Uwe Timm

Halbschatten

Roman
Cover: Halbschatten
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2008
ISBN 9783462040432
Gebunden, 272 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Ein Oratorium auf eine zu allem entschlossene junge Fliegerin und eine ungelebte Liebe. Marga von Etzdorf, eine junge Fliegerin, erschießt sich im Mai 1933 in Aleppo, Syrien, nach einer Bruchlandung. Sie ist 25 Jahre alt. Ihr Grab liegt auf dem Berliner Invalidenfriedhof. Was hat sie hier, zwischen den Toten der preußischen Militärgeschichte, NS-Größen und zivilen Opfern der letzten Kriegstage, zu suchen? Gibt es eine Erklärung für ihren gewaltsamen Tod?Der Stadtführer, der Uwe Timms Erzähler über den Invalidenfriedhof geleitet, weist auf beunruhigende Nachbarschaften hin. Hier liegt nicht nur Scharnhorst, der Held der Befreiungskriege, sondern auch Heydrich, der Organisator der Judenvernichtung, neben namenlosen Opfer aus dem Mai ཀྵ. Die Toten beginnen zu reden, sich zu erklären, zu rechtfertigen. Unter den Stimmen, die zu dem Erzähler sprechen, ist auch der junge Kampfflieger Christian von Dahlem. Auf einem ihrer spektakulären Langstreckenflüge hatte Marga von Etzdorf in Japan Dahlem kennengelernt und mit ihm ein seltsame, zauberhafte Nacht verbracht - eine Nacht des Erzählens. Zusammen in einem Zimmer, aber getrennt durch einen Vorhang, waren die beiden sich fern und gewährten einander doch Nähe. In einem Augenblick innerer Preisgabe erzählen sie sich ihre Leben - und müssen sich am nächsten Morgen trennen. Dieses Oratorium des Schreckens und der Liebe, in dessen Mittelpunkt Marga und von Dahlem stehen - eine unbedingte Liebe und ein Verrat -, beschwört zugleich die Dämonen und Engel der Geschichte und erzählt von Haltungen und Sichtweisen, von denen die deutsche Geschichte geprägt und gezeichnet ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2009

Uwe Timm hat einen berührenden und beeindruckenden historischen Roman um die Langstreckenfliegerin Marga von Etzdorf geschrieben, schwärmt Patrick Bahners in seiner begeisterten Kritik, und sieht damit auch einen "Sagenschatz des preußisch-deutschen Altertums" gehoben. Nach Art eines "Oratoriums" konstruiert, wie der Rezensent Äußerungen des Autor entnimmt, mischen sich in diesem "kunstvoll" gebauten Roman die Stimmen der auf dem Berliner Invalidenfriedhof Bestatteten, wo auch die Fliegerin, die sich nach einer Bruchlandung im syrischen Aleppo erschoss, begraben ist. Der Autor erzählt das Leben Etzdorfs durchaus auf dokumentarischer Grundlage, wobei im Roman aber auch fiktive Figuren auftauchen, wie der Rezensent erklärt. Wenn im friedhöflichen Stimmengemisch "Helden, Versager und Verbrecher" zu Wort kommen, überlässt Timm Wertungen seinen Lesern, stellt der Rezensent angetan fest, der in der beeindruckend "ökonomischen" Erzählweise eine "urpreußische" Tugend entdeckt. Zudem sieht der Rezensent die Frage aufgeworfen, inwieweit das 1933 durch den Selbstmord beendete Leben der erst 25-jährigen Fliegerin nicht auch bedeutsam für "unsere Nationalgeschichte" ist.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.10.2008

"Bestrickend" , "bedrückend" und insgesamt sehr ungewöhnlich findet Rezensent Ulrich Greiner diesen Roman, dessen Vorhaben, Schicksale von Individuen zu erzählen, die an das Rad der Geschichte gekettet sind, ihn zutiefst beeindruckt hat. Das Besondere des Buchs besteht für Greiner darin, das Historische mit dem Poetischen so kunstvoll zu verschränken, dass man als Leser dieses literarischen Rundgangs über den Berliner Invalidenfriedhof tatsächlich den Eindruck gewinnt, die Stimmen der hier Begrabenen zu hören. Der Begriff "Schatten der Vergangenheit" bekommt für ihn plötzlich eine greifbare Gestalt. Auch die unerfüllte Liebesgeschichte zwischen einer realen Pilotin und einem erfundenen Diplomaten im Jahr 1933 tut das ihre, den Rezensenten mit diesem, aus insgesamt 25 Stimmen bestehenden "grandiosen Choral" aus Opfer- und Täterstimmen zu faszinieren.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.09.2008

