Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 45

Magazinrundschau vom 06.06.2017 - Guardian

Adam Greenfield klingen die Ohren, wenn Internet- und Industriekonzerne die Smart City besingen: Perfektes Wissen über Nutzerbedürfnisse soll optimalen Service garantieren? Greenfield fürchtet eher, dass dadurch die Kolonisierung unseres Alltags weiter voranschreitet. Zumal öffentliche Angelegenheiten nicht nur etwas mit Technik zu tun haben, sondern mit Demokratie: "Die Vorstellung, dass es eine einzige Lösung für städtische Probleme geben könnte, sollte uns zutiefst beunruhigen. Städte bestehen aus Menschen und Gemeinschaften, die oft konkurrierende Prioritäten haben, es ist unmöglich, alle zugleich gerecht zu werden. Wir müssen uns schlicht und ergreifend bewusst machen, dass die Schaffung eines Algorithmus, der die Verteilung von städtischen Ressourcen lenkt, ein politischer Akt ist. Und nirgendwo in der Literatur zur Smart City steht, dass sich ihre Designer den üblichen Prozessen demokratischer Verantwortlichkeit unterwerfen wollen."

In einer ellenlangen Recherche rekonstruiert Jonathan Watts die große Operation Autowäsche, die in Brasilien inzwischen das gesamte politische und wirtschaftliche System erfasst hat: Es stellt sich heraus, dass die Regierung von Präsidentin Dilma Roussef zwar durchaus in die Korruption verstrickt war, dass sie vor allem aber von der Politik zum Rücktritt gezwungen wurde, weil sie die Ermittlungen nicht stoppte. Ihrem Nachfolger Michel Temer nützt es aber nichts: "Ermittler haben allem politischen Druck widerstanden und den Kreis ausgeweitet: Sie verlegten ihr Augenmerk von Petrobras auf Odebrecht und eröffneten im April 2017 neue Verfahren gegen Dutzende von Politikern auf allen Seiten des politischen Spektrums, darunter auch acht Mitglieder von Temers Kabinett. Dann haben sie JBS mit in die Ermittlungen einbezogen, einen der größten Fleischkonzerne der Welt. Die beiden Brüder, denen die Firma gehört, haben als Kronzeugen ausgesagt, es existieren offenbar heimlich gemachte Aufnahmen, auf denen Temer über Schmiergeldzahlungen spricht. Der Staatsanwalt hat Anklage gegen Temer erhoben wegen Behinderung der Ermittlungen, und damit bereitet er den Boden für eine konstitutionelle Schlacht zwischen Justiz und Regierung. Der Congress fordert ein Impeachment-Verfahren gegen Temer, es träfe den zweiten Präsidenten innerhalb eines Jahres."

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - Guardian

Carole Cadwalladr hat für den Observer weiter zur der ominösen Datenfirma Cambridge Analytica recherchiert, mit deren Hilfe Milliardäre wie Steve Bannon, Peter Thiel und Robert Mercer der Welt Donald Trump als Präsidenten beschert haben. Cadwalladr zufolge hatte die Firma auch beim Brexit die Finger im Spiel, zumindest hat die "Vote-Leave"-Kampagne mehr als die Hälfte ihres Budgets von sieben Millionen Pfund an die Firma gezahlt. Und für überbewertet hält die Autorin die Gefahr des Micro-Targeting und verdeckter psychologischer Operationen keineswegs: "In den amerikanischen Berichten über die Datenanalysen fand kaum Beachtung, woher die Firma kommt, nämlich aus dem militärischen-industriellen Komplex... Das ist nicht nur eine Geschichte von Sozialpsychologie und Datenanalyse. Hier wendet ein militärisches Subunternehmer militärische Strategien auf die Zivilbevölkerung an. Auf uns. David Miller, Soziologe an der Bath University und eine Autorität in psychologischer Kriegsführung und Propaganda, sagt, es sei ein ausgesprochener Skandal, 'dass dies auch nur in die Nähe einer Demokratie gerät. Es muss Wählern offengelegt werden, woher Informationen kommen, und wenn das nicht transparent gemacht wird, dann wirft das die Frage auf, ob wir noch in einer Demokratie leben'."

