Magazinrundschau

Multitasking gedeiht, so wie wir

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
08.12.2009. Im Wilson Quarterly liebt der Ökonom Tyler Cowen sein Multitasking. Prospect kennt die Monster der Linken. Der Boston Globe entdeckt mit James C. Scott das neue Shangri-La in den Bergen "Zomias". Die Weltwoche empört sich über die Kritik an der Minarett-Abstimmung. Im Nouvel Obs macht sich Pierre Nora Gedanken über den Bestseller. New Criterion weiß, warum die Preise für Pop-Art nicht sinken. NZZ-Folio untersucht Chicken Nuggets. Al Ahram fragt: Was will der politische Islam? Walrus bedauert das erste Opfer von C-58. In Resetdoc erklärt Joseph Massad, den arabischen Homosexuellen zu einer Erfindung des Westens.

Wilson Quarterly (USA), 07.12.2009

Frank Schirrmacher hat gerade in "Payback" beschrieben, wie sehr er sich vom Internet und dem damit einhergehenden Multitasking überfordert und versklavt fühlt. Der Ökonomieprofessor Tyler Cowen dagegen liebt Multitasking, wie er in einem Essay erklärt, der seinem Buch "Create Your Own Economy: The Path to Prosperity in a Disordered World" entnommen ist. "Multitasking ist keine Ablenkung von unserer Hauptbeschäftigung, es ist unsere Hauptbeschäftigung", verkündet er fröhlich. Man müsse den Strom der Informationsflut nur individuell regulieren. "Meine eigene tägliche kulturelle Ernte umfasst Musikhören und Lesen - Romane, Sachbücher und Web-Essays - mit periodischem Blick auf die Webseite der New York Times und einem E-Mail-Check etwa alle fünf Minuten. Oft will ich diese verschiedenen Aktivitäten gar nicht auseinanderhalten und mich auf eine Sache für längere Zeit konzentrieren. Ich mag die Mischung, die ich für mich zusammengestellt habe, und ich mag, was ich daraus lerne. Für mich (und vielleicht sonst niemanden, das ist ja gerade der Punkt) bietet diese Mischung das Ultimum an Interessantem und Spannung. ... Viele Kritiker behaupten, Multitasking mache uns weniger effizient. Forscher erklären, das periodische Checken der E-Mails senke unsere Wahrnehmungsfähigkeit auf das Level eines Betrunkenen. Wenn solche Behauptungen allgemein zuträfen, würde Multitasking sehr schnell verschwinden, weil die Leute es sinnlos finden würden. Aber Multitasking gedeiht, so wie wir."

Nepszabadsag (Ungarn), 05.12.2009

Der Literaturwissenschaftler Akos Szilagyi ist beunruhigt über die politische Gleichgültigkeit vieler Ungarn: "Die Frage ist heute nicht mehr, welche Art des Herrschens - die liberale oder illiberale - innerhalb der Demokratie die Oberhand gewinnt, sondern, ob die parlamentarische Demokratie, der Rechtsstaat als Garant des Humanitätsprinzips überhaupt bestehen bleibt, wenn ein Großteil der Gesellschaft sich für das eigene Schicksal nicht mehr interessiert und die von Hysterie und Irrationalität befallene, zunehmend antidemokratische Mittelschicht die Zerstörung ihrer selbst mehr und mehr als ihre wichtigste Aufgabe betrachtet. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem sogar die illiberale Demokratie der aus dem kalten Bürgerkrieg als Sieger hervorgehenden Rechten sich als schöner Traum erweisen könnte - verglichen mit der sich in hysterischen Seelen und grausamen Herzen ankündigenden höllischen Wirklichkeit eines Monsterstaates der ethnonationalistischen Diktatur."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Mittelschicht, Rechtsstaat

