Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 12.05.2003 - New York Times

Reihenweise fielen die Frauen in Ohnmacht, als der turbangekrönte Rudolph Valentino (alles über den Göttlichen) 1921 im "Scheich" (Ausschnitte aus diesem und anderen Valentino-Streifen hier) reüssierte. Emily W. Leider hat sich in ihrem Buch "Dark Lover" auch den Schattenseiten des erfolgreichen Hollywood-Stars gewidmet. Herausgekommen ist ein "flüssiges, kultiviertes, wunderbar lesbares Buch", jauchzt Barry Gewen in seiner Rezension. Valentinos kometenhafter Aufstieg aus einem kleinen Dorf in Italien zum gefeierten Hollywood-Star machte ihn zur "Ikone der amerikanischen Sozialgeschichte im 20. Jahrhundert", notiert der Rezensent. "Vor Valentino waren die Hauptfiguren kantige, ruppig-direkte Typen wie Douglas Fairbanks. Valentino stellte all die Klischees auf den Kopf." Die Autorin versucht auch die Frage nach der Homosexualität des zartgliedrigen, flamboyanten Valentino zu klären. Sie tut dabei ihr Bestes, schreibt Gewen, auch wenn es wenig Beweise gebe. "Leider zerlegt die Legenden nach und nach, und präsentiert uns einen Valentino mit kindischen Macken, aber einer sehr menschlichen Verletzlichkeit".

"A tiny sun / With yellow tobacco hair / Is burning out in the ashtray". Jeden Morgen ein Gedicht, das rät eine begeisterte Margo Jefferson nach der Lektüre von ''The Vintage Book of Contemporary World Poetry", herausgegeben von J. D. McClatchy, seines Zeichens selbst Dichter. Jeffersons Anweisung: "Öffnen Sie das Buch. Drehen Sie den Globus in ihrem Kopf: Griechenland, China, Mauritius. Finden sie international bekannte Poeten: Joseph Brodsky, Paul Celan, Aime Cesaire, Czeslaw Milosz, Pablo Neruda, Octavio Paz, Derek Walcott. Dann schauen Sie nach den anderen, berühmt in ihrem eigenen Land oder ihrer Region."

Aus den weiteren Besprechungen: Marjane Satrapis originelles "Persepolis" hätte kaum in einem besseren Moment erscheinen können, findet Fernanda Eberstadt. "Mutig und lebendig" und in Form eines Comics beschreibe Satrapis ihre Kindheit im Iran, vom Sturz des Schahs bis zum Krieg mit dem Irak. Eine unerwarteten Genuss verspürte Karen Karbo beim Lesen von Meghan Daums Erstlingsroman "The Quality of Life Report" (erstes Kapitel), in dem eine hippe New Yorker Reporterin aufs Land zieht. Karbo schätzt Daums komisches Talent, dass sie gekonnt "auch für wirklich ernste Themen einzusetzen versteht". Steven Merritt Miner hofft inständig, dass Anne Applebaums exzellente, straff geschriebene und verdammende Geschichte des sowjetischen "Gulag" (erstes Kapitel) von vielen Leuten gelesen wird. Applebaum widerspricht den revisionistischen russischen Historikern, die die Straflager als stalinistische, aber nicht sowjetische Erscheinung beurteilen. Daniel J. Kevles schätzt die überwältigende Menge an Argumenten, die Diane Ravitch in ihrem überzeugenden Buch "The Language Police" zusammengetragen hat, einer leidenschaftlichen aber fundierten Argumentation gegen die grassierende Zensur von Schulbüchern in den USA. Prominentere Opfer der politisch korrekten Lobbyisten sind etwa Mark Twains "Huckleberry Finn" oder Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig".

