistischen Regimes im Mittleren Ost anfangen zu bröckeln."

Jane Mayer berichtet darüber, wie ein internes Memo des Pentagon, in dem sich der Navy-Berater Alberto J. Mora gegen die Folter von Gefangenen richtete, hintertrieben und unter den Teppich gekehrt wurde. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "My Father's Tears" von John Updike.

John Lanchester rezensiert zwei Studien über die Fragilität des Glücks: "The Happiness Hypothesis" (Basic) des amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt und "Happiness: Lessons from a New Science" des britischen Ökonomen Richard Layard. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem "göttlichen Helden", dem Demokraten William Jennings Bryan, den seine Partei 1896, 1900 und 1908 zum Präsidenten nominierte. Alex Ross resümiert mit heißen Ohren die Konzerte und Opern, die er in diesem Jahr schon in New York gehört hat (da kommt eindrucksvoll was zusammen!). Paul Goldberger ist begeistert von der frisch renovierten und umgebauten Getty-Villa in Malibu. Und Anthony Lane sah im Kino "Night Watch" von Timur Bekmambetov und Marc Rothemunds jetzt auch in Amerika anlaufenden Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage", der ihn schwer beeindruckt hat.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über den sich zunehmend absenkenden Süden von Louisiana, ein Bericht über das "Demokratiespiel" nach dem Sieg der Hamas und Lyrik von Henri Cole und Linda Gregg.

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - New Yorker

In einem interessanten Bericht untersucht Malcolm Gladwell die Probleme des so genannten "Profiling" in der Polizeiarbeit. Gladwell wählt als Ausgangspunkt die Entscheidung, das Halten einiger Hunderassen, etwa von Pit Bulls, wegen ihrer Aggressivität zu verbieten, obwohl keineswegs jedes einzelne Tier gefährlich sein oder werden muss. Die Grundlage dieser Entscheidung sei eine "Generalisierung", die eine "oft unvermeidliche und gelegentlich erwünschte Dimension unsere lebensbestimmenden Entscheidungen" darstelle. "Der Prozess, sich vom Besonderen zum Allgemeinen zu bewegen, ist notwendig und gefährlich zugleich. Hinter jeder Generalisierung steckt die Wahl, welche Faktoren berücksichtigt werden und welche nicht, und diese Auswahl kann sich als verblüffend kompliziert erweisen." Was der Autor im Verlauf des Textes unter anderem anhand eines herrlich bizarren polizeilichen Beobachtungsprotokolls belegen kann.

Weitere Artikel: Alex Ross berichtet über die Entdeckung eines verschollenen Beethoven-Mansukripts im vergangenen Sommer bei Philadelphia. Zev Borow glossiert mit der fiktiven Abschrift eines Telefonats die Absicht des Weißen Hauses, die Handygespräche von "sehr bösen Menschen" aufzuzeichnen. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Deposition" von Tobias Wolff.

Rezensiert werden David Leavitts Biografie über Alan Turing und die Erfindung des Computers, "The Man Who Knew Too Much", und der neue Roman "The Good Life" (mehr) von Jay McInerney. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem Bernard-Henri Levys Buch über das zeitgenössische Amerika, "American Vertigo". Und Anthony Lane sah im Kino das Regiedebüt von Tommy Lee Jones "The Three Burials of Melquiades Estrada" ("Wenn er kein Fan von Sam Peckinpah ist, esse ich seinen Hut") und Lars von Triers Film "Manderlay", eine Fortsetzung von "Dogville" ("Ich bin glücklich, dass es ihn (von Trier) gibt, um unsere Sünden anzuprangern, noch glücklicher bin ich aber, dass er der einzige dieser Art ist.")

Nur in der Printausgabe: Berichte über Berater für junge Mütter in Louisiana, den Papst, den Krieg und die Frage der Vergebung, einen Amerikaner, der im englischen Manchester vermutlich Fußball spielt, sowie Lyrik von Julia Hartwig und Dorothea Tanning.