Laut Paul Jandl sei Uwe Timm mit seinem Roman "Halbschatten" viele Wagnisse eingegangen, die am Ende nicht aufgehen. Es geht um Begegnungen eines allwissenden Erzählers mit Toten des Berliner Invalidenfriedhofs. Der ästhetische Anspruch Timms, die Geister der Zeit 1933 bis 1945 heraufzubeschwören und selbst den widerlichsten Nazigrößen eine eigene Stimme zu verleihen, scheitert für Jandl an der Diffusität der Stimmen und der Verbindungslosigkeit der Geschichten. Was fehlt, ist Timms "eigener Ton" zwischen den etwas überwältigenden Bruchstücken. Da wundert es nicht, dass für Jandl die "leichtfüßig geschriebene Hommage" an die deutsche Fliegerin Marga von Etzdorf zum dominanteren Erzählstrang wird und diese Romanze die restlichen Erzählungen in den Schatten stellt. Die Geschichte um Etzdorf sei zwar fiktionalisiert, gibt aber einen Eindruck von Timms "genauem Blick". Konfrontationen mit deutscher Vergangenheit sähen trotzdem anders aus.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.08.2008

Tastend und vorsichtig nähert sich der Rezensent Hans-Herbert Räkel diesem Roman Uwe Timms, der sich seinem Gegenstand selbst vorsichtig und tastend nähert. Der Gegenstand ist die Lebensgeschichte der Fliegerin Marga von Etzdorf, die, bevor sie von den Nazis als Heldin vereinnahmt werden konnte, nach einem Absturz Selbstmord beging - aus Gründen, über die man nur spekulieren kann. Timm lässt Etzdorf, aber auch weitere seiner Figuren, geradezu aus dem Grab heraus sprechen; der Friedhof, auf dem Etzdorf beerdigt wurde, ist der Schauplatz des Romans und wer da eigentlich spricht, aber den Personen seine Stimme leiht, ist ein Stadtführer, der nur "der Graue" heißt. Aus Fragmenten wird die Geschichte erzählt von Marga von Etzdorf und dem Flieger Christian von Dahlem, wirklich gerundet aber wird sie, so Räkel, nie. Das habe selbstverständlich Methode, denn sehr geschickt platziere Timm so seinen Roman auf der Grenze "zwischen dem, was erzählbar und dem, was nicht erzählbar ist". Und wie das gelingt, das findet der Rezensent offenkundig ziemlich bewundernswert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.08.2008

Maike Albath ist geradezu verzaubert von der jenseitigen "Stimmen-Collage", die Uwe Timm in seinem neuen Buch in Szene setzt. Vermittelt durch das überdimensionierte Erzählerohr vernimmt Albath den Chor der Zeitzeugen aus den Jahrhunderten. Was da auf dem Berliner Invalidenfriedhof aus den Gräbern tönt, das wird Albath rasch klar, sind die Hinterlassenschaften der deutschen Geschichte von Friedrich II. bis zu den Nationalsozialisten, und mittendrin das Schicksal der Marga von Etzdorf, ihre Liebesgeschichte mit dem Flieger Christian von Dahlem und das Geheimnis um ihren frühen Freitod. Wie Timm die Figuren durch die wechselnden Stimmen der Toten Kontur gewinnen lässt, lässt Albath an japanische Ästhetik als Inspirationsquelle denken. Hier wie dort erkennt sie das bedeutungsgebende Spiel von Licht und Schatten und die symbolische Aufladung einzelner Motive. Dass der Autor auf eine epische Entfaltung seines Stoffes verzichtet, stört die Rezensentin entsprechend wenig. Wie ein Mobile erscheint ihr der Text, schwebend, offen. Das verarbeitete und durch Fiktion ergänzte dokumentarische Material allerdings vermag ihr dennoch eine neue Sinnfälligkeit zu eröffnen: Mit seinem Text deute Timm subtil die mentalitätsgeschichtlichen Voraussetzungen des Nationalsozialismus an.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.08.2008

Als gewagt, aber nicht wirklich gewonnen empfindet Rezensent Christoph Schröder das neue Buch von Uwe Timm. Es geht seinen Informationen zufolge um den Berliner Invalidenfriedhof und seine echten und erfundenen Bewohner. Zwar findet der Rezensent die Idee, dass sich aus der Friedhofserde ein Gewirr von Stimmen erhebt, zunächst sehr zwingend. Und so lauscht er anfangs interessiert, was die um die Pilotin Marga von Exdorf herum gruppierten historischen Toten so zu sagen haben. Bald jedoch kommen ihm angesichts mancher Banalität große Zweifel angesichts der Methode, Toten die Worte eines lebenden Dichters in den Mund zu legen. Auch deshalb, weil manches, was hier gesagt wird, seiner Ansicht nach mitunter hochgradig kitschgefährdet ist.
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