Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
27.02.2007. Im New Yorker erklärt Seymour Hersh, warum die USA im Nahen Osten sunnitische Extremistengruppen ermutigen, die Al Qaida nahestehen. In Outlook India verteidigt die Schriftstellerin Nayantara Sahgal die Regionalliteraturen gegen die Literatur der indischen Diaspora. The Nation fragt, warum die Arbeiter aus amerikanischen Filmen verschwunden sind. Prospect stellt die Große Frage. Im NRC Handelsblad kritisiert der Soziologe Paul Jungbluth die Feminisierung der Schule. Die Gazeta Wyborcza bedankt sich für Volker Schlöndorffs Geschenk: den Film "Strajk - die Heldin von Danzig".

New Yorker (USA), 05.03.2007

Warum gibt es kein deutsches Magazin, dass die Reportagen von Seymour M. Hersh übersetzt? In dieser Ausgabe beschreibt Hersh die Neuausrichtung der amerikanischen Politik im Nahen Osten. "Um den vorherrschend schiitischen Iran zu untergraben, hat die Bush-Regierung beschlossen, ihre Prioritäten im Mittleren Osten neu zu konfigurieren. Im Libanon kooperierte sie in Geheimaktionen mit der - sunnitischen - saudi-arabischen Regierung, um die schiitische Hisbollah zu schwächen, die vom Iran gestützt wird. Sie hat auch an Geheimoperationen teilgenommen, die auf den Iran und seinen Verbündeten Syrien abzielten. Ein Nebenprodukt dieser Aktivitäten war eine Ermutigung sunnitischer Extremistengruppen, die eine militante Vision des Islam unterstützen, Amerika feindlich gegenüberstehen und mit Al Qaeda sympathisieren. Und ein widersprüchlicher Aspekt der neuen Strategie besteht darin, dass ein Großteil der aufständischen Gewalt von sunnitischen Kräften ausgeht, nicht von schiitischen. Doch aus Perspektive der Bush-Regierung ist die schwerwiegendste - und gänzlich unbeabsichtigte - strategische Folge des Irakkriegs die Stärkung des Iran." Es gibt auch bereits amerikanische Pläne für eine Bombardierung des Iran. Sehr unangenehm für die Saudis, die bereits als zu amerikafreundlich angesehen werden. "'Wir haben zwei Albträume', erklärte mir ein ehemaliger Diplomat. 'Dass der Iran die Bombe haben könnte und dass die Vereinigten Staaten den Iran angreifen. Ich wünschte, die Israelis würden Iran bombardieren, so dass wir sie beschuldigen können. Wenn Amerika angreift, wird man uns beschuldigen."

In einem Essay fragt sich David Denby, warum Filme eigentlich immer komplizierter werden. "Einige Regisseure spielen vielleicht nur mit uns, indem sie uns ihre Gelangweiltheit über diese Hollywood-Plage namens 'Handlungsbogen' vorführen. Andere mögen uns vielleicht aufrütteln und zu einem neuen Verständnis von Kunst oder sogar des Lebens bringen wollen. In der Vergangenheit hat sich das Mainstream-Publikum allerdings beharrlich dagegen gewehrt, aufgerüttelt zu werden."

Weiteres: David Remnick porträtiert den ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore, der es immer noch zum Präsidenten bringen könnte, derzeit aber hinter anderen demokratischen Kandidaten in der zweiten Reihe bleibt. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "History of a Disturbance" von Steven Millhauser. Peter Schjeldahl führt durch eine Retrospektive mit Arbeiten des kanadischen Forografen Jeff Walls im Museum of Modern Art. David Denby sah im Kino das Historiendrama "Amazing Grace" über das Ende des Sklavenhandels im Britischen Empire von Michael Apted.
Archiv: New Yorker