Magazinrundschau vom 05.05.2003 - New York Times

Köstlich! Die New York Times besticht durch eine gesunde Liebe zu den irdischen Genüssen. Sieben Bücher werden in dieser Woche besprochen, die sich alle nur um eines drehen: Essen. Und kochen. Leben eben. Stacy Schiff etwa hat mit Wonne "The Apprentice" verschlungen, die Memoiren des schreibenden Chefkochs Jacques Pepin (mehr hier). Kennengelernt hat Pepin die Haute Cuisine von ganz unten: erst als hungriges Kind, dann als Küchenhilfe. "Im Frankreich der fünziger Jahre waren Orangen, Bananen und Ananas exotischer Luxus. Küchengehilfen waren angehalten zu pfeifen, während sie schnitten, um den Schwund gering zu halten. Pepin und seine Kollegen brauchten nicht lange, um herauszufinden, dass zwei Leute fröhlich vor sich hinpfeifen konnten, während der Dritte sich den Mund vollstopfte." (Leseprobe hier). Das literarische Menü in dieser Woche umfasst außerdem die Besprechungen der "Foodmemoirs" von Amanda Hesser, Abe Opincar, Victoria Abbott Riccardi und Calvin Trillin sowie von Colette Rossant und Patrizia Chen. Als Dessert wird ein Audio Interview mit dem Essensexperten der Times, Sam Sifton, gereicht, der über seine Lieblingsbücher zu diesem Thema plaudert.

Aus den weiteren Besprechungen: Anthony Quinn wundert sich über Graham Swifts "The Light of Day" (erstes Kapitel), die raffinierte Geschichte um einen Privatdetektiv, der sich in eine Mörderin verliebt. Der Plot verliert mit der Zeit an Bedeutung, und die Art des Erzählens tritt in den Vordergrund, schreibt Quinn. Eine Art "Turnschuh-Haiku" sei da entstanden, ohne jemals ein richtiger Thriller zu werden. Claire Messud bewundert Nadine Gordimers unbarmherzigen Blick in die menschliche Seele, den sie in ihrem neuen Erzählband "Loot" (erstes Kapitel) wieder einmal unter Beweis stelle. Was all die Geschichten aber zusammenhält, ist die Beschäftigung mit dem Tod, schreibt die Rezensentin. Vijay Seshadri schätzt die Poesie von Ai. In ihrem Sammelband "Dread" leiht sie Journalisten in Kriegsgebieten, gefallenen Priestern oder Mordermittlern ihre Stimme, "mit Verve und einem intimen Verständnis der verdrehten, wandelbaren menschlichen Natur".

Magazinrundschau vom 28.04.2003 - New York Times

Ein neuer Marquez? Ein neuer Fuentes? Gut möglich, findet Barry Unsworth in seiner begeisterten Besprechung zu Ignacio Padilla (mehr hier), einem Schriftsteller mit "außergewöhnlichem Talent". Padillas ebenso außergewöhnlicher Roman "Shadow Without a Name" ist jetzt als erstes seiner Bücher ins Englische übersetzt worden. Die Geschichte dreht sich um ein Schachbrett, an dem über das 20. Jahrhundert hinweg rätsel- und schicksalhafte Partien gespielt werden. Das erste Spiel - zwei Österreicher im ersten Weltkrieg 1916, der Verlierer muss an die Front oder sofort sterben - setzt eine "außerordentliche und in ihrer Komplexität faszinierende" Reihe von Partien in Gang, bei denen Identitäten und ganze Leben gefälscht und vertauscht werden. "Die Erzählung birst vor Alternativen, sie hängt an Begegnungen, die üblicherweise nicht klar gesehen werden, im Nebel oder Zwielicht stattfinden", schreibt Unsworth weiter. "Der Roman fesselt wie ein Krimi und schafft es, zugleich nüchtern und verspielt und manchmal wunderbar finster zu sein, er hat etwas von der drohenden Groteske des deutschen expressionistischen Kinos." (Hier liest Padilla einen Auszug aus seinem Roman.)

Was haben 100 Jahre Erziehungslehre gebracht? Ann Hulbert beantwortet diese nicht so einfache Frage mit "Raising America" (erstes Kapitel), einem gelungenen Überblick über die Früchte der Pädagogik des 20. Jahrhunderts. "Hulbert könnte sich kaum etwas Ehrgeizigeres vorgenommen haben, und zum größten Teil erfüllt sie ihre Aufgabe wunderbar", lobt Stacy Schiff. Rigider Behaviourismus in den Zwanzigern, ruhiger, undogmatischer Pop-Freudianismus eine Generation danach: "Dieses Hin und Her sagt eine Menge aus über diese düstere Wissenschaft, die nach Hulberts Auffassung nicht nur zwischen Disziplin und Selbstbestimmung schwankt, sondern auch zwischen Wissenschaft und Geschwätz."

