Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 31

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - Eurozine

Mykoly Balaban versucht sich zu erklären, wie die Berichterstattung über den Krieg im Osten der Ukraine im Nebel postfaktischer Propaganda versinken konnte: "Dass wir uns kein genaues Bild von der Lage machen können, liegt auch daran, dass die internationalen Medien keine eigenen Korrespondenten in der Ukraine haben, die mit Sprache und Eigenheiten des Landes vertraut sind. Seit sowjetischen Zeiten dient Moskau als Basis für internationale Journalisten, von dort aus decken sie eine Region ab, die der früheren Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten entspricht. Wenn sie also über eine sich entwickelnde Geschichte berichten, beziehen sie ihre Informationen aus zweiter und dritter Hand, meist aus russischen Massenmedien, die einen verfestigt einseitigen Blick auf die Auseinandersetzungen in der Ukraine haben. Das Narrativ, das sie aus diesen ziehen, lautet im Grunde, dass der ukrainische Staat kollabierte, das Land in totalem Chaos versank, nationalistische und faschistische Gangs sich gewaltsame Kämpfe lieferten und die Ukraine nicht in der Lage war, ihre eigene Bevölkerung zu schützen."

Nach dem Gesetz, das es verbietet, Polen eine Mitschuld am Holocaust zu geben, kursiert in Warschau eine wahrhaft geschmacklose Idee: Wie Konstanty Gebert berichtet, trumpfte der PR-Berater der Regierung mit der Idee auf, an das - unbestreitbare - Leid des polnischen Volkes im Zweiten Weltkrieg in einem Polocaust-Museum zu erinnern.

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - Eurozine

Zuzana Hudakova zieht traurige Bilanz nach dreißig Jahren Wende in Tschechien und der Slowakei. In beiden Ländern haben sich parallel und zeitlgleich Systeme der Korruption herausgebildet, in denen ehemalige Stasileute, Regierungmitglieder und Oligarchen ein undurchdringliches Geflecht bilden. Der im Februar ermordete Journalist Jan Kuciak recherchierte zwar über die Iialienische Mafia - aber sie ist nur ein Teil des Problems, so Hudakova: "Andrej Ban, ein Reporter der slowakischen Tageszeitung Dennik N, der über landwirtschaftlichen Subventionsbetrug in der Ostslowakei geschrieben hat, sagte bei einer Kundgebung am 5. April, dass er nach der italienischen Mafia gesucht habe, 'aber ich habe nur eine slowakische gefunden', und er ergänzte, dass die meisten Menschen, mit denen er gesprochen hatte, 'vor allem Angst vor 'Unserem Volk' hatten, Leuten, die der Regierungspartei nahestehen und nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch die Polizei und die Strafverfolgungsbehörden kontrollieren."

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - Eurozine

Der kanadische Psychologe Jordan Peterson kritisiert im Interview mit Luka Lisjak Gabrijelčič scharf eine "radikal linke Ideologie", die von kanadischen Universitäten ausgehend Gesetze propagiert, die eine gender-neutrale Sprache zur Pflicht machen soll - Sanktionen bei Verstoß inbegriffen. Peterson glaubt keine Sekunde, dass es dabei um die Rechte von Minderheiten geht. Er sieht vielmehr einen politischen Aktivismus am Werk, der "versucht, die Identitäten von Opfergruppen zu nutzen, um eine egalitäre Utopie voranzutreiben. Es ist die Wiederaufnahme des Kampfes zwischen einer im wesentlichen marxistischen Position und den klassischen Werten des Westens, die das autonome Individuum zur höchsten Kraft machen. Ein Optimist hätte gehofft, dass dieser Kampf mit dem Fall der Berliner Mauer zu Ende ging. Ein utopisches Schema, das alle Gruppen gleich macht, klingt grundsätzlich gut. Aber die Geschichte der Sowjetunion lehrt uns, dass die Folgen des utopischen Egalitarismus unerträglich sind. Eine postmoderne Version eines widerlichen radikalen Egalitarismus hat es geschafft, die klassischen Geisteswissenschaften zu marginalisieren, und sitzt jetzt im Herzen der westlichen Universität."

