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Im Kino

Towarisch Übelkrähe

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
10.12.2008. Durch Eis und Schnee des finstersten Ostens und einen haasträubenden Plot jagt der Eisenbahn-Thriller "Transsiberian" Emily Mortimer, Ben Kingsley und Woody Harrelson. Der mexikanische Reißer "La Zona" verbindet Gesellschaftskritik und mitreißende Jagd durchs Innere einer verkommenen Gemeinschaft.

Ganz tief hinten im Osten beginnt wie im stinkenden Rachen eines zottigen Untiers der Film. Zwei Paare lernen einander kennen im Abteil der Transsibirischen Eisenbahn. Das eine Paar: Zwei Christen. Roy (Woody Harrelson) ist ein braver Mann und Jessie (Emily Mortimer) seine nicht so brave Frau mit Vergangenheit. Carlos (Eduardo Noriega) ist ein Womanizer, der aber nicht ist, wer er scheint. Seine Freundin Abby (Kate Mara) ist jung und weiß nicht, worauf sie sich einlässt. Erste Eindrücke täuschen. In küchenphilosophischen Gesprächen über Gott, das Leben und den ganzen Rest kommt man sich auf Bahnsteigen und im Wald und in einer verfallenen Kirche nahe, näher und zu nah.

Vom tiefen Osten nach Westen bewegt sich der Film. Die Transsibirische Eisenbahn fährt durch Schnee und Kälte und Eis. Im Abteil und auch außerhalb lernen die zwei Paare einander besser kennen, als ihnen lieb ist. Ja, es ist der reine Swinger-Club des Seelenverkehrs. Man spricht, man schweigt, man wirft verstohlene Blicke, die die Kamera, der nichts Unsubtiles fremd ist, zur Überdeutlichkeit vergrößert. Inszeniert werden Parallelbewegungen: Der Zug fährt gen Westen, die Seelen werden entblößt. Dunkle Vergangenheiten holen dunklere Gegenwarten ein. Als Hintergrundaktion, die den Doppelpaarplot begleitet, gibt es eine Russen-Drogen-Mafia- Dunkelmänner-Geschichte. Tief in ihr drin: Kein anderer als Ben Kingsley, der seine Rolle nach Hause telefoniert. Erst findet er eine Leiche mit Messer im Hals. Dann verschwindet er von der Bildfläche. Dann kehrt er auf die Bildfläche zurück. Er lässt foltern. Er steckt mit dem Bösen unter einer Decke. Er ist der stinkende Atem aus dem Rachen des zottigen Untiers mit Namen Mütterchen Russland. Am Ende verschwindet er im Wald. Da ist der Zug dann abgefahren.

Komplikationen. Roy steigt einmal aus und nicht wieder ein. Dadurch kommt es zu Aufenthalten mit Todesfolge. Matrjoschkas sind nicht, was sie scheinen. Es setzt Schläge auf den Kopf. Jessie eilt durch den Zug, eilt durch den Wald, eilt durch dunkel gefilterte Seelenlandschaften. An Mord und an Totschlag fehlt es nicht. An Zurückhaltung schon, auf allen Ebenen. "Transsiberian" ist ein Film mit Attention Deficit Hyperactivity Disorder, verbunden mit Größenwahn. Man darf sich sicher sein, dass Brad Anderson, Autor und Regisseur, irgendwie Hitchcock im Sinn hatte. Nur dass er alles, was an Hitchcock-Filmen unwichtig ist, wichtig nimmt: Plot, Psychologie, Gewalt und Haudrauf; und von allem, das Hitchcock so meisterlich beherrscht, keine Ahnung hat: Rhythmus, Ironie, Genauigkeit im Detail, Zurückhaltung im rechten Moment. (Lektion: Nicht aus allen, die sich maßlos übertreibend an Hitchcock abarbeiten, wird ein Brian De Palma.)


Der Film fährt mit dem Zug in den Westen. Er steigt ein, er steigt aus. Er macht einen Abzweig in einen Hangar, in dem wie in den neusten Slasher-Filmen a la "Hostel" eine Frau blutig geschlitzt wird. Anderson schmeißt, kurz gesagt, mit allem, was er zu greifen kriegt, nach dem Zuschauer: Verfolgungsjagd, Gewalt, böse Männer, ein steuerloser Zug, Heroinpuppen. Und Russlandklischees. Der Osten: ein finsterer Imaginationsraum. Restlos opfert "Transsiberian" seinen Verstand in der Kirche des Vorurteils. Der Osten: Hic sunt Towarisch Übelkrähe und Co. Der Kamermann filtert Recht und Gesetz aus dem Bild. Am Himmel kreist der Vogel des Bösen. Auf Erden stapft der Kahlkopf der Korruption. Und auf der Leinwand ist ein Film nicht ganz dicht.

