Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 31

Magazinrundschau vom 20.03.2018 - Eurozine

In autokratischen Systemen ist die Übergabe von Macht eine gefährliche Angelegenheit. Die entscheidende Frage wird nicht sein, wie Waldimir Putin sein neues Mandat ausfüllt, sondern wie er sich verabschieden wird, schreibt Mark Galeotti in einem nüchtern abwägenden Artikel in Eurozine. Er legt dar, wie Putin sich stets rührend um die Jelzin-Familie kümmerte (alles andere wäre schlecht für die eigene Zukunft gewesen!) Und er zeigt, dass womöglich eine Übervaterrolle für Putin geschaffen werden wird: "Darum denkt man bereits über eine Verfassungsänderung nach, um eine neue Position zu schaffen, vielleicht den Vorsitz des Staatsrats, der bisher eine Beratungsfunktion hat, jedenfalls irgendwie eine Rolle als 'Vater der Nation'. Der politische Analytiker Jewgeni Mintschenko nennt das einen 'russischen Ayatollah', aber man könnte ihn auch als einen gewählten konstitutionellen Zaren ansehen. Das würde sein Ego befriedigen, ihm erlauben, das System weiter anzuleiten und ihm den Schutz seiner Freunde und Alliierten sichern."
Stichwörter: Putin, Wladimir, Russland

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - Eurozine

Das moderne Europa ist das Ergebnis einer spektakulären Hybridisierung, schreibt der rumänische Kunsthistoriker Andrei Pleșu, es hat seine Kraft immer daraus gezogen, dass es Widersprüche und Krisen überwunden hat. Und es lässt sich nicht teilen in Nord und Süd oder Ost und West. Auch nicht in einen Kern und die Peripherie: "Europas erster harter Kern war der Mittelmeerraum. Er verlagerte sich erst von Athen nach Rom, bevor er in Konstantinopel weilte. Für eine Zeit lag der harte Kern in Aachen. Im siebzehnten Jahrhundert bildete Ludwig XVI. die europäische Avantgarde, im folgenden Jahrhundert war es England mit seiner Industriellen Revolution. 1815 war Europa im Wesentlichen gleichbedeutend mit der Heiligen Allianz, die Österreichs katholische Dynastie mit der protestantischen Preußens und der orthodoxen Russlands verband. Italien hatte seine großen Momente (die Renaissance), und die hatten auch Spanien und Holland. Und es bleibt abzuwarten, was der harte Kern nach der großen EU-Erweiterung sein wird, die zweihundert Millionen neue (Mittel-, Ost- und Südost-) Europäer geschaffen hat. Historisch betrachtet ähnelt Europa weniger einer Aprikose als einem Granatapfel. Oder, wie Pascal sagte, das Zentrum ist überall und die Peripherie nirgendwo. Es gibt ein lateinisches Europa und ein angelsächsisches, ein katholisches, ein jüdisches, ein protestantisches, ein orthodoxes, und jetzt gibt es auch, ob es und gefällt oder nicht, ein muslimisches Europa."

Die Juristin Grażyna Baranowska beleuchtet, wie Opfern historischer Verbrechen in der internationalen Rechtsprechung mehr und mehr ein Recht auf Wahrheit zugesprochen wird.

Magazinrundschau vom 12.02.2018 - Eurozine

In Eurozine blickt der Historiker Ferenc Laczó auf die europäische Geschichte vor und während des Zweiten Weltkriegs zurück und plädiert für eine offenere Diskussion um die Teilschuld der osteuropäischen Staaten am Holocaust. Seit 1989 ist der Zugriff auf osteuropäische Archive und damit eine breitere europäische Sicht auf die nationalsozialistischen Verbrechen möglich, doch über die eigene Beteiligung an der Judenvernichtung etwa in Rumänien, Slowakien, Kroatien, Ungarn, Litauen oder Polen wird ungern gesprochen: "Es mag wie Haarspalterei klingen, aber ich bin überzeugt, dass es einen großen Unterschied machen würde, wenn die 'absolute Verantwortung' der Deutschen und die 'Teilverantwortung' anderer Staaten durch eine weniger kategorische und hierarchische Perspektive ersetzt würde, die die deutsche Hauptverantwortung und die direkte Mitverantwortlichkeit der verschiedenen kooperierenden Staaten und Gesellschaften gleichermaßen betont. Meiner Ansicht nach kann diese subtile Veränderung einen wichtigen Schritt in der Europäisierung des Holocaustgedenkens bedeuten. Derzeit ist aber weder Deutschland, noch einer der anderen großen Akteure dazu bereit, so einen Wandel voranzutreiben."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - Eurozine

