Im Kino

Breitbeinig herausfordernd

Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
01.04.2025. Ron Howard entdeckt die Bösartigkeit für sich. In seinem neuen Film "Eden" bürstet er die reale "Galápagos-Affäre" konsequent auf Krawall - und stößt doch gleichzeitig hier und da auf echte Emotionen.

Für den deutschen Arzt Friedrich (Jude Law) und seine Frau Dore (Vanessa Kirby) wird die unberührte Natur von Floreana zur idealen Projektionsfläche. Zwischen den beiden Weltkriegen hat das zivilisationsmüde Paar seiner Heimat den Rücken gekehrt, um sich auf der bis dahin unbewohnten Galápagos-Insel einem rauen, ursprünglichen und für sie somit erhabenerem Leben zu widmen. Die beiden geben sich zwar auf etwas großspurige Weise unerschrocken, haben sich in Wahrheit aber in ihrer Fantasie verloren. Während Friedrich ein Manifest über sein finster nihilistisches Menschenbild in die Schreibmaschine hackt ("Im Schmerz finden wir Wahrheit"), versucht Dore ihre Multiple-Sklerose-Erkrankung durch Meditation zu heilen. Auch wenn die Insel selbst mit ihren Naturgewalten und gefrässigen Wildschweinen gelegentlich eigensinnig ist, besteht hier für die Aussteiger die Möglichkeit, ihre Hirngespinste meist widerspruchslos auszuleben.

Der Titel von Ron Howards "Eden" bekommt bereits durch dieses nicht sonderlich sympathische Gespann eine vergiftete Note. Die Suche nach dem persönlichen Paradies wird durch das Paar gleichbedeutend mit dem Makel, sich lediglich etwas vorzumachen. Dumm nur, wenn die Anwesenheit anderer Leute einem plötzlich die eigenen Lügen vor Augen hält. Eine böse Überraschung erleben Friedrich und Dora, als Kriegsveteran Heinz (Daniel Brühl) mit Frau Magret (Sidney Sweeney) und dem an Tuberkulose erkrankten Sohn Harry (Jonathan Tittel) vor dem improvisierten Gartenzaun steht. Erst jetzt erfährt der Arzt, dass die mythisch verklärten Robinsonaden, die er regelmäßig seinem Verleger schickte, in der Heimat zu populären Zeitungskolumnen avanciert sind. Auf die Gefolgschaft und vor allem Gesellschaft der in ihren Augen gutgläubig spießigen Familie kann das Aussteigerpaar gut verzichten.

"Eden" konfrontiert seine Figuren mit allerlei Fallstricken des zwischenmenschlichen Miteinanders. Überheblichkeit und Missgunst stehen als erstes auf der Tagesordnung. Friedrich siedelt die neuen Nachbarn an einer kahlen Höhle mit nur einem Rinnsal als einziger Wasserquelle an. Die widrigen Umstände sollen die Familie zur Kapitulation zwingen. Stattdessen schafft sie sich mit Ausdauer und harter Arbeit ein adrettes Heim inklusive Garten und Brunnen, das der klapprigen Behausung Friedrichs und Dores in puncto Komfort weit überlegen ist. Zur ersten Herausforderung des Zusammenlebens wird die ernüchtende Einsicht, dass andere das, was man stets für seine große Stärke hielt, viel besser beherrschen.

So wie die atemberaubende Landschaft in den blaugrau schimmernden Bildern Mathias Herndls von Anfang an morbide und unwirtlich wirkt, bereitet uns der minimalistische Pathos des Soundtracks Hans Zimmers auf eine unheilvolle Wendung vor. Bald folgt noch die Ankunft der blasierten Eloise Bosquet de Wagner Wehrhorn (Ana de Armas), die mit ihrer sexuell hörigen männlichen Gefolgschaft aufschlägt, um ein Luxushotel zu errichten. Der Adelstitel der Baroness ist so falsch wie ihr aufgesetzter Akzent und das zuckersüße Lächeln. Ihre wahre Überlebensstrategie besteht darin, ihre Mitmenschen zu manipulieren, zu dominieren und sich an ihnen zu bereichern.
"Eden" basiert auf einer abenteuerlichen wahren Geschichte, die in einem bis heute ungelösten Verbrechen gipfelte. An den Ereignissen, die von den Medien damals als "Galápagos-Affäre" betitelt wurden, interessieren den Film vor allem die reißerischen und spekulativen - oder auch: die melodramatischen, spannungsgeladenen und damit kinotauglichen - Aspekte. Zunehmend kreist der Film um die Niedertracht, mit der die Figuren ihre Träume verteidigen. Ähnlich wie in William Goldings Roman "Herr der Fliegen" wird der isolierte Schauplatz zur Bühne für Konflikte, die sich in einem urbanen Setting schnell verlaufen würden, hier jedoch archaisch und existenziell sind.