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - Eurozine

Eurozine übernimmt aus der slowakischen Tageszeitung Dennik N Samuel Abraháms Artikel über "Dreißig Tage, die die Slowakei erschütterten". Der Autor überprüft hier Schritt für Schritt, wie die Institutionen und die Zivilgesellschaft des Landes auf die Ermordung des Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova reagieren. Interessant besonders die Details, etwa wie sich das Wahlsystem auf das Verhalten der Parlamentsabgeordneten auswirkt: "Es muss immer wieder wiederholt werden, dass das aktuelle Wahlsystem, in dem die Slowakei als ein einziger, fünf Millionen starker Wahlkreis gilt, Abgeordnete hervorbringt, die nur ihren Parteiführern und keiner bestimmten Region gegenüber rechenschaftspflichtig sind. So können alle 150 Abgeordneten anonym abstimmen und die Bedürfnisse der Wähler ignorieren… Diese Abgeordneten müssen die Wähler nicht konsultieren, weil es keine definierte Gruppe gibt, der gegenüber sie rechenschaftspflichtig sind. Sie sind im Parlament, weil ihre Position auf der Wahlliste von einem Parteiboss entschieden wurde, nicht weil sie die Wähler in ihrer Region von ihrem moralischen Charakter und ihren beruflichen Fähigkeiten überzeugen mussten."
Stichwörter: Slowakei, Kuciak, Jan

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - Eurozine

Im Jahr 1975, ganz kurz nach dem Ende Francos, wollte in spanischer Polizist eine Reproduktion von Goyas "Nackter Maja" in einem Schaufenster verbieten - und erntete das Gespött der spanischen Intellektuellen. Im Jahr 2017 zirkulierte in New York eine Petition, um ein Gemälde Balthus' abhängen zu lassen, das ein laszives Mädchen zeigte - und dieser Protest repräsentiert die neueste Variante des radical chic. In Letras Libres (englisch in Eurozine) denkt der Madrider Philosoph José Luis Pardo darüber nach, was sich in diesen vierzig Jahren verändert hat. In Zeiten der Identitätspolitk, so konstatiert er, ist die Idee eines universalen Rechts erodiert: "Wenn die Idee eines 'allumfassenden Kollektivs' verschwindet und damit antagonistische Identitäten zwangsläufig an seine Stelle treten, dann verlieren streitende Parteien das Vertrauen in Gerechtigkeit (denn ihre 'Differenz' widersetzt sich einer Reduktion auf Gleichheit vor dem Gesetz) und suchen das Recht der Opfer auf Rache, die nicht Gerechtigkeit will, sondern eher die Demütigung des Feindes und versuchen zugleich... , alle Irrtümer der Geschichte im Licht ihrer verletzten Identität zu korrigieren, auch die kunsthistorischen."

Lesenswert auch das Gespräch Thomas Casadeis mit dem sozialdemokratischen Publizisten Michael Walzer, Herausgeber von Dissent, über die OktoberrevolutionEurozine übernimmt es aus der italienischen Zeitschrift Il Mulino (hier das Original). In glasklaren Sätzen fertigt Walzer die Idee einer "Avantgarde" ab: "Die Avantgarde-Theorie ist eine der wichtigsten Doktrinen der radikalen oder revolutionären Linken. Ich glaube, es ist eine gefährliche Doktrin. Natürlich hat jede Revolution Anführer, aber eine Avantgarde ist eine sehr spezielle Art der Führung. Ihre Mitglieder behaupten, die Wahrheit über Geschichte und Gesellschaft zu wissen. Sie haben das 'falsche Bewusstsein' der Massen überwunden und sie beanspruchen das Recht -  ein absolutes Recht - auf Führung und später Herrschaft auf der Basis ihres 'richtigen Bewusstseins'. An der Macht sind sie gegenüber jedem, der die Wahrheit nicht kennt, radikal intolerant."

