Magazinrundschau

Eine etwas chaotische Gemeinschaft

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
16.11.2021. In Atlantic nimmt Anne Applebaum die Autocracy Inc. unter die Lupe. Die Afrikaner waren auch vor der Kolonisierung oft schwulenfeindlich, erklärt David Tonghou Ngong in Africa is a Country. Was Kunststudenten als Kamikazeflieger qualifiziert, erklärt die LRB. Im New Yorker fürchtet Masha Gessen um die Pressefreiheit in Russland. The Nation gibt der Ukraine die Schuld am andauernden Krieg im Donbass. Im New York Magazine deutet David Wallace-Wells die Klimakrise als Betrug des Nordens am Süden.

The Atlantic (USA), 01.12.2021

Die Autokratien des 21. Jahrhunderts haben nichts mehr mit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts gemein, schreibt Anne Applebaum in einem deprimierenden Ausblick auf das neue, erfolgreiche und sich ständig ausweitende Netzwerk von Pariah-Staaten: Belarus, China, Iran, Kuba, Russland, Venezuela, Myanmar, Syrien, Afghanistan, Saudi Arabien, Pakistan, die Türkei, Angola, Kasachstan, um nur ein paar zu nennen. "Heutzutage werden die Autokratien nicht mehr von einem Schurken geführt, sondern von ausgeklügelten Netzwerken aus kleptokratischen Finanzstrukturen, professionellen Propagandisten und Sicherheitsdiensten (Militär, Polizei, Paramilitärs, Überwachung). Die Mitglieder dieser Netzwerke sind nicht nur innerhalb eines Landes miteinander verbunden, sondern über mehrere Länder hinweg. Die korrupten, staatlich kontrollierten Unternehmen in der einen Diktatur machen Geschäfte mit den korrupten, staatlich kontrollierten Unternehmen in der anderen. Die Polizei in einem Land bewaffnet und trainiert die Polizei im anderen. Die Propagandisten teilen Ressourcen - die Trollfarmen - und Themen - dröhnende Botschaften über die Schwäche der Demokratie und das böse Amerika. Das heißt aber nicht, dass es einen supergeheimen Raum gibt, in dem sich die bösen Buben treffen wie in einem James-Bond-Film. Auch nicht, dass die neuen autokratischen Allianzen eine einheitliche Ideologie teilen. Unter den modernen Autokraten sind Leute, die sich selbst Kommunisten nennen, Nationalisten oder Theokraten. Diese Gruppe wird nicht von einem Land angeführt. Washington spricht zwar viel über den chinesischen Einfluss, aber was die Mitglieder in diesem Klub wirklich zusammenhält, ist das gemeinsame Verlangen, persönliche Macht und Reichtum zu sichern und zu vermehren. Anders als politische und militärische Allianzen früherer Zeiten, operieren die Ländern nicht als Block, sondern eher als ein Konglomerat von Firmen - man nenne wir es Autocracy Inc. Sie sind nicht durch Ideale verbunden, sondern durch Geschäfte - Geschäfte, die den westlichen Sanktionen die Schärfe nehmen sollen oder der persönlichen Bereicherung dienen." Fast genauso deprimierend findet Applebaum allerdings das Desinteresse des Westens, ausdrücklich auch der Linken, an diesen Ländern und ihren Oppositionsbewegungen.
Archiv: The Atlantic

