Im Kino
Panasiatisches Exzellenzcluster
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
17.06.2026. Erzeugt permanent eskalative Zustände: Kenji Tanigakis panasiatisches Allstar-Action-Spektakel "The Furious". Unter anderem wird eine Menschenpyramide bestiegen.
In seinen Actionchoreografien drängt Kenji Tanigakis "The Furious" über nahezu zwei Stunden hin zu einer Dramaturgie des sich mählich steigernden Exzesses, einer bis ins Splatterdetail naherückenden Sichtbarkeit von Gewalt, einer Abfolge permanent voluminöseren Setpieces. Jeden Kampf beginnt der Film intim als ein Ertasten von Gelenken: Wo der menschliche Körper gebeugt werden kann, ist er reaktionsschnell, aber auch angreifbar und verletzlich.
In einem Kellergewölbe blickt die Journalistin Matia (Jeejia Yanin) durch ein Loch in der Wand auf etwas, was andere sie nicht sehen lassen wollen, und wird daraufhin attackiert. Fünf Männer versuchen, sie mit ihren Händen zu fassen zu kriegen, halten sie an den Füßen fest. Doch Matia löst sich aus der Umklammerung, indem sie durch eine Beugung der Knie den Oberkörper freidreht, erst das eine Bein um die ineinander gewundenen Körper der Angreifenden schlingt, um sich dann mit dem anderen von ihnen abzustoßen.
"Irgendwo in Südostasien" lokalisiert der Film zu Beginn die nachtglänzende Metropole seiner Geschichte. Als panasiatisches Exzellenzcluster ist "The Furious" bewusst ortlos, schielt mit Englisch als Drehsprache auf einen internationalen Markt. Bekannt geworden ist der japanischstämmige Regisseur Kenji Tanigaki als erstklassiger Kampfchoreograf und Stuntkoordinator, der seit Jahrzehnten die Arbeit des chinesischen Superstars Donnie Yen maßgeblich begleitet und zuletzt auch durch seine wahrhaft furios aufgebauten Actionsequenzen für Soi Cheangs Meisterwerk "Twilight Of The Warriors: Walled In" mitverantwortlich zeichnete - eine der erfolgreichsten unabhängig finanzierten Produktionen aus Hongkong.

Im Cast von "The Furious" treffen Schwergewichte aus unterschiedlichen lokalen Märkten aufeinander: Martial-Arts-erprobte Schauspieler aus Festlandchina und Indonesien, Thailand und Japan, sowie ein amerikanischer Stuntman, der seine Karriere als viral gehender YouTuber begann. Produziert wurde der Film von Bill Kang, seit "Tiger And Dragon" vor rund einem Vierteljahrhundert erprobt darin, das Spezifische asiatischer Martial-Arts-Filmtraditionen in allgemeinverständlichen Mustern aufzulösen. Den Score übernahm der renommierte Elektronikproduzent Flying Lotus.
Nicht von ungefähr gemahnt der sich seit der letztjährigen Premiere beim Toronto International Film Festival unaufhaltsam aufbauende Hype an den weltweiten Erfolg des indonesischen Independent-Actioners "The Raid" (2011) - ein Film, mit dem "The Furious" die unwiderstehliche Überzeugung teilt, Handlung müsse nichts weiter als ein behelfsmäßiges Gerüst sein, das permanent eskalative Zustände erzeugt. Als seine Tochter gekidnappt wird und die lokale Polizei jede Aufklärungshilfe verweigert, begibt sich ein bis kurz vor Ende namenlos bleibender, stummer Handwerker (Xie Miao) gemeinsam mit einem Journalisten (Joe Taslim) in die innersten Höllenkreise eines Menschenhändlerrings.
Die Suche verläuft entlang von Kampfszenarien, die an Umfang zunehmen, je näher das Duo seinem Ziel kommt: von der ratternden Ladefläche eines fahrenden Lasters hin zu einem MMA-Käfig inmitten eines Nachtklubs, von einem stillgelegten Fabrikgebäude, das in Eisblöcke eingefasste Leichen birgt, zu einem "Schlangengrube" getauften Wohnkomplex, dessen eng zusammengesetztes Gebäudearrangement an den ehemaligen Hongkonger Stadtteil Kowloon gemahnt.
Anders als bis heute stilbildende Martial-Arts-Choreografen wie Yuen Woo-Ping und Sammo Hung, die noch die schwerste Stuntarbeit federleicht schwebend wirken lassen, betont Tanigaki die messbar gemachte menschliche Mühe, den notwendigen körperlichen Aufwand. So ermüdend die etwas amorphe Eskalationslogik des Films bisweilen anmuten mag, so betörend und bezaubernd ist sie doch im Detail: Eine Horde von angreifenden Widersachern drischt Xie Miao zu einem Haufen aus gewundenen Körpern zurecht - jedes zurechtgebogene Gelenk ein weiterer Baustein, der sich schließlich zu einer erklimmbaren menschlichen Pyramide formiert.
Kamil Moll
The Furious - Hongkong 2025 - OT: Hou zhe yan - Regie: Kenji Tanigaki - Darsteller: Xie Miao, Joe Taslim, Yang Enyou, Jeeja Yanin - Laufzeit: 113 Minuten.
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