Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 20

Magazinrundschau vom 13.06.2017 - New Statesman

Kenan Malik liest neue Bücher zur Aufklärung in der islamischen Welt. Wenn Tariq Ramadan  in "Islam. The Essentials" die Sklaverei verteidigt, kann er nur mit den Augen rollen, deutlich interessanter findet er Christopher de Bellaigues Buch "The Islamic Enlightenment": Bellaigue erinnert daran, dass die islamische Welt längst ihre oft eingeforderte Aufklärung hatte. Denn Napoleon hatte nicht nur Soldaten nach Ägypten gebracht, sondern auch Gelehrte, die eine ganze Generation inspirierten: "Aus dieser neuen Generation sticht vor allem Rifaa al Tahtawi hervor, ein ägyptischer Kleriker, der es sich zur Lebensaufgabe machte, die Vereinbarkeit von Islam und Vernunft zu beweisen. Nachdem er einige Zeit in Paris verbracht hatte, kehrte er 1831 nach Kairo zurück, um an Ägyptens Modernisierung mitzuarbeiten. Er gründete in Kairo die Schule der Sprachen und initiierte die Übersetzung von über 2.000 Büchern ins Arabische - die größte Übersetzungsanstrengung seit jener der Abbessiden ein Jahrtausend zuvor. Auch seine eigenen Werke brachten einem neuen Publikum die Ideen der Aufklärung nahe, Säkularismus, Rechte, Freiheiten. Und nicht nur die intellektuelle Sphäre war in Aufruhr. Die physischen und gesellschaftlichen Welten wurden ebenfalls umgewandelt, in einer für Europa unvorstellbaren Geschwindigkeit. Von der Druckerpresse bis zu Frauen an der Universität, von Dampflokomotiven bis zu oppositionellen Zeitungen, von der Sklavenbefreiung bis zur Bildung von Gewerkschaften: In einem Zeitraum von wenigen Jahrzehnten brachte die Moderne Veränderungen nach Ägypten, die in Europa über ein Jahrhundert gedauert hatten, und sie verwandelte Kairo, Istanbul und Teheran von halb-mittelalterlichen Märkten in halb-industrialisierte Städte."

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - New Statesman

Der New Statesman erinnert mit einer Sonderausgabe an die Russische Revolution vor hundert Jahren. John Gray fächert aus diesem Anlass das ganze Spektrum an Unverstand auf, das Linke und Intellektuelle nach Moskau pilgern ließ und zu Lenins berühmten nützlichen Idioten werden: Zynismus, Sentimentalität, innere Zensur oder - wie im Falle der New-Statesman-Gründer Beatrice und Sidney Webb - eine Arte angeborener Führungsanspruch: "Die Webbs hielten es für selbstverständlich, dass sie und ihresgleichen, wenn der Sozialismus nach Britannien käme, weiterhin das Sagen hätten. Anthony Eden dachte ähnlich. Der Glaube, dass sie Teil der neuen herrschenden Klasse würden, trieb auch die Cambridge-Spione an. Als Kim Philby über Rekrutierung für den NKWD schrieb, erklärte er, dass er ohne Zögern das Angebot annahm, einer Elitetruppe anzugehören. Während seines langen Exils in der Sowjetunion trug Guy Burgess seine alte Eton-Krawatte zusammen mit dem Rotbannerorden, der ihm für seine Dienste verliehen worden war. Für diese und andere Spitzen des britischen Lebens in den dreißiger Jahren stand fest, dass die Macht des britischen Empires im Niedergang begriffen war. Indem sie sich mit der Sache der Sowjetunion identifizierten, sicherten sie sich ihren Platz in der neuen Weltordnung."

Im Print schreiben Catherine Marridale über Lenins Gnadenlosigkeit, Eimear McBride über Ossip Mandelstam und Michael Prodger über die sowjetische Kunst.

