Im Kino

Zurück auf Anfang

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh, Nikolaus Perneczky
01.06.2011. Immer neue Anläufe unternimmt Duncan Jones in seinem Mind-Game-Film "Source Code" zu einer Geschichte, die nicht immer gut ausgeht. Vom Alltag einer Kannibalenfamilie in Mexiko erzählt nicht ohne gesellschaftskritische Absicht Jorge Michel Grau in "Wir sind, was wir sind".


Die Kamera umzirkelt Hochhausschluchten einer amerikanischen Großstadt, untermalt von einem orchestralen Score, der von Bernard Hermann sein könnte. Am rechten unteren Bildrand scheint der Titel auf, so blass und dezent, dass man ihn beinahe übersieht: "Source Code" fängt an wie ein Verschwörungsthriller des New Hollywood, nimmt dann aber eine andere Abzweigung - in Richtung Science Fiction, Melodram und das, wofür sich die Bezeichnung "mind-game movie" eingebürgert hat.

Am Ende der stimmungsvollen Eröffnung nähert sich das schwebende Kameraauge einem fahrenden Zug. Diese Einstellung markiert den Eintrittspunkt in die erste von vielen Realitätsebenen von Duncan Jones? zweitem Spielfilm, dessen krauser, kaum wiederzugebender Plot auf der Leinwand bestechend simpel erscheint. Ein Soldat, gespielt von Jake Gyllenhaal, wird in den Source Code, eine virtuelle Welt, die sich aus Erinnerungen speist, entsandt, um den Urheber eines Bombenattentats ausfindig zu machen. Die Erinnerungen gehören, und hier wird es knifflig, den Opfern des Anschlags, sind genau genommen also besser beschrieben als eine Art mnemonisches Nachglühen der Toten.

Der Film übersetzt diese etwas gespreizte Konstruktion in eine denkbar geradlinige Form. Die Bombe und der Bombenleger befinden sich beide in dem Zug, der in acht Minuten explodieren wird. Der Soldat wird in das Bewusstsein (oder das, was davon übrig ist) eines der Reisenden versetzt und soll Hinweise auf die Identität des Täters sicherstellen. Nach Ablauf der Frist detoniert die Bombe und der Zug wird von einer alles verschlingenden Feuersbrunst erfasst. Zurück auf Anfang: Das schwebende Kameraauge nähert sich dem fahrenden Zug.



Anstatt Welten und Wirklichkeiten auf komplizierte Weise ineinander zu verschachteln - und sich, wie Christopher Nolan in "Inception", einen umständlichen Plausibilisierungsapparat einzuhandeln - verfährt die mehrdimensionale Erzählung von "Source Code" (Drehbuch: Ben Ripley) kumulativ, indem sie Möglichkeit auf Möglichkeit auf Möglichkeit häuft in einer potenziell endlosen Reihe. Wieder und wieder arbeitet sich der Protagonist an denselben acht Minuten ab, wieder und wieder enden sie mit seinem Tod und dem seiner Mitreisenden. Mit jedem Versuch, das Rätsel zu lösen, wird ihm der eingeschränkte Ausschnitt Welt vertrauter: Geschickt wiederholt Jones bestimmte Geräusche, Gesten, Objekte, in deren mechanischer Abfolge die Unausweichlichkeit des jähen Endes sich vermittelt. Ungewöhnlich für einen Film, der, obschon mit verhältnismäßig kleinem Budget, in Hollywood entstanden ist, überlässt sich "Source Code" hier einer beinahe melancholischen Haltung.

Zwar gelingt es dem Soldaten schließlich, ein Stück Handlungsmacht im Inneren des Quellcodes zu erlangen, aber es ist nicht allein sein Verdienst, wenn sich am Ende des Films doch noch die kaum mehr zu erhoffende Möglichkeit eines happy ending auftut. In den x mal acht Minuten (es ist nicht exakt zu bestimmen, wie oft das Szenario durchlaufen wird), die, man kann es nicht genug betonen, noch jedes Mal mit seinem Tod enden, gelingt es dem Soldaten schließlich, sich zu verlieben - eine gewagte Idee, die Jones mit der nötigen Chuzpe zu melodramatischen Spezialeffekten überlebensgroß ins Bild setzt.

"Source Code" ist ein B-Film im besten Sinn des Wortes: Anstatt sich mit so kleinlichen Belangen wie einem wahrscheinlichen Narrativ oder polierten Look aufzuhalten, empfiehlt er sich durch seinen Mut zum Kruden und zur haltlosen Überhöhung: Den ärgsten Dreh der Geschichte habe ich noch gar nicht verraten...

