Ins Herz der Finsternis

Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann, Robert Wagner
19.09.2019. Buggyverfolgungsjagden mit Mondpiraten, Kämpfe gegen Paviane in der Schwerelosigkeit, tödliche Energiestrahlen , ödipale Komplexe und dann wieder - Schweben im All, in Selbstreflexion und Zweifeln. Nichts davon erscheint wie ein Fremdkörper in James Grays "Ad Astra". Sylvester Stallone sieht inzwischen zwar aus wie ein Außerirdischer, aber der fünfte Rambo-Film, "Rambo: Last Blood" spielt eher mit Westernelementen, während der Held in seinen nächsten blutigen Rachefeldzug zieht.


Nach wenigen Minuten ist die Hauptfigur bereits prägnant charakterisiert, mit einem einfachen Überkopfschwenk, der die Möglichkeiten von Höhenangst im Kino auslotet und den Ernst des Helden etabliert: ein Stein, der seinen Fallschirm durchlöchert, entlockt Brad Pitts Figur Roy McBride keinen Fluch. Nun sitzt er mit seinen Vorgesetzten an einem Tisch und bekommt den Auftrag präsentiert, dessen Ausführung "Ad Astras" Handlung ausmacht. Während des Briefings wird zwischendurch auf eine Dame geschnitten, die am anderen Ende des Raums sitzt. Sie hat einen Apparat in der Hand, der wie sie selbst rätselhaft bleibt. Sie könnte eine Sci-Fi-Stenotypistin sein, die mit einem Richtmikrofon alles aufzeichnet. Wer weiß. Der kurze Blick auf ihr monolithisches, rätselhaftes Sitzen genügt jedoch, damit sich Paranoia, Angst vor Überwachung breitmachen.

"Ad Astra" ist klar. Wenn Roy McBride loszieht, um seinen Vater (Tommy Lee Jones) auf dem Neptun zu suchen, dann ist das auch die Reise eines Sohnes, der sich von seinem Vater zu lösen versucht, um ein eigenständiges Individuum zu werden. Und der aus der Konzentration auf das eigene Ich herausbrechen und sich anderen Menschen im Allgemeinen und im Speziellen (der von Liv Tyler gespielten Ehefrau Eve) öffnen will. Dieser Subtext des Weltraumabenteuers spiegelt sich fast gänzlich an der Oberfläche. Immer wieder tauchen entsprechende Motive auf: zu durchschwimmende Geburtskanäle, (zu durchtrennende) Nabelschnüre oder Nippel an Raumschiffwänden, aus denen die Nahrung zu saugen ist. Während die Bilder eine symbolische zweite Geburt beschreiben, trägt der Offkommentar Roys die entwicklungspsychologische Symbolik des Weltraumabenteuers an uns heran: blutrünstige Primaten als Wiedergänger väterlicher Wut; der Raumanzug als isolierender Schutzmechanismus bei zwischenmenschlichen Interaktionen.



Auch die Einflüsse sind klar. Zeigt das Ende von "2001: Odyssee im Weltraum", den James Gray auch andernorts evoziert, ein riesiges Baby im All, so sehen wir in "Ad Astra" einen kleinen Papa. Noch deutlicher ist die Nähe zu "Apocalypse Now". Roy reist von der Erde über Mond und Mars zum Neptun, wo er seinen scheinbar verrückt gewordenen Vater ausschalten soll. Dieser, ein in der Welt von "Ad Astra" schon legendärer Eliteastronaut, verfolgt seinen Auftrag, Kontakt mit außerirdischer Intelligenz aufzunehmen, so kompromisslos, dass er zur Gefahr für seine Crew und das ganze Sonnensystem geworden ist. Je tiefer wir ins All und ins Herz der Finsternis vordringen, desto komplexer wird der vermeintlich einfache Auftrag. Für Roy stellt sich die Frage, wie er damit umzugehen soll, dass der eigene Vater eine Art Colonel Kurtz zu sein scheint.

Das unfertige Subjekt von "Ad Astra" ist umgeben von Problemen. So muss Roy zum Beispiel unter Aufsicht eines intriganten Überwachungsapparats agieren, der vielleicht auch nur eine Ausprägung des fehlenden Vertrauens in andere ist. Überhaupt liefert das Hauptmotiv des sich und seinen Vater suchenden Sohnes dermaßen Gravitation, dass "Ad Astra" es sich leisten kann, ziemlich unaufgeräumt zu sein, ohne fahrig zu wirken. Was heißt, dass das Psychogramm des Zerfallens eines konzentrierten Astronautenfilms kurzzeitig zum Katastrophen-, Action- und Horrorfilm werden kann und trotz aller inneren Ruhe auch zu einem Abenteuerfilm voller Affekte. Dabei werden ziemlich absurde Bilder inkorporiert, deren Irrwitz sich erst mit etwas Abstand erschließt. Buggyverfolgungsjagden mit Mondpiraten, Kämpfe gegen Paviane in der Schwerelosigkeit, die Bedrohung des Sonnensystems durch Energiestrahlen und ödipale Extravaganzen und dann wieder - Schweben im All, in Selbstreflexion und Zweifeln. Nichts davon erscheint wie ein Fremdkörper.



