Magazinrundschau

Inhalte frei Haus

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.06.2017. Die New York Review of Books begibt sich auf das Schlachtfeld Abtreibung. Der Guardian ruft: Smart Cities sind undemokratisch. Der Merkur attackiert die feudale Pfründewirtschaft der akademischen Buchverlage. La vie des idees stellt fest, dass nach den Attentaten auf Charlie Hebdo die Toleranz in Frankreich gewachsen ist. Magyar Naracz beklagt das Verschwinden guter Chöre. Und Wired begegnet in Cupertino dem Architektur gewordenen Steve Jobs.

New York Review of Books (USA), 22.06.2017

Marcia Angell liest zwei Bücher, die sich mit dem "Schlachtfeld Abtreibung" in den USA auseinandersetzen: Karissa Haugebergs "Women Against Abortion" und Carol Sangers "About Abortion". Beide beschreiben den langen Kampf um das Recht auf Abtreibung und den Backlash, der in den letzten Jahren eingesetzt hat. Einer der Gründe, warum Abtreibung in Teilen der Bevölkerung verurteilt wird, ist laut Sanger das Geheimnis, das um Abtreibungen gemacht wird. "Obwohl Abtreibung legal ist, verschweigen viele Frauen ihre Abtreibung, meint sie. Sie halten sie vor Freunden geheim, so als befürchteten sie Schuldzuweisungen. ... Nach Ansicht Sangers sollten Frauen offen über eine Abtreibung sprechen, so wie sie heute offen über lange geheimgehaltene Dinge wie Depression, Homosexualität, Scheidung, Fehlgeburten oder Brustkrebs sprechen. 'Das Fehlen der privaten Diskussion verzerrt die öffentliche Debatte, was wiederum den politischen Diskurs verzerrt, der die Grundlage des legislativen Prozesses ist', schreibt Sanger. 'Geheimhaltung verhindert potentielle Solidarität oder Lösungen.'"

Außerdem: Schade, dass Hemingway sich nie von seinem Männlichkeitswahn befreien konnte, meint Fintan O'Toole.

Guardian (UK), 06.06.2017

Adam Greenfield klingen die Ohren, wenn Internet- und Industriekonzerne die Smart City besingen: Perfektes Wissen über Nutzerbedürfnisse soll optimalen Service garantieren? Greenfield fürchtet eher, dass dadurch die Kolonisierung unseres Alltags weiter voranschreitet. Zumal öffentliche Angelegenheiten nicht nur etwas mit Technik zu tun haben, sondern mit Demokratie: "Die Vorstellung, dass es eine einzige Lösung für städtische Probleme geben könnte, sollte uns zutiefst beunruhigen. Städte bestehen aus Menschen und Gemeinschaften, die oft konkurrierende Prioritäten haben, es ist unmöglich, alle zugleich gerecht zu werden. Wir müssen uns schlicht und ergreifend bewusst machen, dass die Schaffung eines Algorithmus, der die Verteilung von städtischen Ressourcen lenkt, ein politischer Akt ist. Und nirgendwo in der Literatur zur Smart City steht, dass sich ihre Designer den üblichen Prozessen demokratischer Verantwortlichkeit unterwerfen wollen."

In einer ellenlangen Recherche rekonstruiert Jonathan Watts die große Operation Autowäsche, die in Brasilien inzwischen das gesamte politische und wirtschaftliche System erfasst hat: Es stellt sich heraus, dass die Regierung von Präsidentin Dilma Roussef zwar durchaus in die Korruption verstrickt war, dass sie vor allem aber von der Politik zum Rücktritt gezwungen wurde, weil sie die Ermittlungen nicht stoppte. Ihrem Nachfolger Michel Temer nützt es aber nichts: "Ermittler haben allem politischen Druck widerstanden und den Kreis ausgeweitet: Sie verlegten ihr Augenmerk von Petrobras auf Odebrecht und eröffneten im April 2017 neue Verfahren gegen Dutzende von Politikern auf allen Seiten des politischen Spektrums, darunter auch acht Mitglieder von Temers Kabinett. Dann haben sie JBS mit in die Ermittlungen einbezogen, einen der größten Fleischkonzerne der Welt. Die beiden Brüder, denen die Firma gehört, haben als Kronzeugen ausgesagt, es existieren offenbar heimlich gemachte Aufnahmen, auf denen Temer über Schmiergeldzahlungen spricht. Der Staatsanwalt hat Anklage gegen Temer erhoben wegen Behinderung der Ermittlungen, und damit bereitet er den Boden für eine konstitutionelle Schlacht zwischen Justiz und Regierung. Der Congress fordert ein Impeachment-Verfahren gegen Temer, es träfe den zweiten Präsidenten innerhalb eines Jahres."
Archiv: Guardian

