Magazinrundschau

Eigenartige patriarchale Subkultur in Zürich

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
28.07.2009. Im New Yorker testet Nicholson Baker den Kindle. In Polityka erzählt der Physiker Janusz Ostrowski wie er als Feuerwehrmann den Aufstand im Warschauer Ghetto erlebte. Prospect berichtet von einer veritablen Medien-Revolution in Pakistan. Der Economist liest einen niederschmetternden UN-Bericht über die arabische Welt. Der Espresso berichtet über die Folgen eines falsch übersetzten Papstbriefes für die Untergrund-Christen in China. In der The New York Review of Books sieht Michael Messing dank der Blogger ein neues Zeitalter im Journalismus anbrechen.

New Yorker (USA), 03.08.2009

In einem wunderbar ironischen, zugleich außerordentlich informativen Text beschreibt der Schriftsteller Nicholson Baker seine Leseerfahrungen mit dem Kindle2 von Amazon. Systematisch nimmt er dabei Technik, Funktion und Lektüreangebot unter die Lupe und gleicht seine Befunde mit dem gedruckten Buch ab. Von Beginn an ist er abgestoßen vom "grünlichen, blässlichen, postmortalen Grau" des Schriftbilds, da gibt er seinem iPhone jederzeit den Vorzug. Und doch liest er am Ende ein ganzes Buch auf dem Kindle. "Ich fing an, unbewusst immer ungeduldiger die Nächste-Seite-Taste anzuklicken, wie ich es in Jahren des Lesens gelernt hatte – also die Seite einen Tick früher anzufassen, um das Umblättern vorzubereiten. Ich klickte Nächste Seite an, wenn ich am Anfang der letzten Zeile war, und die Seite wurde schwarz und sprang um, bevor ich sie zu Ende gelesen hatte. Ich war dabei zu versuchen, den Kindle anzutreiben. Aber einen Kindle treibt man nicht an. War mir schnurzegal. (...) Endlich war ich beim letzten Bit. Die kleine Fortschrittsanzeige zeigte 99 Prozent. Ich klickte auf Nächste Seite, und das Buchcover erschien. Nochmal Nächste Seite, aber es gab keine nächste Seite. Mein erster Kindle-Roman war zuende." Fazit: Wenn's einen packt, liest man ein Buch überall, selbst vor postmortalem Grau.

Weiteres: Joan Acocella bespricht ein Buch über Judas Ischariot: "Judas: A Biography". "Abgefahren" findet Louis Menand den neuen Roman "Inherent Vice" von Thomas Pynchon, ein Krimi mit einem Ermittler namens Larry (Doc) Sportello. David Denby sah im Kino die Judd Apatows autobiografisch geprägte Komödie "Funny People". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Valetudinarian" von Joshua Ferris und Lyrik von C.K. Williams und Rae Armantrout.
Archiv: New Yorker

Polityka (Polen), 27.07.2009

Der Physiker Janusz Ostrowski berichtet in einem bewegenden Text (hier in der deutschen Version), wie er als Feuerwehrmann den Aufstand im Warschauer Ghetto erlebte. Die polnische Feuerwehr sollte im Auftrag der Deutschen dafür sorgen, dass nur die Häuser, in denen sich Menschen aufhielten, brannten, nicht aber die, in denen Güter lagerten. An einem Tag entdeckten sie in einem brennenden Haus junge Mädchen, die um Hilfe riefen: "Einen Augenblick später befiehlt der Sergeant nachzusehen, ob szkopy (deutsche Soldaten) oder szaulisy (abwertend für litauische, lettische oder ukrainische Wachleute) in der Nähe sind. Wir vergewissern uns, dass keine da sind; also sagt er: 'Wer möchte, kann zum anderen Wagen gehen; aber wenn einer keine Angst hat, werden wir sie herunterholen.' Drei gingen davon. Jurek sagte: 'Ich werde nicht mein Leben für ein paar Jüdinnen aufs Spiel setzen, die die Deutschen sowieso umbringen werden; wenn nicht hier, dann anderswo. Das hat keinen Sinn. Und wenn ihr sie nach unten gebracht habt, kommen die szaulisy, vergewaltigen die Hübschesten und knallen danach alle ab! Das alles ist eine idiotische Lebensgefährdung.' Und er zog ab. Allerdings zögernd, als schämte er sich ein bisschen. Ich dagegen dachte, dass er ja im Prinzip recht hat. Der Sergeant sah mich einen Augenblick an, aber den Blick auf die mit Wasser bespritzten Fenster gerichtet, sagte er: 'Ein Feuerwehrmann darf nicht zulassen, dass Menschen verbrennen.'"
Archiv: Polityka
Stichwörter: Wasser