Outlook India (Indien), 05.03.2007

In einem leidenschaftlichen Essay (vorgetragen anlässlich der Verleihung der Sahitya Akademy Awards für indischsprachige Literatur) verteidigt die Schriftstellerin Nayantara Sahgal ("Mistaken Identitiy") die Regionalliteraturen gegen die Vormacht der Literatur der indischen Diaspora: "Wir sollten uns nicht von einer Globalisierung vereinnahmen lassen, die einigen Privilegierten erlaubt, ihre Identität zu wahren, und anderen die ihre nimmt. Welchen Effekt die Heimat auf das Erzählen hat, sehen wir an unserer eigenen Literatur, die von Region zu Region nicht nur sprachlich variiert, weil die Fantasie ebenso auf Geschichte und Psychologie eines Ortes basiert wie auf individueller Erfahrung ... Kaste, Korruption, religiöser Fundamentalismus, Computer, die sexuelle Revolution: Wem könnte das mehr bedeuten, als dem, der davon betroffen ist? Die Schlacht für eine neue Welt schlägt jeder auf seinem eigenen Platz. Sie in Worte zu fassen, ist ein Teil dieser Schlacht."

Außerdem: Namrata Joshi führt durch die Ausstellung "The Word is Sacred - Sacred is the Word", die Werke indischer Schriftkunst zeigt und 2006 auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen war. Und Lloyd Rudolph hält Tushar A. Gandhis Verschwörungstheorie zur Ermordung seines Urgroßvaters ("Let's Kill Gandhi!") für unglaubwürdig.

The Nation (USA), 12.03.2007

Robert Nathan und Jo-Ann Mort fragen sich, warum eigentlich keine Filme wie "Norma Rae" mehr gedreht werden. Martin Ritts Klassiker von 1979 erzählt die Geschichte einer Arbeiterin, die die erste Gewerkschaft für Textilarbeiter in Amerika mitbegründete. "Es wäre einfach, die Unterhaltungsindustrie für die Unsichtbarkeit von Arbeitern verantwortlich zu machen. Fragen Sie Autoren im Showgeschäft und sie sagen: 'Niemand hat ein Interesse daran, solche Leute auf dem Bildschirm zu sehen' und 'Wenn das Publikum sowas sehen wollte, würden die Studios es machen' und schließlich die Antwort, die man auf praktisch jede Frage zu den gegenwärtigen Bedingungen im amerikanischen Filmgeschäft bekommt 'Die Studios haben eine Mega-Hit-Mentalität, sie machen keine kleinen Filme'. Aber vielleicht gibt es auch noch einen anderen Grund. 'Norma Rae' 1979 zu drehen, war hart genug; jetzt wäre es vielleicht sogar unmöglich. Das Land hat sich verändert. Es ist schwieriger geworden, eine Massenbewegung für soziale und wirtschaftliche Veränderungen zu bilden oder eine große Anzahl von Amerikanern zu finden, die sich für soziale Solidarität interessieren. Wenn populäre Unterhaltung ihrer Definition nach Massenunterhaltung ist, was passiert, wenn es keine Masse mehr gibt, wenn nur eine kleine Anzahl Menschen kulturelle Gemeinsamkeiten besitzt? In diesem Fall, für wen würde Sie 'Norma Rae' machen?
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Archiv: The Nation

Prospect (UK), 01.03.2007

Prospect sucht bei 100 Beiträgern Rat zur "Big Question" - danach nämlich, was nach der Links/Rechts-Spaltung unsere gesellschaftliche Zukunft bestimmen wird. Die Antworten - u.a. auch von Zeit-Herausgeber Josef Joffe und Historiker Eric Hobsbawm - fallen naturgemäß recht unterschiedlich aus. Kurz fasst sich der Politiker Michael Ignatieff: "Alles, was uns widerfährt, kommt unerwartet. Kein Grund, sich dadurch entmutigen zu lassen." Der Soziologe Anthony Giddens glaubt nicht ans Verschwinden der Links-Rechts-Kategorien: "Die Metapher sitzt einfach zu fest in unserem Bewusstsein. Mir scheint die plausibelste Vermutung, dass die Politik sich auf das Leben selbst konzentrieren wird. Lebenspolitik betrifft die Umwelt, die Veränderung von Lebensstilen, Gesundheit, Altern, Identität und Technologie. Es wird vielleicht eine Politik des Überlebens, vielleicht der Hoffnung, vielleicht von beidem etwas."