Prospect (UK), 07.12.2009

Sam Leith geht der seltsam unsterblichen popkulturellen Faszination für Vampire und Zombies auf den Grund. Der schönste Teil des Artikels ist die folgende Phänomenologie zur Differenz zwischen den beiden Erscheinungsformen des Untoten: "Vampire sind Monster der Rechten; Zombies sind Monster der Linken. Vampire sind feine Pinkel; Zombies Proleten. Vampire sind Individualisten; Zombies sind der hirnlose, namenlose, gesichtslose Mob. Bei Vampiren dreht sich alles um Hierarchien, Tradition, Abkunft. Sie haben mitteleuropäische Ehrentitel, leben in Schlössern, kleiden sich gut und haben Manieren... Vampire sind sexy. Zombies nicht; ihre Hygiene lässt sehr zu wünschen übrig. Der Biss des Vampirs ist lustvoll und penetrativ; der Zombie mampft einfach Fuß, Bein, Hand, Hintern, Nase... was immer in Reichweite ist, wie ein besoffener Teenager in der Disco. Vampire sind clever. Zombies nicht. Sie wollen dein Hirn verspeisen - aber nicht, weil sie mehr Hirn wollen; sie machen nur dich dümmer damit. Sie wollen dich auf ihr Niveau herunterziehen. Hirrrrnnnnn!"
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Archiv: Prospect
Stichwörter: Disco, Mons, Vampir, Zombies

Polityka (Polen), 04.12.2009

In Polen gibt es keine nennenswerten Stipendien für Schriftsteller. Wie Justyna Sobolewska berichtet (hier auf Deutsch), werden aber mehr polnische Autoren von deutschen Stiftungen gefördert. Zur Zeit sind etwa Dorota Maslowska und Wojciech Kuczok in Berlin. "Bis vor kurzem konnte man sich noch um ein Stipendium auf Bettina von Arnims Schloss Wiepersdorf bewerben, und Mikolaj Lozinski war dieses Jahr auf Schloss Genshagen. Adam Wiedemann wiederum erhielt ein Stipendium von HALMA, einem von der Stiftung Pogranicze (Grenzland), dem LCB und der Robert Bosch Stiftung geschaffenen Netzwerk von Literaturhäusern. Die meisten Polen landen jedoch in Berlin. 'Im März, als ich dort war, gab es zwei Autorenabende mit Sylwia Chutnik, und ich habe gehört, dass auch Tadeusz Dabrowski und Kazimierz Brakoniecki vor kurzem da waren', sagt Agnieszka Drotkiewicz. Der Politikwissenschaftler, Journalist und Chefredakteur des Dialog, Basil Kerski, schreibt: 'Innerhalb weniger Jahre ist Berlin zu einem der wichtigsten polnischen Kulturzentren neben Warschau, Krakau, Posen, Breslau und Danzig geworden.'"
Archiv: Polityka

Boston Globe (USA), 06.12.2009

Das neue Shangri-La? Drake Bennett stellt im Boston Globe Ideas die Ideen des Yale-Politologen James C. Scott über die wilden Bergvölker Asiens vor. Sie leben in "Zomia" - nach einem vom Amsterdamer Historiker Willem van Schendel geprägtem Begriff. Gemeint sind damit die bergigen Regionen von der vietnamesisch-chinesischen Grenze über Tibet bis hin zu Afghanistan. Scott entwickelt über diese Gebiete eine Art anarchistisch inspirierter politischer Theorie Diese Völker, sagt er, haben in ihrer Abkehr von den großen Zivilisationen der Tiefebene bewusst auf zivilisatorischen Fortschritt verzichtet und eine antihierarchische Kultur ausgebildet: "In seinen spekulativsten Argumentationen sieht Scott sogar das Fehlen der Schrift bei vielen Zomia-Völkern als eine bewusste gesellschaftliche Entscheidung. Für Bauern war Schrift in erster Linie ein Instrument staatlicher Kontrolle - das Instrument, mit dem die Eliten Geld, Arbeit und Muilitärdienst von ihnen erzwingen wollten. Folglich haben diese Bauern nach ihrem Rückzug in die Berge die Schrift verworfen um zu verhindern, dass ein neuer hierarchischer Zwang in den von ihnen gebildeten Gesellschaften entstand." Hier ein längerer Artikel aus Crooked Timber über James C. Scott, hier noch einer und hier eine Kritik seines letzten Buchs, in dem er seine Ideen über "Zomia" darlegt: "The Art of not Being Governed".
Archiv: Boston Globe