Auf das Genre-Kammerspiel, das in der explosiven Ausgangsituation angelegt ist, lässt sich das Drehbuch Noah Pinks allerdings nur bedingt ein. Mal liebäugelt der Film mit seinem historischen Kontext oder wird zur überzeichneten Schmierekomödie, dann ist er wieder wie ein Thriller gebaut oder reißt Beziehungsdramen an, bei denen meist schnell wieder der Erzählstrang gewechselt wird. Mehrere Momente, wie etwa die kurzzeitige Verschwesterung der Baroness mit dem jungen Harry, deuten in erzählerische Richtungen, die der Film dann doch nicht einschlägt. Fahrig und unentschlossen wirkt "Eden" manchmal, was jedoch nicht bedeutet, dass man nicht einigen Spaß mit ihm haben kann. Die Qualitäten des Films liegen in seinen effektiv inszenierten psychologischen Spannungsmomenten, dem starken bis teilweise herrlich überkandidelten Schauspiel und den überall lauernden Eskalationen.

Überraschend ist vor allem, wie der durch eher menschelnd sentimentale Filme wie "Cocoon", "Apollo 13" und "Hillbilly Elegy" bekannte Hollywood-Regisseur Howard Frivolität und Bösartigkeit für sich entdeckt. Gleich relativ am Anfang präsentiert sich Jude Law breitbeinig herausfordernd in vollster Mannespracht. Die Baroness gibt sich später abwechselnd (aber jedes Mal lautstark jauchzend) ihren gierigen Gespielen hin und hat sich auch sonst auf die Kunst der erotischen Verführung mit gemeinen Hintergedanken spezialisiert. Der Film suhlt sich regelrecht in der Hinterhältigkeit von Ana de Armas' Bösewichtin, die so kaltblütig und schamlos vorgeht, dass sie trotz ihres barock gekünstelten Spiels unweigerlich emotionalen Reaktionen beim Zuschauen provoziert. Immer wieder gelingt es ihr, durch Intrigen und gezielte Grenzüberschreitungen Situationen zu schaffen, in denen sich ihr Gegenüber durch Höflichkeit selbst in die Rolle des hilflosen Opfers manövriert.

Dass die Sympathien noch am ehesten bei der frömmelnden Familie liegen, mag aus moralischen Gründen naheliegend sein, hat aber auch den einfachen Grund, dass sie als Figuren die größte Fallhöhe haben. Besonders bemerkenswert ist Sidney Sweeney, deren Margret erst so unscheinbar ist, dass sie einem kaum auffällt, bevor sie einem durch ihr stur demütiges und naives Verhalten den letzten Nerv raubt. Nachdem sie wirklich so einiges über sich ergehen lassen muss - unter anderem eine als Actionszene inszenierte Geburt -, mausert sie sich fast unmerklich zur Hauptfigur des Films. Die echte Margret Wittmer, so erfahren wir im Abspann, starb mit 95 Jahren in ihrer Wahlheimat. Howard huldigt am Ende zwar ihrer Entschlossenheit, entscheidet sich jedoch - wohl erneut aus Gründen der dramatischen Wirkung - gegen ihre Version der Ereignisse.


Michael Kienzl


Eden - USA 2024 - Regie: Ron Howard - Darsteller: Jude Law, Ana de Armas, Vanessa Kirby, Sydney Sweeney, Daniel Brühl, Felix Kammerer, Toby Wallace, Richard Roxbury - Laufzeit: 129 Minuten.