Weitere Artikel: Der Literaturtheoretiker Terry Eagleton hat Craig Raines T.S. Eliot-Biografie gelesen - und sieht nicht ein, dass große Dichter mit fragwürdiger Gesinnung von ihren Biografen unbedingt immer noch als gute Menschen hingestellt werden müssen.
Archiv: Prospect

Elet es Irodalom (Ungarn), 23.02.2007

In Ungarn werden im Zuge der seit dem Herbst vergangenen Jahres andauernden innenpolitischen Krise immer wieder Stimmen laut, die vor einer "bolschewistischen Wende" warnen. Der Schriftsteller Rudolf Ungvary ist davon überzeugt, dass es dazu nicht kommen kann: "In der ehemals totalitären Hälfte Europas ist mindestens ein Drittel der Gesellschaft aufgrund seiner wirtschaftlichen und kulturellen Benachteiligung nicht in der Lage, die Möglichkeiten der Modernität wahrzunehmen. Das ist die Reserve, die man gegen die Demokratie mobilisieren kann. Die Linke ist schwach, sie fühlt sich durch den Untergang des Staatssozialismus verunsichert. Das politische System des Kapitalismus, die bürgerliche Demokratie wird im heutigen Europa von keiner ernstzunehmenden linksgerichteten Revolutionsbewegung bedroht, die diese Benachteiligten mobilisieren könnte. Und auch in Ungarn herrscht eine Demokratie, wenngleich sie sowohl von den Linksextremen als auch von den Rechtsextremen in Frage gestellt oder außer Acht gelassen wird. In einer Demokratie kann und muss man mit diesem Umstand leben können. Auf keiner der beiden Seiten gibt es Freikorps bzw. organisierte Bolschewisten, und wenn es sie auch gebe, müsste man ihnen im Einklang mit dem Gesetz begegnen. Das leidtragende Drittel der Gesellschaft gibt es aber: Diese müssen wir vor den Sirenentönen der Rechtsextremen beschützen. Denn die Rechtsextremen alleine sind es, die den Kapitalismus in Ungarn auf revolutionärem Wege stürzen wollen."

Literaturen (Deutschland), 01.03.2007

Der Schriftsteller Josef Haslinger hat ein Buch über den Tsunami geschrieben, den er überlebte. Im Interview spricht er über das traumatische Ereignis und die Schwierigkeit, es zu literarisieren. "Ich hatte manches in falscher Erinnerung. Die Stiege zum Verwaltungsgebäude, auf die wir zugelaufen sind und die für alle, die da raufkamen, die Rettung bedeutete, hatte ich als breiten Aufgang wie zu einem Palais in Erinnerung. Aber in Wahrheit ist die Stiege ganz schmal, und auch die Terrasse wäre viel zu schmal gewesen für alle, die hinaufwollten. Das Stromkabel, an dem ich mich festgehalten habe und das mir unter Wasser zur Rettung geworden ist, weil ich plötzlich wieder zu einer Orientierung kam - dieses Kabel hängt noch an der Fassade. Und führt, so nehme ich an, auch wieder Strom. Auch der Mauervorsprung ist noch da, auf den Edith und ich hinaufkriechen konnten. Aber jetzt sahen wir, dass er eigentlich funktionslos ist. Die einzige Funktion, die er vielleicht je hatte, war die, uns zu retten. Von oben haben Leute zusammengeknotete Betttücher heruntergelassen und uns dann hinaufgezogen."