Africa is a Country (USA), 16.11.2021

Es gibt viele Gründe, warum Homosexualität in Afrika so oft kriminalisiert wird. Der beliebteste ist: Kolonialismus. "Was in diesen Debatten jedoch zu fehlen scheint, ist eine offene Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit einige Aspekte afrikanischer indigener Kulturen eine wichtige Ursache für homosexuellenfeindliche Einstellungen sein könnten", kritisiert der kamerunische Religionswissenschaftler David Tonghou Ngong. "Der ghanaischen feministischen Wissenschaftlerin für afrikanische Religionen, Mercy Amba Oduyoye, zufolge ist die afrikanische Homophobie möglicherweise auf den Wunsch nach Kindern zurückzuführen, ein Wunsch, der in vielen afrikanischen Gesellschaften häufig zur Stigmatisierung kinderloser Frauen - insbesondere verheirateter, kinderloser Frauen - führt. Vor Oduyoye hatten einige männliche afrikanische Religionswissenschaftler, wie der verstorbene John Mbiti aus Kenia und Bénézet Bujo aus der Demokratischen Republik Kongo, diesen Kinderwunsch als ganz normal angesehen. Mbiti vertrat die Ansicht, dass der Kinderwunsch mit der Hoffnung verbunden sei, ein Vorfahre zu werden, während Bujo argumentierte, dass dieser Kinderwunsch als grundlegend für die afrikanische Vorstellung von Gemeinschaft angesehen werden könne. Da die Gemeinschaft in Afrika einen hohen Stellenwert hat, ist für Bujo die Triade aus Mann, Frau und Kind(ern) unverzichtbar. Kinderlose und Homosexuelle, so das Argument, sind eine Bedrohung für diese heilsame Vision eines Lebens, in dessen Mittelpunkt das Wachstum der Gemeinschaft steht. Die Männer sahen in dieser Erzählung eine heilsame Lebensweise, aber Oduyoye sah eine Lebensweise, die nicht nur für die kinderlose Frau, sondern auch für queere Afrikaner höllisch war. Bei Oduyoye verbindet sich also das Patriarchat mit der Homophobie, um das Leben derjenigen auszulöschen, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen."

HVG (Ungarn), 13.11.2021

Der Verleger, Literaturhistoriker und Schriftsteller Krisztián Nyáry ist Herausgeber einer im Januar erscheinenden Anthologie von literarischen Texten, die sich mit Homosexualität beschäftigen. Der Sammelband erscheint, obgleich er nach einem kürzlich verabschiedeten Gesetz unter "Verbreitung unerwünschter sexuellen Propaganda" fällt und damit jungen Menschen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden darf. "Eine der Erkenntnisse in diesem Band ist, dass es Perioden in der europäischen Kulturgeschichte gab, als man über dieses Thema ziemlich frei sprechen konnte", erklärt Nyáry im Interview mit Hanna Csatlós, "es war kein Problem für eine Frau, ein Liebesgedicht an eine Frau zu schreiben, oder für einen Mann an einen Mann. Die gesamte antike Literatur beginnt damit, mit Sappho und Homer. Doch es gab auch Augenblicke, in denen man solche Gefühle verheimlichen musste, in solchen Texten ist das Sich-Verstecken, die Angst, das Schuldbewusstsein, das Verdrängen wesentlich stärker vorhanden. (…) In meinem Kopf lesen überwiegend junge Menschen dieses Buch, Gymnasiasten, für die es im Moment verboten ist, solche Bücher in Buchläden zu kaufen."
Anzeige
Archiv: HVG
Stichwörter: Homosexualität, Ungarn

London Review of Books (UK), 15.11.2021

Der Bildungsehrgeiz chinesischer Eltern hat hysterische Ausmaße angenommen, während zugleich die Arbeiterklasse gar nicht mehr einsieht, sich abzurackern, weil das bisschen Lohn sowieso für keine Wohnung reicht. Die KP muss also gegensteuern, wie Wang Xiuying in einem ihrer ungeheuer lesenswerten Berichte aus China erzählt. Als erstes hat Xi Jinping Videospiele für Kinder und Jugendliche verbieten lassen, zumal sie nur ein Prozent der Klientel stellen, aber 99 Prozent des Ärgers ausmachen. Aber Xi plant noch mehr: "Einige Journalisten behaupten, dass China zum deutschen Modell der beruflichen Bildung strebt, um seine Industriepläne besser umsetzen zu können. Das würde einen grundlegenden Kulturwandel bedeuten. Seit mehr als zweitausend Jahren wertet die chinesische Gesellschaft intellektuelle und literarische Beschäftigungen höher als technische oder manuelle Tätigkeiten, die eher mit Bauern, Handwerkern und Händlern verbunden werden. Wie Mengzi sagte: Wer mit dem Kopf arbeitet, herrscht, wer mit den Händen arbeitet, wird beherrscht.' Der Lohn von Arbeitern ist ist in den vergangenen Jahren schnell gestiegen, aber es wird noch lange dauern, bis ihr sozialer Status dem eines Doktors oder eines Professors gleichkommt. Die westlichen Geisteswissenschaften wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in das chinesische Bildungssystem integriert. Für Xi ist das Problem, dass die Universitäten zu viele Geisteswissenschaftler produzieren. Ägypten ist dafür sein abschreckendes Beispiel: ein aufgeblähtes Bildungssystem mit zu vielen Abgängern in den Geisteswissenschaften führt unaufhörlich zu Protesten und Revolten. Viel Gerede, kein Machen. Im April stellte ein Bericht der Chinesischen Volksbank fest, dass die ostasiatischen Länder wegen ihrer geisteswissenschaftlichen Überzahl in die Mittelschichtsfalle tappen. Es ist klar, dass die Bildung nun in eine utilitaristische Richtung gelenkt werden soll: Mehr Schüler werden in eine Berufsausbildung gedrängt, und die akademische Bildung auf Naturwissenschaften und Technologie konzentriert. Meine humanistisch ausgebildeten Freunde trösten sich damit, dass wir immerhin nicht im Krieg sind: Die Todesschwadronen der japanischen Kamikaze-Flieger schickten während des zweiten Weltkriegs 'nutzlose' Kunststudenten auf Selbstmordmission."