Weltwoche (Schweiz), 03.12.2009

Roger Köppel empört sich über die Kritik an der Minarett-Entscheidung, die er undemokratisch findet. "Es wird ein unlauteres Spiel gespielt. Die Kritiker der direkten Demokratie stellen einen künstlichen Gegensatz her zwischen Völkerrecht und Volkssouveränität. Durch die Beschwörung internationaler Gerichte sollen die Mitspracherechte der Schweizer Stimmbürger beschnitten werden. Der Bezug auf die hehren Werte und Ideale des weltumspannenden Völkerrechts bemäntelt einen kalten Willen zur Macht. Die selbsternannte Elite will sich das unbotmäßige Volk vom Hals schaffen. Wer die direkte Demokratie gegen den Rechtsstaat ausspielt, beabsichtigt die Einschränkung der Demokratie auf Kosten ihrer Bürger. Das ist ein fataler Trend, und er steht im klaren Gegensatz zu den historischen Erfahrungen unseres Landes." Moment! Wurde nicht 1990 das Frauenwahlrecht in Appenzell Innerrhoden gegen die ablehnende Abstimmung der männlichen Stimmbürger auf Beschluss des Bundesgerichts eingeführt?

Der Hotelier Peter Bodenmann stellt Gleichstellungsforderungen auf, die wir von Herzen unterstützen: Geht es nach dem Walliser Bischof Norbert Brunner, sollen Priester künftig heiraten können. Aber das reicht nicht. "Brunners Forderung ist eine Revolution, wenn auch eine unvollendete: Warum sollen Priester Frauen heiraten dürfen, Frauen aber weiterhin nicht Priesterinnen werden dürfen? Warum sollen künftig katholische Priesterinnen nicht das Recht haben, Männer zu heiraten oder Päpstin zu werden? Wer den ersten Schritt wagt, müsste den zweiten und den dritten auch angehen. Denn für die Katholiken in der Schweiz hat das Gleiche zu gelten wie für die Muslime in der Schweiz: Irrationale Religionen dürfen nicht die Gleichstellung behindern."

Außerdem: Martin Schubarth erklärt der Regierung genau, wie sie sich vor dem Gerichtshof in Straßburg zu verhalten hat. Und Andreas Gross, ein Gegner des Minarettverbots, bedauert das Versagen der Parteien und der Medien.
Archiv: Weltwoche

Nouvel Observateur (Frankreich), 03.12.2009

"Ein Bestseller bringt die latenten Empfindlichkeiten einer Gesellschaft ans Licht", erklärt der Historiker Pierre Nora in einem Gespräch über Wesen und Definition eine Bestsellers. Von dessen drei Formen - gesteuert, absehbar, unerwartet - findet er naturgemäß die letzte Kategorie am interessantesten. "Er offenbart weder Gesetze des Marktes noch der Verlagsbranche, sondern die der Geschichte der Haltungen und Mentalitäten. Denn der unerwartete Erfolg bedeutet, dass an eine bisher ungeahnte Empfindlichkeit einer Gesellschaft gerührt wurde... In jeder Form legt der unerwartete Bestseller plötzlich einen historischen Moment frei: das Aufglimmen einer unterschwelligen Empfindlichkeit. Es ist, als würde das kollektive Unbewusste perforiert."
Stichwörter: Pierre Nora

New Criterion (USA), 01.12.2009

James Panero findet eine wenig menschenfreundliche Antwort auf die Frage, warum die spekulative Blase bei Pop Art auf Teufel komm raus nicht platzen will - ein Gemälde von Andy Warhol mit der Abbildung von zweihundert Ein-Dollar-Noten brachte bei Sotheby's am 11. November 43 Millionen Dollar. Paneros Theorie: Gerade Pop-Art-Künstler wie Warhol schafften es, Kenner und Kritiker als Instanzen des Kunsturteils auszuschalten und neureiche Sammler an ihre Stelle zu setzen: "Gerade eine Kunst mit ungewissem inneren Wert erwies sich als geeignetste für die Manipulation des Marktes. Eine Kunst mit kräftigen Zoten über Billigkeit oder Tod schoss preislich nach oben, während traditionellere Arbeiten, die Jahre visueller Kontemplation brauchten, um die Komplexität ihrer formalen Qualitäten zu erschließen, keineswegs die gleiche Entwicklung nach oben vollzogen." Und die Museen spielen mit: "Kuratoren verteidigen solch teure Gegenwartskunst, weil sie den Kommerzialismus des Zeitalter widerspiegele: Der Markt gibt der Kunst Bedeutung. Durch die Käufe der Museen können sich internationale Sammler als Mitglieder im Club des Marktexzesses fühlen. Das Publikum fühlt sich dann von dieser Kunst angezogen, weil es seine eigene Gemeinheit darin bestätigt sieht - eine Haltung, deren Gültigkeit ihm wiederum durch die Kunst beteuert wird."
Stichwörter: Pop Art, Andy Warhol

