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Im Kino

Populärmythische Schmiere

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
08.05.2013. In J. J. Abrams "Star Trek Into Darkness" wird der Zierrat als Zierrat kenntlich - eine reine Leistung nach üblichen Parametern liefert der Blockbuster dennoch ab. Peter Mettlers essayistischer Dokumentarfilm "The End of Time" belohnt eine eher entspannte Rezeptionshaltung.


Der gängige Modus des Blockbusters ist der eines so üppigen, wie genossenen "Zuviel": Zuviel an Action, zuviel an Material, zuviel an "bigger than life". Und in jüngerer Zeit auch: Zuviel an Subtext. Wobei fraglich bleibt, ob ein Subtext noch Subtext ist, wenn er deutlich oberhalb der Oberfläche prangt wie daumendick Butter auf dem Butterbrot. Als kapitalintensivste Form der Filmproduktion (und, was Hollywood betrifft, zunehmend auch als einzige) sieht sich der Blockbuster dazu gezwungen, einerseits in alle Richtungen davon zu streben, andererseits aber auch für den Cash-Rückfluss immer mehr Publikum auf sich einzuschwören. Der schlicht Amüsierwillige kriegt die Action, der Nerd den Insider-Gag und der sich seines Amüsements leicht schuldig fühlende Bürger immerhin den feuilletonistisch aufbereitbaren Subtext. Da letztere Gruppe in der Gesamtbilanz eher den kleinsten Anteil ausmacht, wirkt der Subtext hingeworfen wie ein Köder: Fass, berichte davon, hol' doch Deine Leute auch noch rein.

Weshalb die Ikonografie des Terrorismus seit 9/11 sich nun auch im Star-Trek-Universum, das "Lost"-Regisseur J.J. Abrams vor wenigen Jahren mittels Parallel-Universum-Schaltung neuerlich in eine von Lens-Flare-Exzessen geprägte Monetarisierungs-Galaxis gebogen hat (unsere Kritik), wiederfindet: Hineingestellt, mittels (wenn auch nachträglich konvertiertem und also ziemlich hässlichem) 3-D quasi begehbar (Volte der Erzählung: auch erzählintern), aber sehr unmotiviert. Es kracht und zerbirst in Londons Zentrum, der Schuldige ist rasch gefunden: Benedict Cumberbatch, sonst im BBC-London als Sherlock Holmes tätig, hier nun als drahtig-aasige Osama-Bin-Laden-Analogie, die sich nicht mehr in Bergregionen Zentralasiens, sondern auf einem fernen Gestirn versteckt hält, wo ihn Kirk (Chris Pine) und Spock (Zachary Quinto) bald ausfindig machen, nur um festzustellen, dass sie von vornherein als Teil eines weit größeren Plans nach allen Regeln der Kunst genasführt worden waren.

Vom einstigen Humboldt'schen Projekt einer interstellaren Welterkundung, das Trekker insbesondere gegenüber Star-Wars-Fans gerne stark machen, bleibt in Abrams' Franchise-Reboot allenfalls die Spur einer Reminiszenz. Stattdessen misst sich sein zweiter Teil in den üblichen Disziplinen der Blockbuster-Königsklassen: Digitaleffekte, Action, Code- und Referenzsystem, zeithistorischer Kommentar, nicht zuletzt persönliches Drama der Archetyp-Figuren: Kirks Mangel an Pflichtgehorsam rettet Spock eingangs das Leben. Der wiederum liefert ihn als qua seiner vulkanischen Natur obsessiv-Kantianer mit einem eben nicht geflunkerten, sondern der Sachlage entsprechenden Bericht ans Messer, schließlich hätte Kirk ihn protokollgemäß in den Tod gehen lassen müssen. Stattdessen glaubt nun eine primitive Kultur weit draußen im All noch vor der Erfindung des Rads an einen Enterprise-förmigen Gott.

Pflichtgehorsam und individuelle Spontaneität, emotionale Intelligenz und reine Vernunft - diese Reibeflächen in Spocks und Kirks ohnehin sehr sonderbarer Freundschaft bilden die populärmythische Schmiere, mit der Abrams auch die vom in Serie geschalteten Blockbuster gebotene große Oper ins Action-Tableau überführt. Der Nerd im Publikum bedankt sich für die dabei großzügig verstreuten Anspielungen auf den unter Fans im exzellenten Ruf stehenden zweiten Teil des alten Star-Trek-Kinofranchise.



Dass Abrams all diese Fäden dann noch, wenn auch nach einer arg lange vor sich her dribbelnden Exposition, in eine stimmige Materialschlacht überführt, ist aber doch erstaunlich. Eine reine Leistung nach üblichen Parametern lässt sich "Star Trek Into Darkness" jedenfalls ohne weiteres attestieren: Die zweite Hälfte ist mehr als solide spannungsgeladen, die Actionszenen ansehnlich und mitreißend, die schauspielerischen Leistungen - zumindest im zweiten Glied - sehr passabel (und im Falle Cumberbatchs ohnehin erwartungsgemäß zum Niederknien).

Doch liegt vielleicht gerade darin, dass der Film von Langeweile schlagartig auf gute Unterhaltung umstellt, ein zu denken gebender Knackpunkt: Kenntlich wird darin der Zierrat als Zierrat - und zugleich auch, dass ein einst von einer treuen Fankultur umhegtes Franchise sich auf diese, ähnlich wie die lange Reihe an jüngeren Comicverfilmungen, schon aus Investitionsgründen längst nicht mehr allein verlassen kann. Das Resultat überzeugt am Ende zwar - zum Preis einer gewissen Stromlinienförmigkeit allerdings, in der Distinktion und Differenz höchstens noch als nostalgische Spur für den Abgang zu haben sind. Auch eine Form von Konvergenz, die sich abzeichnet: Die Spezialeffekte stammen eh schon von Lucas Films, als nächstes dreht J.J. Abrams "Star Wars".