Dennoch ist in jeder Sekunde dieses Unebene auch zu sehen. Die Bilder sind nämlich äußerst grobkörnig. Gerade in Zeiten, in der die Digitalisierung Filme in ihrer Erscheinung immer mehr glättet, ist das augenfällige Rauschen der Bilder von "Ad Astra" Ausdruck dafür, dass die Dinge hier nicht festgestellt, sondern aufgerissen werden. Neben der Bildgewalt, die die introspektiven wie die adrenalinbestimmten Teile des Films gleichermaßen prägt, macht gerade dieses Flirrende - Ausdruck einer mit sicheren Hand stehengelassenen Unsicher- und damit Offenheit - das Wesen dieses warmen und (optisch) wunderschönen Films aus.

Für "Ad Astra" verfügte James Gray über ein so großes Budget wie nie zuvor. Die Übernahme von Fox durch Disney kam so spät, dass der neue Eigentümer auf Fertigstellung und Veröffentlichung keinen Einfluss mehr hatte. Für den Regisseur könnte der Film Absprungstelle für mehr sein - oder aber ein letztes Aufbäumen vor dem endgültigen Stranden in einer Nische. Wie Roy könnte James Gray aufbrechen, wie dessen Vater könnte er sich verrannt haben. "Ad Astra" ist ein hoffnungsvoller Film, aber auch einer, der weiß, dass sehr viel auf dem Spiel steht. Ein Erfolg wäre ihm zu gönnen, denn mit einem Regisseur wie James Gray bekommen wir, allen offenliegenden filmhistorischen Einflüssen zum Trotz, nicht das, was wir eh schon kennen. Mit ihm können wir zu den Sternen aufbrechen. Ein Gefühl, das es im Kino zuletzt viel zu selten gab.

Robert Wagner

Ad Astra - USA 2019 - Regie: James Gray - Darsteller: Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Liv Tyler, Ruth Negga, Donald Sutherland - Laufzeit: 122 Minuten.

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Im Kern der Saga um den Vietnamveteranen John Rambo steht der Verlust. Ein Verlust an Besitz und Heimat, für den die Gesellschaft 1982 im ersten Teil der auf David Morrells Roman "First Blood" David Morrell basierenden Filmreihe grausam bestraft. Mit dem immer neuen Verlust der bürgerlichen Kleinfamilien, die ihm eine neue Heimat bieten könnten, und den abgelegenen Orten, an denen der ewige Krieger, sicherlich mehr schlecht als recht, alleine seinen Frieden finden könnte, geht es weiter, vier Fortsetzungen lang. Wenn sich hinter der Wut, die es dazu braucht, Menschen im Krieg zu töten, sehr oft Trauer versteckt, dann ist sie bei Rambo immer schon sichtbar, steht Stallone ins Gesicht geschrieben, gräbt sich in seine Züge im Verlauf der Achtzigerjahre immer tiefer ein. Am Ende des ersten Teils darf er bittere Tränen über seinen Verlust vergießen. Die Szene ist, gelinde gesagt, nicht eben überzeugend gespielt; und doch: der erste Leinwandauftritt des Mannes, dessen Nachname sprichwörtlich für eine bestimmte Form zerstörerischer, machohafter Männlichkeit steht, endet damit, dass er weint.

Elf Jahre ist es nun schon wieder her, dass Stallone die Reihe quasi im Alleingang wiederbelebte: In "John Rambo" spielte er nicht nur die Hauptrolle, er schrieb auch das Drehbuch und führte Regie. Das Ergebnis war so großartig wie blutrünstig und nihilistisch. Zu Beginn hat sich Rambo irgendwo in den Dschungel von Thailand zurückgezogen, seine Beziehung zur Welt, die weit weg ohne ihn weiter existiert, fasst er griffig zusammen: "Fuck the world."

Das würde er zu Beginn des fünften Teils, "Rambo: Last Blood", von Stallone mitgeschrieben und produziert, inszeniert von Adrian Grunberg, wohl nicht mehr so formulieren. Sonderlich viel mit ihr zu tun haben will er dennoch nicht. Er lebt mit seiner mexikanischen Haushälterin Adriana Barrazza (Maria Beltran) und seiner Nichte Giselle (Yvette Monreal) auf einer kleinen Farm in der Wüste des heimischen Arizona. Wenn er dem Teenager, der das Haus bald verlassen wird, um aufs College zu gehen, einen selbst geschmiedeten superscharfen Brieföffner schenkt, sagt das über die Figur aus, was wir über sie wissen müssen. Nach ihrem Hinweis, dass heute niemand mehr Briefe schreibt, meint er lakonisch, dass sie ihn dann ja dazu benutzen könne, sich die "Jungs" vom Leibe zu halten.