Odra (Polen), 01.11.2009

In der polnischen Kulturzeitschrift Odra geht die Auseinandersetzung mit der Literatur seit 1989 weiter (wir berichteten). Diesmal schreibt der Schriftsteller und Literaturkritiker Jacek Gutorow, der die stürmischen neunziger Jahre vermisst, als die Poesie noch etwas "glücklich Zufälliges" hatte und der Markt "wundersam dereguliert" war. "Zum einen stabilisierte sich der Buchmarkt, zum anderen wird die Idee des literarischen Umbruchs nicht mehr so fetischisiert. Drittens habe ich das Gefühl, dass viele Leser nach Jahren der schwierigen Poesie jetzt nach etwas Konformistischem, Glattem verlangen. Das mediale Überangebot, die Vielzahl an Preisen, Stipendien und Übersetzungen, meterlange Biografien der Autoren und die Konzentration auf den Kulturseiten der großen Zeitungen - das alles wirkt dick aufgetragen, und erschafft eine virtuelle, pseudokünstlerische Atmosphäre, die mir nicht so recht passt."
Archiv: Odra
Stichwörter: Buchmarkt

Folio (Schweiz), 07.12.2009

Im Interview mit Gudrun Sachse spricht der Kulturanthropologe Gunther Hirschfelder über Esskultur, Entfremdung und Functional Food: "Diese Anreicherung von Lebensmitteln mit Nährstoffen und Vitaminen im Functional Food bringt doch in vielen Fällen überhaupt nichts, da der Körper die Stoffe gar nicht aufnehmen kann. Essen ist kein Medikament. Auch wenn wir Essen unter dem Aspekt gesund oder ungesund diskutieren. Grundsätzlich bleibt Essen etwas Schönes, Sinnliches. Leider sehen viele das anders, weil sie Essen und Trinken mit einem schlechten Gewissen verbinden, als Dickmacher ansehen oder zur Nebensache deklarieren. Essen ist für sie kein Genuss, sondern Ursache von Schuldgefühlen."

Peter Haffner erzählt die Geschichte des Lebensmittelwissenschaftlers Robert Baker, der Hühnerfleisch so profitabel machen wollte wie Rindfleisch und der unter anderem die Chicken Nuggets erfand: "Jacoba 'Jackie' Baker, der munteren, nun 89-jährigen Witwe, oblag es zu kochen, was ihr Gatte zusammengebraut hatte. 'Wenn unsere Kinder es nicht gern hatten, zuckte er mit den Schultern. Mochten die Nachbarkinder es nicht, hielt er sie für verwöhnt', sagt sie. 'Nur wenn der Hund es nicht fraß, meinte er, er müsse noch­mals ins Labor und dran arbeiten.'"

Reto U. Schneider verleidet einem erfolgreich Frühstücksflocken, die bis zu 55 Prozent aus Zucker bestehen. 'Manchmal ist es gesünder, den Karton zu essen', sagt die Ernährungswissenschafterin Marion Nestle von der Universität von New York."

Außerdem inspiziert werden Dosenravioli, Ketchup, Chips und Salat. Und Luca Turin erkennt in seiner "Duftnote", dass Cocktails wie Parfum sind: "Martini ist Chypre, Manhattan ist Chanel No. 5, Gin Tonic ist Pino Silvestre, und die Margarita ist Chanel Pour Monsieur. "
Archiv: Folio
Stichwörter: Chanel, Cocktails, Parfum, Sachsen

Elet es Irodalom (Ungarn), 27.11.2009

"Wir müssen erkennen, dass die Geschichte in unsere Ohren trommelt", schreibt der Politikwissenschaftler Ervin Csizmadia über die heutige ungarische Politikwissenschaft, die ihm zufolge viel zu sehr auf die Gegenwart fixiert ist. Dies wäre nicht weiter schlimm, schließlich habe sich die Politologie vordergründig mit den aktuellen Mechanismen und Prozessen zu befassen. Dennoch kann man die ungarische Politik allein aus ihrer Gegenwart nicht verstehen, meint Csizmadia: "Ich glaube, dass nur jene Politikwissenschaft eine 'Wissenschaft der Demokratie' werden kann, die für die Vergangenheit sehr empfindlich ist und alles konsequent aufzudecken beginnt, was sich in ihrem Land unter dem Stichwort Politik bislang ereignet hat. (...) Natürlich erscheint dieses Programm in etablierten Demokratien als ziemlich armselig, in einem Land aber, das mit dem Systemwechsel die Vergangenheit als abgeschlossen betrachtete, ist es das Maximum. Es hilft nun einmal nichts: In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir vom Westen gerade das Wesentliche nicht erlernen können: Das Verständnis für die eigene Vergangenheit und für uns selbst."
Stichwörter: Wissenschaft