Novinky.cz (Tschechien), 15.11.2021

In den sozialen Medien Tschechiens hat sich eine lebhafte Debatte darüber entwickelt, ob es den Feiertag am 17. November (der an den Beginn der Samtenen Revolution 1989) erinnert, überhaupt noch braucht. Einige jüngere Stimmen meinen, es handele sich um einen Wohlfühltag der Boomer-Generation, um wohlfeilen Antikommunismus. Nicht wenige Gegenstimmen in den Medien haben daraufhin den Gedenktag klar verteidigt, darunter Saša Mitrofanov, russisch-tschechischer Journalist (und bekennender Boomer): Europa sei gerade nur einen Schritt entfernt von einem militärischen Konflikt, den Wladimir Putin über seinen Handlanger Lukaschenko an der weißrussisch-polnischen Grenze zu provozieren versuche, wobei er Flüchtlinge als lebende Schutzschilde missbrauche. "Putins Ziel ist dabei zuallererst, den Westen dazu zu bringen, ihn an den Verhandlungstisch derer zurückzuholen, die über die Weltgeschicke entscheiden." Dahinter stehe der Versuch, Europa in eine westliche und eine östliche Machtsphäre zu spalten. "Tschechien würde zu der russischen gehören." Wer heute also Antikommunismus als "wohlfeil" empfinde, der werde anders denken, sollten sich Putins Pläne realisieren. Saša Mitrofanov schließt: "Mit dem 17. November 1989 begann ein Prozess, der die heutigen Debatten darüber, ob und wie wir diesen Gedenktag begehen sollten, überhaupt erst möglich gemacht hat."
Archiv: Novinky.cz

New Yorker (USA), 22.11.2021

Masha Gessen sorgt sich um die Pressefreiheit in Russland. Ein Leuchtfeuer ist die Nowaja Gaseta mit ihrem Gründer Dmitri Muratow, der den diesjährigen Friedensnobelpreis erhielt: "Unter Muratow hat Nowaja Gaseta fast 30 Jahre überlebt, länger als jedes andere unabhängige Medienunternehmen in Russland. Die Zeitung erscheint dreimal pro Woche als Printausgabe in einer Auflage von 90000 Exemplaren und bringt einen konstanten Strom von Online-Artikeln, Videos und Podcasts. Die Website hat täglich eine halbe Million Besucher, monatlich circa neun Millionen. Nowaja Gaseta ist bekannt für ihre Konfliktberichterstattung, insbesondere aus Tschetschenien und der Ostukraine, und für ihre investigativen Recherchen. Sie war der russische Partner im internationalen Konsortium von Journalisten, das die Panama Papers herausbrachte. Die meisten kennen die Zeitung wegen ihrer zwischen 2000 und 2009 ermordeten sechs Mitarbeiter: Igor Domnikow, Viktor Popkov, Juri Schtschekotschichin, Anna Politkowskaja, Anastassija Baburowa und Natalja Estemirowa. Die Journalisten arbeiten im ständigen Ausnahmezustand, bedroht und kurz vor dem Ende. Allen Berichten zufolge ist der Fortbestand der Zeitung das Ergebnis von Muratows dauernden Verhandlungen mit den Mächtigen im Kreml, die die Nowaja Gaseta lieber tot sähen. Muratow und sein Mikrokosmos der Meinungsfreiheit erscheinen als eine unabdingbare Voraussetzung für eine demokratische und friedliche Zukunft Russlands … Es ist nicht ganz richtig, Nowaja Gaseta als Zeitung wie etwa die Times zu bezeichnen. Stellen Sie eine Mischung aus Village Voice der 80er, Arbeiterwohlfahrt und Occupy Wall Street vor, eine etwas chaotische Gemeinschaft, eine humanitäre Einrichtung. Und die Nowaja Gaseta führt eine spezielle sowjetische Tradition fort: die Zeitung als Gericht."