Weiteres: Feridun Zaimoglu erzählt von einem Freund in Ankara, der den Biss der Liebe gespürt hat. Die ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin und Präsidentin der Europa-Universität Viadrina Gesine Schwan empfiehlt nachdrücklich Thomas Leifs Sachbuch "Beraten & Verkauft" - über die Beraterszene. In einer Doppelbesprechung rezensiert Rene Aguiah zwei Bücher zum Thema Multikulturalismus von Ian Buruma und Amartya Sen (vgl. die Debatte beim Perlentaucher, die sich an Ian Burumas Buch entzündete). In der Rubrik "Netzkarte" stellt Aram Lintzel die Website edelleute.de vor. Im Kriminal befasst sich Franz Schuh mit Hansjörg Schneiders Kriminalroman "Hunkeler und der Fall Livius". Aus London infomiert David Flusfeder über J.G. Ballards neuen Roman "Kingdom Come". Online zugänglich sind außerdem Besprechungen zu Wilhelm Genazinos neuem Roman "Mittelmäßiges Heimweh" und zu Michael Crichtons Thriller "Next".

Nur im gedruckten Heft sind Texte von Friedrich Kittler und Willi Winkler über das wichtigste Phantom der amerikanischen Literatur, Thomas Pynchon, nachzulesen.
Archiv: Literaturen

NRC Handelsblad (Niederlande), 26.02.2007

Niederländische Lehrer fordern zuwenig von schwachen Schülern, konstatiert der Soziologe Paul Jungbluth und präsentiert eine Untersuchung der Gemeinde Amsterdam. Schuld an dem Schmusekurs sei eine "Feminisierung von Schule und Ausbildung". Aus "fehlgeleitetem Mitgefühl" würden Lehrende zuwenig von Schülern und Auszubildenden fordern, wenn diese aus einfachen Verhältnissen oder Migrantenfamilien stammten - und das ungeachtet ihres Intelligenzquotienten. "Lehrkräfte überlegen: Wie kommt das Kind am leichtesten klar? Diese Empathie ist gutgemeint, jedoch unpassend. Ich nenne das gern die Feminisierung des Lehrpersonals. Lehrer sind zu bescheiden, zu lieb. Du darfst als Lehrender nicht bequem auf Deinem Hintern sitzen, denn damit verbaust Du schwächeren Lehrlingen viele Chancen."

Außerdem: Ganz Holland diskutiert eine Fernsehreportage über Second Life, die zeigt, wie Second-Life-User "mit ihrem Alter Ego sexuelle Handlungen an virtuellen Kindern vornehmen". Stellt sich die Frage: Ist Pornografie mit Kinderavataren strafbar? Strafbar vielleicht noch nicht, gefährlich allemal. Jos Buschman, Psychologe am Van-Mesdag- Zentrum für Forensische Psychiatrie in Groningen, nennt Second Life "per definitionem ein Trainingslager für Pädophile".

Espresso (Italien), 01.03.2007

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun sieht schwarz für Frankreich. Weder Nicolas Sarkozy noch Segolene Royal könnten das Land aus seinem Reformstau befreien. "Ein Politiker aus der Provinz wäre notwendig, wie de Gaulle oder Mendes-France, der seine Geltungssucht und die eigenen Interessen hinter jene des Landes stellt. Falls es so jemanden gäbe, würden die Franzosen ihm folgen und Veränderungen akzeptieren. Aber de Gaulle und Mendes-France verachteten das Fernsehen, während Sarkozy und Segolene Royal Zöglinge der Mattscheibe sind."
Archiv: Espresso

