Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 45

Magazinrundschau vom 19.09.2017 - Guardian

Bisher macht das kleine Luxemburg sein Geld vor allem als Steueroase, jetzt aber, berichtet Atossa Araxia Abrahamian, setzt es auf eine neue Geschäftsidee: Die Ausbeutung des Weltalls. Zusammen mit der Firma Planetary Resources erforschen die Luxemburger die Möglichkeit, aus Asteroiden Rohstoffe zu gewinnen: "Da Firmen wie Planetary Resources auf das kosmische Landgrabbing vorbereiten, bietet Luxemburg seinen winzigen terrestrischen Sitz, um den Kapitalismus ins Weltall zu katapultieren. Früher war das All eine Arena für große nationale Erkundungen, für private Unternehmen ohne staatliche Rückendeckung war sie zu kostspielig, zu komplex und gefährlich. Aber jetzt stoßen private Firmen dazu und werfen Fragen auf, die bis vor kurzem nur hypothetische oder reine Gedankenexperimente waren: Wer darf Anspruch anmelden auf einen Asteroiden und das in ihm steckende Vermögen? Sollte das Weltall dem Wohl 'der gesamten Menschheit' dienen, wie es in den internationalen Verträgen der sechziger Jahre festgeschrieben wurde? Oder ist solcher Idealismus veraltet? Wie bemisst man den Nutzen? Und funktioniert der Trickle-Down-Effekt auch in der Schwerelosigkeit?"

Weiteres: Zu lesen ist außerdem ein Auszug aus Helen Epsteins Buch "Another Fine Mess", das der von Uganda aus operierenden Tutsi-Armee RPF eine Mitverantwortung am Genozid von 1994 in Ruanda zu belegen versucht. Oona A Hathaway and Scott J Shapiro zeichnen nach, wie das Verbot, einen Angriffskrieg zu führen, mehr und mehr aufgeweicht wird.

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - Guardian

Unfassbar, wie unangreifbar sich die britische Aristokratie gemacht hat. Pochen auf ihren Sitz im Oberhaus und gehen nicht mal zu den Sitzungen. Chris Bryant rechnet vor, wie die Herren und Damen Großgrundbesitzer Millionen von EU-Geldern für sich abstauben, aber nicht mal richtig Steuern auf ihren über Jahrhunderte zusammengeklaubten Besitz zahlen. Ein Drittel des Landes gehört ihnen, in Schottland sogar die Hälfte: "Viele der älteren Ländereien gehören zu den vornehmsten und wertvollsten der Welt. Abgesehen von seinen 390 Quadratkilometer Wald, dem hundert Quadratkilometer großen Anwesen Abbeystead in Lancashire und dem 50 Quadratkilometer großen Eaton in Cheshire besitzt der Herzog von Westminster in London große Teile von Mayfair und Belgravia. Earl Cadogan gehören Teile des Cadogan Square, der Sloane Street und der Kings Road, der Marquis von Northampton ein Quadratkilometer in Clerkenwell und Canonbury, die Familie des Barons Howard de Walden hält den Großteil der Harley Street und der Marylebone High Street. Die Besitztümer gehören zu den einträglichsten der Welt. Es hat sich wenig geändert sein 1925, als der Journalist WB Northrop eine Postkarte veröffentlichte, auf welcher der Krake des Grundbesitzes seine Tentakel über London streckte."

In einem - allerdings schon älteren - Artikel aus dem Evening Standard erfährt man, was die Herren 2004 so wert waren (inzwischen sind sie sicher noch reicher). Earl Cadogan zum Beispiel 1,275 Milliarden Pfund (eineinhalb Milliarden Euro). Der Mann kann im teuersten Viertel der teuersten Stadt der Welt zu Fuß vom Sloane Square zu Harrod's gehen - das sind laut Google 11 Minuten - ohne seinen eigenen Grund und Boden zu verlassen.

Weiteres: Helen Macdonald schreibt zudem über Vogelnester, die für sie ein Sinnbild geworden sind, wie wir "die Landschaft zwischen Kopf und Auge, Herz und Hand halten".