Merkur (Deutschland), 01.06.2017

Für seine Design-Kolumne hat sich Christian Demand durch so unbedarfte, aufgeblasene oder niveaulose Neuerscheinungen zum Thema gearbeitet, dass er der geisteswissenschaftlichen Publizistik bereits das Totenglöckchen läutet. Das Verschwinden akademischer Buchverlage werden Historiker als "fahrlässige Selbstabschaffung" diagnostizieren, schreibt Demand: "Damals, so werden sie konstatieren, flossen die öffentlichen Druckkostenzuschüsse in derart breiten Strömen und vermeintlich so zuverlässig durch die Republik, dass zahlreiche Unternehmen ihr bisheriges Geschäftsmodell als unnötig riskant zu empfinden begannen und lieber auf das Prinzip der feudalen Pfründewirtschaft umstellten. Fortan zogen sie an sich, was an subventionierten Druckaufträgen irgend zu bekommen war, und ließen wahllos Aufsatzsammlung um Aufsatzsammlung, Qualifikationsschrift um Qualifikationsschrift, Kongressaktenkonvolut um Kongressaktenkonvolut zwischen Buchdeckel binden und mit einer ISBN versehen. Ihr ehemaliges Kerngeschäft - Stoffentwicklung, Lektorat, Programmpflege, Öffentlichkeitsarbeit - versahen sie nur noch minimalinvasiv, sofern sie es nicht gleich komplett an dieselben Autoren und Forschungsverbünde delegierten, die ohnehin bereits das Geld und die Inhalte frei Haus lieferten. So kam es, wie es kommen musste: Die Leser verloren zunehmend die Lust, sich durch den rasant aufquellenden, amorphen Schriftenbrei zu quälen."

Patrick Eiden-Offe liest die Karl-Marx-Biografie "Greatness and Illusion" von Gareth Stedman Jones, eines früheren Herausgebers der New Left Review, und freut sich immerhin, dass er den Marx des Kapitals in den Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung stellt. Denn soviel ist klar: "Auf den jungen Marx kann sich jeder berufen."
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Archiv: Merkur

La vie des idees (Frankreich), 06.06.2017

Vincent Tiberj beschäftigt sich mit der Einstellung der Franzosen gegenüber Fremden. Nach den islamistischen Anschlägen könnte man meinen, dass diese der Wahl der extremen Rechten Vorschub leisten und fremdenfeindliche und autoritäre Tendenzen in der Bevölkerung verstärken. Meinungsumfragen ergeben jedoch ein differenzierteres Bild: "Die kollektive Erzählung ist ausschlaggebend, wenn man die Meinungs- und Wahldynamik im Lauf des Jahres 2015 verstehen will. Nach den Attentaten im Januar (auf Charlie Hebdo) verdankt sich die Beruhigung der Lage insbesondere den Demonstranten vom 11. Januar. Diese Bürger demonstrierten für Toleranz und Meinungsfreiheit und nicht gegen den Islam und Immigranten. Der Toleranz-Index der französischen Bevölkerung ist damals innerhalb von drei Monaten um zwei Prozentpunkte gestiegen. Das hat zwar nicht die beträchtlichen Ergebnisse des Front National bei den Departement- oder Regionalwahlen 2015 verhindert, insgesamt ist jedoch der Wille zum Ausdruck gekommen, gemeinsam Demokratie zu schaffen, und einen Diskurs und ein Projekt vorzulegen, die etwas anderes beinhalten als Misstrauen."

Elet es Irodalom (Ungarn), 02.06.2017

Eine Frühjahrsausgabe der Zeitschrift Die Horen befasste sich mit der ungarischen Literatur ("Von der unendlichen Ironie des Seins - Ungarische Ungereimtheiten"). Die Ausgabe wurde vor kurzem im Petőfi Literaturmuseum in Budapest vorgestellt. Anwesend war auch Katharina Raabe, Lektorin für osteuropäische Literaturen bei Suhrkamp, die mit László J. Győri über die Wirkung von ungarischen Schriftstellern auf die deutsche Gegenwartsliteratur sprach. "In den vergangenen Jahren war es Peter Esterházy, der am meisten präsent war im deutschen Literaturbetrieb ... Esterházy hielt Reden, er war ein großer Europäer und niemand staunte darüber, dass ein großer Europäer nicht aus Frankreich, sondern aus Ungarn kam. Mich würde es nicht wundern, wenn es deutsche Autoren gebe, die viel von ihm gelernt hätten. Auf Felicitas Hoppe zum Beispiel wirkte neben Hrabal wahrscheinlich auch Esterházy. Ich weiß, dass Hoppe die Bücher von László Darvasi mag, und auch Sibylle Lewitscharoff ist eine leidenschaftliche Leserin der zeitgenössischen ungarischen Schriftsteller."