Magazinrundschau vom 25.04.2017 - Guardian

Sean O'Hagan ist in Nordirland nahe der Grenze zur Republik aufgewachsen und kann sich noch sehr gut an die scharf überwachte und dennoch poröse Grenze erinnern, die hier vor dem Karfreitagsabkommen die Insel spaltete. Für den Guardian bereist er die ganze heutige Grenze. Eine Sicherung wie früher wird nicht wiederkommen, versichern ihm alle. "Und doch gab es manche Berichte in irischen Medien, dass die Regierung bereits Orte an der Grenze für Zoll-Kontrollpunkte identifiziert habe. Manche Kommentatoren in Britannien und Irland schlagen vor, die Kontrollpunkte in Häfen und Flughäfen zu verlagern. Auch die Idee einer elektronischen Grenze zwischen den beiden Staaten wird erwogen. Aber es ist kaum auszumachen, wie solche Lösungen die Menschen - sowohl Schmuggler als auch Asylsuchende und Flüchtlinge - davon abhalten sollen, die lange und durchlässige Linie zu überqueren, die sich von Carlingford Lough nach Lough Foyle schlängelt und die demnächst die einzige Landgrenze zwischen der Europäischen Union und Britannien sein wird."

Magazinrundschau vom 18.04.2017 - Guardian

Mit seinem Schlachtruf "Wir lieben den Tod wie ihr das Leben", hat Mohamed Merah bei seinm Attentat in Toulon 2012 den Nihilismus der europäischen Dschihadisten zum Ausdruck gebracht, meint Olivier Roy, der darin eine Art Jugendbewegung sieht, die sich unabhängig von der Religion und Kultur der Eltern entwickelt hat: "Der Hass einer Generation nimmt immer auch die Form eines kulturellen Ikonoklasmus an. Nicht nur Menschenleben werden zerstört, sondern auch Statuen, Heilige Stätten und Bücher. Das Gedächtnis wird ausgelöscht. Die Vorstellung der 'Tabula rasa' ist Mao Zedongs Roten Garden, den Roten Khmer und den Isis-Kämpfern gemein. Alle Revolutionen leben von der Energie und dem Eifer junger Menschen, die meisten wollen jedoch nicht alles Vorangegangene zerstören. Die Bolschewisten entschieden, die Geschichte ins Museum zu stecken, und die revolutionäre Islamische Republik des Iran hat niemals daran gedacht, Persepolis in die Luft zu sprengen. Die selbstzerstörerische Dimension hat nicht mit der Politik des Mittleren Ostens zu tun. Als Strategie ist sie kontraproduktiv. Auch wenn sich Isis die Wiedererrichtung des Kalifats auf die Fahnen schreibt, macht es sein Nihilismus unmöglich, eine politische Lösung zu finden, in irgendwelche Verhandlungen zu treten oder eine stabile Gesellschaft in anerkannten Grenzen zu erreichen. Das Kalifat ist eine Fantasie. Es ist der Mythos einer ideologischen Einheit, die ihr Territorium immer weiter ausdehnt. Seine strategische Unmöglichkeit erklärt, warum seine Anhänger einen Pakt mit dem Tod eingehen, anstatt den Interessen der Muslime vor Ort zu dienen. Es gibt keine politische Perspektive, keine helle Zukunft, nicht einmal einen Ort, in Frieden zu beten."

Magazinrundschau vom 11.04.2017 - Guardian

Die BBC strahlt gerade ihre Serienfassung von Evelyn Waughs Satire "Decline and Fall" aus, ein Klassiker englischen Internatshorrors. Alex Renton erinnert daran, wie andere Autoren in ihren Büchern die grausamen Sitten der Privatschulen enthüllten, allerdings öfter noch verbargen: "Gemein ist diesen Erinnerungen, von Churchill bis Christopher Hitchen, vor allem ein spezieller Ton: trocken, tolerant, fast ein wenig stolz. Man macht kein Theater und - noch wichtiger - man verrät seine Klasse nicht. Nur wenige Männer oder Frauen sind bereit, die Vorzüge ihrer Internatserfahrung in Abrede zu stellen, zumindest nicht vor dem späteren 20. Jahrhundert. George Orwell und sein Schulkamerad Cyril Connolly taten es und benutzten - in Orwells Fall fiktionalisiert - den barocken Horror ihrer Südküsten-Schule, St. Cyprian. Unter linken Intellektuellen machte sich die Vermutung breit, dass die die sozialen Unterschiede in Großbritannien und vor allem die spezielle Psychologie seiner herrschenden Klasse, vielleicht doch etwas mit der einzigartig bizarren Erziehung zu tun haben könnte, die der Elite zuteil wird. In dem 1934 von Graham Greene herausgegebenen Erinnerungsband "The Old School" hielten es Autoren wie W.H. Auden, Harold Nicolson und Eileen Arnot Robertson für faschistisch, wie Kinder an ihren Schulen in die Konformität tyrannisiert wurden."