Aus den weiteren Besprechungen: Sam Lipsyte hat sich in "101 Reykjavic" verliebt, den "wunderbar schrägen, manchmal brillianten, und oft auch frustrierenden" Roman von Hallgrimur Helgason. Die Geschichte des arktischen Bummelanten Hlynur ist für Lipsyte der "verzweifelte Ruf aus einer Zwischenzeit in einem Zwischenland" und zu Recht verfilmt worden. Paul Gray bezeichnet "Good Faith" (erstes Kapitel) als typischen Jane-Smiley-Roman (Audio-Lesung), was durchaus als Lob zu verstehen ist. Smiley schaffe es mit Leichtigkeit, wie Gray notiert, sogar dem eher beschaulichen Sujet der Immobilienbranche noch eine spannende Geschichte zu entlocken.Sherwin B. Nuland würdigt Philip J. Hilts gründlich recherchierten Band über ein Jahrhundert der staatlichen Nahrungsmittel- und Medikamentenkontrolle. Wissenschaftlich sauber und zugleich journalistisch spannend schildert Hilts in "Protecting America's Health" (erstes Kapitel) den Spagat der Behörde zwischen den verschiedenen Bedürfnissen von Industrie und Verbrauchern. "Crabwalk" (erstes Kapitel) ist Günter Grass' bestes Buch seit langem, freut sich Jeremy Adler und preist des deutschen Nobelpreisträgers bestechende Analyse der Vergangenheit ebenso wie dessen nüchtern-abgeklärten Hinweise für die Zukunft. Zum Vergleich die deutschen Rezensionen.

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - New York Times

Simon Winchester hat einer der größten Naturkatastrophen der Menschheitsgeschichte ein Buch gewidmet, das es laut Richard Ellis' Lobeshymne mit dem Ereignis an Größe durchaus aufnehmen kann. Der Bericht über den Ausbruch des Vulkans "Krakatoa" (erstes Kapitel) im vorvergangenen Jahrhundert (ein etwas bunter, aber umfangreicher Überblick über die Geschehnisse hier) sei nicht nur "spannend, verständlich und literarisch" geschrieben, sondern auch "sorgfältig recherchiert und wissenschaftlich genau", mit einem Wort einfach brillant, schwärmt der Rezensent. "Als die Erde aufbrach, kam kaltes Meerwasser mit der Magma in Berührung, der Dampf explodierte mit katastrophaler Gewalt, und sechs Kubikmeilen Gestein und Asche wurden mehr als 20 Meilen in die Stratosphäre geschleudert", fasst Ellis zusammen. Gigantische Tsunamis "rasten in alle Richtungen davon, überschwemmten die Küsten von Java und Sumatra, begruben mehr als 300 Städte und Dörfer unter sich und töteten mehr als 36.000 Menschen". Kurz: "Eines der besten Bücher, das je über Geschichte und Bedeutung eines Naturdesasters geschrieben wurde."

Voll des Lobes ist auch Angeline Goreau über Benita Eislers (Audio-Interview) Chopin-Biografie. "Chopins Funeral" (erstes Kapitel) legt besonderen Wert auf die Schilderung der mysteriösen Freundschaft zwischen dem "sexuellen Outlaw" George Sand und dem kränkelnden, eher diskreten Komponisten. "Wie die beiden schließlich zusammenkamen, bleibt teilweise ein Geheimnis", schreibt eine begeisterte Goreau, aber "Benita Eisler erschüttert die Sicherheiten früherer Biografien und entwirrt die Geschichte". Auch in Bezug auf die spätere, noch unverständlichere Entfremdung der beiden komme die Autorin näher daran, "das ganze spektakuläre Verhängnis zu erklären als irgendein anderer Biograf, den ich kenne." Eisler gelinge dies mit "poetischer Einsicht und in bewundernswerter Kürze, indem sie ihre analytischen Fähigkeiten mit literarischer Begabung kombiniert".

Im Close Reader betrachtet Judith Shulevitz diesmal Helen Keller (Seite mit biografischen Daten, Fotos, Reden und Schriften hier) und ihre Autobiografie, wo es manche Unstimmigkeiten gibt, und erforscht davon ausgehend die Grenzen von Wahrnehmung und Erinnerung. "Vielleicht sind wir alle so: Kreaturen der Sprache, und nicht ihre Herren. Vieles was wir aus eigener Erfahrung zu wissen glauben, haben wir wahrscheinlich aus Büchern oder Zeitungen, von Freunden oder Geliebten, und haben es nie selbst draußen in der Welt überprüft."