Prospect (UK), 01.08.2009

James Crabtree berichtet von einer veritablen Medien-Revolution in Pakistan. In den letzten Jahren hat sich in dem Land, das vor kurzem noch eine Ein-Sender-Nation war, eine erstaunliche Sendervielfalt entwickelt. Vor allem der Nachrichten-Sender Geo TV sorgt für Aufruhr: "Am pakistanischen Unabhängigkeitstag des Jahres 2002 wurde Geo der erste private Fernsehsender des Landes... Erstmals können die Pakistanis nun die Dramen, die ihre Nation durchlebt, live sehen: Das tödliche Erdbeben in Kaschmir 2005, die Belagerung der Roten Moschee in Islamabad 2007, die Anschläge von Mumbai 2008, die Dronen-Angriffe der USA und viele Selbstmordanschläge im Land. Geo hat dabei viele Kontroversen ausgelöst. Bei Call-In-Sendungen haben Anrufer Tabu-Themen wie Inzest und prügelnde Ehemänner angesprochen. Schiitische und sunnitische Theologen diskutierten über ihre Lehren. Shaadi Online, eine Art 'Herzblatt', hat Konservative entsetzt, weil Ehefrauen darin potenzielle Ehemänner befragten. Und die religiöse Talk-Show Aalim online hat Liberale empört, weil darin Mullahs über Juden und Hindus herziehen durften."

Außerdem: Charles Grant fürchtet, in China könnten die Nationalisten auf Dauer Oberwasser bekommen. Und Peter Popham ahnt, warum Silvio Berlusconi allen Skandalen zum Trotz populär bleibt: es gibt keine Alternative.
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Archiv: Prospect

Nepszabadsag (Ungarn), 25.07.2009

Anfang Juli wurde von einem Budapester Gericht die faschistische Ungarische Garde verboten, doch ist nicht ganz klar, ob und wie die Polizei gegen in Uniform marschierende Gardisten vorgehen soll. Vor diesem Hintergrund überlegt der Dichter und Kritiker Akos Szilagyi, warum die Zahl der bürgerlichen Sympathisanten für die Garde wächst. "Die militärisch organisierte und politisch motivierte private Gewalt richtet sich nicht nur gegen bestimmte kriminalisierte oder mythologisierte 'Ruhestörer', sondern gegen die gesamte Gesellschafts- und Freiheitsordnung. Demokratie und den Rechtsstaat erscheinen, direkt oder indirekt, als Urquelle jeder Unordnung. Dabei gibt es in Demokratien keine größere und schwerwiegendere Ruhestörung als der Angriff auf den Rechtsstaat. Die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass in Fällen, in denen die Ordnung des Rechtsstaats durch eine uniformierte 'ideologische Ordnung' oder durch eine nationalistische oder rassische Ordnung erfolgreich außer Kraft gesetzt wurde, der Weg für die schwerwiegendste Ruhestörung, für Bürgerkriege und massenmörderische Diktaturen geebnet wurde."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Rechtsstaat

Economist (UK), 24.07.2009

Auf nicht weniger als 36 Seiten widmet sich der Economist in einem Schwerpunkt, Titelgeschichte inklusive, der Gegenwart der arabischen Welt. Es geht darin um eine "stille Revolution" der Gesellschaften - aber auch um desolate Regierungen. Ein aktueller Bericht des United Nations Development Program (UNDP) kommt zu einem niederschmetternden Ergebnis: "Es ist ihnen, um damit anzufangen, nicht gelungen, ihren Nationen die Freiheit zu geben: in sechs arabischen Ländern sind politische Parteien ganz verboten, im Rest sind die Restriktionen nur etwas raffinierter. Es ist ihnen nicht gelungen, ihren Nationen Reichtum zu geben: den Ölvorräten zum Trotz müssen, wie die UN berichtet, zwei von fünf Menschen in der arabischen Welt von 2 Dollar am Tag oder weniger leben. Es ist ihnen nicht gelungen, ihren Nationen Sicherheit zu geben: Der Bericht hält fest, dass übermächtige interne Sicherheitskräfte arabische Staaten oft in eine Bedrohung für das eigene Volk verwandeln. Und sie sind dabei, die Zukunft ihres Nachwuchses zu zerstören: Das UNDP schätzt, dass die arabische Welt bis 2020 rund 50 Millionen neue Jobs schaffen müsste, um der rasch wachsenden Zahl junger Erwachsener Arbeit zu geben - das scheint fast völlig unmöglich angesichts gegenwärtiger Trends."

