Im Kino

Auch Freundschaft kann weh tun

Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
20.05.2026. Ein Film wie ein zweieinviertelstündiger Nick-Drake-Song: Bart Schrijvers famoser "The North" erzählt in beeindruckend beiläufiger Manier von einer Männerfreundschaft.

Zwei Menschen laufen durch Landschaften, zweieinviertel Stunden lang. Mehr passiert praktisch nicht in Bart Schrijvers "The North". Und die Schönheit dieses Films liegt genau darin: Keine Katastrophen oder dramatischen Ereignisse. Es regnet, ein Zelt wird aufgebaut, die Sonne geht auf, der Weg ist lang: zuerst 154 Kilometer durch die schottischen Highlands und danach noch der Cape Wrath Trail, der nach 321 Kilometern am nordwestlichsten Punkt Großbritanniens endet.

Die zwei Menschen sind zwei Männer, ehemals beste Freunde und WG-Bewohner. "The North" erzählt von einer Männerfreundschaft. Chris (Bart Harder) und Lluis (Charles Pulido) haben sich in den letzten zehn Jahren auseinander gelebt, der gemeinsame Weg durch Schottland soll sie wieder miteinander verbinden. So wird es zumindest suggeriert, "The North" erzählt die Geschichte nicht entlang einer psychologischen oder sonstwie fesselnd sein wollenden Dramaturgie, sondern mit einem dokumentarischen Blick. Man lernt die beiden in ihrer Unterschiedlichkeit kennen, Chris im Job und mit fester Freundin, ein Kind ist geplant. Lluis driftet mehr durchs Leben. Das alles wird einem in Andeutungen mitgeteilt, auch das Konfliktpotenzial, das in der Situation liegt. Chris macht sich Sorgen und wirkt darin überheblich, hängt auch in der weiten Natur am Handy und telefoniert mit Auftraggebern oder Kollegen. Lluis marschiert geradezu verbissen die Wanderwege entlang, im Willen, das zu schaffen, vielleicht um überhaupt mal irgendwas zu schaffen.

Schön, wie sich in den Bildern alle Drama-Klischees auflösen. In seiner zugleich offensiven wie ungeschützten Langsamkeit und Beiläufigkeit, im Vermeiden von großen Bedeutungen und großen Gesten, entfaltet "The North" eine Schönheit, die Filme, die die Natur nur als Hintergrundbild für menschliche Dramen gebrauchen, nicht haben. Die Bilder von Kameramann Twan Peeters erfassen die Weite, ohne auf eine Ästhetik der Erhabenheit zu zielen. Es ist eine große Kunst, Berge, Strände, Steilküsten und Wiesen so zu filmen, dass die Bilder trotz Symmetrie nicht artifiziell wirken, und bei aller dokumentarischen Perspektive nicht dokumentarisch.


Alle Beiläufigkeit kann nicht verbergen, dass ein strenger Kompositionswille am Werke ist. Wann nur ein Oberkörper aus dem unteren Bildrand ins Grüne ragt und wann ein ganzer Mensch, wann die Kamera sich um das Freundespaar herum bewegt und es von vorne in den Blick nimmt, wann Lluis wegen eines Blickwinkels wirkt, als würde er auf einen Abgrund zulaufen - alles das korrespondiert mit den Dialogen und mit dem, was wir gerade in diesem Moment über diese Freundschaft erfahren.

Als Film über Freundschaft funktioniert "The North" - einen Film, den man wohl entweder langweilig oder traumhaft schön finden kann, aber wenig dazwischen - ebenfalls sehr gut. Beim Sehen dann der Gedanke, dass und warum es relativ wenige Filme über Freundschaften gibt, warum sich stattdessen alles immer wieder auf romantische Liebe und Gewalt stürzt. Wo doch der Trennungsschmerz beim Verlust von langjährigen Freundinnen und Freunden, mit denen man in freundschaftlicher und nicht in romantischer Liebe verbunden war, genau so weh tun kann. Aber eben nicht so dramatisch erscheint, weil die entsprechenden Bilder nicht abrufbar sind beziehungsweise einfach fehlen.

Probleme damit, Worte für ihr Verhältnis und ihre Entfremdung zu finden und ihren Gefühlen, wie man so sagt, Ausdruck zu verleihen, haben Chris und Lluis auch. Alles da: Rituale, Ungesagtes, Neid, Sorge um den anderen, Konkurrenz, aber eben auch eine große Zuneigung und eine Routine, das Vertrauen in einen anderen, den man sehr, sehr gut kennt. All das ruft "The North" auf, ohne großes Aufhebens um seine Geschichte und seine Figuren zu machen. Eine anrührende Alltäglichkeit, in der alles irgendwie enthalten ist, aber ohne Lärm und Pathos, vor präzise komponierten Naturbildern. In diesem Sinne ein Film wie ein zweieinviertelstündiger Nick-Drake-Song.

Benjamin Moldenhauer

The North - Niederlande 2025 - Regie: Bart Schrijver - Darsteller: Bart Harder, Carles Pulido, Sharon Verdegem, Matthijs van Sande Bakhuizen - Laufzeit: 131 Minuten.