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - Guardian

25 Jahre nach Dianas Tod versucht sich Autorin Hilary Mantel noch immer ein Bild von der Prinzessinnen-Ikone zu machen, Mythos und Wirklichkeit unter einen Hut zu bringen: Glaubte Diana, mit Delphinen zu schwimmen, als sie unter die Haie geriet?  "Nach der Hochzeit besaß sie eine Macht, die sie sich nicht hatte vorstellen können. Sie hatte Anbetung erwartet, aber im Privaten: Von ihrem Prinz bewundert werden, von ihren Untertanen respektiert und geachtet. Sie ahnte nicht, wie unersättlich die Öffentlichkeit werden würde, wenn der Hunger nach ihr erst einmal durch die Medien und ihr eigenes Taktieren angestachelt sein würde. In ihren Kreisen gab es niemanden, der einen verlässlichen Draht zur Wirklichkeit hatte - nur Leute, die durch Berufung Fantasten waren, das Sentiment hochhielten, die infantilen Bedürfnissen des Landes ausbeuteten und Geschichte gleichsetzen mit der Geschichte einiger adliger Familien. Sie wusste genau, wie sie in die Rolle der Prinzessin passte und wie wenig in jede andere. Aber sie besaß kein Gespür für die reelle Geschichte, in die sie nun eingebettet war oder die Wucht jener Kräfte, die sie in Bewegung setzte. Zunächst sagte sie noch, sie habe Angst vor den Menschenmengen, die sich versammelten, um sie zu bewundern. Dann begann sie, sie zu füttern."

Salman Rushdies neuer Roman "The Golden House" beginnt mit der Ära Obama und endet mit Donald Trump. Im Gespräch mit Emma Brockes muss Rushdie gestehen, dass die politische Katastrophe literarisch sehr ergiebig ist. Allerdings sieht Rushdie in Trump weniger Grund als Symptom für die Krise, wie Brockes lernt: "Durch die Verortung des Romans in den Jahren vor Trump, schuf er nicht nur eine Elegie auf Präsident Obama, sondern zeigt gleichzeitig, dass Trump nicht einfach aus einem Vakuum entstanden ist. 'Einer der Gründe, warum ich dieses Buch schreiben konnte, war der, dass vieles von dem, was Trump verkörpert und entfesselt hat, bei genauem Hinsehen, schon vor ihm da war, etwas, was auch bei seiner Niederlage nicht zerstört worden wäre. Wenn man einmal den Korken aus der Flasche zieht, fliegen die Dinge nach draußen."

Magazinrundschau vom 29.08.2017 - Guardian

Die Schriftstellerin Dina Nayeri, selbst als Tochter einer evangelikalen Christin im Iran aufgewachsen, beschreibt, wie apokalyptisches Denken und  politischer Nihilismus das Land untergraben. Wer seine Zukunft kennt, braucht sie nicht zu gestalten: "Es gibt keinen Grund, vorzusorgen, den Klimawandel aufzuhalten, Frieden zu zu sichern - denn Kriege, Hunger und Katastrophen sind vorherbestimmt und daher unvermeidbar. Wenn Statistiken zeigen, dass die Gewalt in den USA abnimmt, dann sagen sie: 'Ja, aber nur pro Kopf!' Insgesamt geht sie rauf, wie es die Bibel vorhersagt.' Wenn ein Politiker zu geschickt agiert, zu freundlich gegenüber den Liberalen, dann ist er ein Kandidat für den Antichrist - den Herrscher der gottlosen Welt nach der Entrückung. König Juan Carlos von Spanien war ein Kandidat, wie es auch JFK und sogar Ronald Reagan waren. In ihren Gesprächen zählten die Leute die Zeichen und wurden umso atemloser, je mehr die Liste anwuchs: Der Golfkrieg, Hurrikan Andrew, das Erdbeben in Kobe, der Monsun in Pakistan, Fluten in China, Tornados in Oklahoma, Blizzards in Boston. Sie redeten über den Niedergang der Familienwerte und des 'natürlichen' Lebens: Abtreibung, schwule Soldaten und den Hang junger Leute, in Sünde zu leben - alles waren Zeichen für das Nahen der Großen Trübsal."