Magazinrundschau vom 22.11.2016 - New Statesman

Mit seinen düsteren Prognosen liegt John Gray im Moment ja leider oft ganz richtig. Nach dem Brexit erklärte er bereits Globalisierung und Neoliberalismus für erledigt. Mit Donald Trumps Wahlsieg sieht Gray allerdings auch noch die gesamte internationale Ordnung in Gefahr: "Die Welt, in die wir jetzt übergehen, ähnelt nicht so sehr der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhundert als vielmehr dem Ende des 19. Jahrhunderts, und unter anderem in dieser Hinsicht muss Trump als bemerkenswert zeitgenössische Figur gelten. Betrachtet man auch die Beziehungen zwischen Staaten in Begriffen von Kosten und Nutzen, mag er besser gewappnet sein, mit den Realitäten des 21. Jahrhunderts umzugehen als die Ideologen vor ihm. Die ideologischen Konflikte der dreißiger Jahre, die in den neokonservativen neunziger Jahren ein anachronistisches Wiederauftauchen erlebten, sind ersetzt durch altmodische geopolitische Rivalitäten. Die Weltpolitik ist nicht mehr in widerstreitende säkulare Glaubenssysteme geteilt, sondern beherrscht von Religion, Nationalismus, Ethnizität und dem Kampf um Ressourcen."

Magazinrundschau vom 15.11.2016 - New Statesman

Warum werden eigentlich keine Verrisse mehr geschrieben?, fragt D.J. Taylor, dessen erster Roman vor zwanzig Jahren noch brutal abgekanzelt wurde, in einer Zeit mithin, als Kritiken noch als blutiger Sport galten. In der Sunday Times nannte Stephen Amidon das Buch so "überflüssig wie einen Einbeinigen in einem Arschtrittwettbewerb". Das einzige Horrende an Kritiken sei inzwischen ihre Sanftmut, meint Taylor und wird kiebig: "Es könnte sein, sein, dass Verrisse das einzige Mittel gegen das große Versagen des modernen Literatur-Establishment und seiner Mildtätigkeit gegenüber seinen Altvorderen sind. Drei- oder viermal im Jahr ertönen die Fanfaren der Verlagstrompeten und eine Eminenz, die ihre Schriftsteller-Karriere mit der Granta Liste der besten jungen Britischen Romanautoren von 1983 begann, bringt ein neues Werk von bescheidener, wirklich bescheidener Könnerschaft heraus - nur um von den Kritikern Girlanden um den Hals gelegt zu bekommen. Gegen dieses demografische Sektion der Buchwelt sollten die Nachfahren von Stephen Amidon ihre Haubitzen richten."

Außerdem: John Gray erkundet mit John Stubbs' Biografie "Rhe Reluctant Rebel" Jonathan Swifts humanistische Vernunft.

Magazinrundschau vom 27.09.2016 - New Statesman

Der New Statesman ruft in einem ganzen Dossier "eine Neue Zeit" aus: Labour in der Krise, Brexit, und der Zusammenschluss von städtischen Liberalen und sozial eher konservativen Arbeitern ist aufgekündigt.

Für John Gray sind auch Neoliberalismus und Globalisierung erledigt, und er hält fest, dass der Bruch mit der EU und Freihandel von rechts betrieben wurde, während sich die Linke an "tote Ideen" klammere: "Wenn die Spannung zwischen globalem Kapitalismus und dem Nationalstaat einer der Widersprüche des Thatcherismus war, dann hat der Konflikt zwischen Globalisierung und Demokratie die Linke erledigt. Mit Bill Clinton und Tony Blair verschrieb sich die linke Mitte dem globalen freien Markt mit demselben glühenden Enthusiasmus wie die Rechte. Im Ergebnis durften große Teile der Bevölkerung in Stagnation oder Armut verrotten, ohne Aussicht auf einen produktiven Platz in der Gesellschaft. Die Geschichte mag in Hillary Clintons Kampf um die Präsidentschaft den letzten Akt des neoliberalen Experiments sehen. Mehr als das Misstrauen, das sie bei vielen Wählern auslöst, mehr als ihre Gesundheit oder ihre Mitt-Romney-hafte Verachtung für den 'beklagenswerten Haufen' der Trump-Wähler, wird ihre Kandidatur überschattet von der Tatsache, dass sie mit einem gescheiterten Experiment identifiziert wird - und mit denjenigen, die am meisten davon profitiert haben."