Weiteres: Jeanette Winterson erklärt, warum sie ihre Partnerin geheiratet hat, obwohl sie so gern ein Zeichen gegen konventionelle Monogamie gesetzt hätte.

Magazinrundschau vom 28.03.2017 - Guardian

In einem sehr schönen Text erzählt Naomi Alderman die Geschichte der feministischen Science Fiction, und ihr fällt auf, dass die meisten Autorinnen schon früh mit echtem Entdeckergeist infiziert wurden: Ursula Le Guin zum Beispiel war die Tochter des Anthropologen Alfred Kroeber, der die Überlieferungen des letzten Überlebenden der Yahi, des berühmten Ishi, bewahrte: "Ihr Roman 'Die linke Hand der Dunkelheit' erschien 1969, am Beginn der revolutionären Frauenbewegung und war eines der frühesten Stücke feministischer SciFi. Es geht um einen Mann, der von der Erde zum Planeten Gethen reist, wo die Menschen geschlechtlich nicht festgelegt sind. Er ist mal fasziniert, mal abgestoßen und unerträglich einsam. Die Normalität des einen, ist die Wildnis des anderen. Die Verbindung zur Wildnis ist bei etlichen feministischen SciFi-Autorinnen überraschend stark. Margaret Atwood verbrachte in ihrer Kindheit einen Großteil des Jahres in den Wäldern Quebecs. Ihr Vater war ein auf solitäre Bienen spezialisierter Insektenkundler, der nach Wegen suchten, die kanadische Fortwirtschaft vor Insektenschäden zu schützen. Atwood verbrachte in ihrer Kindheit Frühling, Sommer und Herbst in einer Hütte ohne Elektrizität, sie paddelte im Kanu über klare Waldseen und kochte auf offenem Feuer. Alice Sheldon - die unter dem Pseudonym James Tiptree schrieb und nach der auch der Tiptree Award für genderkritische Science Fiction und Fantasy benannt ist - verbrachte als Kind viel Zeit unter afrikanischen Völkern, etwa den Kikuyu. Ihr Vater war Forscher, ihre Mutter Autorin und Kriegskorrespondentin. Nicht jeder Autorin feministischer Science Fiction wurde von ihren Eltern beigebracht, wie man Feuer in der Wildnis macht. Doch viele Geschichten verbindet, dass sie als junge Menschen mit der Vorstellung konfrontiert waren, dass es andere Arten zu leben gibt, die ebenso wertvoll und respektabel sind, schön oder verstörend."

Weiteres: Howard French zeichnet in einem ellenlangen Report nach, wie Hongkong die Hoffnung aufgibt, auch nur einen Rest seiner Freiheit gegenüber Peking zu verteidigen: "Wir erleben gerade etwas Ähnliches wie die Nach-Tienanmen-Generation in China', sagt ein junger Aktivist namens Xeron Chen. 'Man kann ein gutes Leben haben, aber wenn man sich um die Demokratie kümmert, wird man nur deprimiert." Paul Collier und Alexander Betts überlegen, ob und wie man für Flüchtlingslager etwa in Jordanien Sonderwirtschaftszonen errichten kann. Tariy Ali wirft einen Blick auf Lenins Lektüren.

Magazinrundschau vom 28.02.2017 - Guardian

Wer in Britannien auf sich hält und in die Politik oder den Journalismus will, der studiert PPE in Oxford, also Philosophie, Politik und Ökonomie, weiß Andy Beckett, denn das Balliol College verlässt man strotzend vor Selbstbewusstsein, intellektuell flexibel und mit dem Potenzial zur weltweiten Führungsfigur: "Die Struktur des Studiengangs hinterlässt bei vielen Absolventen einen Hang zum Zentrismus, glaubt etwa (der Dozent und Kritiker) Stewart Wood. 'Man wird mit so viel Stoff konfrontiert, dass die meisten Studenten fälschlicherweise glauben, man könne dem nur von einer Position der Mitte heraus gerecht werden. Und sie glauben auch alle, dass man in den Examen nur gut abschneide, wenn man jedes Ausscheren vermeide. Sie denken, wenn man von allem ein bisschen weiß, kommt man am besten durch. Mark Littlewood, Direktor des marktwirtschaftlichen Institute of Economic Affairs, der zwischen 1990 und 1993 PPE in Oxford studierte, meint, dass die politische Ausrichtung des Studiengangs noch weiter gehe: PPE führt die Leute zu einer Statistenrolle. Meine Tutoren waren brillant und charmant, aber ich glaube nicht, dass ich auch nur einem einzigen Libertären, Konservativen oder klassisch Liberalem begegnet bin. Die meisten Studenten waren links.' Ein derzeitiger PPE-Student im dritten Jahr meint: 'Fast alle Dozenten, die Politik unterrichten, sind irgendwie liberal. Sie reichen von moderate Konservative bis moderater Labour. Viele sind ökonomisch rechts, aber gesellschaftlich sind alle liberal.'"
Stichwörter: Oxford, Labour, Libertäre

