Magazinrundschau - Archiv

The Nation

166 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 17

Magazinrundschau vom 22.12.2015 - The Nation

Koreanische Kunst - das ist nicht nur traditionelle Kunst oder Nam June Paik oder die Kunst nach der Globalisierung. Da ist viel mehr, verspricht Barry Schwabsky anlässlich dreier New Yorker Ausstellungen: Chung Chang-sup (1927-2011) in der Galerie Perrotin,  Yun Hyong-keun (1928-2007) in der Galerie Blum & Poe und Ha Chong-hyun (geb. 1935) in der Galerie Tina Kim. Alle drei laufen unter dem Label Tansaekhwa, was koreanische monochrome Malerei bedeutet. "Tansaekhwa verdient die Aufmerksamkeit aller mit einem genuinen Interesse an Malerei - zum Teil, weil es seinen Ursprung in einem zutiefst zwiespältigen Verhältnis zur Malerei hat. In Südkorea läuft die Kunsterziehung auf zwei verschiedenen Gleisen: 'östlich' (Tinte) und 'westlich' (Öl). Die Tansaekhwa-Künstler, in der Nachkriegszeit geboren oder aufgewachsen, mögen nicht in diesem System erzogen worden sein, aber es ist eine Überlegung wert, ob ihre Arbeiten weniger eine Synthese aus diesen vermeintlich getrennten aisatischen und euro-amerikanischen Strängen sind als in Opposition zu beiden stehen - wie auch in Opposition zu der starken Dichotomie zwischen ihnen. Lee spricht über Yuns Arbeiten nicht als Gemälde, sondern als 'Ungemälde'. Und Chung Chang-sup hat erklärt: 'Malen ohne zu malen, kreieren ohne zu kreieren, das ist es, was ich will.'"

Magazinrundschau vom 24.11.2015 - The Nation

Der chinesische Dissident und Dichter Liao Yiwu erinnert sich in einem Essay an das Massaker auf dem Tiananmen Platz und beschreibt das Schicksal der Menschen, die heute noch für ihren mutigen Protest bezahlen: von ihren Familien entfremdet, arbeits- oder sogar wohnungslos, in den Wahnsinn geprügelt. Ganz zu schweigen von denen, die mit ihrem Leben bezahlt haben. Wir hatten noch Glück, versichert ihm einer der Demonstranten, Wu Wenjian, Jahre später in einem Interview. "Ich bekam nur sieben Jahre. Viele der sogenannten 'Rowdys' meines Alters waren einfache Arbeiter, Bauern, Straßenverkäufer, die sich auf der Straße der Armee widersetzten. Wenn der Richter entschied, sie wegen Eigentumsbeschädigung und Plünderung zu verurteilen und ihnen harte Strafen auferlegte, konnten sie Jahrzehnte im Gefängnis verbringen. Diese Jungs hatten nie ein Mädchen geküsst, als sie verhaftet wurden. Bei ihrer Entlassung waren sie mittelalte Männer, die nichts wussten von der heutigen Gesellschaft und den Frauen, die keine nennenswerten Fähigkeiten hatten - was konnten sie tun? Viele mussten zu ihren alt gewordenen Eltern ziehen. Einige hatten sogar Angst, die Wohnung zu verlassen. Peking hatte sich so verändert, sie hatten Angst, sich zu blamieren, indem sie sich in ihrer eigenen Heimatstadt verirrten."

Weitere Artikel: Liao Yiwus Übersetzerin Chenxin Jiang empfiehlt fünf neue Bücher, die sich mit den Kontinuitäten von Chinas maoistischer Vergangenheit in die Gegenwart auseinandersetzen. Thomas Meaney bespricht Michael Walzers neues Buch "The Paradox of Liberation: Secular Revolutions and Religious Counterrevolutions".