Thomas Groh

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Man sollte den Film im Kino sehen. Da verliert man wenigstens ein wenig die Herrschaft über die eigene Lebenszeit, vertraut sie, wenn auch zu vorher ausgehandelten Bedingungen, einem anderen an, dem Film. Und obwohl es nicht ganz einfach ist, herauszufinden, was das genau für eine Zeit ist, für die sich Peter Mettlers dokumentarischer Essay "The End of Time" interessiert, so ist doch klar, welche Art von Zeit den Film überhaupt nicht interessiert: Die durchgetaktete, nach (Schweige-)Minuten, (Schul-)Stunden, (Arbeits-)Tagen und (Goethe-)Jahren bemessene, jene Zeit, die einem unter den Fingern verrinnt, weil sie nicht mehr ist, als ein (im besten Fall offenes) Zeitfenster im Kalender.

Doch noch einmal: Was sind das für Arten von Zeit, für die sich der Film statt dessen interessiert? Man kann sie höchstens nacheinander aufzählen. Zum Beispiel gibt es die naturwissenschaftliche Zeit, der in ihren Grenzbereichen von Wissenschaftlern mit gewaltigen Gerätschaften auf den Leib gerückt wird. Mettlers Kamera taucht ein in ein monströs anmutendes Labor, das auch ein James-Bond-Bösewicht aus den Siebzigern hätte entwerfen können, scheint in dessen engen Gängen gelegentlich die Fassung zu verlieren, schwenkt wild herum, wie als würde sie sich von den Gedankenexperimenten erfassen lassen wollen, die hier materielle Gestalt annehmen. Der Film hört den Wissenschaftlern zu, ohne viel von dem, was sie sagen, zu verstehen zu scheinen, nähert sich, so gut er kann, dem Teilchenbeschleuniger, der Urknallbedingungen (oder etwas in der Art) simulieren soll, am Ende kann Mettler aber doch nur eine bunt-abstrakte Computergrafik zeigen: zwei Lichtpunkte, die aufeinander zugleiten und dann feuerwerksartig explodieren.



Schon da stößt das repräsentationale Regime des Kinos an seine Grenzen. Erst recht tut es das, wenn sich der Film den "menschlichen Aspekten der Zeit" zuwendet; nicht ist damit, wie gesagt, die Alltagserfahrung mit der gar nicht mehr wahrgenommenen Zeit gemeint, jener Zeit, die selbst nach Feierabend nicht genossen, sondern vertrieben wird, auch nicht die historische Zeit, die aus der menschlichen Gemeinschaft heraus entsteht. Sondern eine höchstpersönliche, idiosynkratische Zeit, die in den Zeitbildern aufscheint, die man sich selbst macht, wenn man zum Beispiel alleine auf einer einsamen Indel lebt oder sich esoterischen Meditationstechniken hingibt; erst ganz am Ende auch: die autobiografische Zeit des Regisseurs. Ein Film ist das jedenfalls, der sich eher für die Extreme als für die Norm interessiert, für das Ende und den Anfang der Zeit, nicht für deren banale Mitte.

Nicht immer ist Mettler dabei kitsch-, schon gar nicht bullshitresistent. Schön an "The End of Time" ist hingegen, dass der Film einerseits das brav Dokumentarische ganz und gar hinter sich lässt, andererseits aber auch nicht krampfhaft nach besonders smarten visuellen Metaphern sucht, sondern zunächst einmal nur interessante (Zeit-)Bilder, die sich nicht gleich irgendwelchen Begriffen ergeben müssen, sammelt. (Viele dieser Bilder sind, nebenbei bemerkt, Wetterphänomene, was durchaus naheliegend scheint: Vielleicht kann man tatsächlich gerade in der Beobachtung des Wetters, der Koexistenz mit dem Wetter auch im Alltag ganz unmetaphorische Begegnungen mit der "Zeit an sich" machen). Genauso sammelt Mettler Sätze über die Zeit, die auf der Tonspur gleichrangig neben seine eigenen, eher spärlichen Kommentare und neben flächig-sphärische Klangwelten treten. Die Verknüpfung der Bilder untereinander und mit den Sätzen und Tönen funktioniert nicht systematisch, sondern assoziativ, fließend.

Funktioniert das im Ganzen? Vermutlich nur, wenn man zugesteht, dass auch Langeweile gelegentlich eine lohnende Zeiterfahrung darstellt. Andererseits: Man kann in den Film aus- und wieder einsteigen, ohne, dass er das einem übel nimmt. Schon das alleine ist angenehm. Wenn man den richtigen, nämlich einen eher entspannten Zugang findet, kann man mit "The End of Time" eine verdammt gute Zeit haben.

Lukas Foerster

Star Trek Into Darkness - USA 2013 - Regie: J.J. Abrams - Darsteller: Chris Pine, Zachary Quinto, Benedict Cumberbatch, Alice Eve, Zoe Saldana, Karl Urban, Simon Pegg - Laufzeit: 132 Minuten.

The End of Time - Schweiz 2012 - Regie: Peter Mettler - Laufzeit: 109 Minuten.

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