Im Kino
Am Ende fordert der Wald sein Recht
Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
05.08.2026. Zu laut, zu behaart und es schläft nicht: Irgendwas stimmt nicht mit dem Kind, das in finnischen Wäldern aufwächst. Hanna Bergholms Horrorfilm "Nightborn" zeigt das Unheimliche in einem klassisch freudianischen Sinne: als das verdrängte Eigene.
Die Kleinfamilie in Hanna Bergholms "Hatching" gehörte 2022 mit zum Grausigsten, was das Horror-Genre in den letzten Jahren an Horror-Familien aufgefahren hat. Eine radikal narzistische Influencer-Mama, die mit betoniertem Positive-Thinking-Lächeln und per Selfie-Stick jeden Schritt ihrer Kinder und vor allem ihrer auf Erfolg und Körperdrill hin trainierte zwölfjährige Tochter dokumentiert und direkt hochlädt. Letztere brütet dann einen Doppelgänger aus, der alles das, was das Mädchen an unterdrückter Wut und anderen hässlichen Impulsen in sich trägt, auf gleichermaßen beklemmende wie befreiende Weise auslebt.
In den selbst schon destruktiven Bildern von zerstörten Kleinfamilien, die einem vorher ausgiebig als wesenhaft verlogen und neurotisierend und damit auch als zerstörungswürdig präsentiert werden, finden zwei Merksätze Georg Seeßlens einen besonders eindrucksvollen filmischen Ausdruck: "Das Bild verkauft weniger seine Information als seinen Affekt." Und, nur sinngemäß (weil ich die Quelle nicht mehr gefunden habe): Jedes Bild ist aus Lust und Angst zusammengesetzt. Heißt im Falle des zunehmend drastischen Verlaufs von "Hatching" (ein Hund wird geköpft, ein Mädchen füttert ein Vogelwesen mit ihrer Kotze, ein monströser Doppelgänger greift zur Axt): Es ist schrecklich anzusehen, aber die Zerstörung des Falschen hat auch etwas Befreiendes.
Der ausgiebige Rückgriff auf den ersten Film Bergholms steht an dieser Stelle, weil ihr zweiter, "Nightborn", unmittelbar anschließt. Wieder werden ganz weltliche, alltägliche Schrecken, die Familien in sich bergen können, mit den Mitteln der Fantastik und des Body Horrors erzählt. Die Intensität beider Filme kommt nicht aus der etwas schematischen Figurenkonstruktion, sondern aus ihrer Körperlichkeit. In "Nightborn" sind es nicht mehr die Verletzung und die Mutation des Körpers - zumindest ziemlich lange nicht -, sondern ein auditiv erzeugter Horror. Über weite Strecken der Erzählung ist enervierendes Babygeschrei zu hören, das sich mit den Sounds vermischt, die der ehemalige Sepultura-Sänger Max Cavalera für Nightborn eingegröhlt hat.

Das Baby ist das erste Kind von Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grind; nach all den Jahren, in denen man ihn vor allem mit den Harry-Potter-Filmen verbunden hat, kaum wiederzuerkennen), einem jungen Paar, das aus London in das Geburtshaus Sagas zieht, mitten in den finnischen Wäldern. Die Wälder sind von der ersten Minute an als unheimlicher Ort gekennzeichnet, auch hier tönt die elektronisch verfremdete Stimme Cavaleras durch die Szenerie, und mit dem Baby, das in diesen Wäldern gezeugt wird, stimmt etwas nicht: zu laut und zu behaart, und es schläft fast nie.
Anders als das kotzehungrige Vogelwesen aus "Hatching" sieht man den Jungen immer nur kurz, aber der Eindruck genügt, um zu verstehen, dass hier ein Kind haarscharf am Deformierten vorbeigeraten ist. Es sieht einfach nur seltsam aus und verhält sich seltsam. Wo das Monster in Bergholms Debüt als genretypische Verkörperung der unterdrückten Emotionen einer von der Mutter für die Befüllung des eigenen unersättlichen Selbsts instrumentalisierten Tochter fungiert, ist es in "Nightborn" eher ein Auslöser, um eine Erzählung über postnatale Depression und ein Elternpaar, das nie einen eigenen Rhythmus findet, zu erzählen. Saga, selbst mit einer durch und durch kalten Mutter großgeworden, stellt sich trotz aller inneren Widerstände auf die Bedürfnisse ihres Sohns ein; nachdem es mit dem Stillen nicht mehr klappt, weil der Junge ihr ausdauernd die Brustwarzen zerbeißt, realisiert sie, dass das Kind schlicht blutdürstig ist, und sorgt heimlich für Nachschub.
Je näher Saga dem übernatürlichen Ursprung ihres Erstgeborenen kommt, desto mehr sind ihre Umwelt und natürlich ihr Mann davon überzeugt, dass sie verrückt geworden ist. Wer im Horrorgenre auf Rationalität und Psychologie und wie in diesem Fall auch auf dem alleinigen Sorgerecht insistiert, bekommt schnell die Rechnung serviert. Am Ende fordert der Wald sein Recht. Die finale Destruktion hat freilich nichts sardonisch Gerechtes, sondern etwas Tragisches.
In beiden Filmen Bergholms ist die Monstermetapher einfach gebaut und offensichtlich. Auch "Nightborn" lässt sich als Elevated Horror beschreiben, zumindest zunächst. Alles ist da: In beiden Filmen sind die Monster allegorisch aufgeladene Bilder, an denen sich eine in beiden Fällen zugleich schematische und realistische (auch die Wirklichkeit glänzt ja nicht immer durch Komplexität und Mehrschichtigkeit) destruktive Familien- beziehungsweise Paardynamik darstellen und entfalten lässt.
Die Kritik an Filmen dieser Art geht gerne in die Richtung, dass in ihnen Idee und Allegorie Vorrang vor allem anderen hätten; das Monster diene ausschließlich als Träger von Bedeutung. Und dass sie nicht sonderlich viel Interpretationsspielraum ließen. Letzter Punkt trifft auf "Nightborn" wie auch auf "Hatching" zu: Auf dieser Ebene gibt es bei beiden Filmen praktisch nichts zu diskutieren, alles ist bereits im Bild und durch sich selbst erklärt. Oder, wie Rupert Giles, der Mentor der Vampirjägerinnen aller Länder, es formuliert hat: "I believe the subtext here is rapidly becoming text."
Von vielen anderen Horrorfilmen ähnlicher Ausrichtung unterscheiden sich Bergholms Filme allerdings durch ein anhaltendes Interesse an Atmosphäre, präzise inszenierter und damit entweder schmerzlicher oder ekelerregender Drastik und der Konstruktion des Unheimlichen in einem klassisch freudianischen Sinne: als das verdrängte Eigene, das Heimische, das unheimisch geworden ist. Man kann sich beim Sehen ganz den angenehm langsam sich aufbauenden und entfaltenden Tönen und Bildern überlassen. Jedes Bild verkauft weniger seine Information als seinen Affekt. Die Information gibt es im Kino von Hanna Bergholm gratis.
Benjamin Moldenhauer
Nightborn - Finnland 2026 - OT: Yön Lapsi - Regie: Hanna Bergholm - Darsteller: Seidi Haarla, Rupert Grint, Pamela Tola, Pirkko Saisio - Laufzeit: 92 Minuten.
Kommentieren