Magazinrundschau vom 06.10.2015 - The Nation

Bei The Nation hat jemand eine große Schwäche für den 2013 verstorbenen libyschen Schriftsteller Alessandro Spina, dessen Romanzyklus "The Confines of the Shadow" gerade ins Englische übersetzt wird. Letztes Jahr stellte Übersetzer André Naffis-Sahely den Zyklus vor. Jetzt porträtiert Ursula Lindsey den Autor, der 1927 als Sohn einer wohlhabenden christlichen Familie in Bengasi geboren und 1979 aus Libyen vertrieben wurde. Von da an lebte er in Italien. "Spina gehörte zu einer Gruppe privilegierter, wandernder, handeltreibender Minderheiten, deren Identitäten nicht auf ihre Nationalitäten reduziert werden können, und die von Xenophobie, kriegerischen Konflikten und ethnischen Säuberungen aus dem Nahen Osten gefegt wurden. Spina strebte nach Kosmopolitismus, drehte dessen üblichen Polaritäten aber um: Er schockierte gern seine italienischen Freunde, indem er ihnen sagte, er habe sich "entprovinzialisiert" als er von Mailand [wo er studiert hatte] wieder nach Benghazi zog. Sein Einflüsse und Referenzen reichten von Proust bis zu Tausendundeine Nacht, den griechischen Philosophen des fünften Jahrhunderts und dem Bischof Synesios von Kyrene. Trotz all seines Kosmopolitismus war Spina nicht interessiert am Universalismus. Was er schätzte, mehr als alles andere, war einzigartig zu sein."

Magazinrundschau vom 01.09.2015 - The Nation

Adina Hoffman stellt einige (vielleicht auch für deutsche Verleger) interessante Wiederentdeckungen aus der Literatur der "Levante" vor - Bücher aus der Zeit vor der Gründung Israels und der arabischen Staaten. Da ist einmal Olivia Manning, die in ihrem Romanzyklus "The Levant Trilogy" mit britische Hochnäsigkeit, aber auch Präzision über Kairo und Jerusalem schreibt. Fast noch interessanter Jacqueline Kahanoff, eine jüdische Autorin aus Kairo, die aus einer europäisch orientierten Familie kam und auf Englisch schrieb. Sie erinnert sich auch an die Buntheit Kairos vor den heutigen Konflikten: "So utopisch die Erzählung über eine so genial plurastische Gesellschaft klingt, so erstickend war das Ägypten, in dem sie aufwuchs und so klar war es für sie und ihre Zeitgenossen, dass es explodieren würde. Sie verstand die Gründe für die unvermeidliche Eruption, deren Resultate sie ausschließen würden. Wie sie später schrieb: "Obwohl wir mit den muslimischen Nationalisten sympathisierten, glaubten wir nicht, dass sie fähig wären, die realen Probleme der ägyptischen Gesellschaft zu lösen. Und das konnten sie uns nicht verzeihen.""

Außerdem: Sasha Abramsky erinnert sich an seinen Großvater, den Rabbiner-Sohn und bekennenden Atheisten Chimen Abramsky, der die "größte Bibliothek mit sozialistischer Literatur" zusammengestellt hat. Und André Naffis-Sahely liest den kubanischen SF-Autor Yoss.

Magazinrundschau vom 07.07.2015 - The Nation

Was fasziniert junge muslimische Frauen so sehr an religiösen Extremisten? Dieser Frage geht Rafia Zakaria in einer Reportage an einem Beispiel aus Pakistan nach. Die 26jährige Uzma Qayyum schloss sich den Islamisten der Roten Moschee und der Koranschule Jamia Hafsa in Islamabad an. Daraufhin zog ihr Vater vor Gericht: "Uzma Qayyums Fall enthüllt die berauschende Mischung aus Ermächtigung, Flucht und militanten Zielen, die die Frauenkader extremistischer Gruppen jungen Mädchen aus der ganzen Welt bieten. Die Ironien in diesem Fall sind bemerkenswert. Auf der einen Seite Uzma Qayyum, eine unverheiratete muslimische Frau, und Jamia Hafsa, ein militant religiöses Seminar, die zusammen für das Recht junger Frauen eintreten, ihrer Berufung zu folgen. Auf der anderen Seite stehen Uzmas Vater und seine jungen Anwälte die argumentieren, dass das Gericht nach dem pakistanischen Gesetz die unverheiratete Frau in die Obhut ihres Vaters zurückgeben muss. Denn dieser sei nach islamischem Recht ihr legaler Vormund."

