Magazinrundschau - Archiv

The Nation

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Magazinrundschau vom 18.10.2016 - The Nation

In einem Interview mit der taz von heute hofft der amerikanische Autor Joshua Cohen höchstens halb spöttisch auf eine Erosion des Zwei-Parteiensystems in den USA: "Aus den Republikanern wird sich vermutlich eine neue rechte Partei entwickeln, aber es wird auch eine neue linke Partei entstehen, die die Agenda der Anhänger von Bernie Sanders repräsentiert. Aus der Selbstzerstörung der Parteien ziehe ich großen Optimismus." Im Interview mit The Nation sieht das Milo Yiannopoulos, britischer Trump-Anhänger und Sympathisant der rechtsextremen alternativen Rechten (alt-right) in Amerika ganz ähnlich. Er verabscheut die Linke mit ihrer autoritären "politischen Korrektheit" ebenso wie die Neocons mit ihrer Sympathie für "big business" und Kriege im Ausland. "Ich bin eine Maschine des Chaos. Ich will, dass beide Parteien zerstört werden. Ich glaube Hillary wird die Präsidentschaft als unpopulärster Präsident der amerikanischen Geschichte gewinnen. Sie wird nur eine Amtsperiode überstehen und dann wird jemand wie Sanders aufsteigen und mit der Demokratischen Partei tun, was Trump mit den Republikanern getan hat. Wir leben in einer Zeit des Anti-Establishments, der Anti-Globalisierung, der Anti-Political-Correctness - das ist eine Bewegung, die nicht an politische Ideologien gebunden ist. Das ist eine Graswurzelsache, die überall in der westlichen Welt sprießt. Das ist die neue Ausrichtung von Politik, nicht republikanisch oder demokratisch oder liberal oder konservativ." Am liebsten, so Yiannopoulos weiter, hätte er Sanders gegen Trump im Wahlkampf gesehen. "Das ist die Welt, die ich möchte. Ich möchte eine echte Wahl. Ich möchte den echten Sozialismus gegen einen in der Wolle gefärbten heißblütigen Kapitalismus, einen echten Kampf der Ideologien. Ich glaube, die meisten Menschen wollen das. Sie wollen etwas Reales sehen. Trump oder Sanders, da steht etwas auf dem Spiel."

Magazinrundschau vom 11.10.2016 - The Nation

Zoë Carpenter zeichnet ein sehr schönes Porträt der Dichterin und Science-Fiction-Autorin Ursula Le Guin und unterhält sich dafür mit ihr über das Schreiben, den Feminismus, Krieg und das Alter (Le Guin wird am 21. Oktober 87): "Immer eine Autorin 'vom Rand', schreibt Le Guin heute von der Grenze des Lebens. 'Es ist sehr schwer, über das Altsein zu schreiben. Wir haben nicht das Vokabular dafür. So fühlten sich viele Frauen, als sie begriffen, dass ihnen das Vokabular dafür fehlte, über das Frausein zu schreiben', sagt sie. Wir waren in ihrem Wohnzimmer mit seinen bequemen Stühlen und dem Fenster durch das man über einen alten Redwood-Baum hinweg den Mount St. Helens sah. Pard, ihre grünäugige Katze, streckte sich auf einem roten Teppich. Le Guin fühlt sich verpflichtet 'zu versuchen von der Grenze zu berichten', aber es ist sehr schwierig und mysteriös. 'Man erreicht definitiv einen Grenzort. Und Grenzorte sind seltsame Orte.'"

Außerdem: Ian Buruma erfährt sowohl aus John le Carres autobiografischem Erzählungsband "The Pigeon Tunnel: Stories From My Life" als auch aus Adam Sismans Carre-Biografie einiges über die britische Klassengesellschaft und das schwierige Verhältnis le Carres zu seinem Vater, einem hochgestimmten Betrüger, der vom Gefängnis ins Kasino und wieder zurückging und von all seinen Opfern geliebt wurde. Von seinen Söhnen allerdings weniger.