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - New Yorker

In einer Reportage mit dem Titel "Die Lotterie" beschreibt Dan Baum am Beispiel des Peruaners Raul Jara, was passiert, wenn man an einer Verlosung amerikanischer Green Cards teilnimmt und tatsächlich eine der begehrten Arbeitserlaubnisse gewinnt. Die Lotterie wurde im Namen der "Vielfalt" eingeführt und sollte mehr weiße Immigranten nach Amerika bringen. "Was immer diese Lotterie auch für die Vervielfältigung des Immigrantenpools tut, ist sie in jedem Fall eine ausgezeichnete Werbung für den amerikanischen Traum. Dass ein Tapezierer oder Rohrverleger aus Ouagadougou oder Eriwan, der anders keine Chance zur Emigration hätte, plötzlich eine Green Card überreicht bekommt, ist eine ebenso schlagkräftige Vorstellung wie die von einer Waisen, die Präsident wird, oder von dem 25-Jährigen, der in Las Vegas 40 Millionen Dollar gewinnt. Die Chancen sind nicht schlecht: mit 118 zu 1 stehen sie wesentlich besser als die Aussichten von 45 Millionen zu 1, den Hauptgewinn im New Yorker Lotto zu gewinnen."

David Denby sah im Kino Eugene Jareckis Dokumentarfilm "Why We Fight" über Amerikas "militärisch-industriellen Komplex" und Dani Levys "Alles auf Zucker". An "Zucker" gefielen ihm die "zugleich rührenden und ein wenig absurden Charaktere", und er war "bewegt von dem Gedanken, dass Juden wieder eine Art Deutschsein, und mehr noch, dass Deutsche wieder eine Art von Jüdischsein erreicht haben".

Weitere Besprechungen: David Levering Lewis rezensiert den dritten und letzten Band einer Chronik der USA von Taylor Branch; "At Canaan's Edge" (Simon & Schuster) beschäftigt sich mit der Zeit zwischen 1965 und 1968 und zeichnet die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung anhand der Biografien zweier "tragischer Titanen" nach: "Martin Luther King, Jr., der moderne Moses und Lyndon Baines Johnson, der Möchtegern-Lincoln". Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem dem Buch eines Times-Reporters über die Aktivitäten der CIA seit dem 11. September (James Risen: "State of War", Free Press). Nancy Franklin schreibt über das Programm des TV-Senders Sci Fi Channel und eine Neuauflage der 70er-Serie "Battlestar Galactica". Hilton Als bespricht die Theaterstücke "Beauty of the Father" von Nilo Cruz und "Abigail's Party" von Mike Leigh. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Sundowners" von Monica Ali.

Nur in der Printausgabe: Porträts des Journalisten und Radiopioniers Edward R. Murrow und des israelischen Premiers Ariel Sharon, ein Artikel über Autojagden in Los Angeles und Lyrik.

Magazinrundschau vom 10.01.2006 - New Yorker

Hendrik Hertzberg fragt sich in einem Kommentar zur Affäre um den amerikanischen Lobbyisten Jack Abramoff (mehr), was genau diese eigentlich zum "größten Korruptionsskandal seit Generationen" in den USA macht. Auch wenn zahlreiche Kommentatoren behaupteten, Abramoff habe sein Geld "gleichberechtigt" auf die beiden großen politischen Parteien verteilt, rechnet Hertzberg vor, dass der Skandal "so republikanisch ist wie die Privatisierung der Sozialsystems". Laut einer Definition des Politjournalisten Michael Kinsley, wonach ein "Skandal nicht darin besteht, was illegal, sondern was legal ist", sei die Abramoff-Affäre allerdings "weder ein rein republikanischer noch ein Zweiparteienskandal. Sie ist schlicht der gegenwärtig am deutlichsten sichtbare Auswuchs eines wahrhaft nationalen Skandals: die beängstigende Dominanz von privatem Geld über das öffentliche Interesse."

In einem Resümee des vergangenen Kinojahres erinnert Anthony Lane an einen Film von John Carpenter, "Assault on Precinct 13" (1976), der mit folgendem Dialog zwischen einem Cop und seinem Gefangenen endete: "You're pretty fancy, Wilson." "I have moments." Daran gemessen waren das amerikanische Kinojahr 2005 komplett uncool, klagt Lane. Und was hat ihm gefallen, na? "Der Film, der mich am stärksten beeindruckt hat, war eine deutsch-türkische Produktion, 'Gegen die Wand'."