***


Der Titel deutet es in seiner Bestimmtheit an: Man muss "La Zona" unbedingt allegorisch nehmen. Und darf also die Raum- und Bildordnung, die er entwirft, nicht zu realistisch, sondern muss sie als Topologie unserer Gegenwart verstehen. Mexiko, wo das spielt, ist nicht zufällig der konkrete geografische Ort. Allgemeiner gemeint ist es dennoch.

So sieht sie aus, diese Topologie: Im Zentrum steht nicht die "Zone", sondern die Mauer, die die Zone von dem, was Draußen ist, trennt. Drinnen sind reiche Menschen, die es sich leisten können, die Armen und Unterprivilegierten draußen zu halten. "La Zona" ist das, was man im Englischen eine "gated community" nennt, also ein künstlich auf hohem Einkommensniveau homogenisierter Lebensraum, in dem Reiche ihresgleichen begegnen. Die einzigen, die vom armen Draußen ins warme Drinnen wechseln dürften, sind die Bediensteten, deren Stellung entsprechend prekär ist.

"La Zona" beginnt mit einem temporären Zusammenbruch des Zentrums, der Grenze, der Mauer. Auch die Kameras, die das Innen komplett überwachen und den Raum auf diese Weise homogen und stabil halten, fallen für einen Moment aus. Eindringlinge nutzen die Gunst der Minute und schleichen sich ins Innere der Zone. Sie brechen ein in eine der Villen, wohlen nur stehlen, werden überrascht und töten eine Frau. Sie fliehen, werden erwischt, getötet und als der Müll, der sie für die Begriffe der Privilegierten sind, bei Nacht und Nebel verklappt und entsorgt.


Doch die von den Eindringlingen geschlagene Wunde schwärt weiter. Einer hat überlebt. Er kommt nicht mehr raus, wird gejagt, versteckt sich im Keller. Die Blicke der Überwachungskamers greifen ihn auf, verlieren ihn wieder. Nicht die Polizei - die selbst nur Gast und Eindringling ist - hütet Recht und Gesetz in der Zone. Dafür sorgt die Gemeinschaft selbst. Sie rottet sich zusammen, greift zu Waffe und Selbstjustiz. Der Film typisiert einzelne Figuren: Die Einpeitscherin. Den Zurückhaltenden, aber nicht Widerständigen. Seine Frau, deren Protest wenig bewirkt. Aus der Gemeinschaft vergrößert der Film eine Familie heraus. Deren Mitglieder sind juste-milieu der Zone, nicht fanatisch, aber auch keine Zelle des Widerstands.

Der Sohn Alejandro (Daniel Tovar) trifft im Keller auf den Eindringling und verrät ihn nicht. Aus seiner, Alejandros, Perspektive erzählt "La Zona" seine Geschichte. Der Film installiert, selber drinnen eher als draußen, einen Außenblick des Innenblicks. Dies ist auch die Position seiner Kritik. Er solidarisiert sich nicht mit den Unterprivilegierten, sondern mit dem Privilegierten, der einen Prozess der Aufklärung über sein Privilegiertsein durchlebt. "La Zona" entwirft also eine Topologie bürgerlicher Selbstkritik.

Seine ästhetische Position ist damit eng verbunden. Er mobilisiert seine Einstellungen mit der Handkamera und macht Tempo. Er reißt seine Zuschauer mit und will ihre Identifikation mit der Alejandro-Figur. Er kompliziert nichts, ganz anders als etwa der so brillant heikle Favela-Film und Berlinale-Gewinner "Tropa de Elite". (Wo bleibt der eigentlich in unseren Kinos?) Sein Handwerk, das er als das der gemäßigten Agitation begreift, versteht Debütregisseur Rodrigo Pla bereits bestens. Als gewiss sehr schematischer gesellschaftspolitischer Reißer, der aber ohne allzuviel Heuchelei auskommt, ist "La Zona" jedenfalls interessant.

Transsiberian. Großbritannien / Deutschland / Spanien 2007 - Regie: Brad Anderson - Darsteller: Woody Harrelson, Emily Mortimer, Kate Mara, Eduardo Noriega, Ben Kingsley, Thomas Kretschmann, Etienne Chicot, Mac McDonald

La Zona. Mexiko 2007 - Regie: Rodrigo Pla - Darsteller: Maribel Verdu, Andres Montiel, Daniel Gimenez Cacho, Carlos Bardem, Alan Chavez, Daniel Tovar, Marina de Tavira, Mario Zaragoza, Enrique Arreola

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