Weitere Besprechungen: Steven Brills "After", in der er die inneramerikanische Reaktion auf den 11. September beschreibt, lobt Robert Stone als eine "intelligente Beschreibung der Stärken und Schwächen der kommerziellen Demokratie im 21. Jahrhundert, wenn sie unter Druck gerät". Giles Foden begrüßt die späte Übersetzung von Uwe Timms Roman "Morenga", der den blutig niedergeschlagenen Herero-Aufstand im kolonialen Deutsch-Südwest-Afrika zum Hintergrund hat. Timms Buch sei zwar stellenweise schwer zu verstehen, meint Foden, aber genau das "scheint der Punkt zu sein" bei einem Thema wie dem Genozid.

Magazinrundschau vom 14.04.2003 - New York Times

Gut und viel in dieser Woche: James McManus muss ein glücklicher Mann sein, vermutet Robert R. Harris nach der "aufregenden" Lektüre von "Positively Fifth Street" (erstes Kapitel). Eigentlich sollte McManus für das Harper's Magazine in Las Vegas die Weltmeisterschaft im Pokern verfolgen. Statt dessen entschied er sich, selbst mitzuspielen. Während des Turniers gewinnt er "866.000 Dollar in einer einzigen Runde und übernimmt die Führung" schreibt Harris bewundernd. "Dann endet seine Glückssträhne, plötzlich aber unausweichlich. Er schafft es noch bis zum Finale am fünften Tag, wird Fünfter (von 512) und spaziert schließlich mit etwas weniger als 250.000 Dollar heraus - und, für einen Reporter noch besser, auch noch mit einer guten Geschichte." McManus verknüpft seinen Report vom Turnier mit dem Prozess um den ermordeten Sohn des Casinobesitzers. Harris findet die Erzählung vom Wettbewerb schon "spannend wie einen Thriller" und glaubt, dass dieses Buch zurecht einen Platz auf dem Bücherregal neben dem Klassiker beanspruchen kann, von dem es inspiriert wurde, nämlich "The Biggest Game in Town" by Al Alvarez.

Wenn Demokratie übertrieben wird, ist die Freiheit in Gefahr - das ist die zentrale These von Fareed Zakarias "The Future of Freedom", einem "mutigem" Buch "gegen den Zeitgeist", wie Niall Ferguson in seiner Rezension urteilt. Aufgebaut auf seinem "brillanten", 1997 in Foreign Affairs veröffentlichten Artikel (Zusammenfassung), rate Zakaria allen Entwicklungsländern: "erst reich werden (und damit einen Mittelstand, eine Zivilgesellschaft und einen Rechtsstaat aufbauen), dann demokratisch werden. Memo für die arabische Welt: Reich werden aufgrund von Erträgen aus natürlichen Ressourcen zählt nicht." Und auch die Beobachtung, dass Amerika Schritt für Schritt zu einer "illiberalen - oder zumindest dysfunktionalen - Demokratie", wird, verdient - wie das ganze Buch an sich - eine "breite Leserschaft", findet Ferguson.

Margo Jefferson erinnert an die seit dem Film "The Hours" wieder viel gelesene Virginia Woolf und ihre Warnung davor, während des Krieges für die Freiheit (damals gegen den Faschismus) die Freiheit im eigenen Land zu vergessen. "Freiheit von unwirklichen Loylitäten" nennt Woolf das. "Als Erstes muss man den Nationalstolz abschütteln, dann den religiösen Stolz, den Stolz auf Bildung, Familie und das Geschlecht, und all die unwirklichen Loyalitäten, die daraus folgen."