Die Schriftstellerin Rebecca Solnit hängt in einem Essay dem Gedanken nach, wie es wäre, ein Mann zu sein. Wie kann man als Mann die Erwartung, die an einen gerichtet sind, erfüllen? Oder besser noch: unterlaufen? "Es gibt so viele Dinge, die Männer nicht sagen, fühlen oder tun sollen; immer wird darauf geachtet, dass gerade Jungen nichts tun, was gegen die Gepflogenheiten der heterosexuellen Männlichkeit verstößt; für die pubertären Jungen, für die es  immer noch die schlimmste aller Beleidigungen ist, schwul oder verweichlicht zu sein - also nicht heterosexuell oder männlich. In den siebziger Jahren dachten einige Männer darüber nach, wie ihre eigene Befreiung parallel zu jener der Frauen aussehen könnte. Es gab eine Demonstration, auf der Typen ein Schild hochhielten mit der Aufschrift: Männer sind mehr als bloße Erfolgsobjekte."

Und Autor Stuart Kells freut sich zudem, dass er jetzt auch in den ehrwürdigsten Bibliotheken Pulp zu lesen bekommt.

Magazinrundschau vom 22.08.2017 - Guardian

Der Guardian übernimmt einen Text des syrischen Autors Khaled Khalifa aus der Anthologie "Refugees Worldwide", einem Projekt des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Khalifa blickt auf die große Fluchtbewegung aus der Sicht eines Dagebliebenen: "2013 und 2014 organisierten wir in Damaskus gruppenweise Abschiedsfeiern für die Freunde, die ins Unbekannte aufbrachen. Wir diskutierten nicht mehr über Möglichkeiten und gaben ihnen auch keine Tipps für Städte, die wir kannten. Das Land zu verlassen wurde zu einer Epidemie, die alle ergriff. Die Orte leerten sich, alles veränderte sich ungeheuer schnell. Die Straßen lagen verlassen da, die Fenster waren verdunkelt und die Telefone stillgelegt. Alles zeugte von Zusammenbruch. Jeder spürte ihn. Mich überkam ein überwältigendes Gefühl des Verlusts, alle meine Freunde gingen weg, und ich konnte nichts tun. Während alle anderen das Land verließen, war ich damit beschäftigt zu überleben. Wir dachten nicht länger darüber nach, wer alles gehen könnte. Die Fragen hatten sich geändert zu: 'Wann geht Ihr?' oder 'Warum seid Ihr noch da?'."

Neoliberalismus ist übrigens kein linker Kampfbegriff, sekundiert Stephen Metcalf im Guardian, sondern eine ökonomische Realität, wie auch der IWF einräumt. Vor allem aber ist er ein Denkschema: "Neoliberalismus ist nicht nur die Bezeichnung für eine Politik, die mehr Markt will, oder für die Kompromisse mit dem Finanzkapitalismus, die schächelnde Sozialdemokraten eingehen. Neoliberalismus bezeichnet die Prämisse, die unmerklich zur Leitlinie all unseres Denkens und Tuns geworden ist: Dass Wettbewerb das einzig legitime Organisationprinzip menschlichen Handelns sei."

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - Guardian

Im Guardian arbeitet Cathy Otten in einem langen Report die Versklavung von mehr als sechstausend Jesidinnen durch den Islamischen Staat auf. In den Proklamationen des IS kam ihre Versklavung den Frauen zugute, schließlich stünden sie nach der Ermordung ihrer Ehemänner, Väter und Brüder ohne Schutz da. Tatsächlich aber diente das Versprechen von sexueller Beute vor allem der Rekrutierung neuer Kämpfer. Den Terror, der sich in Sindschar nach der Einnahme durch den IS abspielte, schildert Otten so: "Viele der Frauen und Kinder, die in Sindschar gefangen genommen wurden, hatten gesehen oder gehört, wie ihre männlichen Verwandten von eben den IS-Kämpfern getötet worden waren, die sie nun bewachten. In ihren Gefängnissen im Irak und Syrien, empfanden die Frauen 'Entsetzen, schon wenn sie Schritte in den Korridoren und Schlüssel in in den Türen hörten', heißt es in einem Report des UN-Kommissar für Syrien, der die Verbrechen gegen die Jesiden als Völkermord einstuft. 'Die ersten zwölf Stunden der Gefangenschaft bestanden aus stetig wachsendem Terror. Das Herausgreifen der Mädchen war von lauten Schreien begleitet, während sie gewaltsam aus dem Raum gezerrt wurden, die Mütter und andere Frauen, die sie festzuhalten versuchten, wurden von den Wachen brutal geschlagen. Jesidische Frauen und Mädchen begannen sich selbst zu zerkratzen, um sich für mögliche Käufer unattraktiv zu machen.' Am Anfang waren die Frauen und Mädchen noch in vorbereitete Unterkünfte im Irak gebracht worden, wo sie IS-Kämpfern ausgehändigt wurden, die sich am Angriff auf Sindschar beteiligt hatten. Um nicht vergewaltigt zu werden, töteten sich mehrere Mädchen, sie schnitten sich ihre Pulsadern oder ihre Kehlen auf, erhängten sich und stürzten sich vom Dach der Gebäude."