Magazinrundschau vom 06.09.2016 - The Nation

Das Internet ist längst zur "zweiten Natur" und für Künstler zur unendlichen Quelle von Bildern und Techniken geworden, wie könnte also "Post-Internet-Art" aussehen, fragt Barry Schwabsky. Auf der Berlin Biennale findet er keine Antworten, dafür aber bei Thomas Struth im Martin Gropius Bau, der Schwabskys Verständnis von "Natur und Politik" in Frage stellt. Gezeigt werden weder Reflektionen über den Krieg im Nahen Osten, die Krise der Europäischen Union oder den wachsenden Erfolg von populistischen Parteien, noch Bäume, Tiere, Landschaften: "Zwar zeigen einige Bilder in 'Natur und Politik' Landschaften, aufgenommen wurde sie aber in Anaheim, Kalifornien, sie sind Disneyland-Abbilder von Plätzen, die vielleicht irgendwo existieren könnten. Überraschender und auffälliger sind Bilder von Labors und technischen Instituten, wo grundlegende Elemente der Natur untersucht und manipuliert werden. Dies sind die Orte, wo Natur politisch wird und wo das Kapital hinfließt, jedoch ohne, dass es von uns bemerkt wird."

Absolut lesenswert findet der in Stanford lehrende Historiker Richard White ein Buch von Benjamin Madley über den Genozid an den Indianern im Kalifornien der Jahre 1846-1873. Madley interessiert sich vor allem für die institutionelle Basis dieses Völkermords, so White: "Madley behauptet - und das ist der Kern seines Buchs - dass Kaliforniens Regierungsvertreter tatsächlich 'die Hauptarchitekten der Vernichtung' waren und dass sie von der Bundesregierung dazu ermächtigt und finanziell unterstützt wurden. Zusammen schufen Landes- und Bundesbeamte, was Madley als 'Tötungsmaschinerie' beschreibt, bestehend aus amerikanischen Soldaten, kalifornischer Miliz und Freiwilligen sowie aus Sklavenhändlern und Söldnern (sogenannten 'Indianerjägern'), die für Geld dabei waren. Laut Madley 'brauchte es einen nachhaltigen politischen Willen - sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene - um die Gesetze, die Strategien und die gut finanzierte Tötungsmaschinerie zu schaffen, die sicher stellten, dass [dieser Genozid] über Jahrzehnte begangen werden konnte."

Magazinrundschau vom 05.07.2016 - The Nation

Jana Prikryls Essay über Bernd und Hilla Becher liest sich auch deshalb so faszinierend, weil man gewissermaßen zusehen kann, wie sehr sich ihr Werk den Interpretationen widersetzt. Hat es mit der deutschen Vergangenheit zu tun? Ist es konzeptuell? Kalt? Prikryl prüft die Hypothesen und verwirft sie und macht doch ein paar Beobachtungen, die sicher zutreffen: "Von der Melancholie ihres Werks zu sprechen, ist zu einem kritischen Klischee geworden, aber das Gefühl der Verlusts, das man empfindet, wenn man ihre Fotografien betrachtet, ist nicht so sehr eine Trauer um jedes dieser zerstörten Objekte als um den Vorkriegsoptimismus selbst, jenen alten Glauben in monumentale Strutkturen, Programme, politische Lösungen."

Magazinrundschau vom 10.05.2016 - The Nation

Alle sind heute gegen das "Establishment" - von Trump bis Bernie Sanders. Aber wer ist das eigentlich, das "Establishment", fragt sich der Historiker Michael Kazin. "Wenn bei den Demokraten ein geschicktes Establishment die 2016er Kampagne gesteuert hat, war es bemerkenswert erfolglos. Warum sonst konnte Bernie Sanders genauso viel Geld für den Wahlkampf einsammeln wie Hillary Clinton? Und wie konnte er eine Reihe von Wahlbezirken gewinnen, in denen Strategen essenziell sind, die wissen, wie man das System bearbeitet? Und wenn man als Clinton-Unterstützer gleich als Büttel der Wall Street dasteht, warum wurde Clinton dann von Organisationen wie dem Congressional Black Caucus, Planned Parenthood, Human Rights Campaign und der Service Employees International Union unterstützt? Diese Gruppen wären der Kern einer kämpfenden, kulturell diversen sozialdemokratischen Partei, die Sanders gern aus den Demokraten machen würde. Andererseits ist die Vorstellung absurd, Sanders, der seit hundert Jahren einzige bekennende Sozialist im Parlament, sei Teil einer Clique von Washington-Insidern."