Reportajes (Chile), 25.02.2007

Nun äußert sich auch Mario Vargas Losa zu der jüngst in der Zeitschrift Letras Libres aufgestellten Behauptung, im Mausoleum von Santa Clara, der offiziellen Grabstätte Che Guevaras auf Kuba, sei in Wirklichkeit jemand anderes beerdigt (Perlentaucher berichtete): "Ich kann hier nicht alle Argumente der Journalisten Maite Rico und Betrand de la Grange aufführen, es sind zu viele. Aber wieso ist zum Beispiel die Entdeckung der sterblichen Überreste des Che von keiner der internationalen wissenschaftlichen Institutionen in Frage gestellt worden, obwohl, anders als versprochen, vom Grabungsteam nie eine DNS-Analyse durchgeführt wurde? Es ist jedenfalls durchaus möglich, dass die Behauptung der beiden Journalisten zutrifft. Fidel Castro kam das Auffinden von Ches Leichnam damals sehr gelegen, um die Aufmerksamkeit von der wirtschaftlichen Krisensituation und den ungewissen Zukunftsaussichten abzulenken. Den Rest erledigte anschließend der Mythos, würde ich sagen. Dieser Mythos erwartete, dass die sterblichen Überreste des Che irgendwann auftauchen würden. Deshalb glaubten auch alle daran, als es endlich geschah, ohne genauer darüber nachzdenken. So wird manchmal die Geschichte geschrieben. Und so bereichern schöne Fiktionen die graue Realität."
Archiv: Reportajes
Stichwörter: Fidel Castro, Kuba

Plus - Minus (Polen), 24.02.2007

Zum Symbol des Kalten Krieges wurde die Berliner Mauer, aber dem kommunistischen Grenzregime zwischen der Tschechoslowakei und ihren westlichen Nachbarn fielen ebenfalls hunderte Menschen zum Opfer. Im Magazin der polnischen Rzeczpospolita lobt Maciej Ruczaj das Buch "Zelezna opona. Ceskoslovenska statni hranice od Jachymova po Bratislavu 1948-1989" ("Der Eiserne Vorhang. Die tschechoslowakische Staatgrenze von Jachymov bis Bratislava 1948-1989"). Darin wird u.a. rekonstruiert, wie das entvölkerte und streng bewachte Grenzland zu einer Art "Wilder Westen" konstruiert wurde. "Die filmische Darstellung der heroischen Grenzwächter wurde zu einem sozialistischen Western und ersetzte somit die 'bürgerlichen' Romane von Karl May, erklärt in dem Buch Jiri Stanek. Inmitten der sozialistisch-realistischen Kulturproduktion über Kraftwerke und Industriebauten war das Grenzland ein authentischer, faszinierender Stoff mit einem realen Konflikt: einerseits die Schmuggler und Agenten des Westens, andererseits die Helden - die Grenzsoldaten."

Grzegorz Dobiecki erinnert in seinem Beitrag daran, wie Frankreich seine Kollaboration im Zweiten Weltkrieg (nicht) aufgearbeitet hat, und dass der kürzlich verstorbene Maurice Papon der einzige Vertreter des Vichy-Staates war, der jemals verurteilt wurde. "Ein halbes Jahrhundert mussten die Franzosen auf diese Abrechnung warten. Als sie schließlich stattfand, hatte sie nichts von nationaler Sühne, sondern erinnerte eher an Exorzismen." Für Dobiecki kommt Frankreich mit der unbequemen Wahrheit der Kollaboration nicht zurecht. Seiner Ansicht nach war es 1995 ein mutiger Schritt Chiracs, die Mitverantwortung für die Ermordung der französischen Juden benannt zu haben.
Archiv: Plus - Minus

Spectator (UK), 24.02.2007

Rod Liddle attestiert dem multikulturellen Ansatz in Großbritannien einen rassistischen Unterton und plädiert dafür, die Betonung der Hautfarbe sowohl von schwarzer als auch weißer Seite gefälligst zu unterlassen. "Wir sollten alles hinwegefegen. All die Diskriminierung, die ganze Heuchelei, all diese fehlplazierten Versuche, Leute stolz zu machen, weil sie einen größeren (oder kleineren) Anteil an Melanin besitzen. Warum brauchen wir Preise wie etwa Mobo - Musik schwarzen Ursprungs? Warum gibt es so viele Auszeichnungen für schwarze Menschen in den Medien? Ist diese ganze Gaudi nicht wahrlich rassistisch? Wird da nicht verbreitet, dass Schwarze irgendwie anders sind als wir, und schlimmer, dass sie es auch bleiben sollten? Warum gibt es an unseren Schulen jeden Oktober einen Monat der Geschichte der Schwarzen? Sollte die Geschichte schwarzer Menschen nicht jeden Monat des Jahres Thema sein?"
Archiv: Spectator
Stichwörter: Diskriminierung