Magazinrundschau vom 18.07.2017 - Guardian

Auch unter Ökonomen sind die einstigen Befürworter der Globalisierung kleinlaut geworden, bemerkt Nikil Saval mit Blick auf Paul Krugmann oder Thomas Friedman oder sie sind ganz ins Lager der Protektionisten übergelaufen wie der einstige Oberglobalisierer Larry Summers. Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik hat allerdings schon immer gewusst, dass Globalisierung dann am besten funktioniert, wenn man es nicht mit ihr übertreibt, wie zum Beispiel im guten alten Gatt-System, dem General Agreement on Tariffs and Trades: "Gatt bestand aus einer Reihe von Freihandelsregeln, die von den Mitgliedsländers in etlichen multinationalen Runden ausgehandelt wurden und viele Bereiche der Weltwirtschaft unbehelligt ließen, etwa die Landwirtschaft. 'Das Ziel von Gatt war nie ein Maximum an Freihandel', schreibt Rodrik, sondern ein Maximum an Handel zwischen Nationen, die ansonsten ihr eigenes Ding machen. In dieser Hinsicht war das System extrem erfolgreich. Weil Gatt nicht dogmatisch auf den Freihandel blickte, erlaubte es den meisten Ländern, sich in einem mehr oder weniger internationalen Rahmen eigene wirtschaftliche Ziele zu setzen. Wenn ein Land befand, dass ein spezieller Teil des Abkommens seinen nationalen Interessen zuwiderlaufe, fand es 'Schlupflöcher, durch die auch ein Elefant gepasst hätte', wie Rodrik schreibt. Wenn ein Land zum Beispiel seine Stahlindustrie schützen wollte, konnte es nach den Gatt-Regeln eine Art Verletzungspause reklamieren und die Zölle anheben, um von Stahl-Importe abzuschrecken: Aus Sicht des Freihandels eine Abscheulichkeit. Aber das war sinnvoll für die Länder, die sich vom Krieg erholen und über Zölle eine eigene Industrie aufbauen mussten. Von 1948 bis 1990 wuchs der Welthandel im Jahr um durchschnittlich sieben Prozent - schneller als in den postkommunistischen Jahren, die wir für den Höhepunkt der Globalisierung halten."

Weiteres: Überhaupt ist Ökonomie die neue Religion geworden, glaubt John Rapley. Und David Runciman erklärt noch einmal, warum der Klimawandel die entscheidende politische Frage unserer Zeit ist.

Magazinrundschau vom 11.07.2017 - Guardian

Vor zehn Jahren prangerte Naomi Klein in ihrem Buch "Schock-Strategie" den Katastrophen-Kapitalismus an. Als Beispiel diente ihr New Orleans, dessen öffentliche Infrastruktur so lange vernachlässigt wurde, bis ein einziger, nicht mal besonders starker Sturm ausreichte, die halbe Stadt zu versenken, um sie hinterher privat wieder aufbauen zu lassen. Damals verantwortlich für die Strategie: Mike Pence. Sollte sie mit ihrer Warnung recht behalten? Sie fürchtet es: "New Orleans ist die Blaupause für den Katastrophen-Kapitalismus - entworfen vom derzeitigen Vize-Präsidenten und der Heritage Foundation, dem extrem rechten Think Tank, von dem sich Trump einen großen Teil seines Hauhaltsplans hat schreiben lassen... Die Präsenz von hoch militarisierter Polizei und bewaffneten Söldnern hat in New Orleans noch viele überrascht. Doch seitdem hat sich ihre Erscheinung exponentiell ausgebreitet, im ganzen Land sind lokale Polizeikräfte von oben bis unten militärisch ausgerüstet, einschließlich Drohnen und Panzer, während private Sicherheitsfirmen für Training und Unterstützung sorgen. Das Katrina-Experiment ist auch ein Warnsignal für all jene, die sich etwas von der einen Billion Dollar erhoffen, die Trump für die Infrastruktur ausgeben will. ...  Angesichts von Trumps Unternehmensbilanz und Pence' Rolle in der Regierung, gibt es allen Grund zu fürchten, dass aus dem großen Infrastruktur-Programm eine Katrina-ähnliche Kleptokratie wird, eine Regierung von Dieben, die sich im Mar-a-Lago-Stil mit riesigen Summen an Steuergelder bereichert."