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - The Nation

Frances Richard liest Peter Buses Buch "The Camera Does the Rest" über die Geschichte der einst so berühmten Polaroid-Kameras, die am Ende an der Digitalisierung scheiterten - und nun wie alle Objekte aus unmittelbar vordigitaler Zeit wieder Sehnsucht wachrufen. Im Fall Polaroid liegt es an einer ganz paradoxen Besonderheit, meint Richard: Polaroid ist Fotografie mit Aura. Denn "wie ein Gemälde, ein Gebäude oder ein Manuskript ist das nur im Positiv existierende Polaroid-Foto mit seinen glänzenden, satten Tiefen entweder da, oder es ist nicht. Es kann nicht kopiert werden - oder es kann, aber die Kopie ist nicht dasselbe. Die Kopie hat keine Aura, denn der Mehrwert des menschlichen Impulses, der in das auratische Original einging, kann nicht reproduziert werden. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose, aber nur sofern sie jedes mal neu und einzeln fotografiert wird."

Magazinrundschau vom 26.04.2016 - The Nation

Sehr interessant liest sich Barry Schwabskys Besprechung der Ausstellung "Unfinished" im Met Breuer, dem vormaligen Whitney-Museum. Die Ausstellung zeigt Beispiele unfertiger, beziehungsweise (was nicht dasselbe ist) unvollendeter Werke seit der Renaissance. Als erstes Beispiel eines bewussten "non finito" schildert er eine spekakuläre Leihgabe aus dem Olomouc-Museum in Kromeriz, Tschechien, Tizians "Häutung des Marsyas". Mit den Kuratorinnen der Ausstellung macht Schwabsky vier Typen bewusster Unfertigkeit aus: "der provisorische Typus (zum Beispiel de Koonings 'Frau I', ein Werk, das hätte vollendet werden können, aber abgebrochen wurde), der unendliche Typus (darunter Werke in Serien, die immer weiter hätten geführt werden können wie Yayoi Kusamas 'Infinity Net paintings' aus den Fünfzigern und frühen Sechzigern), der entropische Typus (Werke, die ihren eigenen Verfall beinhalten, wie Robert Smithsons 'Mirrors and Shelly Sand', das jedes Mal etwas von seiner Substanz verliert, wenn es gezeigt wird) und der partizipative Typus (Werke die reaktiver und in gewisser Hinsicht neu gemacht werden müssen wie Hélio Oiticicas 'Bólides', 1965-66). All diese Beispile mit Ausnahme von Nummer 1 sind Entwicklungen des 'non finito' als einer stilistischen Option und nicht für das beunruhigerndere Phänomen des Werks, das nicht vollendet werden konnte."

Magazinrundschau vom 29.03.2016 - The Nation

Im großen und ganzen geht es den Mexikanern heute deutlich besser als im ausgehenden 20. Jahrhundert. Die Wirtschaft wächst, die Demokratie funktioniert besser, bei Wahlen lösen sich Parteien ab, es gibt überhaupt viel mehr Parteien als früher und die Wahlbeteiligung wächst. Auch um die Meinungsfreiheit ist es viel besser bestellt. Warum also sind die Mexikaner so unzufrieden? Das, meint der mexikanische Intellektuelle Enrique Krauze, liegt im wesentlichen an drei Wörtern, die in der öffentliche Vorstellung und in der Wirklichkeit mit Politik und Politikern verknüpft sind: Korruption, Gewalt und Straflosigkeit. "Am Ende ist für die Mexikaner nichts so wichtig, wie ein Gefühl der Sicherheit in ihrem Leben zurückzugewinnen. Die Gefahr des moralischen Zerfalls wächst. Die Faszination für Drogendealer und die Wut gegen die Regierung verwandeln sich in einen makabren Tanz. Etwas ist faul in Mexiko. Es ist alarmierend - vor allem unter jungen Menschen - eine Art Umkehrung der Werte zu beobachten, wo der Mörder als Held betrachtet wird und die, die ihn verurteilen, als Kriminelle."