Magyar Narancs (Ungarn), 11.05.2017

Fünfzig Jahre nach dem Tod des Komponisten Zoltán Kodály erfolgt eine Neuvermessung und vielleicht auch Neubewertung des Lebenswerks. Über die Verschiebung von Linien im Kodály-Kanon sowohl in ungarischer als auch internationaler Dimension sprach Ferenc László mit Sándor Kovács von der Franz-Liszt-Akademie in Budapest. "Mit dem Tod von Kodály verblasste sein Kult ziemlich schnell. Und es wird wohl auch nicht mehr erstrahlen. Anders ist es mit der sogenannten Kodály-Konzeption. Auch die ist nicht mehr so populär wie früher, doch bis heute eine marktfähige Exportware. Übrigens ist die schulische Musikausbildung tragisch verkommen. Als hätte Kodály nie gelebt. Es gibt kaum noch gute Chöre - ausgenommen in Nyíregyháza, Pécs, Kecskemét... doch lange könnte ich die Liste nicht fortsetzen. Was das Spielen von Kodály-Werken anbelangt sind die 'Tänze aus Galanta' weltweit populär, der 'Psalmus Hungaricus' ist es eher in Ungarn und hier wird er auch oft aufgeführt. Auch das 'Te Deum' hat nichts an Glanz eingebüßt. Die großen Chorwerke sind dagegen heutzutage seltener zu hören, was wirklich schade ist. 'Háry' wird nie ein Welterfolg werden, obwohl die Musik ohne Text als Suite ziemlich gut ist - siehe die jüngere Aufnahme von Ádám Fischer. Die 'Szekler Spinnstube' ist trotz ihrer Schönheit ein hoffnungsloser Fall ... Die frühen Kammerstücke sind dagegen wirkliche Schätze, und es scheint als würden die Musikkünstler dies begreifen."

New York Magazine (USA), 29.05.2017

Rebecca Traister trifft Hillary Clinton für ein ausführliches Porträt und stellt fest, dass auch ein halbes Jahr nach ihrer Wahlniederlage die Reflexe immer noch funktionieren. Clinton sagt etwas Lustiges, Kritisches oder Kluges und ihre Gegner beißen in die Tischkante: "Clinton wurde immer dann am meisten gehasst, wenn sie für ein Amt kandidierte, und am meisten geliebt, wenn sie verloren hat, aber weiterkämpfte, besonders wenn die Niederlage hinreichend demütigend war. Aber jetzt ist der Kataklysmus des 8. November ein halbes Jahr her und die Empfindungen ihr gegenüber bleiben strikt geteilt. Die sozialen Medien werden von Hillarys Fans überflutet mit Bildern aus alternativen Universen, in denen sie Präsidentin ist, auf Etsy werden Kunstwerke verkauft, die aus den Worten jener Rede gearbeitet sind, in der sie ihre Niederlage einräumte. Doch viele ihrer Kritiker - selbst die, die sie gewählt haben, sind entschlossen, Clinton den Mantel der schlechtesten Politikerin aller Zeiten umzuhängen. Ihr Beweis ist, dass sie verloren hat gegen - den schlechtesten Politiker aller Zeiten."

Weiteres: Reeves Wiedeman sieht Anzeichen, dass Ubers  katastrophale PR existenzgefährdend wird, zumal Google gerade eine Kooperation mit Lyft begonnen hat.
Stichwörter: Hillary Clinton

Wired (USA), 16.05.2017

Von Apple kam schon viele Jahre kein wirklicher Impuls mehr. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sich der Konzern in den letzten Jahren enorm darauf kapriziert hat, in Kalifornien eine neue Firmenzentrale aus dem Boden zu stampfen, die der 2011 verstorbene Steve Jobs noch maßgeblich mitkonzipiert hatte. Steven Levy hat sich durch das in seinen äußeren Dimensionen beeindruckende, in seiner Kreisförmigkeit an ein außerirdisches Raumschiff aus einer Science-Fiction-Geschichte der fünfziger Jahre erinnernde Gebäude führen lassen - bleibt aber doch skeptisch. "In seinem Wesen stellt es die Verkörperung des Wunsches eines sterbenden Mannes dar, die Arbeitsumgebung der Firma, die er gegründet hat, für alle Ewigkeit zu formen. Ja, Apple besteht darauf, dass seine Angestellten bessere Produkte herstellen, wenn sie sich an einem Ort befinden, in dem künstliche Hügel mit Pinien bepflanzt sind, die von einer Farm für Weihnachtsbäume aus der Mojave-Wüste hierhergeschafft wurden. Doch hat Apple seinen wunderbaren Apple II nicht in einem Schlafzimmer entwickelt und seinen bahnbrechenden Macintosh nicht in einem tiefliegenden Bürogebäude? Die Angestellten auf dem neuen Campus lassen die Gebäude hinter sich, die hinreichend Inspiration boten, um das Iphone zu erfinden. Apple Park ist wahrscheinlich treffender beschrieben, wenn man sagt, dass dieses Areal den architektonischen Avatar seines Erfinders darstellt, derselbe Mann, der seine Mitarbeiter dazu angehalten hat, diese wegweisenden Produkte zu entwickeln. In Abwesenheit seiner Hartnäckigkeit und seiner Klarsicht, hat er eine Firmenzentrale hinterlassen, die sowohl seine Autobiografie als auch seine Werte verkörpert. Wenn man sich mit den wichtigsten Leuten bei Apple unterhält, sprechen sie immer wieder von 'Steves Geschenk'."

Außerdem: Lexi Pandell notiert die Geschichte des Hashtags. Und Wayne Curtis schreibt über einen Unternehmer, der die Herstellung von Whiskey revolutionieren will.
Archiv: Wired
Stichwörter: Steve Jobs, Apple, Architektur