(Die Übersicht über alle Artikel zum Schwerpunkt-Thema, rechts oben im Inhaltsverzeichnis.)
Archiv: Economist

Espresso (Italien), 24.07.2009

Im Jahr 2007 schrieb Papst Benedikt XVI. einen als Brief an die chinesischen Katholiken, der zur Einheit und zum Durchhalten aufrief. Als Nachschlag hat der Vatikan nun ein Kompendium im Internet veröffentlicht (pdf), in dem der Papst noch einmal auf alle wichtigen Fragen zur Kirche in China eingeht. Gott sei Dank, sagt der emeritierte Bischof von Hongkong, Joseph Zen Zekiun auf seiner Internetseite. Denn der Brief sei in China in einer "falschen Übersetzung" im Umlauf gewesen, die "katastrophale Konsequenzen" für die Kirche gehabt habe, berichtet Sandro Magister. "Nach Auffassung des Kardinals Zen wurde vor allem die Passage mit der Frage der offiziellen Anerkennung der Untergrund-Christen in China durch die kommunistischen Autoritäten falsch dargestellt. Viele haben den Brief des Vaters als Anweisung aufgefasst, dass die Untergrundkirchen und ihre Bischöfe aus der Deckung heraus kommen und ihre offizielle Anerkennung durch den Staat beantragen sollten." In seinem Online-Kommentar macht Kardinal Zen diese "tendenziöse Übersetzung" für die Zersplitterung der katholischen Kirche in China verantwortlich. "Deshalb müssen wir so ein schmerzvolles Spektakel miterleben: Bischöfe und Priester, die glauben, sie folgen dem Heiligen Vater, versuchen sich mit der Regierung unter größten Anstrengungen zu arrangieren, viele ziehen sich angesichts der unannehmbaren Bedingungen der Regierung wieder zurück. Durch diesen Prozess hat der Klerus viel von seiner früheren Geschlossenheit verloren." Wer die fehlerhafte Version in Umlauf gebracht hat, sagt Zen nicht. Allerdings stellt er fest, dass die kommunistische Regierung die Verbeitung der richtigen Version verhindert. "Die offiziell geduldete 'Patriotische Vereinigung der katholischen Chinesen' hat die Verbreitung des [korrekt übersetzten] Briefs verboten. Mehrere Gelehrte, die ihn verbreiteten, wurden verhaftet. Die chinesischen Webseiten, die den Brief präsentierten, mussten schließen. Die vollständige Version des Briefes in Mandarin, die sich auf der chinesischen Webseite des Vatikans befindet, kann in China nicht abgerufen werden."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Hongkong, Vatikan, Katholiken

Al Ahram Weekly (Ägypten), 23.07.2009

Youssef Rakha unterhält sich mit dem Romancier Ibrahim Farghali (mehr hier) über zeitgenössische arabische Literatur und dessen neuen Roman "Abnaa Al-Gabalwi", der für Rakha eine große Hoffnung erfüllt: auf einen hausgemachten magischen Realismus in der arabischen Literatur. "'Natürlich ist Saramago mein literarisches Vorbild', sagt Farghali, 'um einen langen, großen, subtil vermittelten Text zu schreiben, durch den man alles ausdrücken kann. Und auf der denkbar höchsten Stufe künstlerischer Exzellenz eine große Idee zu entwerfen, die verschiedene kleinere Ideen aufnimmt, Stile und dissonante Stimmen nebeneinanderstellt. Mein Ehrgeiz ist es, einen Text zu schreiben, der gelesen, genossen, wieder gelesen und wieder genossen werden kann, von einem einfachen Leser ebenso wie von einem Mitglied der literarischen Elite. Es ist ein Ehrgeiz, wie ihn Dostojewski oder Saramago hatten. Ich hoffe, es klingt nicht eingebildet, wenn ich das sage. Ich denke, ich habe seit 'Ibtisamat Al-Qiddissin' geübt' - seinem 2006 erschienenen Roman, der in der englischen Übersetzung von Andy Smart und Nadia Fouad-Smart unter dem Titel 'The Smiles of the Saints' erschien -, 'einen Text auf diesem Niveau zu schreiben.'"