David Runciman sieht dagegen den Staat zerrieben zwischen den Profiteuren der digitalen Revolution: den Individuen und den Netzwerken. "Die zunehmenden Wahlmöglichkeiten machen es viel schwieriger, die Bürger zufriedenzustellen. Viele haben sich an ein Mikromanagement des Lebens gewöhnt, das jede Regierung klumpfüßig und träge erscheinen lässt, egal wie sehr sie sich bemüht. Zugleich stehen den globalen Netzwerken Staaten gegenüber, die keine Vorstellung davon haben, wie sie diese kontrollieren sollen. Die Finanzwelt ist eines dieser Netzwerke."

Neben einem guten Dutzend weiterer Autoren schreiben zudem John Harris, Mariana Mazzucato und Paul Mason.

Magazinrundschau vom 02.08.2016 - New Statesman

John Gray hat viel auszusetzen an Richard Englishs Buch "Does Terrorism work?", aber wenn der nordirische Historiker am Beispiel der IRA die interne Logik von Terror-Organisationen untersucht, versteht Gray, welchen Appeal das Terrorleben für junge Männer haben kann: Kameradschaft, Abenteuer, Ruhm, Macht, Geld, Sex - das sei so aufregend wie Krieg: "Wenn wir den gegenwärtigen Ausbruch des IS-bezogenen Terrors in Europa betrachten, kann es nützlich sein, die inneren Belohnungen von Terrorismus zu analysieren. Anders als den Terror der IRA, auch den der ultra-brutalen provisorischen IRA, kann man den IS-Terror kaum mit Begriffen der instrumentellen Vernunft erklären. Selbst im Vergleich mit al Qaida hat der IS nur wenige konkrete Forderungen. Der gegenwärtige Ausbruch ist zum Teil auch eine Reaktion auf die Gebietsverluste der Dschihadisten in Irak und Syrien. Doch wie es English nahelegt, müssen wir uns fragen, für wen sich Terrorismus auszahlt und warum. Wenn wir das in Bezug auf den IS unternehmen, ist die Antwort nicht besonders ermutigend ... Der Terror des IS verleiht dem aus der Bahn geworfenen Einzelnen Identität und Bedeutung, er ermöglicht ihm, seine Ressentiments in den Hass auf eine Lebensweise umzudeuten. Vor dem Hintergrund tiefer Gräben in Europas Gesellschaften, wird die Organisation aus diesen Belohnungen immer größere Anziehungskraft schöpfen."

Magazinrundschau vom 05.07.2016 - New Statesman

Der Philosoph John Gray empfiehlt in einem knallharten Leave-Text der britischen Linken, ihren Zustand von Wut und Verzweiflung zu überwinden. Die EU wird bald Geschichte sein, an dem Brexit und seinen Anhängern kann er wie eh und je nichts Falsches finden: "Mit dem Begriff Populismus beleidigen die Vordenker des Establishments heute gern all die Menschen, mit deren Leben sie sich nicht mehr abgeben. Eine Revolte der Massen ist zugange, und bei ihr sind jene, die in den vergangenen zwanzig Jahren die Politik geprägt haben, weiter von der Realität entfernt, als die einfachen Frauen und Männer, auf die sie gern herabsehen. Die Verbindung einer dysfunktionalen Einheitswährung und einer destruktiven Austeritätspolitik im Zuge der Finanzkrise hat große Teile Europas wirtschaftlich stagnieren lassen und mit Arbeitslosigkeit in einem Ausmaß geschlagen, wie wir es seit den dreißiger Jahren nicht mehr erlebt haben. Zur gleichen Zeit waren die europäischen Institutionen paralysiert von der Flüchtlingskrise. Die EU ächzt unter der Last der Probleme, die sie selbst geschaffen hat, und hat zweifellos bewiesen, dass ihr die Mittel für effizientes Handeln und jede Reformfähigkeit fehlen. Wie ich vor einem Jahr schrieb, Europas Bild als sichere Bank ist der Einsicht gewichen, dass es ein gescheiterten Experiment ist. Eine Mehrheit der Briten hat begriffen, was niemand in unserem Establishment bis jetzt verstanden hat."