Weiteres: Stephen Hapin stellt zwei Veröffentlichungen vor, die sich mit dem Problem der Fettleibigkeit beschäftigen. In "The Hungry Years: Confessions of a Food Addict" (Gotham) beschreibt der britische Journalist William Leith die Geschichte seines Abspeckens und in "Fat Politics: The Real Story Behind America?s Obesity Epidemic" (Oxford) polemisiert der Politikwissenschaftler J. Eric Oliver gegen den "behaupteten Zusammenhang" zwischen Übergewicht und Krankheiten. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem dem neuen Buch von Paul Auster "The Brooklyn Follies" (Henry Holt). Sasha Frere-Jones stellt das neue Album von Neil Diamond "12 Songs" vor. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Three Days" von Samantha Hunt.

Nur in der Printausgabe: Geschichten über Grabsteine und Thaiboxen sowie Lyrik von Linda Gregg, Robert Pinsky und Robin Robertson.

Magazinrundschau vom 03.01.2006 - New Yorker

Nicht ganz überzeugt, aber auch nicht wirklich enttäuscht ist David Denby von Woordy Allens neuem Film "Match Point". Allen kehre darin wieder "zur Rolle des Glücks und einer alten Obsession aus 'Crimes and Misdemeanors' zurück: der Frage, ob es Gerechtigkeit auf der Welt überhaupt gibt. Doch diese theoretischen Überlegungen sind nur Staffage. Im Kern ist 'Match Point' nur die jüngste Version einer Geschichte, die schon seit fast 200 Jahren als erzählerische Basis dient: Ein junger Mann aus der Provinz erobert mit Kühnheit und sexuellem Charme die Großstadt und gerät in Schwierigkeiten. Und uns bleibt es wie immer überlassen, uns mit seiner Sehnsucht zu identifizieren und deren Konsequenzen zu bedauern - was heißt, dass wir unsere eigene Sehnsucht wohl oder übel zügeln müssen."

Weitere Artikel: Dan Baum beschreibt in einer langen Reportage das vollständige Versagen der Polizei von New Orleans angesichts des Hurrikans Katrina. Lilian Ross beschreibt ein Treffen mit dem Schauspieler, Produzenten und Regiedebütanten Tommy Lee Jones ("The Three Burials of Melquiades Estrada"), zu dem dieser ganz rollenuntypisch in Prada und Hermes gekleidet erschien. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Cryptozoologist" von Tony Earley.

Peter Schjeldahl führt durch eine "grandiose, unerwartet herausfordernde" Henri-Rousseau-Retrospektive, die nach ihrem Start in der Londoner Tate Modern auch in Paris und Washington zu sehen sein wird. In einem ausführlichen Porträt stellt David Denby den Journalisten, Kritiker und Drehbuchautor ("The African Queen") James Agee vor, dessen Schriften nun auszugsweise in zwei Bänden erschienen sind (Library of America?s).

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - New Yorker

Der New Yorker bringt eine literarische Ausgabe, die randvoll ist mit interessanten Texten. Und weil bald Weihnachten ist, dürfen wir fast alle online lesen!

Abgedruckt sind Texte von Autoren wie Tatjana Tolstaja ("Yorick") Vladimir Nabokov ("The Word"), Roberto Bolano ("Last Evenings on Earth"), Yoko Ogawa ("Pregnancy Diary"), Tahar Ben Jelloun ("Beauty Is a Fate Better Than Death") und Ismail Kadare ("The Albanian Writers' Union as Mirrored by a Woman").

Weitere Artikel: Paul Goldberger beschreibt die neue Architektur von Schanghai. Laura Miller porträtiert den Kinderbuchautor Philip Pullman: "Unter der Überschrift 'Dies ist der gefährlichste Autor Großbritanniens' erklärte Peter Hitchens, ein konservativer britischer Kolumnist, Pullmann zu dem Schriftsteller, 'um den Atheisten gebetet hätten, wenn sie beten würden'."