Foglio (Italien), 24.02.2007

Die beiden großen italienischen Verlage Mondadori und die Rcs-Gruppe gehen auf globale Einkaufstour, berichtet Ugo Bertone. Sie konzentrieren sich auf die totgesagten Zeitungen und Zeitschriften. "In einer Welt, die über Breitband und Satelliten läuft, haben sich die Medien in Italien offenbar für die Rolle als Papiertiger entschieden. Damit schwimmen sie gegen den Strom, in der Welt gibt es nicht viele, die sich für den Printbereich interessieren. Vielleicht deshalb, und das wäre die erste Erklärung, weil die anderen sich früher bewegt haben, während die großen Italeiner mit Streitigkeiten im eigenen Haus beschäftigt waren. Mit Sicherheit hat der Euro bewirkt, dass jetzt an internationale Zukäufe gedacht werden kann, die früher wegen der schwachen Lira außer Reichweite waren. Zudem beschäftigen sich die wahrhaft Großen immer weniger mit dem alten Papier, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, ihre Claims auf dem elektronischen Markt abzustecken."
Archiv: Foglio
Stichwörter: Bertone, Mondadori, Schwimmen

Gazeta Wyborcza (Polen), 24.02.2007

Filmkritiker Tadeusz Sobolewski sieht in Volker Schlöndorffs "Strajk - die Heldin von Danzig", der diese Woche in Polen Premiere feierte und Kontroversen auslöste, auch Positives: "Die Legende der 'Solidarnosc' hat ein Eigenleben, und es geht ihr ausgesprochen gut. Im Film und der Diskussion über ihn stoßen zwei Versionen davon aufeinander: die polnische, romantisch-patriotische und die der westlichen Linken. Schlöndorff schafft es, die positive Utopie der 'Solidarnosc', den Mythos der Weltverbesserung und des Dritten Weges, in unsere Zeiten zu retten, jenseits unserer verbissenen Debatten über das Erbe der Bewegung und jenseits der Konflikte. Der Film ist ein Geschenk, ein Blick auf die hellen Momente unserer Geschichte."

Aktuelle Meldung: nachdem letzten Montag der Siegerentwurf des Schweizer Architekten Christian Kerez für das neue Museum für Zeitgenössische Kunst in Warschau präsentiert worden war, ging ein Schrei der Empörung durch die Öffentlichkeit. Am Samstag wurde die Entscheidung wieder rückgängig gemacht - Kerez' geometrischer Entwurf "negiert die programmatische Ausrichtung des Museums und die daraus resultierenden funktionalen Lösungen des Gebäudes", heißt es in der Begründung.

Times Literary Supplement (UK), 23.02.2007

Gabriel Josipovici hat Steven F. Krugers "The Spectral Jew. Conversion and embodiment in medieval Europe" gelesen, ein Buch über das komplizierte Verhältnis von Juden und Christen im Mittelalter und dessen Argumente und Zweideutigkeiten in einem Abendmahl-Bild von Pietro Lorenzetti in Assisi wiederentdeckt. Er fragt sich: "Was bedeutet dieses Abwaschtuch, mit dem der Küchenjunge den Teller abwischt? Es ist nichts anderes als der Tallit, der jüdische Gebetsschal." Er legt das Buch nicht nur Theologiestudenten unters Kopfkissen: "Heute ist der geheime Andere nicht länger in erster Linie der Jude, sondern der Muslim."
Stichwörter: Mittelalter