Auch die Ersatztochter hat mit ihrem eigenen Verlust zu kämpfen, namentlich mit dem des Vaters, der sie und die Mutter einst im Stich ließ. Deshalb zieht es sie nach Mexiko, wo sie ihn zur Rede stellen will. Ein Plan, von dem Rambo so wenig hält, dass sie ihn alleine und hinter seinem Rücken verwirklichen muss. Doch nicht nur erweist sich der Vater als ein gefühlskaltes Arschloch, auch ihre vermeintliche Freundin Alejandra (Sheila Shah) lotst die verlorene Tochter während einer Partynacht in die Hände eines skrupellosen Menschen- und Drogenhändlerrings unter der Leitung von Hugo Martinez (Sergio Peris-Mencheta). Als Rambo sich auf die Suche nach Giselle macht, wird er zunächst nach allen Regeln der Kunst zusammengeschlagen und bekommt mit seinem eigenen ikonischen Bowie-Messer ein Kreuz ins Gesicht geritzt.

Was "Last Blood" von seinem Vorgänger übernimmt, ist zunächst die grimmige Splatter-Gewalt. Die Massaker des vierten und fünften Teils sind physisch unmittelbarer, brutaler als in den Vorgängerfilmen. Es geht nicht mehr in erster Linie um den Body Count, sondern darum, dass Rambo seine Gegner quasi in Stücke schießt, sticht, hackt und prügelt, ohne dass auch nur ein Funken Ironie dem Publikum Distanz zum Gezeigten erlauben würde. Die Ernsthaftigkeit gibt der Gewalt eine Wucht, und verhindert, dass die Filme in comichafte Überzeichnung abdriften. Vor allem aber ist John Rambo inzwischen ein Mann, dem auch nur die Idee, sein Tun moralisch rechtfertigen zu müssen, vollkommen fremd ist. Daran, dass es eine beschissene Welt irgendwie besser machen würde, eine Gang wirklich widerlicher Gangster abzuschlachten, glaubt er längst nicht mehr. Sein einziges Motiv ist ausdrücklich die Rache. Auge um Auge. Ein herausgerissenes Herz für ein herausgerissenes Herz. 



Die Ambivalenzen der Geschichte sind gewaltig. Nicht nur ist es Rambos Beschützerinstinkt, der die Tragödie in Gang setzt, er geht auch indirekt über weibliche Leichen, wenn er Alejandra dazu zwingt, ihn direkt zu Männern zu führen, von denen wir uns denken können, wie sie mit "Verräterinnen" umgehen. Auch wenn sich die Privatperson Sylvester Stallone in den letzten Jahren gerne mit Donald Trump fotografieren ließ, folgt der Film keineswegs einfach antimexikanischen Impulsen. So findet Rambo in der Journalistin Carmen Delgado (Paz Vega) eine entscheidende Informantin für seinen Rachefeldzug gegen das Kartell, und auch in die Zeichnung der mexikanischen Unterwelt wurde einige Mühe investiert, was etwa darin zum Ausdruck kommt, dass alle Figuren in einigen untertitelten Dialogen mexikanisches Spanisch sprechen.

Letztlich kämpft ein blutrünstiges Patriarchat, das sehr bald alle zivilisatorischen Masken fallen lässt, gegen ein anderes. Es ist allerdings nicht so, dass Rambo nur darauf warten würde, dass etwas schreckliches passiert, um mit dem Gemetzel beginnen zu können. Er sehnt sich tatsächlich nach einem Frieden, den es in seiner Welt nicht geben kann.

Die Mythologie, die der Film dabei aufruft, ist auch die Stallones und außerdem ist "Last Blood", mehr als jeder seiner Vorgänger, ein Western. Das zeigt sich in der finalen Schlacht auf der Farm, die Rambo in eine mörderische Festung, ein Fort, verwandelt, in das er seine Feinde lockt. Die Montagesequenz, in der er seine Vorkehrungen trifft, erinnert deutlich an eine Szene aus "Rocky IV", in der Stallone für seinen großen Kampf gegen einen sowjetischen Hünen trainiert. Doch wo der Box-Kampf 1985 noch die "zivilisiertere" Variante des Krieges zweier verfeindeter Systeme war, haben die Männer, die sich im Jahr 2019 zur Schlachtbank begeben, ihre innere frontier längst hinter sich gelassen. Auf der anderen Seite wartet eine Barbarei ohne Anführungszeichen - und auf den Krieger, wenn der Feind tot ist und sich seine Wut verflüchtigt hat, die Trauer über den Verlust.

Nicolai Bühnemann

Rambo: Last Blood - USA 2019 - Regie: Adrian Grunberg - Darsteller: Sylvester Stallone, Paz Vega, Yvette Monreal, Sergio Peris-Mencheta - Laufzeit: 89 Minuten.