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - New Statesman

Laurie Penny sitzt der Schock über den Ausgang des Brexit-Referendums noch voll in den Knochen. Was für ein furchtbares Missverständnis, stöhnt sie: "Das war eine Revolte der Arbeiterklasse, aber es ist kein Sieg der Arbeiterklasse. Das ist die Tragödie. Der kollektive Aufschrei der depressiven, deindustrialisierten Teile des Landes, die von Thatcher, Blair und Cameron rücksichtslos ausgeblutet wurden, hat sich in einen Triumph für neue Eliten verwandelt. Wieder eine Bankenkrise, wieder alte Eton-Schüler an der Macht - das sind unsere Aussichten, während die Schotten überlegen, wann sie die Reißleine ziehen, und die Union zersplittert und wir alle begreifen, dass wir mit Michel Gove auf einem glitschigen Felsen hängenbleiben. Für immer."

Magazinrundschau vom 19.04.2016 - New Statesman

Wann gäbe es je ein solches Porträt eines wichtigen Politikers in einem deutschen Medium? Peter Wilby erzählt für den (linken) New Statesman die ganze Geschichte des Seumas Milne, mild kritisch, ohne etwas auszulassen. Milne ist heute der Sprecher von Jeremy Corbyn, galt als superlinker, proputinistischer und propalästinensischer Autor des Guardian, kommt aber aus besten Kreisen - sein Vater war Generaldirekor der BBC - und wählte gewissermaßen nur die linke Variante des Konservatismus. Unter Nennung von Oxford- und Cambridge-Colleges erzählt Wilby den Karrierestart Milnus' so: "Es waren nicht linke Connections, die Milne den Weg in eine Fleet-Street-Karriere eröffneten. Wie ein Paradebeispiel des britischen Establishments in Aktion hört sich an, was mir eine gut platzierte Quelle erzählte: Vater Alasdair Milne (Winchester und New College, Oxford) empfahl seinen Sohn Seumas (Winchester and Balliol) dem Kollegen Andrew Knight (Ampleforth und Balliol), damals Chefredakteur des Economist."

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - New Statesman

Salman Rushdie schaut in den Literatenhimmel auf zu seinen großen Lehrmeistern Cervantes und Shakespeare, die vor vierhundert Jahren am 26. April 1616 starben (was, wie Rushdie erklärt, dasselbe Datum war, aber nicht derselbe Tag, denn die Engländer hinkten mit ihrem Julianischen Kalender hinterher): "Beide lieben hochfliegende Ideen und das Leben der Gosse, ihre Schurken, Huren, Beutelschneider und Trunkenbolde würden sich in der gleichen Schenke treffen. Dieses Bodenständige verrät sie beide als große Realisten, auch wenn sie sich als Fantasten gerieren, und so lernen wir, die wir ihnen nachfolgen, dass Magie nutzlos ist, wenn sie nicht im Dienste des Realismus steht - gab es jemals einen realistischeren Magier als Prospero? -, und der Realismus verträgt eine gesunde Dosis Fabulierlust. Schließlich greifen beiden auf Tropen aus Volksmärchen, Mythen und Fabel zurück, sie lehnen es ab zu moralisieren und vor allem darin sind sie moderner als alle ihre Nachfolger. Sie sagen uns nicht, was wir fühlen oder denken sollen, sondern wie."

Christian Wolmar glaubt nicht an die Zukunft selbstfahrender Autos: "Immer wenn ich Leute aus dem Bereich frage, was wir bis wann erwarten können, ergibt as nie ein voll automatisches Fahrzeug, sondern eine Reihe von Hilfsfunktionen für Fahrer Das ist ein entscheidender Unterschied. Es ist schlimmer als nutzlos, wenn der Fahrer die Automatik kontrollieren muss und eingreifen, sobald etwas Unerwartetes eintrifft."