Im Kino
Eine Wand von Frauen
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
04.09.2026. Die opulente Welt der Schönheit im Atelier und der Alltag des Patriarchats daheim: Ferzan Özpeteks "Diamanti" ist ein hinreißender Mainstreamfilm über die Geschichte der Kostümbildnerei und über weibliche Solidarität.
Zu Beginn jagt Ferzan Özpetek seinen Zuschauer_innen einen gehörigen Schrecken ein: "Diamanti" beginnt mit einer länglichen, behäbigen Film-im-Film-Szene, in denen der Regisseur selbst seine Protagonistinnen bei einem Essen um einen Tisch im Freien versammelt und ihnen das Filmprojekt vorstellt, das den Großteil von "Diamanti" ausmachen wird. Erst nach dieser Pflichtübung entlässt er uns in die fiktive Welt seines Films, in der die Schwestern Alberta (Luisa Ranieri) und Gabriella Canova (Jasmine Trinca) im Rom der 1970er Jahre ein Atelier für Theater- und Filmkostüme betreiben. Der Ehrgeiz Albertas hat das Atelier zu Ansehen, aber auch an die Grenzen des Leistbaren gebracht. Dann wählt die Oscar-prämierte Kostümbildnerin Bianca Vega (Vanessa Scalera) das Atelier zur Ausführung der Kostüme für ihren nächsten Film aus.
"Diamanti" macht sich mit großer Eleganz Özpeteks Drang zur Konvention und ins Geschmäcklerische zu Nutze. Mit beeindruckender Leichtigkeit lässt der Filmemacher die Handlung zwischen den Schauwerten des Ateliers mit seinen rauschenden Stoffen und den imposanten Kostümen, die auf Puppen aufgezogen die Räume bevölkern und dem Handwerk der Schneiderinnen des Ateliers changieren. Die Idee, die Wunderkammer des Ateliers aus Schönheit und Opulenz mit Frauenleben im real existierenden Patriarchat des Italiens der 1970er Jahre zu kontrastieren, ist so simpel wie bestechend. Man merkt den Bildern von "Diamanti" in jedem Moment an, dass Özpetek die Welt, die er zeigt, gut vertraut ist.
Bevor er sich der Filmregie zuwandte, studierte Özpetek Mitte der 1970er Jahre in Rom Filmgeschichte und wandte sich dabei auch der Kostümbildnerei zu. Die Welt, die er und Kostümbildner Stefano Ciammitti in "Diamanti" geschaffen haben, ist getränkt mit der Geschichte des Kostümdesigns. Das Atelier ist der Schneiderei Tirelli, einer der angesehensten Kostümschneidereien Italiens, nachempfunden, die ihren Showroom heute in einer ehemaligen Villa Marcello Mastroiannis haben. Tirelli öffnete für den Film auch einen Teil seiner Archive, die Kostüme, die den Film bevölkern, durchweben - wie Alice Abbiadati für Vogue Italia rekonstruierte - den Film mit einer ganzen Reihe von Referenzen.
Neben den beiden Chefinnen bevölkern sieben Schneiderinnen, eine Köchin und Ennio, der Sekretär, die Welt des Ateliers. "Diamanti" pendelt hin und her zwischen der Kollektivität der Arbeitstage und der Individualität der Feierabende, in denen der Film Raum findet für die Leben der Näherinnen. Paolina (Anna Ferzetti) schlägt sich als alleinerziehende Mutter durch finanzielle Engpässe, Nicoletta (Milena Mancini) wird von ihrem Mann misshandelt, Eleonora (Lunetta Savino) findet sich in ihrem Leben als Witwe zurecht. Dieser Wechsel zwischen Arbeit im Atelier und dem Privatleben in den Wohnungen funktioniert trotz seiner Konventionalität erstaunlich gut.

Dass diese Mischung aus Opulenz, cinephiler Vergangenheitsschwelgerei und Konventionalität hinreißend gelungen ist, hat in allererster Linie mit dem wirklich umwerfenden Ensemble von Schauspielerinnen zu tun, die Özpetek versammelt. Kaum weniger jedoch verdankt der Film dem inszenatorischen Können seines Regisseurs. Wieder und wieder findet Özpetek Wege, die vielen Figuren seines Films zu nutzen, um die zwischenmenschlichen Beziehungen in Filmräume zu übersetzen. Als sich die beiden Schwestern gegen Ende vor einer Mauer mit Wandmalerei schließlich doch streiten, scheint die Luft zwischen ihnen gespannt wie Gewitterluft. Noch auffälliger ist Özpeteks choreographische Inszenierung in den Atelierräumen, vor allem dann, wenn männliche Eindringlinge sich in diese Welt verirren. Als der Regisseur des fiktiven Films, für den die Kostüme entstehen, die Kostümbildnerin Bianca Vega und die Arbeit des Ateliers niederschreit, läuft er gegen eine Wand von Frauen. Es gibt diese Momente auch in der wohlwollenden Variante, wenn die Näherinnen männliche Lieferanten aufziehen.
Filme mit aufwändiger Ausstattung und in historischen Settings stellen ihre Regisseur_innen vor ein Problem: sie kosten so viel, dass schon bei der Entwicklung des Films, dem Treatment, dem Drehbuch und schließlich der Produktion selbst sichergestellt sein muss, dass es zumindest wahrscheinlich ist, dass das Geld wieder reinkommt. Bei "Diamanti", seinem 16. Spielfilm, scheint Özpetek das gelungen zu sein - der Film hat bislang allein in Italien gut 16 Millionen Euro eingespielt. Dieser Erfolg ist ohne jeden Zweifel Özpeteks Willen zur Konvention zu verdanken und seiner Fähigkeit, dennoch große Filmkunst zu liefern.
Auf der Bildebene gelingt es Özpetek in "Diamanti" immer wieder, die Konvention aus dem Trott zu bringen. Leider kann man dasselbe nicht über die grauslig einfallslosen Filmmusik von Giuliano Taviani (Sohn von Vittorio Taviani) und Carmelo Travia sagen, die wiederholt in den Kitsch kippt. In manchen jener Szenen, in denen die emotionale Manipulation der Musik besonders nervt, fragt man sich, wie die Filmmusik in einem Land, das aus dem Umfeld des Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza heraus die globale Filmmusik revolutionierte, derart vor die Hunde gehen konnte.
Doch auch dieses tönende Ärgernis kann "Diamanti" letztlich nichts anhaben. Selten wurden Film- und Kostümgeschichte so überzeugend in einem Spielfilm aufgegriffen, der kompromisslos von weiblicher Solidarität und der Gewalt des Patriarchats erzählt. Selten hat ein Regisseur so elegant und scheinbar beiläufig ein Ensemble zu Bildern geformt, in denen der Film über sich hinaus wächst. Und schließlich hat man selten im europäischen Film der letzten Jahre ein fast komplett weibliches Ensemble von solcher Wucht zu sehen bekommen. "Diamanti" ist ein Edelstein des europäischen Mainstreamkinos.
Fabian Tietke
Diamanti - Italien 2024 - Regie: Ferzan Özpetek - Darsteller: Luisa Ranieri, Jasmine Trinca, Stefano Accorsi, Sara Bosi, Loredana Cannata u.a. - Laufzeit: 136 Minuten.
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