Magazinrundschau vom 07.02.2017 - Guardian

Ein umfangreiches Porträt widmet Angelique Chrisafis im Guardian Florian Philippot, dem Chef-Strategen des Front National: 35 Jahre alt, an der Elite-Uni ENA ausgebildet und schwul. Zwischen ihm und Marine Le Pen war es politische Liebe auf den ersten Blick: "Philippot wird zugeschrieben, umgesetzt zu haben, was Le Pen vorschwebte: Das Image des Front National zu entkeimen, die Rhetorik herunterzudimmen und breitere Wählerschichten anzusprechen - das offene Bekunden von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wurde verboten, auch wenn die alten Obsessionen unter der Oberfläche weiterblubbern. Philippots unbeirrbares Vorhaben, die Parteilinie unter Kontrolle zu behalten und alle Abweichler auszuschließen, brachte seine Rivalen in der Partei dazu, ihn mit Robespierre zu vergleichen, den ruchlosen Führer der Französischen Revolution."

Magazinrundschau vom 24.01.2017 - Guardian

Eins der großen Rätsel der heutigen Zeit ist die Vehemenz, mit der so viele Menschen plötzlich Fakten leugnen. Man betrachte nur die Reaktionen auf Statistiken, staunt William Davies, besonders Statistiken zur Einwanderung: "Der Thinktank British Future hat erforscht, wie man am besten Debatten um Einwanderung und Multikulturalismus für die Pro-Seite gewinnt. Dabei lernten sie, dass Menschen oft sehr warmherzig auf qualitative Hinweise reagieren  - Geschichten von individuellen Immigranten etwas oder Fotos von diversen Communities. Aber Statistiken - vor allem solche, die mutmaßliche Vorteile der Immigration für die britische Wirtschaft betreffen - erreichen genau die gegenteilige Reaktion. Die Leute sind überzeugt, dass die Zahlen manipuliert sind und verabscheuen den Elitismus einer Zuflucht zu quantitativen Beweisen. ... Das sind ernsthafte Herausforderungen für die liberale Demokratie. Um es deutlich zu sagen: Die britische Regierung - ihre Bürokraten, Experten, Berater und viele ihrer Politiker - glaubt, dass Immigration im ganzen gesehen gut ist für unsere Wirtschaft. Die britische Regierung glaubt, dass der Brexit eine falsche Entscheidung war. Das Problem ist, dass die Regierung sich jetzt selbst zensieren muss, um die Leute nicht weiter zu provozieren."

Wie dieses Faktenverdrängen funktioniert, beschreibt bei Mother Jones Rick Perlstein anlässlich seiner Diskussion mit einem 21-jährigen Trump-Wähler aus Oklahoma.

Magazinrundschau vom 17.01.2017 - Guardian

Jamie Doward erzählt in einem sehr lesenswerten Hintergrundartikel, wie London und Großbritannien immer mehr zu einem sicheren Hafen für korruptes Kapital und seine Eigner wird, in einem Ausmaß, das inzwischen sogar wohlhabende Londoner aus ihren Vierteln vertreibt. Mehr als hunderttausend Grundstücke und Immobilien - oft in den allerbesten Lagen - in London und und bevorzugten Landhausregionen gehören anonymen Personengesellschaften. Selbst Transparency International ist nicht in der Lage, die eigentlichen Besitzer dieser Immobilien zu benennen. Bei den Besitzern der Filetstücke handelt es sich häufig um Oligarchen und Diktatorenkinder: Das nach Britannien fließende Kapital "ernährt eine Armee von ausgepichten PR-Profis, die auf 'reputation laundering' spezialisiert sind - das heißt, sie helfen zweifelhaften Individuen ihren sozialen Status zu verbessern, indem sie sicherstellen, dass sie zu den richtigen Parties und Fundraisingdinners eingeladen werden und dass sie ihr Geld bei den richtigen Wohltätigkeitsorganisationen, Thinktanks und Galerien ausgeben. London ist auch eine von einem halben Dutzend Städten - neben Dubai, New York, Shanghai, Peking und Hong Kong -, wo man nicht nur gut kaufen kann, sondern auch die Profis für komplexe finanzielle Transaktionen findet."