Al Ahram Weekly (Ägypten), 03.12.2009

Was wollen die Vertreter eines politischen Islam? Sie "erklären uns nicht, was für einen muslimischen Staat sie eigentlich wollen. Wollen sie einen Staat, der sich vor allem auf religiöse Rituale konzentriert, oder einen, für den praktische Fragen zuerst kommen?", fragt kritisch Galal Nassar. "Laut dem Wissenschaftler Abdallah Turkoman 'ist Loyalität in den islamischen Staaten eine Streitfrage. Soll man loyal sein zum Staat oder zum Glauben? Auch die Frage der Nichtmuslime ist eine dornige. Und die Frage der Loyalität von Muslimen in nichtmuslimischen Ländern ist ungelöst.' Muslime, die moderaten eingeschlossen, haben es versäumt, Fragen über Loyalität und Patriotismus zu beanworten, obwohl solche Ideen zentral sind für die Zusammensetzung eines modernen politischen Staates. Die Antworten, die sie geben, sind verschwommen und ungereimt und verraten ihre Unfähigkeit, die Sache zu durchdenken. In einer Welt, in der muslimische Länder moderne politische Konzepte diskutieren müssen, ist das islamische Denken fundamental fehlerhaft."

Nehad Selaiha bedankt sich herzlich beim Institut für Darstellende und Bildende Künste der Amerikanischen Universität in Kairo (AUC), die Klassiker des Welttheaters nach Kairo bringt. Besonderes Verdienst hat in ihren Augen der Schauspieler, Regisseur und Lehrer Mahmoud El-Lozy, der dafür sorgt, dass die AUC einmal im Jahr ein Stück aus dem modernen ägyptischen Repertoire inszeniert. Diesmal hat er sich ein Melodram von Tawfiq El-Hakim ausgesucht: "Der Dieb". Es geht um eine junge Frau, die sich mit Witz und Einfallsreichtum gegen ihren lüsternen Stiefvater zu Wehr setzen muss, bis nichts mehr hilft und sie nur durch das Eingreifen eines ehemaligen Angestellten gerettet wird, der den Stiefvater erschießt. Den Schluss hat El-Lozy allerdings verändert: Der Stiefvater stirbt nicht, sondern schäumt vor Wut. Er verstößt seine Frau in die Armut, wirft die Tochter raus und bedroht ihren Ehemann. Was Selaiha alles ganz hervorragend findet, denn: "Indem er das künfigte Schicksal aller Hauptfiguren in der Schwebe hängen lässt, ist El-Lozy nicht nur das einfache, symmetrische Design des Stücks losgeworden - die Handlung wird durch einen Schuss ausgelöst und beendet -, er hat auch den Stiefvater in ein unsterbliches Symbol für Nötigung, Ausbeutung, ungehemmte Gier und moralische Korruption verwandelt. Die Botschaft des Stücks war nicht mehr, dass man in die göttliche Gerechtigkeit glauben soll, sondern eine Warnung, dass solche Geschäftsmänner wie der korrupte, skrupellose und ausbeuterische Pascha noch immer unter uns sind, nur in neuer Gestalt, die jüngere Generation verführend und ausnutzend. Es war, als wäre El-Hakims Pascha von der Bühne direkt in unseren heutigen Alltag getreten."

Dawn (Pakistan), 07.12.2009

Wenn Barack Obama den Krieg gegen die Taliban gewinnen will, muss er mehr tun als Soldaten schicken. Ein Bombenattentat Ende Oktober auf einem belebten Markt in Peschawar hat über hundert Tote gekostet. Schuld sind - die Amerikaner, jedenfalls nach Meinung vieler Paschtunen, berichtet AFP. "'Was hat mein Vater getan? Warum hat uns jemand das angetan?', fragt Rashid Javed, der seinen Vater und zwei Cousins am 28. Oktober verloren hat. 'Die Hälfte des Körpers meines Cousins fehlte. Wir haben die obere Hälfte bekommen ... Ich glaube, Amerika, Israel und Indien sind involviert. Die Taliban können das nicht tun - sie haben gewöhnlich nur Polizisten und Soldaten angegriffen.' Das hört man oft in Peschawar, einer kulturellen Hauptstadt für die Paschtuns. Diese Gefühle werden lokal befeuert durch Talibanpropaganda, die Amerika und den Rivalen Indien für Pakistans Krankheiten verantwortlich machen und die Vereinigten Staaten beschuldigen, sie versuchten die Region zu besetzen."
Archiv: Dawn
Stichwörter: Barack Obama