Eurozine hat die Stimmen von vier Frauen zur #metoo-Kampagne in ihren Ländern gesammelt: Ann Ighe berichtet aus Schweden, Réka Kinga Papp schreibt über Ungarn, Slavenka Drakulić schildert die Situation von Frauen in Osteuropa und die amerikanische Historikerin Claire Potter erinnert daran, wie lange die Diskussion in den USA schon geführt wird, wieviele Maßnahmen ergriffen wurden, die am Ende wenig Erfolg hatten. Vielleicht, meint sie, sollte man sich nicht auf den Sex konzentrieren, sondern auf Machtmissbrauch. Denn die Konzentration auf Sex führt oft zu Regeln, die dem Variantenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen nicht gerecht werden (in ihrem Fachbereich etwa, so Potter, sollen die Leute keine sexuellen Beziehungen mit Untergebenen haben, "aber sie haben sie andauernd"). Für Potter hat die Schauspielerin Lupita Nyong'o das Problem in ihrem NYT-Artikel über Harvey Weinstein am besten erklärt: "Nyong'o beschreibt, wie sie sozial und manchmal physisch von Weinstein eingekesselt wurde. Sie setzte dann entweder Grenzen oder verwischte sie, wenn es nötig war. Aber, erklärt sie, in den darstellenden Künsten 'ist das Intime oft professionell, darum sind die Grenzen verwischt'. Wenn Grenzen verwischt sind, dann wundert es nicht, wenn das Aufstellen von Regeln und die Erwartung, dass alle sich dran halten, versagt. Sollten wir statt dessen nicht eher überlegen, wie wir uns in diesen Grenzbereichen ethisch bewegen? Könnten wir nicht mehr lernen über die Machtungleichgewichte an unseren Arbeitsplätzen, die einige Menschen so verletzlich machen und andere verschonen?"

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - Eurozine

Kateryna Iakovlenko denkt darüber nach, wie Instagramfotos aus Kriegsgebieten wie der Ostukraine die Berichterstattung verändern und wie man künftig mit diesem Bildmaterial umgehen wird. In Zeiten von Fakenews sieht Iakovlenko das Potenzial einer "Humanisierung des Krieges" in den auf Instagram hochgeladenen Handyfotos, die den individuellen Blick eines Soldaten widerspiegeln. Das heißt aber nicht, meint sie, dass es keine Reflexion mehr über Bildinhalte gebe: "Die ukrainischen Soldaten, mit denen ich sprach, versicherten, niemals Fotos gepostet zu haben, die über strategische Planungen oder militärische Einsätze hätten Auskunft geben können, und dies, obwohl sie keinem offiziellen Verbot bezüglich Fotoinhalten folgen mussten. Um sich abzusichern, ob sie ein Foto in sozialen Medien veröffentlichen können, holten sie die Meinung ihrer Freunde ein, und wenn diese nein sagten, entfernten sie die Bilder von ihrer Seite oder stimmten gemeinsam ab, welches Bildmaterial gezeigt werden dürfte. Diese Form der 'Medien-Hygiene' oder das Bewusstsein für ethische Fragen rührt daher, dass junge Soldaten Bescheid wissen über die heutige Informationsverbreitung."