Außerdem: Raffi Khatchadourian berichtet über die neuesten Fortschritte bei der kriminalistischen DNA-Analyse. Alex Ross porträtiert den außergewöhnlichen Bassbariton Davone Tines. Adam Gopnik schreibt über H.G. Wells. Kelefa Sanneh hört Popmusik von Petey. Und Emily Witt verfällt dem naturalistischen Schauspielen von Kristen Stewart.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.11.2021

Der Philosoph Mihály Szilágyi-Gál reagiert auf die Wörter des Ministerialkommissars für Kultur (Direktor des Literaturmuseums und Beauftragter für ungarische Popmusik) Szilárd Demeter, der in einem vor kurzem veröffentlichten Interview u.a. feststellte, dass achtzig Prozent der ungarischen Literatur entsorgt werden könne, dass der Schriftsteller Lajos Parti Nagy "Scheiße" schreibe und dass er, Demeter, Theater in Gänze hasse (mehr dazu auf Englisch hier). "Der Staat selbst ist ebenfalls Darsteller, denn durch seine Institutionen, seine Symbole, seine Feiertage, seine Denkmäler im öffentlichen Raum 'spricht' er - zeigt ein Gesicht, eine kollektive Idee von Selbstbestimmung. Repräsentanten des Staates können Denkmäler bekränzen, sich an nationale Helden, an gewonnene oder verlorene Kriege erinnern. Doch der öffentliche Vortrag des Staates darf niemals der private Vortrag des staatlichen Repräsentanten sein. (…) Dass einer unserer anerkanntesten Schriftsteller 'Scheißstücke schreibt', oder dass achtzig Prozent der ungarischen Literatur in die 'Mülltonne gehören', sind Sätze, die ein Mensch nicht einmal in einer Kneipe sagt. Für einen Kulturpolitiker sind sie tabu. Aber auch ansonsten, denn wo bleibt hier das überlegte Urteil, der Gedanke, die analytische Bewertung?"
Stichwörter: Demeter, Szilard