Außerdem: Barry Schwabsky sucht auf der Biennale von Venedig nach Inseln der Bedeutung. Michael Saler liest Yuval Noah Hararis etwa 400 Seiten starke, 70.000 Jahre umspannende Menschheitsgeschichte "Sapiens. A Brief History of Humankind" als Beispiel für einen neuen Trend zur "Deep History".

Magazinrundschau vom 23.06.2015 - The Nation

Doch, es lohnt sich über die Zeiten des Terrorismus und der linksextremen Gewalt in den USA um 1970 nachzudenken, findet Rick Perlstein in einer Besprechung des Buchs "Days of Rage" (Auszug) von Bryan Burrough, und zwar vor allem wegen des Umfelds der Sympathisanten, die sie möglich machten. Und das waren stets ähnlich bleiche weiße Jungs wie die Terroristen, alle auf der Suche nach dem historischen Subjekt: "Manche fingen an, Amerikas Gefängnisse nicht mehr als ein Randphänomen im Land der Freien anzusehen, sondern als seine bloße Essenz. Pionier dieser Idee war Eldridge Cleaver, schreibt Burroughs, der argumentierte, dass die "am schärfsten Unterdrückten, die schwarzen Gefängnisinsassen und Gang-Mitglieder, die natürlichsten Revolutionäre seien, eine Idee die allen weißen Radikalen auf der Suche nach schwarzer Echtheit sehr gut gefiel."

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - The Nation

Vivian Gornick hat für The Nation ein großes Porträt des 1913 in Brooklyn geborenen Dichters Delmore Schwartz verfasst. Schwartz war der Sohn rumänischer Immigranten, die mehr Yiddisch als Englisch sprachen. Die englische Sprache war sein Traum, so Gornick. Schwartz "ist für die jüdisch-amerikanische Literatur, was Richard Wright für die afroamerikanische Literatur ist. Er ist ein Autor ohne den, einer, dessen Werk die Brücke konstituiert zwischen der Literatur der Immigranten und dem, was wir heute für authentische jüdisch-amerikanische Literatur halten. Als solches ist sein Werk so bewegend wie instruktiv. Es verkörpert den Schritt, den an den Rand gedrängte Menschen notwendig machen müssen, um kulturelle Gleichheit zu erreichen. Den Schritt, der erfordert, dass sie auf höchstem Level imitieren, während gleichzeitig ihr eigenes heimatliches Material die konventionellen Regeln des Spiels unterwandert. [...] Wenn er mit seinen Freunden in einem Café in Greenwich Village plauderte, war er, wo er herkam, auf dem Papier war er, wo er hinwollte."

Hier findet man einige Gedichte von Schwartz. Und hier kann man ihn lesen hören:


Magazinrundschau vom 26.05.2015 - The Nation

In The Nation wundert sich Bob Dreyfuss über die harsche Kritik amerikanischer Journalisten an Seymour Hershs Artikel in der London Review. Hersh hatte die Version der amerikanischen Regierung zur Ergreifung und Tötung Osama bin Ladens als Propagandamärchen beschrieben. Tatsächlich seien die Amerikaner von einem pakistanischen Überläufer über den Aufenthaltsort bin Ladens informiert worden und hätten den Mann dann mit Einverständnis des pakistanischen Geheimdienstes ISI exekutiert. "Die Reaktion der Mainstream-Medien auf Hershs Scoop war vorhersehbar: Ungläubigkeit. Viele warfen ihm vor, seine Quellen nicht genannt zu haben - obwohl in Fällen von Spionage und Betrug die wenigsten Quellen genannt werden wollen - und eine Konspirationstheorie zusammengebraut zu haben. Nur wenige fühlten sich in diesem Urteil gestört von der Tatsache, dass Hersh seit fast 50 Jahren Regierungsverbrechen und -korruption aufdeckt. ... Ist Hershs Reportage also akkurat? Ich glaube sie ist es. Wie auch immer: der Maßstab für eine solche Einschätzung kann nicht in der Meinung von Bloggern, Kritikern und Medienbeobachtern begründet liegen, er kann nur von harten Nachrecherchen von Reportern geliefert werden, die Erfahrung haben mit Südasien und der trüben Welt der Geheimdienste."

Magazinrundschau vom 28.04.2015 - The Nation

Warum gewinnen schwule Männer den Kampf für die gleichgeschlechtliche Ehe, während Frauen die Kampf um ihre Rechte - insbesondere das Recht auf Abtreibung - verlieren, fragt Katha Pollitt in The Nation. Ihre bittere Antwort: "Gleichgeschlechtliche Ehen sind etwas, das Männer wollen. Lesbische Paare gehen zwar die Mehrzahl der gleichgeschlechtlichen Ehen ein, aber selbst der umgangssprachliche Begriff "Schwulenehe" definiert sie als männliches Anliegen. Das macht sie für jedermann interessant, denn alles Männliche ist von allgemeinem Interesse. ... Bei Reproduktionsrechten geht es dagegen unvermeidlich um Frauen. Die allgegenwärtige Misogynie führt nicht nur dazu, dass diese Rechte stigmatisiert werden - zusammen mit den Frauen, die sie ausüben - sondern auch, dass Männer sie nicht als wichtig erachten, während Frauen nur begrenzte Macht haben, sie voranzutreiben. Selbst diese Macht ist leicht gefährdet, wenn sie sich mit mehr als nur der kraftlosesten Form des Feminismus identifiziert."

Und nicht nur das, Frauen arbeiten oft genug auch gegeneinander, wie man in der Debatte um diesen und einen zweiten Text sehen kann, in der Pollitt von Vertreterinnen von Transgender-Gruppen kritisiert wurde, weil sie von "Frauen" sprach, nicht von "Menschen". Als würde die Abschaffung des Wortes "Frauen" das Abtreibungsproblem lösen.

Magazinrundschau vom 12.05.2015 - The Nation

Amerikanische Bibliothekare haben nicht nur eine glorreiche Vergangenheit als mutige Kämpfer für die Meinungsfreiheit, sie stehen auch heute, im Zeitalter der staatlichen Massenüberwachung, ganz vorne, erzählt Zoë Carpenter. Unter dem Patriot Act kann das FBI nämlich nicht nur nachfragen, welche Bücher jemand ausgeliehen hat, sondern auch alle Spuren abfangen, die ein bestimmter Nutzer auf einem der Bibliothekscomputer hinterlassen hat. "Amy Sonnie, eine Bibliothekarin und Aktivistin aus Oakland, erzählte mir, dass es eine Debatte innerhalb der Zunft gibt, ob das Bibliothekswesen politisch neutral ist oder sein sollte. "Ich kann und sollte ein Anwalt sein, wenn es um die Bedingungen geht, unter denen wir unseren Beruf ausüben, und Privatspäre ist ein solches Thema, sagt sie. Für Sonnie und ihre Kollegin Alison Marcina ist Privatsphäre nicht nur ein Bestandteil intellektueller Freiheit, sondern auch der sozialen Gerechtigkeit. "Wir dienen Mitgliedern der Gemeinden, die historisch gesehen unter größerer Überwachung stehen als der Rest der Gesellschaft: Immigranten, amerikanische Muslime, Schwarze, politische Dissidenten", sagt Macrina."