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - Eurozine

In rechtsextremen weißen Kreisen in den USA, aber auch Irland und Großbritannien kursiert der Mythos vom "irischen Sklaven", der meist Ausdruck des gegen Schwarze in den USA gerichteten Rassismus ist. Tatsächlich haben sich Iren vom 17.  bis ins 20. Jahrhundert bei Plantagenbesitzern und andern Unternehmern "verdingt"  - um ihre Überfahrt nach Amerika zu bezahlen, allerdings mit der Perspektive, aus dieser Knechtschaft entlassen zu werden. In der Karibik schufteten sie etwa auf Zuckerplantagen. Eine Sklaverei war das aber nicht, schreibt Bryan Fanning in der Dublin Review of Books (online bei Eurozine). Und wie immer ist Geschichte viel komplexer als die Fanatiker es sich ausmalen: "Berichte aus dem Jahr 1656 erzählen, dass Cornelius Bryan, ein Ire in Barbados, wegen 'aufrührerischer Reden' zu 21 Peitschenhieben auf seinen nackten Rücken verurteilt wurde. Dreißig Jahre später hinterließ er seiner Frau und seinen sechs Kindern ein Farmhaus, 22 Acres sowie 'elf Neger und ihre Nachkommenschaft'."

Außerdem in Eurozine: Eine Rede Slavenka Drakulics beim "Central European Forum" in Bratislava über ein berühmtes Foto des Fotografen Ron Haviv, das zum Symbol des Schreckens der Kriege in Bosnien wurde.

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - Eurozine

Maurice Earls gibt in der Dublin Review of Books (online in Eurozine) seiner herzlichen Schadenfreude über den Brexit-Schlamassel Ausdruck. Als Ire sieht er natürlich den Anti-Katholizismus als einen Faktor des britischen Exzeptionalismus. Sein Spott konzentriert sich dann ganz auf die Mohnblume im Knopfloch, mit der die Briten ihrer Veteranen, aber auch vergangener Größe gedenken: "David Cameron und Michael Gove waren bei einem Besuch in China einige Jahre nach der Rückgabe Hongkongs empört, dass man sie bat, ihre Mohnblumen zu entfernen, die in diesem Land als ein Symbol der nationalen Erniedrigung während der Opiumkriege angesehen werden. Sie sagten nein und beriefen sich auf ihre politische Freiheit. Damals glaubte der Westen noch, dass Kapitalismus nicht ohne parlamentarische Demokratie funktionieren könne. Nach dem Brexit wird das Vereinigte Königreich, oder was davon geblieben sein wird, Handelsbeziehungen mit der massiven chinesischen Wirtschaft suchen, und seine Repräsentanten könnten sich veranlasst sehen, die Mohnblume wegzustecken. Das Problem mit den Chinesen ist allerdings, dass sie ein gutes Gedächtnis haben. Und sie sind nicht die einzigen: Die Inder sind auch ein bisschen so."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - Eurozine

Eurozine hat einen Essay des russischen Autors Sergei Lebedew ins Englische übersetzt, der die Arbeit des Gulag-Forschers Yuri Dmitriew zum Thema hat. Dmitriew hat den unheimlichen Instinkt jener, die in Katastrophengebieten Opfer suchen, so Lebedew: "Sie fühlen, ahnen, sehen vorher, wo eine Gruppe gestorben sein könnte, was sie getötet haben könnte. Anderenfalls würde man sie nie finden, die Taiga ist zu riesig. Dmitriews Gabe, zusammen mit seinen erstaunlichen Fähigkeiten als Archivar und der Beharrlichkeit des Forschers mit dem entwickelten Gespür des Taiga-Spezialisten, ist von dieser Art. Diese Gabe ist ein Ruf und eine traurige Pflicht zu suchen; man kann sie nicht ablehnen, sublimieren, in etwas anderes umleiten. Solche Menschen sind lebende Radare; jeder auf einer bestimmten Wellenlänge. Sie können schwierig sein im Leben; die Gabe gibt nicht nur, sie nimmt auch. Sie kümmern sich nicht um wichtige Dinge und verstehen das Offensichtliche nicht. Sie wissen nicht, wie man aufhört, wie man seine Gefühle und Aktionen einteilt. Manchmal sind sie so selektiv blind wie sie selektiv sehend sind, fähig zum Hellsehen und zu Visionen. Sie sind die legendären Figuren des Nordens, Protagonisten der professionellen Folklore, Lokalhelden. Sie wissen wie man die disparaten kleinen Wörter des Nordens findet und zu etwas Ganzem zusammensetzt. Die Forscher und Scouts sind die ersten Agenten der Zivilisation, die Pioniere, die die Straßen bauen. Yuri Dmitriew bringt die Zivilisation zurück zu Orten, wo sie einst gewesen ist, in der kranken und antizivilisatorischen Form des Gulags, der nur die verborgenen Geschwüre der namenlosen Lagergräber hinterließ."