al-Sharq al-Awsat (Saudi Arabien / Vereinigtes Königreich), 21.02.2007

Eine muslimische Sichtweise im Streit um die Ausgrabungen an der Mugrabi-Brücke in Jerusalem bietet Osama Alaysa. Er berichtet (hier in einer leicht geänderten Fassung auf Englisch) von einem "archäologischen Verbrechen" (eine israelische Sicht der Dinge findet sich hier): "Was treibt Israel unter dem heiligen Haram al-Sharif und in seiner Umgebung? Was ist das Ziel? Es ist bekannt, dass die Ausgrabungen und Zerstörungen schon vor 40 Jahren begonnen haben. Der aktuelle Wirbel könnte das Fass nun zum Überlaufen bringen - jetzt, da von allen Seiten gegraben wird. (...) Um zu verstehen, was geschah, muss man sich einige Ereignisse vergegenwärtigen, die dem Konflikt vorangingen. Am 13. August 2006 schrieb die Jerusalemer Stadtverwaltung in mehreren Zeitungen die Zerstörung der Brücke zum Mugrabi-Tor aus. Erklärtes Ziel war es, die Brücke, die im Februar 2004 aufgrund von verschiedenen Wettereinflüssen zusammengebrochen war, wieder aufzubauen. Israelische Bagger standen Anfang des Jahres bereit, um mit der Arbeit am Mugrabi-Tor zu beginnen - zu einer Zeit, als auch mit dem Bau einer Synagoge im al-Wad-Viertel in der Nähe eines der Tore zum heiligen Haram al-Sharif begonnen wurde. Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Bau der Synagoge konzentrierte, nutzen die Bagger die Gelegenheit, um die Überreste des Mugrabi-Viertels zu zerstören. Dabei wurden ayyubische und mamlukische Häuser zerstört, um (anschließend) das sogenannte Western Wall Heritage Center bauen zu können."

Aus Kairo berichtet Ayhab al-Hadri von der Absetzung des Stückes "Der Wandernde Jude" (mehr hier) im al-Hanagar-Theater. Während al-Hadri die Absetzung als Hinweis auf ein Wiederaufleben der Zensur deutet, weist Huda al-Wasfi, die Leiterin des Theaters, diesen Verdacht im Gespräch mit Hadri ausdrücklich zurück. Dennoch: Für Hadri steht außer Frage, dass die Absetzung "von unbekannter Seite" forciert wurde.
Stichwörter: Western

New York Times (USA), 25.02.2007

Nach dem Vorabdruck im Magazin der New York Times vor einigen Wochen, erklärt William Boyd in der Sunday Book Review nun das elementar Verstörende an den Erinnerungen des 26-jährigen Ishmael Beah an seine Zeit als Kindersoldat in Sierra Leone (Auszug "A Long Way Gone"): "Der Schrecken wird zwar registriert, doch seine Unbestimmtheit und Allgemeinheit verhindern, dass er Teil einer persönlichen Geschichte wird. Tatsächlich machen Beahs Zeit in der Armee und seine Berichte von Kampfhandlungen nur einen kleinen Teil des Buches aus. Und wer könnte ihm das verübeln? Der Blutrausch eines mit Drogen vollgepumpten Jugendlichen mit Sturmgewehr würde die Beschreibungskunst eines James Joyce erfordern ... Die vermittelte Erfahrung ist erschreckend, doch der Schauder entsteht durch unsere Fantasie und nicht durch diese Rohform ihrer Beschreibung. Beah zeigt uns eine Ansicht der Hölle, die eines Hieronymus Bosch würdig wäre, aber in den Grundfarben, etwa so, wie sie ein naiver Maler abbilden würde."

Weitere Artikel: William Grimes erinnert an den russischen Philosophen und Schriftsteller Alexander Herzen und dessen lesenswerte Autobiografie "Erlebtes und Gedachtes". Und Walter Kirn findet David Mamets Breitseite gegen die Filmindustrie ("Bambi vs. Godzilla") irgendwie unglaubwürdig: Immerhin ernährt Hollywood den Mann.

Das Magazin der New York Times widmet dem Künstler Jeff Wall ein langes Porträt. Und Steven Lee Myers fragt: Wer kommt nach Putin?