The Nation (USA), 16.11.2021

Gefährlicher als die Scharmützel an der belarussischen Grenze ist die Lage im Osten der Ukraine, glaubt Anatol Lieven und gibt der ukrainischen Regierung die Schuld am ungelösten Konflikt um die Donbass-Region: Dass die Ukraine dem Donbass keine Autonomie gewähren will, solange die Separatisten nicht entwaffnet sind, hält er für vorgeschoben: "Der Hauptgrund für diese Weigerung war neben dem allgemeinen Bestreben, die Zentralgewalt in Kiew zu behalten, die Überzeugung, dass eine dauerhafte Autonomie des Donbass die Ukraine am Beitritt zur Nato und zur Europäischen Union hindern würde, da die Region ihre verfassungsmäßige Stellung innerhalb der Ukraine nutzen könnte, um die Mitgliedschaft zu blockieren. Das offizielle Versprechen der USA für eine eventuelle ukrainische Nato-Mitgliedschaft - wie leer es in Wirklichkeit auch sein mag - hat verhindert, dass die Vereinigten Staaten eine positive Rolle bei der Lösung des Konflikts spielen. Diese ukrainischen und amerikanischen Argumente sind jedoch ein klassischer Fall eines Zirkelschlusses: Solange die Ukraine in einen Territorialkonflikt verwickelt ist, wird sie niemals der Nato und der EU beitreten können. Das sollte sie auch nicht. Selbst wenn eine US-Regierung bereit wäre, ein solches Risiko einzugehen, würden Deutschland und Frankreich mit Sicherheit ihr Veto einlegen. Und es gibt keine Möglichkeit, diesen Konflikt zu ukrainischen Bedingungen zu lösen, ohne einen Krieg gegen Russland zu gewinnen, was unmöglich ist. Realistisch betrachtet sind die grundlegenden Bedingungen von Minsk II - ein Ende des Krieges und Autonomie für den Donbass innerhalb der Ukraine - das beste Angebot, das die Ukraine jemals erhalten wird. Wenn die Vereinigten Staaten das aussichtslose Ziel einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine aufgeben, können sie die ukrainische Regierung und das ukrainische Parlament durch die glaubwürdige Androhung des Entzugs der US-Hilfe und politischen Unterstützung unter Druck setzen, einem 'Minsk III' zuzustimmen. Und sollte Moskau dieses Abkommen ablehnen, sabotieren oder den Donbass-Separatisten erlauben, dies zu tun, dann sollten alle bestehenden westlichen Sanktionen gegen Russland im Zusammenhang mit dem Donbass- und dem Krim-Konflikt nicht nur aufrechterhalten, sondern erheblich verschärft werden."
Archiv: The Nation

Another Chicago Magazine (USA), 26.10.2021

Heute dümpelt das MAD-Magazin weitgehend in der Bedeutungslosigkeit vor sich hin, aber in den 60ern und 70ern erreichte das satirische Comicheft mit seinem grell-überspitzten Humor ein Millionenpublikum und bildete damit einen Nährboden für die im folgenden florierende US-Comedy: Wer in MAD nicht nur den Kakao gezogen wurde, fand im Grunde nicht statt. Das verdeutlicht auch noch einmal ein Sammelband mit akademischen Aufsätzen, den Thomas Larson in aller Ausführlichkeit bespricht. Bei aller Nostalgie schleichen sich da allerdings auch melancholische Untertöne ein: "MAD offenbarte einem jugendlichen und erwachsenen Publikum mit dem entsprechenden Humor, wie leicht es Politikern - ob nun ein Prinz-Eisenherz-artiger Kennedy sein oder einen Bombenabwürfen drohender Extremist wie Barry Goldwater -, wie leicht es Politikern also fällt, die Medien auszuspielen und uns zum Besten zu halten. ... Ich frage mich, ob MADs Kasperhaftigkeit, dem sich in den letzten Jahren apokalyptische Attacken auf die herrschende Ordnung beigemengt haben, zur zügellosen Machtlosigkeit beigetragen hat, die viele von uns empfinden." Denn "in gewisser Hinsicht, in der Welt des Post-Faktischen und Post-Trump, hat MADs zynisch-absurde Realität unsere 'auf der Realität basierende' Welt ersetzt. Die zynische Außenseiterperspektive des MAD-Magazins auf die Medien, auf Institutionen und diejenigen, die 'es geschafft haben', ist zum zentralen Bestandteil amerikanischer Kultur geworden: All die Trolle, Woken, Canceler, Faktenverleugner und QAnon-Kohorten von heute scheinen direkt dem Seiten eines MAD-Hefts entsprungen zu sein. Die Antwort der nicht-durchgeknallten Mehrheit zu diesem täglichen Geschwafel liegt nicht darin, das zu parodieren, sondern vor machtloser Abscheu mit dem Kopf zu schütteln. MADs schroffe Satire sollte nach wie vor versuchen, unsere düstere Politik und unser Stammesdenken zu unterwandern, während der abgeschottete Bullshit von Facebook bis zu den Impfgegnern sich immer weiter und weiter auftürmt. Zugleich fühlt es sich aber auch an, als könnte nichts, nicht einmal unreife Heiterkeit unseren gesellschaftlichen und kulturellen Wahnsinn durchdringen, geschweige denn lindern."

