Im Kino
Kein Film über ihn
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
13.05.2026. Andrea Segres neuer Film erzählt vom Versuch des Chefs der italienischen Kommunistischen Partei, eine Koalition mit progressiven Christdemokraten zu schmieden. "Enrico Berlinguer - La Grande Ambizione" schaut auf den ersten Blick nach einem verstaubten Biopic aus - ist aber in der Tat ein hochpolitisches und sehr aktuelles Werk.
Archivmaterial zeigt die Wahl Salvator Allendes zum Präsidenten Chiles 1970 und direkt im Anschluss die berühmten Aufnahmen des Bombenangriffs auf den Moneda Palast, die drei Jahre später, 1973, den Putsch begleiteten, der das mörderische Regime Augusto Pinochets an die Macht brachte. Einen Monat nach dem Putsch unterhalten sich drei Männer im Fonds eines Autos auf dem Weg zum Flughafen von Sofia über das Kino Federico Fellinis, als ein Lastwagen der bulgarischen Armee die Auffahrt zur eigentlich gesperrten Autobahn herauffährt und das Auto abdrängt, bis es sich schließlich überschlägt. Der Übersetzer, der eben noch für Enrico Berlinguer, Vorsitzender der kommunistischen Partei Italiens, der größten kommunistischen Partei Westeuropas, gedolmetscht hat, ist tot. Berlinguer überlebt den Unfall leicht verletzt. Zurück bei seiner Familie in Rom gesteht er seiner Frau Letizia Laurenti, dass er glaubt, es habe sich bei dem Unfall um einen Anschlag gehandelt. Andrea Segre setzt diese beiden prägenden Erlebnisse an den Anfang seines neuen Filmes "Enrico Berlinguer - La Grande Ambizione".
Der Film zeichnet Berlinguers Versuch nach, dem progressiven Teil des politischen Katholizismus in einem historischen Kompromiß die Hand zu reichen, um die italienische Demokratie zu stabilisieren und sich zugleich Freiräume gegenüber der autoritären Politik in der Sowjetunion zu verschaffen. Ein Plan mit dem Berlinguer alle vor den Kopf stößt: Bei den Treffen mit Arbeiter_innen in Fabriken, werden Fragen laut, warum man dem politischen Gegner nun die Hand reichen solle; bei einer Auslandsreise nach Moskau schlägt Berlinguer und der italienischen Delegation frostiges Schweigen entgegen und in der eigenen Parteizentrale flammen immer wieder Diskussionen auf, die die Wahlerfolge unter Berlinguers Leitung nur zeitweise befrieden können.
Segre zeigt Berlinguer, gespielt von Elio Germano, wie ihn Weggefährten beschrieben: "menschenschau und wortkarg" (Pietro Ingrao). Berlinguers Verschlossenheit als Parteifunktionär und in der Öffentlichkeit dürfte auch einen guten Schauspieler wie Germano - für seine Verkörperung des Künstlers Antonio Ligabue in "Volevo nascodermi" erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2020 den Silbernen Bären der Berlinale - vor Herausforderungen gestellt haben. Nur im Kreis seiner Familie und einiger weniger enger Weggefährten öffnet er sich ein bisschen.

Wie zu Beginn durchwebt Andrea Segre die fiktionale Handlung wiederholt mit Archivmaterial. Diese Aufnahmen erfüllen unterschiedliche Funktionen: teils werden schlicht historische Ereignisse mit historischem Material illustriert - wie etwa bei einer Abstimmung über Scheidungsrecht oder nach dem faschistischen Anschlag von Brescia im Mai 1974. Bei der Abgrenzung vom autoritären System der Sowjetunion und ihrer Verbündeten in Osteuropa nutzt Segre hingegen auch die Spannung zwischen den lachenden Menschen in der Propaganda und der realen Repression, die der Film vor allem in Gesprächen in der Parteizentrale der KPI aufgreift.