Aus den weiteren Besprechungen: Walter Kim verreißt Don de Lillos Roman "Cosmopolis" (erstes Kapitel) in lesenswerter Manier. Er findet die Geschichte des superreichen, gefühllosen und eiskalten Börsenmanagers Eric Packer ausgelutscht und beschimpft sie als "fossilen akademischen Futurismus" bar jeder Überraschung und Spontaneität. (James Wood seufzt in seinem Verriss in The New Republic: Eric "hat keine Gedanken, er hat nur Meta-Gedanken".) Andrea Barrett glaubt in der Kanadierin Mary Swan eine vielversprechende Autorin entdeckt zu haben, die in der "brillanten" Titelgeschichte ihres Erzählbands "The Deep" (erstes Kapitel) beweise, dass ihr vor allem die schwierigsten Formen zu liegen scheinen. Richard Eder freut sich außerdem, dass nach mehr als zwanzig Jahren nun endlich eine amerikanische Version der "Memoiren eines italienischen Terroristen" erschienen ist, deren Authentizität zwar aufgrund des unbekannten Autors nach wie vor angezweifelt wird, die uns aber "gerade heutzutage" viel Wissenswertes über das Innenleben eines Terroristen verraten, meint Eder.

Magazinrundschau vom 07.04.2003 - New York Times

Da capo!, ruft auch Christopher Benfey angesichts des beeindruckenden Debüts von Monique Truong (mehr hier), "The Book of Salt" (erstes Kapitel), die Geschichte des vietnamesischen Kochs von Gertrude Stein in den dreißiger Jahren. Und obwohl Truong sich auf trendigem Terrain bewege, die postkoloniale Perspektive, das Recyceln eines Nebencharakters aus einem bekannten Buch, der Homosexuellenroman, die Geschichte eines Exils; nichts wirkt für den Rezensenten "secondhand": "Truong zeichnet einen völlig glaubwürdigen schwulen asiatischen Mann, der durch ein fremdes Europa treibt. Der Plot ist minimalistisch und schwer fassbar. Die allmähliche Einwickelung der Geheimnissen - von Sexualität, Rasse und Herkunft - ist eindringlicher als ein bestimmter Konflikt."

Norman Rush hält "Bay of Souls" (erstes Kapitel sowie der Ausschnitt einer Lesung zum Mithören) für eine "faszinierende Erweiterung" des dunklen Werks von Robert Stone (mehr hier und hier). Er lobt den abenteuerlichen Roman um Vodoo-Praktiken und kolumbianische Paramilitärs als eine hochkonzentrierte Arbeit, weniger brutal als die vorherigen Bücher, aber trotzdem "aufwühlender als alle anderen".

Daphne Merkins begrüßt einen Essayband von W.G. Sebald: "Eine klarsichtige, fast triumphale Vorahnung der Auslöschung" bestimme die Essays in "On the Natural History of Destruction", findet sie, vor allem imponiert ihr in dieser Hinsicht der zentrale Aufsatz über Luftkrieg und Literatur. "Ein Attribut allen wirklich inspirierten Schreibens ist seine Originalität, woher auch immer Ursprünge und Einflüsse zu finden sind. Der Ton von Sebalds Arbeit scheint mir ohne Beispiel zu sein ... Seine mäandernde Form und bemerkenswert formale Prosa (ein deutscher Kritiker bezeichnete es als einen Stil, der immer im Smoking daherkommt) umgeht die üblichen Zwänge der Erzählung, angezogen von der Grabesstille, die über dem hektischen Impuls des Geschichtenerzählens liegt."

Weitere Artikel: Nachträgliche Korrekturen machen ein Buch nicht unbedingt besser, bemerkt Judith Shulevitz in ihrem Close Reader anlässlich einer von Joyce Carol Oates' überarbeiteten Neuauflage ihres zweiten Romans "A Garden of Delights" von 1967. "Der Anfang wurde für das 21. Jahrhundet umgeschrieben, mit all den satten Farben und der kinotauglichen Präzision, wie sie sich der Leiter eines Workshops für kreatives Schreiben nur wünschen kann." David Orr kann zudem Charles Simics (mehr hier) Gedichtesammlung wärmstens empfehlen, und das will was heißen, da es sich bei "The Voice at 3:00 a.m." um Liebeslyrik und beim Rezensenten um einen Anwalt handelt. "Simic mag nicht an Theorien glauben, aber er glaubt an die Menschen - eine Überzeugung, die ihn zu einem erstaunlich effektiven Liebesdichter macht."