Intercept (USA), 06.11.2021

Im Bajo Aguán-Tal in Honduras tobt seit Jahrzehnten ein Landkonflikt. "Er geht zurück auf die frühen 1990er Jahre", berichtet Jared Olson, "als Dinant, ein transnationaler hondurischer Konsumgüterkonzern, der sich auf die Produktion von afrikanischem Palmöl spezialisiert hat, damit begann, kollektive Anbauflächen aufzukaufen und schließlich einen Großteil der landwirtschaftlichen Flächen in der Region zu erwerben. Die Aufkäufe erfolgten in einem Umfeld von Morden, Verschwindenlassen und Morddrohungen gegen Bauernführer und wurden von Menschenrechtlern, Journalisten und den Bauern selbst angefochten. Nach einem von den USA unterstützten Militärputsch im Jahr 2009 besetzten viele Campesinos die Farmen wieder - und lösten damit eine Kampagne gezielter Ermordungen durch private Sicherheitsdienste und honduranische Sicherheitskräfte aus, bei der über 150 Bauern starben." Und das geht bis heute weiter, so Olson. "Die Bewohner des Aguán-Tals behaupten, das Militär sei an der paramilitärischen Gewalt beteiligt. Einige Bewohner behaupten, dass das Militär die Paramilitärs bewaffnet hat, während andere argumentieren, dass das Militär aufgrund seiner Allgegenwart in der Region zumindest von den paramilitärischen Einheiten weiß und wenig getan hat, um deren Gewalt zu stoppen."
Archiv: Intercept
Stichwörter: Honduras

New York Magazine (USA), 01.11.2021

In einem lesenswerten Artikel erklärt David Wallace-Wells die durch den CO2-Ausstoß verursachte Klimakrise zu einem moralischen Skandal, "verursacht in der jüngsten Vergangenheit von den reichen Ländern des globalen Nordens, erlitten vom globalen Süden, der am wenigsten dafür verantwortlich und am wenigsten vorbereitet ist. Die Reichen sind heute reich aufgrund der Entwicklung, die von fossilen Brennstoffen angetrieben wird, die Ärmsten sind heute diejenigen, die praktisch keine dieser Verschmutzungen verursacht haben. Aber der Atmosphäre ist der Ursprung der Emissionen ebenso gleichgültig wie die Motive. Was zählt, ist die Schadenssumme. Die Klimapolitik beschäftigt sich vor allem mit zukünftigen Emissionsverläufen: Was kann getan werden? Aber wir haben heute eine Klimakrise in all ihrer Dringlichkeit und Brutalität, die auf Altemissionen zurückgeht: Was wurde getan? Folgendes wurde getan: 60 Prozent aller historischen Emissionen wurden zu Lebzeiten des durchschnittlichen Amerikaners produziert, der heute 38 Jahre alt ist. Fast 90 Prozent wurden zu Lebzeiten des amtierenden US-Präsidenten produziert. Das Pariser Abkommen von 2015 hat sich zum Ziel gesetzt, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Dieses Ziel impliziert ein CO2-Budget. 89 Prozent davon haben wir bereits ausgegeben. Heute, da im globalen Süden Hunderte Millionen Menschen keinen Strom haben, werden 80 Prozent der Treibhausgasemissionen von den G20-Ländern verursacht. Fast die Hälfte wird von den reichsten 10 Prozent der Welt verursacht. Ein einziger Transatlantik-Flug verursacht eine Tonne CO2, mehr als die jährlichen Emissionen eines durchschnittlichen Einwohners von Subsahara-Afrika. Eine neuere Studie ergibt, dass vier Amerikaner in ihrem Leben genug Kohlenstoff produzieren, um eine Person zu töten, die anderswo auf der Erde lebt. Reichtum kann Dekarbonisierung ermöglichen. Da saubere Energie für 90 Prozent der Welt billiger ist als schmutzige Energie, lassen erneuerbare Energien endlich tragfähige Visionen von einem globalen grünen Wohlstand entstehen. Doch die gesamte Industriegeschichte ist durch ein anderes Muster bestimmt: Wachstum bedeutet Emissionen und Emissionen bedeuten Wachstum. Die Klimakrise ist das Ergebnis dieser Geschichte, genau wie der Reichtum der Nationen."
Stichwörter: Klimakrise