Im Kino
Mit offenen Karten
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer
10.10.2007. Michael Moore bleibt ein Populist, liegt deswegen aber noch lange nicht falsch mit "Sicko", seiner Anklage gegen das US-Gesundheitssystem. Und Jan Bonny macht in seinem Spielfilmdebüt "Gegenüber" verständlich, wie es kommen kann, dass eine Frau ihren Mann verprügelt.
Moores Filme machen es dem europäischen Publikum in gewisser Weise leicht: Man kann sich mit Moore über die amerikanischen Waffengesetze ("Bowling for Columbine"), die Außenpolitik der USA ("Fahrenheit 9/11") oder nun eben das Gesundheitssystem auf der anderen Seite des Atlantiks echauffieren und dabei seinem Antiamerikanismus freien Lauf lassen. Oder aber man echauffiert sich stattdessen über Moore selbst und dessen unseriöse, populistische Rhetorik. Oft ist eine solche Reaktion jedoch mindestens genauso fragwürdig.
Michael Moore ist zweifellos ein Populist. "Sicko" setzt direkt mit einem der berühmten Versprecher George W. Bushs ein und greift im weiteren Verlauf auf allerlei Kabinettsstückchen der suggestiven Montage zurück. So folgt auf eine Aufnahme einer Rede des New Yorker Bürgermeisters Bloomberg, der den 9/11-Helfern großzügige Hilfen zusagt, ein harter Schnitt auf das lungenkranke Husten eben eines solchen Helfers, das die Politikerworte Lügen straft.
Doch ist Moores Populismus wirklich so unseriös? Oder anders gefragt: Ist es nicht gerade der deutlich fühlbare Mangel an Seriosität, der einen Film wie "Sicko" vorteilhaft von den meisten populär-dokumentarischen Formaten, gerade auch in Deutschland, abhebt? Denn Moores Populismus gibt sich im Gegensatz zu dem eines Guido Knopp immer als solcher zu erkennen. Dies beginnt bei dem Modus der Präsentation. Im Gegensatz zu einem nur scheinbar neutralen, insgeheim hochmanipulativen Off-Kommentar thematisiert Moores Erzählerstimme das Verhältnis zwischen dem Regisseur und seinem Thema direkt.
Am deutlichsten wird der Unterschied zwischen "Sicko" und Moores hiesigen Kollegen vielleicht bei der Verwendung von Archivmaterial. "Hitlers Helfer" und Konsorten behandeln historische Aufnahmen wie religiöse Reliquien und präsentieren sie als nicht mehr hinterfragbare Wahrheiten. Moore dagegen nutzt Fremdmaterial unterschiedlicher Art vor allem dazu, sich spielerisch über die Kommunismusparanoia in Amerika lustig zu machen und unterlegt eine Rede Castros auch schon einmal mit dem Fauchen Godzillas.

Natürlich kann - und muss - man einiges an Michael Moore kritisieren. In diesem Fall vor allem die reichlich widerwärtige Instrumentalisierung der Guantanamo-Häftlinge für die Kritik am Gesundheitssystem. Vor allem jedoch gilt es, die Differenz zwischen der amerikanischen und der europäischen Perspektive zu berücksichtigen. So ist es zwar Moores gutes Recht, seinen Landsleuten die gut funktionierende Krankenversorgung in Frankreich und Großbritannien vorzuführen. Hierzulande sollte man jedoch bedenken, dass diese Sicherungssysteme unter anderem durch eine konsequente Abschottung der EU-Außengrenzen aufrechterhalten werden. Und auf den ersten großen Dokumentarfilm über die Gesundheitsversorgung in nordafrikanischen Flüchtlingscamps werden wir wohl noch eine Weile warten müssen.
Lukas Förster
***

Seine Frau Anne (Victoria Trauttmansdorff) hält es nicht aus. Sie hält ihn nicht aus, sie hält die Ehe nicht aus, sie hält ihr Leben nicht aus: es ist nicht einfach zu sagen. Aber eins ist gewiss: Sie duckt sich nicht, sie belässt es auch nicht bei Widerworten. Sie schlägt zu. Sie schlägt ihren Mann, der sich nicht zur Wehr setzt, der sich am liebsten verkriechen würde, der die Schläge nimmt, wie sie kommen. Sie genießt das nicht, sie bittet ja, es ist ihr selbst wohl nicht recht klar, was sie von dieser Wut halten soll, die sie zuschlagen lässt.
Jan Bonny macht dieses Szenario in seinem Debütfilm "Gegenüber" plausibel. Ein bisschen zu nachdrücklich vielleicht, wenn er die Eheleute mit beinahe guten Gründen für die plötzliche Eskalation der

Bonny erzählt seine Geschichte im sozialrealistischen Modus - wer also angesichts der psychodynamisch fatalen Kernkonstellation an Fassbinder denkt und seine präzisen Stilisierungen, liegt eher falsch. Bonny setzt nicht auf Distanz, sondern auf größtmögliche Intimität. Es schleicht sich dabei aber dank der hervorragenden Schauspieler kein falscher Ton in die Darstellung, die Bilder zeigen die Verletzungen, aber beuten sie nicht aus. Weil Bonny nichts verschweigt, die intensiven Szenen nicht durch Humor entschärft, ist das Zuschauen manchmal schwer erträglich. Es spricht das aber für, nicht gegen den Film.
Ekkehard Knörer
Sicko. Regie: Michael Moore. USA 2007, 116 Minuten.
Gegenüber. Regie: Jan Bonny. Mit Victoria Trauttmansdorff, Matthias Brandt, Wotan Wilke Möhring, Susanne Bormann und anderen. Deutschland 2007, 96 Minuten.