Magazinrundschau vom 31.03.2003 - New York Times

Bevor W.C. Fields (Aphorismen) zum Filmstar wurde, schreibt Richard Schickel in seiner Besprechung der Fields-Biografie (erstes Kapitel) von Richard Curtis, verbrachte er zwei Jahrzehnte beim Kabarett, wo er seine unnachahmliche Comicversion von sich selbst erschuf. "Der einst verbreitete Männertyp, den er verkörperte - der trunksüchtige Einzelgänger, gerissen und tönend, ohne Liebe oder Wurzeln, der seine kleinen Pläne und zum Scheitern verurteilten Träume unter einer Wolke aus grandiosen Worten verbarg - ist verloren." Nur beinahe, denn jetzt gibt es ja die Biografie. Und auch wenn sich Schickel von dem ihm etwas zu biederen Curtis gewünscht hätte, dass er "Field's feinere Absurditäten mit ein wenig mehr Verve und Detail" erzählt hätte, muss er dem Autor doch ein Kompliment aussprechen. Denn immerhin sei das Buch die "bei weitem vollständigste, redlichste und schließlich anrührendste Darstellung" von Fields "traurigem, einsamen Leben."

Außerdem gibt es Interessantes zum Innenleben der USA. Ab und an erscheinen Essays, die exakt ausdrücken, was eine Nation gerade denkt, preist Serge Schmemann Robert Kagans "Of Paradise and Power" ("Macht und Ohnmacht", erstes Kapitel im Original). In dem jetzt auf Buchformat erweiterten Aufsatz aus dem vergangenen Sommer schildert Kagan, wie Europa und Amerika sich entfremden werden. "Der Fakt, dass Kagan seinen Essay Monate vor dem Auseinanderdriften von Washington und Paris im Weltsicherheitsrat veröffentlicht hat, lässt ihn fast als Propheten erscheinen."

Loren Goodman schreibt ein Gedicht über das Gedichteschreiben im Auftrag der Regierung: "My work for the government / is not only confidential, it is gross, exquisite / many lives hang in the balance. I'm also writing some poems /that aren't for the government, but now those seem / about nothing at all. I don't know where or how my poems / will be used, but I want them to be foolish and deadly."

Weitere Besprechungen: Sophie Harrison findet den im Mysterygenre beheimateten Debütroman von Louise Welsh "The Cutting Room" (erstes Kapitel) deshalb so bemerkenswert wie unterhaltsam, weil man auf jeder Seite die Schaffensfreude der Autorin spüre. Manchmal müsste man Vassilis Vassilikos von ihm so genannte Novistory "The Few Things I Know About Glafkos Thrassakis" zwar eher dekodieren als lesen, nichtsdestotrotz wünscht sich Mary Park mehr von diesem Autor, der "noch viel zu spärlich" ins Englische übersetzt worden ist.

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - New York Times

Als ein "funkelndes Gespräch über die Darstellung des Leids" preist ein begeisterter John Leonard das neue Buch von Susan Sontag, "Regarding the Pain of Others" (erstes Kapitel). Sontag schreibt über das Geschäft des Kriegsfotografen, der von Krise zu Krise reist. "Sie folgt den Spuren des Fotojournalismus von Roger Fenton im Tal des Todes nach dem Angriff der Light Brigade ... zu Hungersnöten in Indien und Massakern in Biafra und Napalm in Vietman und ethnischen Säuberungen auf dem Balkan ... Sie hat ungewöhnliche Dinge zu sagen über Kolonialkriege, Gedenkstätten, christliche Ikonographie, Lynchpostkarten, Virginia Woolf, Andy Warhol, Georges Bataille und St. Sebastian", meint Leonard. "Und sie provoziert, in gewohnter Weise." Zum Abschluss versucht der Rezensent noch ein Kompliment. "Während sie so viele ernstzunehmende Denker bewundert hat, ist sie selbst zu einem geworden." Dieser Film über den Kriegsfotografen James Nachtwey könnte Sontag inspiriert haben.

Judith Shulevitz hat für den Close Reader ein interessantes Buch gelesen, ''Transgressions: The Offenses of Art" von Anthony Julius. Der fragt sich, ob es wirklich immer Kunst ist, wenn man, wie es die Avantgarde heute fast ausschließlich tut, ein beliebiges Tabu der Gesellschaft aufspürt und verletzt. "Andres Serranos Foto von einem in Urin getauchten Kruzifix, Barbara Krugers anklagende Slogans oder Robert Mapplethorpes Selbstporträt mit einer Peitsche, die aus seinem Anus ragt, um einige gefeierte Beispiele zu nennen, sind eindeutig dazu bestimmt, wenigstens manche Betrachter zu beleidigen. Bloß, die Bemerkung, dass Regelverletzungen, indem sie zur Norm wurden, banal geworden sind, wird langsam selbst banal, und erklärt lange nicht so viel wie es scheint."