Magazinrundschau vom 20.03.2018 - Eurozine

In autokratischen Systemen ist die Übergabe von Macht eine gefährliche Angelegenheit. Die entscheidende Frage wird nicht sein, wie Waldimir Putin sein neues Mandat ausfüllt, sondern wie er sich verabschieden wird, schreibt Mark Galeotti in einem nüchtern abwägenden Artikel in Eurozine. Er legt dar, wie Putin sich stets rührend um die Jelzin-Familie kümmerte (alles andere wäre schlecht für die eigene Zukunft gewesen!) Und er zeigt, dass womöglich eine Übervaterrolle für Putin geschaffen werden wird: "Darum denkt man bereits über eine Verfassungsänderung nach, um eine neue Position zu schaffen, vielleicht den Vorsitz des Staatsrats, der bisher eine Beratungsfunktion hat, jedenfalls irgendwie eine Rolle als 'Vater der Nation'. Der politische Analytiker Jewgeni Mintschenko nennt das einen 'russischen Ayatollah', aber man könnte ihn auch als einen gewählten konstitutionellen Zaren ansehen. Das würde sein Ego befriedigen, ihm erlauben, das System weiter anzuleiten und ihm den Schutz seiner Freunde und Alliierten sichern."
Stichwörter: Putin, Wladimir, Russland

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - Eurozine

Das moderne Europa ist das Ergebnis einer spektakulären Hybridisierung, schreibt der rumänische Kunsthistoriker Andrei Pleșu, es hat seine Kraft immer daraus gezogen, dass es Widersprüche und Krisen überwunden hat. Und es lässt sich nicht teilen in Nord und Süd oder Ost und West. Auch nicht in einen Kern und die Peripherie: "Europas erster harter Kern war der Mittelmeerraum. Er verlagerte sich erst von Athen nach Rom, bevor er in Konstantinopel weilte. Für eine Zeit lag der harte Kern in Aachen. Im siebzehnten Jahrhundert bildete Ludwig XVI. die europäische Avantgarde, im folgenden Jahrhundert war es England mit seiner Industriellen Revolution. 1815 war Europa im Wesentlichen gleichbedeutend mit der Heiligen Allianz, die Österreichs katholische Dynastie mit der protestantischen Preußens und der orthodoxen Russlands verband. Italien hatte seine großen Momente (die Renaissance), und die hatten auch Spanien und Holland. Und es bleibt abzuwarten, was der harte Kern nach der großen EU-Erweiterung sein wird, die zweihundert Millionen neue (Mittel-, Ost- und Südost-) Europäer geschaffen hat. Historisch betrachtet ähnelt Europa weniger einer Aprikose als einem Granatapfel. Oder, wie Pascal sagte, das Zentrum ist überall und die Peripherie nirgendwo. Es gibt ein lateinisches Europa und ein angelsächsisches, ein katholisches, ein jüdisches, ein protestantisches, ein orthodoxes, und jetzt gibt es auch, ob es und gefällt oder nicht, ein muslimisches Europa."

Die Juristin Grażyna Baranowska beleuchtet, wie Opfern historischer Verbrechen in der internationalen Rechtsprechung mehr und mehr ein Recht auf Wahrheit zugesprochen wird.