Andrea Segre, geboren 1976 in Dolo in der Metropolregion Venedig, ist der vielleicht interessanteste bedingungslos politische Regisseur im italienischen Gegenwartskino. 2008 realisierte er zusammen mit Dagmawi Yimer "Come un uomo sulla terra", einen der ersten Dokumentarfilme über die Zusammenarbeit Italiens und der Europäischen Union mit den libyschen Behörden, damals noch unter Gaddafi, um mit größter Brutalität Migration nach Europa zu verhindern. Zehn Jahre später hat er die Skrupellosigkeit der europäischen Versuche, Einwanderung zu verhindern in "L'ordine delle cose", einem Spielfilm über einen Beamten des italienischen Innenministeriums, erneut aufgegriffen. In den letzten Jahren folgten Filme über die Corona-Pandemie ("Molecole", 2020) und über den ausufernden Tourismus in Venedig ("Welcome Venice", 2021).
Sein neuer Film hat zwei sehr erhebliche Probleme: Erstens setzt er über weite Strecken großes Vorwissen voraus, um in dem Wust von Personen den Überblick zu behalten; oder um zu verstehen, was es mit den Szenen des konservativen Politikers Aldo Moro auf sich hat, wenn man noch nicht weiß, dass Moro seine Annäherung an Berlinguer mit dem Leben bezahlen wird. Zweitens wählt er formal einen sehr (SEHR!) klassischen Zugang, erzählt brav linear, in gediegen muffig ausstaffierten Kulissen konventionelle Spielszenen, die außer bei Berlinguer daheim fast ausschließlich von Männern bevölkert sind. All das lässt den Film, der sich überdies spätestens zur Hälfte im Kleinklein verliert, auf den ersten Blick als ein hagiographisches Biopic erscheinen - über einen Mann, der in Italien bis heute als letzter großer Vorsitzender einer ehemals großen Partei der unterdessen in Sektierertum und parteipolitischer Bedeutungslosigkeit versunkenen italienischen Linken gefeiert wird.
Doch auch wenn sich weder der Ballast der Form noch der des Männerüberhangs leugnen lassen, gibt es gute Gründe, "La grande ambizione" nicht vorschnell ad acta zu legen. Das sagt auch Elio Germano in einem Interview mit Vanity Fair Italia über seine Rolle: "Es ist kein Film über ihn. Es ist die historische Rekonstruktion eines Moments in unserem Land anhand von Enrico Berlinguer." Selbst das greift eigentlich noch zu kurz: Segre hat zusammen mit Ko-Autor Marco Pettenello, mit dem der Regisseur schon seit Jahren arbeitet und der zuletzt auch am Drehbuch von Alice Rohrwachers "La chimera" mitwirkte, einen Film über eine dem Menschen zugewandte Realpolitik gedreht. Berlinguer versucht sich inmitten der Pole eines autoritären Kommunismus (der heute wieder fröhliche Urständ feiert) und einer massiven Bedrohung von rechts (durch einen heute außerhalb Italiens vergessenen massiven Terrorismus) Handlungsspielräume zu eröffnen, indem er jenen Teilen des politischen Katholizismus die Hand reicht, die in der Resistenza Verbündete im Kampf gegen den Faschismus und für die Demokratie waren.
Letztlich machen sich weder Segre noch Germano mit Berlinguer gemein, streng genommen ist - anders als der deutsche Titel das suggeriert - noch nicht einmal er, sondern seine Politik Zentrum des Film. Vielmehr nutzen sie einen Spielfilm als Mittel historischer Analyse. "La grande ambizione" zeigt einen Mitte der 1980er Jahre endgültig und dauerhaft gescheiterten Versuch, um den Preis eines Abfalls von der wahren Lehre aus dem linken Sektierertum auszubrechen. Die Tragik des Films ist, dass das, was Segre zeigt, eine historische Episode ist, die ihrer Aktualität zum Trotz nur mehr Vergangenheit hat, aber keine Gegenwart - weder in Italien noch im Rest Europas.
Fabian Tietke
Enrico Berlinguer - La Grance Ambizione - Italien 2024 - Regie: Andrea Segre - Darsteller: Elio Germano, Stefano Abbati, Francesco Acquaroli, Fabio Bussotti u.a. - Laufzeit: 123 Minuten.
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