Im Kino
Kein Außen mehr
Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
29.07.2026. Der Subtext ist denkbar dick aufgetragen, aber echte Reibung sucht man vergebens: Pedro Almodóvars "Bitteres Fest" ist meisterlich routiniert inszeniert, igelt sich aber leider viel zu sehr im Madrider Künstlermilieu ein.
Eine Krankenschwester fragt Elsa (Bárbara Lennie), die sich wegen einem Migräneanfall behandeln lässt, warum ihre beiden Regiearbeiten als "Kultfilme" bezeichnet werden. Das bedeute, antwortet die kranke Filmemacherin, dass ihre Werk kommerzielle Flops gewesen sind - und die wenigen, die sie dennoch mögen, dass sei eben ihr persönlicher Kult. Die nächste Frage lautet, ob das etwas mit evangelikalem Christentum zu tun habe. Hat es nicht, sagt Elsa.
Weiter geht es mit Elenas männlicher Begleitung, die neben ihrem Krankenbett steht: Bonifacio (Patrick Criado), der sich bei seiner Arbeit als Stripper Beau nennt. Bonifacio bedeutet "gutes Schicksal" und war zugleich der Name einer Reihe von Päpsten - christliche Religion als denkbar dick aufgetragener Subtext darf in diesem Film offenbar nie fehlen; Beau hingegen ist ein typisch klingender Nackttänzer-Name, der auf Schönheit verweist.
Alles ist doppelt und dreifach determiniert in diesem kurzen, betont beiläufigen Dialog und damit typisch für Pedro Almodóvars neuen Film "Bitteres Fest", wie überhaupt fürs Spätwerk des Regisseurs. Es geht also in einem einfachen Alltagsgespräch um viel: um die Wahl einer Künstlerin zwischen kommerziellem Erfolg und kreativer Selbstverwirklichung; um religiöse Verehrung als eine Metapher für eine bestimmte Form von Filmrezeption; und noch um einiges mehr. Der Film ist noch keine fünf Minuten alt, und man fragt sich schon, wie man in einer Welt, in der jedes kleine Gespräch und jeder Figurenname dermaßen mit Bedeutung aufge- bzw. überladen sind, atmen soll. Beziehungsweise, warum hier nichts einfach sein kann, was es ist, sondern alles und gerade Kleinigkeiten auf große Lebensfragen verweisen muss.

Das Problem beginnt schon früher, nämlich mit dem Milieu, dem diese Figuren angehören. Je länger Almodóvar Filme macht, umso mehr scheint er sich in der Madrider Kunstwelt, zu der im Jahr 2026 durchaus auch ein Stripper gehören kann. einzuigeln. "Womit hab' ich das verdient?" (1984), einer seiner besten Filme, spielte größtenteils in einem monströs-brutalistischen Sozialbau-Block, den er von der Madrider Peripherie, wo die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft ihn jeden Tag auf dem Weg in die Stadt oder aus ihr hinaus links liegen lässt, ins Zentrum seines Films stellte. Meint das neumodische (und umstrittene) Wort Sexarbeiter heute auch Leute wie Beau, begegnete man in "Alles über meine Mutter" (2000) Prostituierten noch in der albtraumhaft-surreal anmutenden Welt des Straßenstrichs von Barcelona. Dass die Saturierung des großen spanischen Filmemachers sich auch auf das Umfeld der Figuren seiner Filme überträgt, ist umso bedauernswerter, als er früher einen Modus für die Darstellung abseitiger, nicht nur in sozialer Hinsicht prekärer Lebenswelten fand, der alle Fallen von Exotismus und Miserabilismus elegant und scheinbar mühelos umschiffte.
Leider schreitet dieser Einigelungsprozess immer schneller voran: Almodóvars vorletzter langer Film, "Parallele Mütter" (2022), spielte ebenfalls in der Kunstwelt Madrids, hatte aber immerhin noch eine interessante, einfühlsame und bedenkenswerte Perspektive auf die spanische Geschichte im allgemeinen und das düstere Kapitel des Franco-Faschmismus im besonderen anzubieten. Diesmal jedoch begnügt sich der Regisseur damit, ein paar Gegenwartskünstler und ihre verwickelten Schaffenskrisen zu präsentieren.
So elaboriert wie alles an dem Film, ist auch seine Erzählung: In der Gegenwart des Jahres 2025 tippt der erfolgreiche Filmemacher Raúl (Leonardo Sbaraglia) eine Geschichte in sein MacBook, die im Jahr 2004 spielt und deren Hauptfiguren Elsa und Beau sind: Eine Filmemacherin, die mangels kommerziellen Erfolgs ihrer Filme ihr Geld mit Werbeclips verdient, und ein Stripper, den sie in dem Club, in dem er arbeitet, als Model angeworben hat. Damit die Vergangenheit zur Gegenwart, die Fiktion zur Realität finden kann, muss Raúl die Beziehungen zu seinem wesentlich jüngeren Lebenspartner Santi (Quim Gutíerrez) und zu seiner Assistentin und engen Vertrauten Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) klären.
An wunderschönen Schauwerten mangelt es in "Bitteres Fest" so wenig wie irgendeinem anderen Almodóvar-Film. Vor allem die beeindruckenden, außerweltlich anmutenden Landschaften Lanzarotes bleiben im Gedächtnis, und ganz besonders ein aus der Luft gefilmtes Bild von zwei Frauen, die auf ihren bunten Decken als Farbkleckse im schwarzen Sand des Strandes liegen, während die Brandung so bedrohlich wie symbolisch auf sie zu schwappt. Zudem bildet der Film eine beeindruckende Bandbreite künstlerischen Schaffens ab, vom einer frenetischen, langen Performance, die Beau für sein begeistertes weibliches Publikum gibt, bis zu einer wunderschönen Szene, in der ein Lied mit dem passenden Titel "La Llorona" Frauen zum Weinen bringt.
Trotzdem fehlt es bei Almodóvar inzwischen an einer gewissen Reibung, weil seine Geschichten über die vertrackten Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Realitätsebenen einfach kein Außen mehr kennen; weil sie sich nicht mehr wirklich für die sozialen Bedingungen des Milieus interessieren, von dem sie erzählen. Eben dies bräuchte es, um aus einem meisterlich routinierten Film einen wirklich großartigen zu machen. Am Ende bleibt das Gefühl zurück, dass man das alles schon einmal besser gesehen hat. Was natürlich zu einem Film über eine künstlerische Schaffenskrise sehr gut passt.
Nicolai Bühnemann
Bitteres Fest - Spanien 2026 - OT: Amarga Navidad - Regie: Pedro Almodóvar - mit: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, Victoria Luengo, Patrick Criado, Quim Gutíerrez - Laufzeit: 111 Minuten.