Außerdem: Manfred Sapper und Volker Weichsel schreiben anlässlich des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution über die russische Erinnerungspolitik. Naubet Bisenov erzählt, dass die Annexion der Krim die russlandfreundlichen Kasachen vorsichtig gemacht hat.

Magazinrundschau vom 07.11.2017 - Eurozine

In Eurozine ruft Steven Beller die Osteuropäer dazu auf, ihren Frieden mit der Europäischen Union zu machen. Als Teil eines supranationalen Reichs ging es den osteuropäischen Ländern immer denn als unabhängige Staaten, vor allem unter den Habsburgern: "Das Reich bot ihnen eine Raum, in dem die Enge nationaler Kategorien überwunden und beiseite gestellt werden konnte. Das Reich war in politischer Hinsicht auch, Ironie der Geschichte, eine Brutstätte des Nationalismus und des Antisemitismus. Doch außerhalb der politischen Sphäre bot der imperiale Raum die Chance für eine andere Logik, für die große Mitte und das Sowohl-Alsauch anstelle des Entweder-Oder. Es ermöglichte Hybride, Bindestrich-Identitäten und das Überschreiten konventioneller Identitäten, mit glänzenden Ergebnissen in vielen kulturellen, intellektuellen und künstlerischen Feldern, die, wie wir jetzt sehen, das Mitteleuropa von 1900 zu einem innovativen Zentrum des modernen Kunstschaffens und Denkens. All dies wurde mit dem Ersten Weltkrieg aufgegeben. Er führte 1918 zum Ende des Habsburgerreich und zur Errichtung des nationalistischen Systems an seiner Stelle. Nach dem Scheitern der Nationalismen zwischen 1918 und 1945 wurde Ostmitteleuropa das kommunistische System aufgedrückt, das ebenfalls scheiterte. Währenddessen entstand in Westeuropa eine neue multinationale Struktur, der Beginn der Europäischen Union. Sie war zum teil von der Erinnerung an das Heilige Römische Reich inspiriert, das seinerseits der Ursprung der imperialen Idee des Habsburgerreichs und seines modernen Nachfolgers war - auch wobei die EU in den meisten Punkten die weit überlegene, modernere, demokratischere Institution ist."

Magazinrundschau vom 31.10.2017 - Eurozine

In einem sehr faktenreichen Artikel zeichnet Anton Shekhovtsov für Eurozine nach, wie Russland nach dem Georgien-Krieg, den es als militärischen Sieg, aber propagandistische Niederlage ansah, seine Soft Power mit Medien wie Russia Today (RT) anreicherte, indem es den Sender skrupellos rechtsextremen "Experten" (und nebenbei willfährigen westlichen Interviewpartern wie Corbyn oder Gabriel) zur Verfügung stellte. Russland hat dabei bekanntlich mehr Siege als Niederlagen eingesteckt. Shekhovtsov ist auch der Meinung, dass der überraschende Wahlerfolg der AfD nach einer monatelangen Schwächephase dieser Partei, russischer Hilfe und der Mobilisierung der Russlanddeutsche mit zu verdanken sei: "Bei der Bundestagswahl bekam die AfD 12,6 Prozent der Stimmen und wurde damit zur drittstärksten Partei in Deutschland - ein historischer Erfolg für die extreme Rechte in Deutschland. Viele Berichte und Analysen bestätigten, dass ein großer Teil der 'russischen Welt' in Deutschland für die AfD stimmte, vor allem im ehemaligen Ostdeutschland. Im Mai 2017, das heißt vor dem Start der aggressiven Phase der Anti-Merkel-, Anti-Flüchtlings-, Pro-AfD- und Pro-Russland-Kampagne, die von russischen und westlichen Aktivisten der extremen Rechten massiv verstärkt wurde, hatten Umfragen der AfD noch 7 bis 9 Prozent der Stimmen zugebilligt."