Außerdem besprochen: Suzanne Rutas empfiehlt "The Point of no Return" (erstes Kapitel), das Debüt von Siddhartha Deb, die Geschichte vom "indischen Don Quichote" Dr. Dam, ein idealistischer Republikaner, der immer zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Laura Miller erinnert Scott Spencers neuer Roman "A Ship Made of Paper" (erstes Kapitel) an einen Gerichtsprozess, in dem die Protagonisten Iris und Daniel, Liebende und Ehebrecher, die Welt auf die Anklagebank laden. William Finnegan schwärmt von "Reporting Civil Rights" (erstes Kapitel), zwei voluminösen Bänden mit nahezu 200 Essays, Reden, Artikeln und Reportagen zum Kampf um die Bürgerrechte von 1941 bis 1973. Neben der umfassenden Darstellung der verschiedenen Strömungen und Entwicklungen aus erster Hand sind die Sammelbände zudem ein "schmeichelndes" Porträt des amerikanischen Journalismus, notiert Finnegan.

Magazinrundschau vom 17.03.2003 - New York Times

Zwei neue Bücher beschäftigen sich mit den Journalismus in Amerika, und beide zeigen, schreibt Ted Widmer in seiner Doppelbesprechung, "dass es dem Patienten nicht gut geht". Eric Alterman, Kolumnist für The Nation and MSNBC.com, räumt in "What liberal Media?" (erstes Kapitel) auf mit der Legende, Medien wären politisch eher links der Mitte beheimatet. "Eine schwungvolle Antwort auf den Glauben, dass eine riesige linke Verschwörung Rundfunk und Presse kontrolliert", hat Alterman da abgeliefert, lobt Widmer. Allerdings "scheint das Buch schnell geschrieben worden zu sein, und das sieht man manchmal". Anstatt sich mit der minutiösen Aufarbeitung vergangener Fernsehübertragungen aufzuhalten, hätte Alterman lieber mehr über die grundsätzlichen Veränderungen der Medienlandschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten schrieben sollen, findet der Rezensent. Trotz dieser Mängel sei "What Liberal Media?" aber "mutig, unerwartet und erfrischend". Herbert J. Gans hingegen beschäftigt sich in seiner Studie "Democracy and the News" (erstes Kapitel) weniger mit der politischen Ausrichtung als mit dem "Vertrieb von Informationen als Nachrichten". Der Soziologe Gans befürchtet, dass eine "wirtschaftliche und politische 'Entmachtungs-Spirale' die Bürger von wirkungsvoller Partizipation im Staat abhält. Die Presse ist, so der Tenor von Gans, "korporativ und korpulent" geworden. "Das Problem ist nur", schließt der Rezensent, "dass Gans wie wir alle keine richtige Idee hat, was wir jetzt tun könnten".

Leon Aron zeigt sich schwer beeindruckt von William Taubmanns "monumentaler Biografie" Nikita Chruschtschows, Totengräber des Stalinismus. Zwei Jahrzehnte hat Taubmann an seinem Porträt geschrieben, und es ist unwahrscheinlich, schwärmt Aron, dass es in absehbarer Zeit eine Studie zu Chruschtschow geben wird, die diese hier übertrifft, weder in punkto Reichhaltigkeit noch in der Komplexität. "Dieser Band ist in jeder Hinsicht ein Erfolg: Bandbreite, Tiefe, Lebendigkeit, Farbe, Tempo". Zudem, so Aron, ist das Buch "eine facettenreiche Untersuchung der wirtschaftlichen und politischen Kräfte der ersten 47 Jahre des Sowjetstaates". Und natürlich liefere Taubmann "eine ganze Reihe" von Gründen, die Chruschtschows überraschende Abkehr von Stalin auf der Geheimrede des Parteitags erklären. Alles in allem, jubelt Aron, wird Taubmanns Studie "auf Jahre hinaus" den Standard in Sachen Chruschtschow setzen.