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - Guardian

Stephen Buranyi knöpft sich in einem großen Report die skandalöse Praxis der Wissenschaftsverlage wie Reed-Elsevier vor, die staatlich finanzierte Wissenschaftler für sich umsonst arbeiten lassen, um ihre Zeitschriften dann zu horrenden Preisen an staatliche Universitäten zu verkaufen. Selbst Ökonomen kapitulieren vor diesem bizarr parasitären Modell, dass Reed-Elsevier Umsätze von Milliarden garantiert, bei Profitraten von 35 bis 40 Prozent - mehr als Apple oder Google. Buranyi beschreibt aber auch, welche Verzerrungen der Wissenschaft dies mit sich bringt: "Die Journale bevorzugen neue und spektakuläre Resultate - sie wollen schließlichen Abonnements verkaufen -, und da Wissenschaftler genau wissen, welche Arbeiten publiziert werden, richten sie ihre Beiträge entsprechend aus. Das produziert einen stetigen Strom von Veröffentlichungen, deren Bedeutung sofort sichtbar ist. Aber es bedeutet auch, dass Wissenschaftler keinen akkuraten Überblick über ihr Forschungsfeld haben. Manche Forscher geraten ungewollt in Sackgassen, in denen sich auch schon ihre Kollegen fanden, einzig und allein, weil die relevanten wissenschaftlichen Publikationen niemals Informationen über Misserfolge veröffentlicht haben. Eine Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass die Hälfte aller klinischen Versuche aus den USA niemals in einem Journal veröffentlicht wurden."

Magazinrundschau vom 20.06.2017 - Guardian

Timothy Morton ist einer der angesagteste britischen Philosophen, Björk und Hans Ulrich Obrist himmeln den Ökotheoretiker an, wenn er mit den Mittel der Schauerromantik über Klimawandel, Ernährung und objektorientierte Ontologie spekuliert. Alex Bladel nimmt dem Propheten des Anthropozän zwar nicht alles ab, ist aber auch ganz schön beeindruckt: "Was Morton populär macht, sind seine Angriffe auf gewohnte Denkweisen. Sein meistzitiertes Buch, 'Ökologie ohne Natur', behauptet, dass wir unsere ganze Vorstellung von Natur vergessen können. Seiner Ansicht nach ist ein entscheidendes Merkmal unserer Welt das Vorhandensein enormer Dinge, die er Hyperobjekte nennt - die globale Erwärmung oder das Internet - die wir uns meist als abstrakte Ideen vorstellen, weil wir sie nicht verstehen, doch seien sie so real wie ein Hammer. Er glaubt, dass alle Lebewesen voneinander abhängig sind und dass alles im Universum ein Bewusstsein hat, von Felsen und Algen bis zu Messer und Gabel. Er behauptet, dass Menschen in gewisser Weise Cyborgs seien, denn wir bestehen aus allen möglichen nicht-menschlichen Komponenten. Er betont auch gern, dass eben der Stoff, der uns angeblich zu Menschen macht, unsere DNS, zum Großteil aus dem genetischen Material von Viren besteht. Er meint, dass wir bereits von einer primitiven Form künstlicher Intelligenz beherrscht werden: dem industriellen Kapitalismus. Zugleich glaubt er, dass dem Konsumdenken einige 'seltsame, aus Erfahrung gewonnene Chemikalien' eingeschrieben sind, die der Menschheit helfen werden, eine totale Ökokrise abzuwenden."