Jeffrey Frank zeichnet anlässlich einiger Neuübersetzungen ein großes Porträt von Knut Hamsun. Louis Menand stellt James Englishs Buch "The Economy of Prestige" vor, eine Studie über die historische und soziale Bedeutung von Kulturpreisen! Alex Ross resümiert die letzte Saison der Met unter der Leitung von Joseph Volpe. Und Anthony Lane sah im Kino Stephen Spielbergs "Munich", Michael Hanekes "Cache" und Terence Malicks "The New World".

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - New Yorker

Kann Arthur Sulzberger Jr., seit 1992 Herausgeber der New York Times, die Zeitung und sich selbst retten, fragt Ken Auletta in einer sehr langen und sehr informierten Reportage über die angesehenste Zeitung der Vereinigten Staaten. "Zweimal in den letzten drei Jahren erlitt der Nachrichtenraum der Times das Aquivalent zu einem Nervenzusammenbruch. Kritiker sagen, Sulzberger sei mit der letzten Krise (um Judith Miller) so schlecht umgegangen wie mit der Episode um Jayson Blair, die 2003 die Entlassung des Chefredakteurs Howell Raines zur Folge hatte. Die Krisen im Nachrichtenraum haben die Times zum schlechtest möglichen Zeitpunkt erwischt - während einer Periode der technologischen und wirtschaftlichen Unsicherheit, die die ganze Industrie betrifft."

(Nachtrag vom 15. Dezember.) Der New Yorker brachte zuerst den historischen Text, den Orhan Pamuk unmittelbar vor seinem Prozess geschrieben hat. Wir zitieren aus der Übersetzung, die am 15. Dezember in der FAZ erschien: Pamuk reflektiert seine Situation vor dem Prozess, spricht in glasklaren Worten nochmals den Völkermord an den Armeniern an, schildert das zwiespältige Verhältnis seines Landes zu Europa (und umgekehrt) und erweitert seine Reflexion auf eine größere Gruppe aufsteigender Länder: "Das bemerkenswerte Wirtschaftswachstum, das wir in Ländern wie China und Indien erleben, hat dort zur Herausbildung einer neuen Mittelschicht geführt, deren spezifische Eigenschaften sich wohl am besten durch Romane beschreiben ließen. Ob man sie nun als nichtwestliche Bourgeoisie oder als neureiche Bürokratie bezeichnet, auf jeden Fall stehen diese neuen Eliten genau wie die westlich geprägte Elite meiner Heimat vor dem Dilemma, dass sie sich bemüßigt fühlen, zur Legitimierung ihrer Macht und ihres Wohlstandes zwei Haltungen an den Tag zu legen, die miteinander im Widerspruch stehen. Zum einen möchten sie beweisen, dass sie selbst sich die Sprache und die Gepflogenheiten des Westens angeeignet haben, und möchten, dass ihr gesamtes Volk es ihnen am besten gleichtut. Zum anderen aber müssen sie sich der Kritik erwehren, nicht mehr genug 'Stallgeruch' zu haben, und suchen daher ihr Heil in einem militanten, intoleranten Nationalismus."

Außerdem zu lesen: Daniel Radosh besichtigt ein neues Computerspiel, in dem es um Straßenkriminalität geht. Caitlin Flanagan porträtiert Pamela L. Travers, die mit Mary Poppins das "beliebteste Kindermädchen des 20. Jahrhunderts" geschaffen hat. Paul Goldberger bejubelt den neuen Hearst-Tower von Norman Foster in Manhattan ("Foster ist der Mozart des Modernismus.") Und Sasha Frere-Jones meldet den Siegeszug von reggaeton, einer Mischung aus spanischem Rap und jamaikanischen Rhythmen.

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - New Yorker

In einer unfangreichen Recherche zeichnet Steve Coll die Ausbildungsjahre des jungen Osama Bin Laden in der Al Thagher Model School im syrischen Jedda nach und beschreibt, wie er seine "ersten Lektionen im Dschihad" erhielt und "Radikalismus lernte". Coll hat dafür zahlreiche ehemalige Mitschüler aufgestöbert und interviewt. Einer von ihnen, der mit Bin Laden eine - nicht fundamentalistisch geprägte - außerschulische Islam-Studiengruppe für Eliteschüler besuchte, schildert ihn als einzelgängerischen und "grundehrlichen" Menschen. Irgendwann scheint sich bin Laden jedoch gelangweilt zu haben, er brach den Kurs ab. In der Folgezeit habe man beobachten können, wie er und einige andere "ganz offen Aussehen und Überzeugungen jugendlicher islamischer Aktivisten übernahmen. Sie ließen sich die Bärte wachsen, kürzten ihre Hosenbeine und lehnten es ab, ihre Hemden zu bügeln (angeblich um den Stil des Propheten zu imitieren). Und sie diskutierten mit anderen Schülern von Al Thager über die dringende Notwendigkeit, das reine islamische Recht in der gesamten arabischen Welt wiederherzustellen."