Weitere Besprechungen: Bruce Bawer ist fasziniert, wie anziehend John Banville (hier liest er) in seinem Roman "Shroud" (erstes Kapitel) seinen hassenswerten Protagonisten zeichnet. Banville hat den wegen angeblicher Kollaboration mit den Nazis in Verruf geratetenen und vor 20 Jahren gestorbenen Humanisten Paul de Man (Bibliografie) als Vorlage für seine Hauptfigur genommen. Jean Thompson lobt die "talentierte" ZZ Packer, die in den acht Novellen von "Drinking Coffee Elsewhere" (erstes Kapitel) eine Welt erschaffen habe, die "bevölkert ist von lauten, traurigen und unbedingt kennenlernenswerten Menschen, die einem ein Versprechen geben: dass noch mehr kommen wird". Helen Stevensons "Instructions for Visitors", die Memoiren des Zusammenlebens mit einem unmöglichen Mann in einem fremden Land, sind "eher witzig als albern", konstatiert Alida Becker. Stevenson schreibe amüsant über ihre Umgebung, "am besten aber ist sie,wenn sie ihre eigenen Emotionen schildert".

Magazinrundschau vom 10.03.2003 - New York Times

Eigentlich beherbergt Steven Millhausers neuer Roman "The King in the Tree" (erstes Kapitel) drei Bücher in einem, freut sich Laura Miller. Und das ist gut so, denn "die Kurzform kommt Millhausers Talenten besser entgegen". Ein "Meisterstück der Gothic Novel" über eine verbitterte Witwe, die Geschichte eines spanischen Schwerenöters, der die Dekadenz Venedigs mit einem Leben auf Lande in England eintauscht, und eine Erzählung aus der Perspektive des Beraters des legendären Königs von Cornwall: "Romantische Dreiecksbeziehungen, verbotene Liebe und Eifersucht - die Not, die aus der eigenen Vorstellung erwächst - das sind die wiederkehrenden Elemente", notiert die Rezensentin. Millhauser "beschäftigt sich mit den Dingen, die wir tun oder erfinden, um unseren farblosen Leben zu entkommen, er legt sie offen, um sowohl die Perlen als auch den schleimigen, dunklen Untergrund zu offenbaren. Der Autor zeige uns, dass die entlegensten Winkel der Vorstellungskraft nur den völlig Skrupellosen offenstehen".

Jedes Zeitalter bekommt den Dante, den es verdient, glaubt eine düster aufgelegte Judith Shulevitz im Close Reader. Dante, der das Inferno erfunden hat und jetzt als Popfigur und Protagonist in Romanen wiederentdeckt wird, sei so universal, das jede Generation sich ein neues Bild von ihm mache. "Unserer wäre ein befreiter Dante, ein tragisch realistischer Dante, ein Radio-Talk-Show-Dante, der seine liberale Sympathie für die Verdammten überwunden hat und die Notwendigkeit der Brutalität einsieht. Kafka hat diese Interpretation von Dante in 'In der Strafkolonie' vorhergesehen, in der Kriminelle auf eine Maschine geschnallt werden, die ihnen eine hieroglyphische Zusammenfassung ihrer Taten auf den Rücken sticht, eine rätselhafte Botschaft, die sie erst in einer Explosion der Klarheit im Moment ihres Todes begreifen. Ihr masochistisches Einverständnis unterstreicht den Horror des Strafregimes."

Weitere Besprechungen: Michael Hoffmann dankt Jerzy Ficowski für "Regions of The Great Heresy" - die Biografie über den von der SS ermordeten polnisch-jüdischen Maler und Schriftsteller Bruno Schulz (mehr hier und hier) - und für die jahrzehntelange Suche nach Briefen, Berichten, Geschichten und Bildern, für das Zusammentragen all jener Mosaiksteinchen, "von denen über jeden einzelnen ein eigenens Buch hättte geschrieben werden können". Roxana Robinson feiert Nancy Clarks gelungenen Debütroman "The Hills at Home" als "elegante, intelligente und sehr lustige Chronik einer weitverzweigten Familie unter einem großen Dach". Und Ann Hulbert lobt Janna Malamud Smiths "A Potent Spell" Plädoyer für die längst überfällige Anerkennung der Leistungen der Mütter durch die Gesellschaft. "Was Smiths Werk so außergewöhnlich macht", schreibt die Rezensentin, sei ihr Hinweis darauf, "wie die Frauen bisher aus Sorge um ihre Kinder ihrer eigenen Einschüchterung zugestimmt haben."