Im Kino

Mit immergleicher Seelenruhe

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
25.03.2026. Ein Film über eine Welt, in der Haushaltsgeräte verlässlichere Kameraden sind als die Mitmenschen: Ratchapoom Boonbunchachokes "A Useful Ghost" erzählt ein sanftes Industriemärchen voller sich verselbständigenden Staubsaugern und untoten Fabrikarbeitern.

Was ist das: ein nützlicher Geist? Ist es nicht gerade ein Privileg der Geister, nicht nützlich sein zu müssen, materiellen Zwängen nicht unterworfen zu sein? Im Kino freilich lösen Geister selten das Versprechen der Freiheit und Schwerelosigkeit ein, das in ihrer ätherischen, von Schwerkraft und Sterblichkeit emanzipierten äußeren Form enthalten zu sein scheint. Oftmals manifestieren sie sich als körperlose Verkörperungen schuldhafter Verstrickungen mal persönlicher, mal, im jüngeren Kino besonders häufig, politisch-historischer Natur. 

Nützlich sind diese Geister des Kinos insofern, als sie die Menschen an ihre Verantwortung für die Vergangenheit erinnern. Ratchapoom Boonbunchachokes "A Useful Ghost" geht einen Schritt weiter. Die Geister im Debütfilm des thailändischen Regisseurs schicken sich an, ihre Nützlichkeit in einem unmittelbar ökonomischen Sinn zu beweisen: das Unheimliche ab in die Produktion, Mehrwert aus Geisterhand. Tatsächlich gibt es im Film ein Naheverhältnis zwischen Geistern und Technik - Boonbunchachokes untote Wesenheiten finden am liebsten in schlichten Haushaltsgerätschaften Unterschlupf.

Es beginnt mit einem hustenden Staubsauger. Der einen im Film namenlosen, lediglich als "Academic Ladyboy" identifizierten Mann um seinen Schlaf bringt. Am nächsten Morgen erhält der Ladyboy Besuch vom hübschen Krong, der sich als Staubsaugerreparateur vorstellt und behauptet, das Geheimnis des beseelten Staubsaugers zu kennen. Entlang Krongs Erzählung entfaltet sich der Film im Folgenden als eine Rückblende, die mit viel Stilwillen ein politisch und sexuell aufgeladenes Industriemärchen erzählt.


Es geht, unter anderem, um Tok, einen verstorbenen Arbeiter, der das Unternehmen, bei dem er einst angestellt war, als Geist heimsucht, mal in diese, mal in jene industrielle Gerätschaft schlüpft; um March, der von seiner verstorbenen Frau verführt wird - die zu diesem Zweck ebenfalls die Gestalt eines Staubsaugers angenommen hat; um eben diese Geisterfrau, die später doch wieder menschliche oder wenigstens menschenähnliche Form annimmt und sich einem ausbeuterischen Fabrikbesitzer als Gehilfin andient; sowie um andere, weniger privilegierte Geister, die darauf warten, dass auch ihre Stunde schlägt.

All das packt Boonbunchachoke in seinen dezidiert sanften, gleichmäßig dahingleitenden Bilderbogen. Kein bisschen lässt sich der Film von der abstrusen, diverse Haken schlagenden Geschichte, die er erzählt, aus der Ruhe bringen. Die Schauspieler gehen mit immergleicher Seelenruhe zu Werke, ganz egal, ob sie sich miteinander unterhalten, miteinander schlafen oder einander umbringen. Selbst die sich - dank hübsch minimalistischer Spezialeffekte - verselbständigenden Staubsauger und anderen Gerätschaften versetzen die Welt von "A Useful Ghost" höchstens sehr vorübergehend in Aufregung.

Form und Inhalt stehen bei Boonbunchachoke in einem zumindest bis zu einem gewissen Grad interessanten Missverhältnis. So sehr sich die Handlung und teilweise auch das ins surrealistische spielende Produktionsdesign an den Mustern des populären fantastischen Kinos orientiert: "A Useful Ghost" ist gerade kein grelles Genre-Pastiche, wie etwa Wisit Sasanatiengs "Tears of a Black Tiger" aus dem Jahr 2000, der seinerzeit, noch vor dem großen Durchbruch Apichatpong Weerasethakuls, im internationalen Festivalbetrieb auf das thailändische Kino aufmerksam machte. Vielmehr pendelt Boonbunchachokes pastellfarbener Film hin und her zwischen leiser deadpan-Komik und fast schon kontemplativen, atmosphärischen Passagen, die sich den ihrem eigenen (Nach-)Leben gegenüber oft ratlosen Figuren dezidiert vorsichtig, regelrecht zärtlich nähern. Ohne freilich je die ziemlich dichte Erzählung aus den Augen zu verlieren. Zum auf den ersten Blick - auch was die markante homoerotische Einfärbung der Geschichte wie der Bilder angeht - durchaus verwandten, im Kern antinarrativen Stil Weerasethakuls (der sich mit dem selten gezeigten "The Adventures of Iron Pussy" selbst einmal an einer Genre-Groteske versucht hat) hält Boonbunchachoke dezidiert Abstand.

In den besten Momenten erzählt "A Useful Ghost" von einer untergründigen Sehnsucht nach Nähe und nach einer neuen, solideren Verankerung in einer Welt, in der einem Haushaltsgeräte nicht selten als verlässlichere Kameraden - und Liebhaber - erscheinen mögen als die Mitmenschen. Dass diese zunächst intime, kleinformatige Erzählung auf über zwei Stunden Laufzeit aufgeblasen und gegen Ende mit dem ideologischen Holzhammer und nicht wenig Kunstblut in eine "große" politische Emanzipationsgeschichte überführt wird, verleidet einem die Freude an diesem gleichwohl hochgradig originellen Film doch ein bisschen.

Lukas Foerster

A Useful Ghost - Thailand 2025 - OT: Pee Chai Dai Ka - Regie: Ratchapoom Boonbunchachoke - Darsteller: Davika Hoorne, Wanlop Rungkumjad, Apasiri Nitibhon, Wisarut, Himmarat - Laufzeit: 130 Minuten.