Außerdem: Cynthia Haven stellt die neue Brodsky-Biografie von Ellendea Proffer Teasley vor.

Magazinrundschau vom 08.03.2016 - The Nation

Ursula Lindsey schildert in einer ausführlichen Reportage die ägyptische Kulturszene nach dem Zusammenbruch des arabischen Frühlings. Sie kann nicht verstehen, warum viele Intellektuelle trotz allem froh sind, dass General Sisi die Islamisten aus der Regierung gefegt hat, denn die Unterdrückungsmechanismen des Sisi-Staates sind so brutal wie nie zuvor. "Ägypten hat einen extrem hohen Preis bezahlt für die Absetzung der Muslimbruderschaft: den Zusammenbruch des demokratischen Experiments, die Rückkehr des Militärs an die politische Spitze und die anhaltende Drangsalierung unter Sisi, die schlimmste seit Jahrzehnten ist. Das alles macht es für Ägyptens Intellektuelle und Autoren unabdingbar zu glauben, dass die Islamisten eine existenzielle Gefahr waren. Und doch ist es eine ironische, unwiderlegbare Tatsache, dass während der kurzen Regierungszeit der Muslimbrüder die Meinungsfreiheit aufblühte. Die Islamisten, so sehr sie es auch versuchten, konnten die Kritik und den Spott nicht zum Verstummen bringen. Sie waren eifrige, jedoch erfolglose Zensoren, unfähig, die vielen Oppositionskräfte in Schach zu halten: den Sicherheitsapparat und die Armee, die Medienbesitzer, die Künstler und Aktivisten, die ihnen nicht trauten. Sisis 'säkulares' Militärregime hat den Widerstand unbarmherziger unterdrückt als die Muslimbrüder je zu träumen gewagt hätten."

Magazinrundschau vom 26.01.2016 - The Nation

Zwei neue Bücher widmen sich der Selden-Karte. Paula Findlen erläutert in The Nation, was es damit auf sich hat: Bei der Karte handelt es sich um ein frühes Dokument der Globalisierung. Auch China war nicht immer das Reich der Mitte. Die heute in der Bodleian Library aufbewahrte Karte wurde um 1600 von Chinesen gefertigt: "Die Selden-Karte schafft es, die Schlüsselelemente einer Welt im Wandel festzuhalten. Bestimmte Teile der Welt sind immer stärker verbunden, ohne gleich zu einem gobalen Dorf zu werden. Portugiesische Ortsnamen werden (fast gleichlautend) in chinesischen Zeichen wiedergegeben, während chinesische Zeichen ins Lateinische transkribiert werden. So hatten auch schon frühere Kartenzeichner Arabisch benutzt, um jene (heute verlorene) chinesische Karte zu fertigen, auf der die koreanische Kangnido-Karte von 1402 beruht, deren äußere Grenzen bis zu den Azoren reichen. Die Reisen des Zheng He, die auf der Selden-Karte abgebildet sind, erinnern an diesen Umstand, denn er stammte aus eine muslimischen Familie und folgte möglicherweise der Route, die chinesische Muslime nutzten, um nach Mekka zu pilgern. Die Selden-Karte spricht also viele Sprachen und enthält Spuren vieler Begegnungen."

Außerdem schreibt Barry Schwabsky über zwei Fotoausstellungen in New York - Ocean of Images: New Photography 2015" im Moma und "Photo-Poetics: An Anthology" im Guggenheim -, die sich künstlerisch mit der Bilderflut auseinandersetzen.