Walrus Magazine (Kanada), 01.01.2010

Wussten Sie, dass es in Kanada illegal ist, einen Krimi-Comic zu veröffentlichen oder zu verkaufen? Das steht in der Definition von Obszönität (Sect. 163) im kanadischen Strafgesetzbuch. Gilt immer noch. Wie es 1959 zu diesem Paragrafen kam, erzählt Nick Mount. "Die Widersacher der Gesetzesvorlage C-58 hatten deren Autor, Justizminister Davie Fulton, als kreuzfahrenden Christen abgestempelt. Tatsächlich war Fulton ein Nationalist. Das eigentliche Ziel von C-58 war genau das, was er behauptet hatte: nicht Literatur, sondern amerikanische Taschenbücher und Comics, die den CBC-Radioproduzenten Robert Weaver (selbst kein Konservativer) im selben Jahr über kanadische Zeitungsstände hatte klagen lassen, die unter 'Recherchen über Homosexualität, Lesbentum, Prostitution und Drogenabhängigkeit, Rassenmischung und jugendliche Straftaten ächzten'. C-58 war die Peitsche zum Zuckerbrot des kanadischen Rats: das eine sollte Kanadas Hochkultur promoten, das andere die amerikanische Populärkultur verbieten. Das Problem - und die Lektion von 1959 - war, dass die Definition von Obszönität weit genug war, mehr als das vordergründige Ziel zu umfassen. C-58 verfehlte sein wahres Ziel und traf eine Lady." Das erste Opfer war nämlich D.H. Lawrences "Lady Chatterley's Lover".

ResetDoc (Italien), 01.12.2009

Joseph Massad, Professor an der Columbia Universität in New York, spricht im Interview über sein Buch "Desiring Arabs" und erklärt, dass Homosexuelle in der arabischen Welt eine sozialdarwinistische, kulturalistische, zivilisatorische, orientalistische, kolonialistische Erfindung des Westens sind. "Westliche Anthropologen und schwule Internationalisten sind unglücklich, weil ihre eigenen 'Forschungen' ergeben haben, dass die meisten arabischen (oder lateinamerikanischen oder indischen oder iranischen etc.) Männer, die Sex mit anderen Männern haben, sich genauso wenig mit diesen intimen Praktiken identifizieren oder sich danach benennen wie jene Männer, die Sex mit Frauen haben, sich nach diesen Praktiken benennen. Es gibt zwar eine kleine Gruppe verwestlichter Araber aus der Oberklasse und oberen Mittelklasse, die von Homosexualität und dem amerikanischen Beispiel verführt sind, doch sie sind nicht repräsentativ für die Mehrheit der Frauen und Männer, die Sex mit dem gleichen Geschlecht praktizieren und sich nicht mit diesen Praktiken identifizieren."

Einige dieser in Massads Augen "verwestlichten Araber" haben in Beirut Helem, eine Organisation zum Schutz schwuler, lesbischer und Transgender-Libanesen gegründet. Hossein Alizadeh von Helem weist Massads Vorwurf strikt zurück: "Es stimmt, dass das Konzept von Homosexualität, wie wir es im Westen kennen und verstehen, eine strikt westliche Erfahrung ist. Es hat aber auch in anderen Kulturen schon Menschen gegeben, die sich nach dem gleichen Geschlecht sehnten, bevor sie Kontakt zum Westen hatten. Die Wahrheit ist, dass die arabische islamische Gesellschaft nie einen offenen Dialog über Sexualität akzeptiert hat. Die Vorstellung schwul zu sein und eine andere Identität zu haben, hat sich unter Muslimen nie entwickelt. Das heißt nicht, dass Homosexualität aus dem Westen exportiert wurde, so wie Menschenrechte nicht nur im Westen, sondern auch für Muslime gültig sind."
Archiv: ResetDoc