Nikolaus Perneczky

***



Ein abgerissener, offenbar schwer kranker Mann schwankt durch ein mexikanisches Einkaufszentrum. Vom Angestellten eines Klamottenladens wird er vom Schaufenster verjagt, weniger später erbricht er schwarzen Schleim und fällt tot zu Boden. Viel mehr als ein hässlicher Fleck, eine hygienische Herausforderung für das zuständige Personal scheint er nicht zu sein: Ruckzuck ist die Leiche und mit wenigen Handstrichen auch das Erbrochene entfernt, schon flaniert eine Kleinfamilie über die Stelle, auf dem Weg zum nächsten Schnäppchen. Die Kamera zeigt das gefühlskalt aus der Vogelperspektive.

Der Mann, der da in der ersten Sequenz einen elenden Tod stirbt, hinterlässt eine Familie, die der Tod in eine schwere Krise stürzt: Nicht nur, weil der Vater über den Verkauf von Uhren - den die beiden Söhne, der eine enorm viril, der andere verunsichert schwul, kaum allein bewerkstelligen - die Miete ins Haus bringt, sondern auch, weil er die Herausforderungen der Nahrungsbeschaffung meistert: Die Familie lebt von Menschenfleisch. Allerdings nicht von irgendwelchem: Prostituierte dürfen es definitiv nicht sein, verfügt die Mutter, und das Fleisch darf nur im Rahmen dessen verspeist werden, was geheimnisvoll "das Ritual" genannt wird. Die Zeit rennt der Rest-Familie buchstäblich davon: Das Ticken der zahllosen Uhren im Haus bestimmt den Film und gibt ihm eine meditative Dringlichkeit, die sich ganz zum Schluss erst in einem Furiosum entladen wird.



"Wir sind was wir sind" ist ein mitleidloser Blick auf die mexikanische Gesellschaft, deren Facetten der Debütant Jorge Michel Grau von den Rändern her in den Blick nimmt: Soziale Verwahrlosung, eine desorientierte Polizei, Prostituierte und Vergnügungssüchtige, die gerade nicht mehr ganz am Rand der sozialen Peripherie ihr Dasein fristen, bevölkern das Geschehen. Der Kannibalismus bietet dabei die naheliegende Metapher für eine Gesellschaft, die sich nach innen durch eine enorme Gleichgültigkeit auszeichnet: Der eine frisst den anderen auf, Achselzucken allerorten.

Als Form wählte Jorge Michel Grau den Arthouse-Horrorschocker: Die oft fragmentartige, sich nicht immer umgehend plausibilisierende Filmsprache orientiert sich - vielleicht eine Spur zu affirmativ - an den Standards des Festival- und Weltkinos, der Subtext und die Metaphorik wiederum am zeitgenössischen Horrorfilm. Nicht von ungefähr versucht die PR des Films eine Nähe zum schwedischen Vampir-Arthouse-Drama "So finster die Nacht" herzustellen, wobei dessen poetische Fragilität in "Wir sind was wir sind" einer düster dräuenden Apokalyptik weicht. Man darf auch an Agustin Villaronga und besonders an dessen "In einem Glaskäfig" darf man denken, in dem der spanische Regisseur mit den Mitteln des europäischen Kunstfilms die Geschichte eines pädophilen Nazidoktors, der in einer eisernen Lunge steckt, erzählt.

Zugegeben, es ist nicht immer ganz eben, was Jorge Michel Grau hier veranstaltet: Die musikalische Untermalung lässt mitunter an eine schwarzhumorige Posse denken, wohingegen die Bilder auf den blanken Ernst des Geschehens bestehen. Und nicht immer ist evident, worauf Jorge Grau zwischen sozialkritischem Holzhammer und gediegener Kannibalensplatterei eigentlich wirklich hinaus will. Doch schlägt der Film mitunter ganz wunderbar um sich und macht das Elend dort, wo er es sichtbar macht, ganz im Gegensatz zu seinem Landsmann, den Kunstgewerbe-Scharlatan Alejandro Gonzalez Inarritu, eben nicht bloß konsumierbar, sondern unbehaglich, ohne sich vom Genrefilm und dessen ästhetischen Registern verschämt abzuwenden. Ein schöner, roher kleiner Film - den Namen Jorge Michel Grau sollte man sich für die Zukunft merken.

Thomas Groh

Source Code. USA / Frankreich 2011 - Regie: Duncan Jones - Darsteller: Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Farmiga, Jeffrey Wright, Michael Arden, Cas Anvar, Russell Peters, Brent Skagford, Craig Thomas, Gordon Masten, Susan Bain

Wir sind, was wir sind. Mexiko 2010 - Originaltitel: Somos lo que hay - Regie: Jorge Michel Grau - Darsteller: Francisco Barreiro, Alan Chavez, Paulina Gaitan, Carmen Beato, Jorge Zarate, Esteban Soberanes, Adrian Aguirre, Juan Carlos Colombo, Octavio Michel