Elizabeth Colbert berichtet über eine weitere vertane Gelegenheit der Bush-Regierung, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Ben Ryder Howe beschreibt ein amerikanisches Thanksgiving mit einem irakischen General. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "La Conchita" von T.C. Boyle.

Besprochen wird der "gleichermaßen faszinierende und frustrierende" Roman über den Vaudeville-Pionier Bert Williams von Caryl Phillips ("Dancing in the Dark", Knopf), und die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem eine Anthologie der Kinderliteratur ("The Norton Anthology of Children?s Literature", Norton). Joan Acocella porträtiert die unterschiedlichen Werdegänge der Solotänzerinnen Sally Silvers und Anne Teresa De Keersmaeker. Und Anthony Lane sah im Kino das Liebesdrama "Brokeback Mountain? von Ang Lee und die C.S. Lewis-Verfilmung "The Chronicles of Narnia? von Andrew Adamson für Disney.

Nur in der Printausgabe: eine Bericht über die Suche nach den Auslösern von Alzheimer, Empfehlungen, wie man sein Schachspiel verbessern kann, ein nicht näher zu spezifierender Bericht über "hogs wild", in dem es möglicherweise um Wildschweine geht, und Lyrik von Grace Paley, C.K. Williams und Liz Rosenberg.

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - New Yorker

Seymour Hersh hat wieder seine Verbindungen spielen lassen und macht in Sachen Irakkrieg mindestens drei neue Fässer auf: Zum einen gibt es Anzeichen, dass George W. Bush die Sache persönlich nimmt und sich erst dann zurückziehen will, wenn der Aufstand ganz zerschlagen ist, also nie. Zweitens plant das Pentagon angeblich, falls es doch einen graduellen Rückzug gibt, den Irakern die amerikanische Luftwaffe an die Hand zu geben. Keiner kann dann mehr kontrollieren, meint Hersh, ob wirklich Terroristen, interne Rivalen oder sogar Gegner von Al Qaida angegriffen werden. Und drittens sind die Amerikaner offenbar schon seit einigen Monaten in Syrien. "Ein zusammengesetztes Special Forces Team, eine 'Special Mission Unit' (S.M.U.), wurde unter strenger Geheimhaltung damit beauftragt, mutmaßliche Unterstützer des irakischen Aufstands jenseits der Grenze zu attackieren. (Vom Pentagon gibt es dazu kein Kommentar.)"

Peter Schjeldah besucht eine Ausstellung mit jüngeren Arbeiten Gerhard Richters in der Marian Goodman Gallery und ist ganz angetan von soviel europäischer Melancholie und Gedankenschwere. "Man muss nicht mit seinem Pessimismus übereinstimmen. (Als Amerikaner ist man sogar in furchtbaren Zeiten wohl immun gegen eine solche Einstellung.) Aber Richters Authentizität ist unbestreitbar. Sie verleiht der sachte angedeuteten Warnung Nachdruck, die in dem Foto der 'Mustangs' steckt (er fotografierte dieses Bild ab, das er 1963 wiederum auf der Grundlage einer alten Aufnahme schuf). Menschen und Dinge - Traditionen, Nationen - vergehen im Lauf der Geschichte wirklich, und nicht immer unvermeidlich."

Lesen dürfen wir schließlich noch die Erzählung "Wenlock Edge" von Alice Munro. Alex Ross stellt den neuen Musikdirektor des St. Louis Symphony Orchestra vor, David Robertson. Besprochen werden die neue Wordsworth-Biografie von Juliet Barker und Stephen Gaghans Filmthriller "Syriana" (mehr) über Öl, die CIA und den Nahen Osten - mit George Clooney in der Hauptrolle.