Hani Mustafa bespricht Yousri Nasrallahs Film "Ihki Ya Scheherazade" (Erzähl, Scheherazade), der die männliche Dominanz in der ägyptischen Gesellschaft beschreibt. "Man muss nur ein bisschen nachdenken um zubegreifen, dass der Titel den Film genau beschreibt. Er impliziert beides: dass das Drama auf Geschichten erzählen beruht, und dass das Geschichten erzählen eine Form des Widerstands gegen männliche Dominanz ist. Selbst die Struktur des Films ist eng an das alte Buch angelehnt, denn sie beruht auf Geschichten wie jenen, die Scheherazade dem Prinzen Shahraiar jede Nacht erzählt hat, um ihre Hinrichtung zu verhindern. Die Hauptrolle in dem Film, Heba (Mona Zaki), ist eine Fernsehmoderatorin. Als ihr Mann ihr vorschreiben will, worüber sie in ihren Sendungen sprechen darf und worüber nicht, entscheidet sie sich, Geschichten über die ägyptischen Gesellschaft zu erzählen."

Elet es Irodalom (Ungarn), 17.07.2009

In Ungarn ist eine Diskussion über die Legalisierung der Prostitution entbrannt. Für Anna Betlen, Ökonomin, Regierungsberaterin und Mitarbeiterin der ungarischen Frauenstiftung MONA, ist Prostitution grundsätzlich nicht von Menschenhandel und Gewalt zu trennen. Schließlich wolle der Freier eine Form von Sex, bei dem sich die Frau zu einem Gegenstand degradiert. Das gehe nicht ohne Gewalt (ob körperlich oder seelisch, und in welcher Phase der 'Prostituisierung' auch immer). Der Zusammenhang zwischen Menschenhandel und Prostitution wird einem klar, so Betlen, wenn man den Anteil der überwiegend ausländischen und minderjährigen Prostituierten in westlichen Ländern mit legalisierter Prostitution betrachtet: "Kürzlich rief mich ein Reporter des Schweizer Fernsehsenders TV2 an und fragte mich, welch eine eigenartige patriarchale Subkultur in den nordostungarischen Ortschaften Püspökladany und Berettyoujfalu herrschen möge, von wo so viele Kinderprostituierte an Zürcher Bordelle verkaufen werden? Ich fragte zurück: Welch eine eigenartige patriarchale Subkultur mag denn in Zürich herrschen, dass es dort ausgerechnet eine Nachfrage für Frauen und Mädchen aus Ostungarn gibt und nicht nach – sagen wir mal – Jonagold-Äpfeln?"
Stichwörter: Prostitution

New York Review of Books (USA), 13.08.2009

"So, wie der Buchdruck im Mittelalter die Macht der Kirche über den Informationsfluss gebrochen hat, so lockert das Internet den Zugriff der konzerneigenen Massenmedien auf die Information", glaubt Michael Messing und stellt fest, dass sich das Gewicht von Institutionen auf einen individuellen Journalismus verlagert: zu Bloggern wie Andrew Sullivan, Glenn Greenwald und Mickey Kaus oder neuen journalistischen Formen wie Talking Points Memo, Pro Publica, der HuffPo und Daily Kos. "Das Bild vom Internet als einem Parasiten mag seine Gründe haben. Ohne die entscheidende Bündelung der Nachrichten durch etablierte Institutionen würden viele Webseiten nur noch stottern und sterben. In ihrer pauschalen Verachtung scheinen entsprechende Äußerungen aber ebenso gestrig wie defensiv. Allein in den vergangenen Monaten ist eine beträchtliche Anzahl von originellen, aufregenden und kreativen (wenn auch chaotischen und wahnsinnig machenden) Seiten aufgekommen. Der Journalismus ist weit davon entfernt, ausgesaugt zu werden; er wird gerade mittels einer Vielzahl fazinierender Experimente in Hinsicht auf Bündelung, Präsentation und Verbreitung von Nachrichten noch einmal erfunden. Und solange die Herausgeber und Manager an der Spitze unserer Zeitungen dies nicht zur Kenntnis nehmen, werden sie ihren eigenen Untergang nur beschleunigen."

Adam Hochschild reist durch den von einem Krieg nach dem anderen gebeutelten Kongo und weiß jetzt, was Menschen zu "Vergewaltigern, Sadisten und Mördern" macht: "Gier, Angst, demagogische Führer und deren Behauptung, dass Gewalt zur Selbstverteidigung notwendig sei, wo do alle um einen herum dasselbe tun - und die Tatsache, dass der Rest der Welt einer der großen humanitären Katastrophen unserer Zeit tragisch wenig Aufmerksamkeit schenkt."

Weiteres: Hilton Als schreibt in einem leider recht unkonkreten Text über Michael Jackson und die Ressentiments gegenüber Schwulen in schwarzen Communities: "Es ist bizarr, dass Homosexualität in einigen Augen, selbst in denen schwarzer schwuler Männer, als etwas Weißes gilt." Roger Cohen rekapituliert die Ereignisse im Iran und gibt die Hoffnung auf demokratischen Wandel nicht auf.