Magazinrundschau vom 12.02.2018 - Eurozine

In Eurozine blickt der Historiker Ferenc Laczó auf die europäische Geschichte vor und während des Zweiten Weltkriegs zurück und plädiert für eine offenere Diskussion um die Teilschuld der osteuropäischen Staaten am Holocaust. Seit 1989 ist der Zugriff auf osteuropäische Archive und damit eine breitere europäische Sicht auf die nationalsozialistischen Verbrechen möglich, doch über die eigene Beteiligung an der Judenvernichtung etwa in Rumänien, Slowakien, Kroatien, Ungarn, Litauen oder Polen wird ungern gesprochen: "Es mag wie Haarspalterei klingen, aber ich bin überzeugt, dass es einen großen Unterschied machen würde, wenn die 'absolute Verantwortung' der Deutschen und die 'Teilverantwortung' anderer Staaten durch eine weniger kategorische und hierarchische Perspektive ersetzt würde, die die deutsche Hauptverantwortung und die direkte Mitverantwortlichkeit der verschiedenen kooperierenden Staaten und Gesellschaften gleichermaßen betont. Meiner Ansicht nach kann diese subtile Veränderung einen wichtigen Schritt in der Europäisierung des Holocaustgedenkens bedeuten. Derzeit ist aber weder Deutschland, noch einer der anderen großen Akteure dazu bereit, so einen Wandel voranzutreiben."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - Eurozine

Eurozine hat die Stimmen von vier Frauen zur #metoo-Kampagne in ihren Ländern gesammelt: Ann Ighe berichtet aus Schweden, Réka Kinga Papp schreibt über Ungarn, Slavenka Drakulić schildert die Situation von Frauen in Osteuropa und die amerikanische Historikerin Claire Potter erinnert daran, wie lange die Diskussion in den USA schon geführt wird, wieviele Maßnahmen ergriffen wurden, die am Ende wenig Erfolg hatten. Vielleicht, meint sie, sollte man sich nicht auf den Sex konzentrieren, sondern auf Machtmissbrauch. Denn die Konzentration auf Sex führt oft zu Regeln, die dem Variantenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen nicht gerecht werden (in ihrem Fachbereich etwa, so Potter, sollen die Leute keine sexuellen Beziehungen mit Untergebenen haben, "aber sie haben sie andauernd"). Für Potter hat die Schauspielerin Lupita Nyong'o das Problem in ihrem NYT-Artikel über Harvey Weinstein am besten erklärt: "Nyong'o beschreibt, wie sie sozial und manchmal physisch von Weinstein eingekesselt wurde. Sie setzte dann entweder Grenzen oder verwischte sie, wenn es nötig war. Aber, erklärt sie, in den darstellenden Künsten 'ist das Intime oft professionell, darum sind die Grenzen verwischt'. Wenn Grenzen verwischt sind, dann wundert es nicht, wenn das Aufstellen von Regeln und die Erwartung, dass alle sich dran halten, versagt. Sollten wir statt dessen nicht eher überlegen, wie wir uns in diesen Grenzbereichen ethisch bewegen? Könnten wir nicht mehr lernen über die Machtungleichgewichte an unseren Arbeitsplätzen, die einige Menschen so verletzlich machen und andere verschonen?"

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - Eurozine

Kateryna Iakovlenko denkt darüber nach, wie Instagramfotos aus Kriegsgebieten wie der Ostukraine die Berichterstattung verändern und wie man künftig mit diesem Bildmaterial umgehen wird. In Zeiten von Fakenews sieht Iakovlenko das Potenzial einer "Humanisierung des Krieges" in den auf Instagram hochgeladenen Handyfotos, die den individuellen Blick eines Soldaten widerspiegeln. Das heißt aber nicht, meint sie, dass es keine Reflexion mehr über Bildinhalte gebe: "Die ukrainischen Soldaten, mit denen ich sprach, versicherten, niemals Fotos gepostet zu haben, die über strategische Planungen oder militärische Einsätze hätten Auskunft geben können, und dies, obwohl sie keinem offiziellen Verbot bezüglich Fotoinhalten folgen mussten. Um sich abzusichern, ob sie ein Foto in sozialen Medien veröffentlichen können, holten sie die Meinung ihrer Freunde ein, und wenn diese nein sagten, entfernten sie die Bilder von ihrer Seite oder stimmten gemeinsam ab, welches Bildmaterial gezeigt werden dürfte. Diese Form der 'Medien-Hygiene' oder das Bewusstsein für ethische Fragen rührt daher, dass junge Soldaten Bescheid wissen über die heutige Informationsverbreitung."